Kolumbien

Mein Freund, der Baum

Wie Viehzüchter in Kolumbien den Regenwald schützen und dabei ihr Einkommen verbessern.

Text und Fotos: 
Sandra Weiss

Das „R.Rausch” ist ein Restaurant der gehobenen Klasse in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Dort, im vierten Stock des Einkaufszentrums „Centro Andino”, kann man Gerichte für umweltbewusste Hipster probieren: die „Pizza Antideforestación“ zum Beispiel, eine Pizza mit Botschaft: gegen die Abholzung des Regenwalds. Wer wissen will, was dahintersteckt, muss ins mehr als 500 Kilometer entfernte Florencia reisen. Die Stadt ist das Tor zur Amazonasregion tief im Süden des lateinamerikanischen Landes.

La Ruta del Queso (Trailer Oficial)

Video: Der Weg des Käses

Hier, in der Provinz Caquetá, liegt der 1989 gegründete Chiribiquete-Nationalpark. Er ist mit seinen 2,8 Millionen Hektar einer der größten Nationalparks der Welt. Doch die Gebiete im Umfeld waren bisher so stark von Entwaldung betroffen wie sonst keine andere Gegend in Kolumbien. Der wichtigste Wirtschaftszweig in der Region sorgte für den Raubbau: die Viehhaltung. Züchter holzten Wald ab, um Weidefläche zu gewinnen. Wie diese Entwicklung gestoppt werden kann, zeigt eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kooperation mit dem kolumbianischen Umweltministerium. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums  unterstützten die Experten kolumbianische Viehbauern dabei, mit weniger Weidefläche auszukommen und trotzdem mehr Milch zu erzeugen.

Eine Finca zwischen den Fronten

Mit gutem Willen, Ideen, Expertise hat man in der Region Caquetá seit 2014 viel bewirkt. Das zeigt die Finca von Bauer Antonio Ricardo. Auf einer Weide liegt Kuh Clara im Schatten eines Guavenbaums. Hat sie Durst – und das kommt bei der Hitze hier häufig vor – muss sie nur ein paar Schritte zur Tränke gehen, die per Fernpumpe mit frischem Wasser versorgt wird. Zum Melken geht es über einen abgegrenzten Trampelpfad in den Stall, wo Kraftfutter bereitsteht.

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Die Kühe auf dem Weg zur Melkstation

Als Ricardo vor drei Jahren das 77 Hektar große Anwesen in der Nähe des Dorfes Morelia kaufte, sah alles noch völlig anders aus. Es stand praktisch kein Baum, alles war ziemlich verlottert. Die Guerilla hatte vom Vorbesitzer Schutzgeld erpresst. Später besetzten paramilitärische Todesschwadronen das an einer wichtigen Verbindungsstraße gelegene Anwesen und nutzten es als Kontrollposten. Erst durch die 2012 begonnenen Friedensverhandlungen zwischen der Guerillaorganisation FARC und der Regierung kehrte langsam Normalität in der Region ein.

Bedeutung für das weltweite Klima

Ricardo machte sich voller Elan an den Aufbau einer Milchwirtschaft. „Schon meine Eltern hatten Rinder, aber ich merkte, dass die alten Methoden nicht mehr richtig funktionierten“, erzählt er. Seine Kühe gaben trotz des weiten Auslaufs immer weniger Milch und wurden immer seltener trächtig. Da hörte Bauer Ricardo von dem Projekt. „Mit richtigen Methoden kann man gleichzeitig die Produktivität in der Milchwirtschaft verbessern und den Landverbrauch senken“, sagt die zuständige Umweltexpertin Verenice Sánchez. Der Schutz der natürlichen Ressourcen ist in Kolumbien von zentraler Bedeutung. Der südamerikanische Staat zählt zu den fünf Ländern mit der höchsten Biodiversität. Die Natur der Amazonasregion hat eine enorme Bedeutung für das weltweite Klima.

 

Antonio und Diana Ricardo begutachten mit Verenice Sánchez (GIZ) einen neu gepflanzten Chilco-Baum.

Antonio Ricardo setzte auf Veränderung. „Wenn ich meine Finca in zehn kleinere Weiden aufteile, auf jeder für Schatten und Wasser sorge und die Tiere alle zwölf Stunden auf eine andere Weide führe, fühlen sie sich wohler, geben mehr Milch und sind fruchtbarer“, sagt der 47-jährige: „Und das, obwohl ich die Weidefläche insgesamt um acht Hektar reduziert habe.“ Aber sie wird nun effizienter genutzt, durch die stetige Rotation verringert sich die Bodenerosion. Auf dem freigewordenen Boden lässt der Bauer der Natur freien Lauf. Und was sich dort nach nur drei Jahren im tropischen Klima entwickelt hat, ist ein eindrucksvoller kleiner Wald. Alles hat Ricardo fein säuberlich in einem Heft dokumentiert. Seine Kühe geben bisher 20 Prozent mehr Milch. Die Befruchtungsrate stieg um 30 Prozent. 500 kleine Bäume hat er zusammen mit seiner Frau Diana so angepflanzt, dass sie in Zukunft gleich zwei oder drei Weiden beschatten.

Seltene Gürteltiere wieder gesichtet

Den Umstieg hat Expertin Sánchez beratend begleitet. Die GIZ finanzierte die Umrüstung der Finca. Dafür waren Pfosten, Wasserleitungen, jede Menge Draht, Futterbehälter und Bäumchen nötig. Die Arbeitskraft stellte Familie Ricardo. „Es hat sich nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht gelohnt“, sagt die 37-jährige Diana. „Auch unsere Kinder wachsen mit einer ganz anderen Mentalität auf, wenn sie sehen, wie wir die Bäume hegen und pflegen. Früher waren Bäume für uns Viehbauern ein Hindernis, wir säbelten sie um. Jetzt sind sie unsere Verbündeten.“ Im Gegenzug für die Unterstützung stellen die Bauern ein paar Hektar ihres Landes zur Verfügung, die wieder aufgeforstet werden oder sich natürlich regenerieren.

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In der Melkstation von Antonio Ricardo

Allein die acht Modell-Fincas haben 310 Hektar Land für die Wiederaufforstung zur Verfügung gestellt. Das sind mehr als 14 Prozent ihrer Wirtschaftsfläche. Ein Areal von über 430 Fußballfeldern, das vorher zur intensiven Viehhaltung genutzt worden war und jetzt ergrünt. Diese Flächen bilden mittelfristig einen bewaldeten Korridor in der Pufferzone der angrenzenden Naturparks Chiribiquete und Fragua.

Die Natur reagiert erstaunlich schnell. In Zusammenarbeit mit der staatlichen Amazonas-Universität hat die GIZ die Artenvielfalt vor Beginn des Projekts 2014 und nach Beendigung im Sommer 2017 gemessen. „Anfangs hatten wir hier 65 verschiedene Vogelarten, jetzt sind es 87“, sagt Sánchez. Und Bauer Ricardo berichtet, dass er jetzt manchmal seltene Gürteltier-Arten sieht.

Vorher dreimal so viel Boden genutzt

Acht Fincas hat die GIZ direkt unterstützt. Doch die neue Methode der Viehhaltung findet Nachahmer: Insgesamt 125 Bauern der Region Caquetá haben 2017 ihre Betriebe nach dem Vorbild umgestellt. Für die alternativen Methoden wurde das Projekt zusammen mit dem regionalen Viehzuchtverband (Fedegan) beim nationalen Umweltwettbewerb mit einem Preis ausgezeichnet.

Überzeugend ist nicht nur der Beitrag für den Naturschutz, sondern auch die Wirtschaftlichkeit. Die Einnahmen der Bauern sind um mehr als 75 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist durch die verbesserte Haltung der Tiere viel weniger Fläche nötig. Im Durchschnitt stehen jetzt auf zwei Hektar Land drei Kühe. Vorher brauchen die Tiere drei Mal so viel Boden. „Es dauert ein wenig, bis sich der Erfolg herumspricht, aber das Interesse hält an“, sagt Rafael Torrijos, Vorsitzender des Viehzuchtverbands mit insgesamt 15.000 Bauern. Er ist stolz, dass Caquetá für eine internationale Studie über schonende Viehwirtschaft ausgewählt wurde. Auch die Untersuchung der Biologin Lesley Mitchell bestätigte den Erfolg der Umstellung.

Lokale Verarbeitung statt Massenproduktion

Das spornt an. „Wenn jeder von uns zehn Prozent seiner Weidefläche unter Naturschutz stellt, sind wir nicht nur effizienter, sondern tun auch noch etwas für den Klimaschutz und die Biodiversität“, sagt Verbandchef Torrijos: „Früher waren wir Viehbauern die Hauptverantwortlichen für die Abholzung, das ändert sich.“ Noch ist das Problem allerdings nicht gebannt. Der Siedlungsdruck auf das einst von Guerilla und Paramilitärs kontrollierte Land nimmt zu, seit Frieden herrscht. Und Goldschürfer und Kokabauern bedrohen die Umwelt der Region.

„Doch im Gegensatz zu diesen illegalen Aktivitäten hat die Viehwirtschaft Zukunft“, betont Rafael Torrijos. Die Bauern müssten umdenken, weg von Massenproduktion und dem reinen Milchverkauf an Großhändler. Er setzt auf lokale Weiterverarbeitung und qualitativ hochwertige Produkte wie den Rahmkäse aus Caquetá. Der liegt oben auf der „Anti-Abholzungspizza“ bei Starkoch Rausch in  Bogotá. Rausch hat sogar ein Video drehen lassen über den „Queso de Caquetà“ und dessen Weg von der Weide bis in sein Restaurant. Auf der „Pizza Antideforestación“ zieht er lange Fäden und schmeckt vorzüglich.

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