Textilindutrie in Bangladesch

Wieder Boden unter den Füßen

Opfer des Rana-Plaza-Unglücks in Bangladesch erzählen von ihrer neuen Existenz. Die GIZ setzt sich für bessere Sozial- und Umweltstandards in der Textilindustrie ein.

Text: 
Rolf Obertreis
Foto: 
Thomas L. Kelly

Die Risse in den Wänden waren unübersehbar, trotzdem saßen alle wieder in der Fabrik bei der Arbeit. Am Vortag musste das Gebäude geräumt werden, angeblich gab es Probleme mit der Stromversorgung. Schon da hatten viele der Menschen, die in den Textilfabriken des Rana-Plaza-Gebäudes arbeiteten, Zweifel. Es sei alles in Ordnung, beruhigte man sie. Doch am Morgen des 24. April 2013 stürzte das Gebäude in Sabhar, 25 Kilometer nordwestlich des Zentrums von Dhaka, in sich zusammen. 1.127 Menschen starben, rund 2.400 wurden verletzt. Viele der Opfer hatten für extrem niedrige Löhne auch für deutsche Textilfirmen gearbeitet. Der Eigentümer des Gebäudes, der es illegal hatte erhöhen lassen, und mehrere Manager sitzen seitdem im Gefängnis.

Die GIZ engagiert sich für die Belange der Arbeiter in der Textilwirtschaft Bangladeschs. Seit 2009 kümmert sie sich im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der C&A-Stiftung gemeinsam mit Ministerien und Behörden Bangladeschs, Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen darum, dass faire Löhne gezahlt, Mitbestimmungsmöglichkeiten etabliert und dass  Arbeits-, Sicherheits- und Umweltregeln eingehalten werden. 18,5 Millionen Euro stehen dafür bis 2017 zur Verfügung. Das Projekt wird von der EU finanziell unterstützt.

Runa Akhter hat heute einen Laden, in dem sie Dinge des Alltags verkauft.

Die frühere Mitarbeiterin einer Textilfabrik Runa Akhter hat heute einen Laden, in dem sie Dinge des Alltags verkauft.

Nach dem Unglück kam die Existenzgründung

Unmittelbar nach der Katastrophe stellte das Bundesministerium weitere 2,5 Millionen Euro für die Betroffenen bereit. Hilfe bekamen dabei auch jene, die nicht mehr in einer Textilfabrik arbeiten konnten oder wollten und die daran interessiert waren, sich selbstständig zu machen. Mehr als 520 Frauen und Männer meldeten sich und nahmen an mehrwöchigen Kursen teil. Darin lernten sie, einen eigenen Laden zu führen, mit dem Computer umzugehen, oder wurden zum Schneider fortgebildet. Die meisten, sagt Bettina Schmidt von der GIZ, arbeiten heute erfolgreich als Kleinunternehmer: Sie haben Milchkühe, betreiben einen Lebensmittelladen, ein Mobilfunkgeschäft, eine Nähwerkstatt.

Eine der Existenzgründerinnen ist Runa Akhter. Sie saß im siebten Stock des Rana-Plaza-Gebäudes an ihrer Nähmaschine, als der Boden wegsackte. Es war nicht einfach, das Erlebte zu verarbeiten. Sechs Stunden wartete sie damals auf Rettung, neben ihr in den Trümmern ein Mädchen, das später starb. Akhter selbst erlitt einen schweren Bruch des Arms. Nicht nur die lange Narbe ist der 25-Jährigen geblieben. „Wenn ich heute daran denke, bekomme ich immer noch Panik.“

Medizinische und psychologische Versorgung

Knapp zwei Jahre später blickt die Frau mit dem freundlichen Gesicht und dem funkelnden Schmuckstein in der Nase trotzdem positiv in die Zukunft. Nach ihrer Zeit im Krankenhaus kam sie in ein Rehabilitationszentrum in Dhaka, wo sie weiter medizinisch und psychologisch versorgt wurde und den Kurs besuchte, der sie fit machte für den beruflichen Umstieg. Jetzt hat sie einen kleinen Laden. Sie verkauft Reis, Zucker, Kuchen, Cola, Wasser und andere Dinge des Alltags. Ihr Bruder hilft ihr. Das Geschäft ist sieben Tage die Woche geöffnet. Ist ihr das nicht zu viel? Akhter schüttelt den Kopf. „Klar, in der Fabrik hatten wir eine feste Arbeitszeit von acht bis fünf Uhr, mit Überstunden auch mal bis acht. Aber heute bestimme ich. Mein Bruder und ich wechseln uns ab.“

Der Laden läuft: Bis zu 4.000 Taka (rund 45 Euro) setzt Akhter täglich um. Monatlich zahlt sie umgerechnet 20 Euro Miete und etwa zehn Euro für Strom. Am Monatsende bleibt ein Gewinn von 10.000 Taka – rund 115 Euro. In der Fabrik habe sie zuletzt 89 Euro verdient, sagt die Unternehmerin.

Sozial- und Umweltstandards in der Textilindustrie

Nach einer Brandkatastrophe in der Fabrik Tazreen Fashions 2012 und dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes 2013 erweiterte das BMZ seine Förderung von Sozial- und Umweltstandards in der Textilindustrie Bangladeschs. Die Opfer erhalten nun zusätzlich Unterstützung durch medizinische, psychosoziale und berufliche Rehabilitation. Auch Menschen, die seit den Unglücken mit Behinderungen leben müssen, sollen in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Munnaf Khan, der ebenfalls für eine Textilfirma im Rana-Plaza-Gebäude arbeitete, stürzte an jenem verhängnisvollen Tag von der siebten bis auf die erste Etage. Bis heute kann der Vater von drei Kindern kaum Treppen steigen, seine linke Hand nur eingeschränkt bewegen. Auch für ihn ist klar: „Ich will nie wieder in einer Fabrik arbeiten.“

Kurse im Rehabilitationszentrum

Khan ist heute Kleinunternehmer – in der Textilbranche. Bei seinem früheren Arbeitgeber hatte er sich hochgearbeitet, war verantwortlich für das Fertigen von Mustern. Im Rehabilitationszentrum stärkte er sein Wissen in einem Schneiderkurs und lernte, wie man den Weg in die Selbstständigkeit bewältigt. „Etcetera Schneiderei“ heißt seine Firma nahe dem ehemaligen Rana-Plaza-Gebäude. Khan nutzte die Entschädigung von umgerechnet 959 Euro des Staates und eine Zahlung der Textilkette Primark von 450 Euro. Das Rehabilitationszentrum stellte eine Nähmaschine.

Mittlerweile besitzt er fünf Maschinen und ist Chef von fünf Angestellten. Seine Kunden lassen die in Bangladesch übliche Kleidung nähen: bunte, bestickte Kleider für Frauen, lange weiße Hemden für Männer. Er zahle vernünftige Löhne, versichert Khan. Abzüglich der Miete und der Stromkosten blieben ihm am Monatsende 15.000 Taka, fast 180 Euro. „Auch wenn ich heute mehr arbeiten muss, habe ich als Unternehmer größere Freiheiten.“ Er wolle sein Geschäft vergrößern, derzeit fehle aber noch das Geld. „Einen Kredit nehme ich nicht auf. Ich will unabhängig bleiben.“

Ansprechpartner: GIZ Bangladesch giz-bangladesch@giz.de

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