Palästinensische Gebiete

Jeder Tropfen zählt

In den palästinensischen Autonomiegebieten mangelt es an Wasser. Die GIZ unterstützt die Institutionen vor Ort dabei, das wenige Wasser besser zu nutzen.

Text
Uta Rasche
Fotos
Thomas Imo

Naim Ghazawi steht vor der Birzeit-Universität im Westjordanland und blickt in den Himmel. Er hofft auf Wolken. Hier hat es seit acht Monaten nicht mehr geregnet. Der 54 Jahre alte Ingenieur mit den freundlichen Augen und dem kurz rasierten grauen Haar leitet die Abwasserabteilung der Stadtverwaltung von Jenin. Das ist eine 65.000-Einwohner-Stadt im Norden Palästinas. Übers Jahr fällt hier etwa so viel Niederschlag wie in Berlin – doch nur im Herbst und Winter; der Sommer ist heiß und trocken. Felder und Gärten müssen bewässert werden, wenn dort etwas wachsen soll. Auf den kargen Hügeln des Westjordanlands können ohne Bewässerung nur Olivenbäume überleben. 

Naim Ghazawi, Leiter der Abwasserabteilung der Stadtverwaltung Jenin
Naim Ghazawi, Leiter der Abwasserabteilung der Stadtverwaltung Jenin

Mit zwölf anderen palästinensischen Ingenieuren und Technikern ist Ghazawi zu einem einwöchigen Training an die Birzeit-Universität gekommen. Hier lernen sie, das Abwasser-Management ihrer Kommune zu verbessern. Es geht um konkrete Fragen: Wie hält man Leitungen und Pumpwerke instand? Wie schließt man ein Haus am besten an das Wasser- und Abwassernetz an? Wie reinigt man verstopfte Kanalrohre? Das sind drängende Probleme. „Wir haben in Jenin zwar eine Kläranlage, aber sie arbeitet nicht richtig“, sagt Ghazawi. Damit steht seine Kommune schon besser da als viele andere. „Doch das Klärwerk nimmt nur die Abwässer aus zwei Dritteln des Stadtgebiets auf. Der Rest fließt ungeklärt in ein Tal. Die Abwasserrohre sind alt und zum Teil leck. Ihr Umfang ist zu gering, sodass immer wieder dreckiges Wasser aus den Gullis auf die Straße quillt. Das passiert vor allen Dingen im Winter, wenn es regnet“, berichtet der Ingenieur.

Obst und Gemüse dank Abwasserrecycling

In dem Seminar lernt er, was seine Kommune gegen diese Probleme unternehmen kann. Bis zu 40 solcher Trainings organisiert die GIZ im Jahr. Auftraggeber des Wasserprogramms ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Trainings werden gemeinsam mit dem palästinensischen Dachverband der Wasserversorger durchgeführt. Dieser bestimmt die Inhalte der Trainings und lädt auch die Teilnehmer ein. Ghazawi ist das erste Mal dabei.

Aber eigentlich hat er einen Traum, der noch viel weiter geht: Rund um Jenin gibt es ebene Flächen, die sich für die Landwirtschaft eignen. Wenn dort mehr Gemüse angebaut werden könnte, wäre das gut für die Bewohner und für die Wirtschaft der palästinensischen Autonomiegebiete. Denn bisher wird das meiste Obst und Gemüse aus Israel importiert. Ghazawi möchte, dass die Bauern das geklärte Abwasser für die Bewässerung der Felder nutzen: „Wir wollen das Abwasser komplett recyclen“, sagt er. „Kein Tropfen soll mehr verloren gehen.“

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An der Birzeit-Universität gibt es dafür ein Modell. Professor Rashed Al Saed vom Institut für Umwelt- und Wasserstudien zeigt es gern. Er führt die Teilnehmer zur Kläranlage der Universität. Am Hang unterhalb der Institutsgebäude befinden sich mehrere Becken aus Beton. Laut dröhnt der Elektromotor, der das Wasser von einem Becken ins nächste pumpt. Sauerstoff wird in dicken Blasen hineingepustet. Nachdem mechanisch Müll und Papier herausgeholt werden, beginnt die biologische Reinigung mit Hilfe nützlicher Bakterien. Dann fließt das Wasser durch Sandfilter; zuletzt wird es in Reservoirs auf dem Berg gepumpt. Neben der Kläranlage steht ein Gewächshaus voller Setzlinge. Hier wachsen Mandarinenbäume, Yucca-Palmen, Oleander, Aprikosen. „Wir erforschen, wie sich das recycelte Wasser auf die Pflanzen auswirkt“, berichtet der Professor. „Alle Ergebnisse sind positiv.“ Schon jetzt werden die Beete und Bäume der Universität mit dem geklärten Wasser gegossen. Das wünscht sich Ghazawi auch für Jenin – auch wenn das Vertrauen in die Qualität des Brauchwassers noch wachsen muss. 

Neue Wasserzähler für faire Abrechnungen

In Anabta, einer 10.000-Einwohner-Stadt in der Westbank, will die Stadtverwaltung zuerst ein anderes Problem lösen. Für 52 Prozent des Wassers, das sie entweder aus eigenen Brunnen gewinnt oder zukauft, erhält sie keine Einnahmen. „Wasser hat einen hohen Wert in unserem Land und wir tun unser Bestes, um Wasserverluste zu reduzieren“, sagt Najwan Imseih-Rukab, eine junge palästinensische Umwelt-Ingenieurin, die für die GIZ arbeitet. Eine Studie für das Wasserprogramm zeigte, dass in Anabta 17 Prozent des Wassers durch Löcher in den Leitungen versickern. Doch der größte Teil der Verluste für die Kommune entsteht dadurch, dass die Wasserzähler an den Häusern nicht mehr richtig zählen. Also beginnt nun der Austausch der Zähler. In Lagerräumen an der Rückseite des Rathauses haben die Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Kartons gestapelt, in denen die neuen blauen Messgeräte stecken.

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„Manche in Anabta haben jetzt Angst, dass ihre Wasserrechnung steigt“, sagt Bürgermeister Thabet Omar. Er sitzt an einem mächtigen Schreibtisch, hinter ihm hängen Fotos der beiden Palästinenserpräsidenten Yassir Arafat und Mahmud Abbas. Der Bürgermeister hat Treffen für die Bevölkerung organisiert, um ihre Sorgen zu entkräften. Er hofft vor allem, dass die Wasserkosten gerechter verteilt werden und dass die Kommune Geld einnimmt, mit dem sie die Leitungen erneuern kann. Denn daran hapert es zur Zeit. Vor zehn Jahren hat die Kommune die Stromzähler mit Prepaid-Karten ausgestattet. Das war ein Erfolg, wie der Bürgermeister berichtet: „Endlich haben alle ihre Stromrechnung bezahlt. So hatten wir Geld, um das Netz auszubauen.“ Doch Wasserpreise sind ein sensibles Thema, das weiß der Bürgermeister. Einer seiner Amtskollegen aus einer Nachbargemeinde wurde abgewählt, weil die Wasserpreise zu stark stiegen.

In manchen Straßen der Altstadt waren die Techniker der Kommune Anabta schon aktiv: Dort sieht man an den Hauswänden die neuen blauen Zähler. Das Haus, in dem sie an diesem Nachmittag den Zähler austauschen, ist von einem schmalen Beet umgeben, auf dem junge Pflanzen stehen: „Das wird mal Broccoli, Blumenkohl und Kohlrabi“, erklärt die Hausbesitzerin. Man sieht der Erde an, dass sie regelmäßig gegossen wird. Der Austausch des Zählers stört die Frau nicht, im Gegenteil. „Ich bin froh, dass das Wasser bei uns regelmäßig fließt, und zwar jeden Tag“, sagt sie. Denn das ist in den palästinensischen Gebieten nicht selbstverständlich. Die Einwohner Betlehems etwa können die Tanks auf ihren Dächern im Sommer oft nur alle zwei Monate füllen. 

Ansprechpartnerin: Sabrina Johanniemann > sabrina.johanniemann@giz.de

Februar 2017

 

BESSERE WASSERVERSORGUNG

In Deutschland liegt der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Person und Tag bei 122 Litern, in Palästina nur bei etwa 70 Litern. In vielen Städten gibt es nicht täglich fließendes Wasser, gerade in den von Israel kontrollierten, sogenannten C-Gebieten. Die Menschen begegnen diesem Problem mit Tanks auf den Dächern ihrer Häuser. Kläranlagen gibt es bisher nur wenige. Das Wasserprogramm der GIZ unterstützt die palästinensischen Institutionen dabei, den Wassersektor leistungsfähiger zu machen. Dafür beraten die deutschen Experten die Palästinensische Wasserbehörde, die neu gegründete Regulierungsbehörde wie auch den Dachverband der Wasserversorger zu Steuerung, Regulierung und zur Verbesserung der Dienstleistungen. Trainings sollen das technische Können der Angestellten erweitern – es soll weniger Wasser auf dem Weg zum Kunden verloren gehen, und die Abwasseraufbereitung soll verbessert werden. Ein weiteres Ziel sind kostendeckende Preise, damit die Instandhaltung der Leitungen bezahlt werden kann. Der Dachverband wird die Trainings in Kooperation mit der Wasserbehörde später in Eigenregie übernehmen.