Vietnam

Lernen für die Zukunft

Das wirtschaftlich boomende Vietnam reformiert seine Berufsausbildung nach deutschem Vorbild.

Text: 
Michael Tatarski
Foto: 
Thomas Imo/photothek.net

Was in Deutschland durch die duale Ausbildung in Berufsschule und Betrieben üblich ist, wird in Vietnam gerade aufgebaut. Noch lernen an den meisten der rund 2.000 Berufsbildungszentren des Landes mehr als zwei Millionen Schülerinnen und Schüler viel Theorie und wenig Praxis. Das geht am Bedarf der Wirtschaft vorbei, denn die Nachfrage nach gut qualifizierten Fachkräften ist in dem boomenden südostasiatischen Land groß. Deshalb unterstützt die GIZ im Auftrag des BMZ die vietnamesische Regierung dabei, eine Berufsausbildung zu etablieren, die sich an den Erfolgsfaktoren der deutschen Berufsbildung orientiert. Wie das geht, zeigen vier Stimmen aus dem Berufsbildungszentrum Lilama 2 in der vietnamesischen Dong Nai-Provinz nahe Ho-Chi-Minh-Stadt:

„In Deutschland habe ich gelernt, Praxis und Theorie zu verbinden“

 

Nguyen Thi Thuc Han (38), Ausbilderin im Fachbereich Elektrotechnik

„Ich arbeite seit 2010 am Ausbildungszentrum. Bevor die GIZ an Bord kam, war unsere Ausstattung sehr beschränkt und die Ausbildungsprogramme waren nicht auf die Bedürfnisse der Industrie zugeschnitten. Wenn wir wollten, dass die Auszubildenden auch praktisch üben, mussten wir Lehrenden selbst Werkzeuge mitbringen. Inzwischen hat sich vieles verändert. Es gibt mehr und besser ausgestattete Werkstätten mit neuen Maschinen, wie etwa einer Universalfräsmaschine, einer Drehmaschine und einer Kreissäge zum Schneiden von Metall. Aber noch wichtiger ist, dass das Ausbildungsprogramm auf die genauen Bedürfnisse der Industrie in Vietnam ausgerichtet ist. Wir schauen, welche Produkte hergestellt werden und welche Maschinen vorhanden sind. Die jungen Leute erhalten jetzt eine Ausbildung nach deutschem Vorbild. Möglich wurde das auch, weil wir Lehrenden fortgebildet wurden. Sowohl beim technischen Knowhow wie bei den Lehrmethoden. Wir erlernten das Handwerkszeug, um die praktische Ausbildung und den theoretischen Lehrstoff sinnvoll zu verbinden. 2015 war ich sechs Wochen in Deutschland, um an verschiedenen beruflichen Schulen in Erfurt weitere Kenntnisse zu erwerben. Und die Weiterbildung dauert an. Dadurch ist zwar unser Arbeitspensum größer geworden. Zur täglichen Lehre kommen das ganze Jahr über Fortbildungen hinzu. Aber jeder Tag ist spannend, voller neuer Herausforderungen und Erfahrungen. Auch die jungen Leute sind begeistert. Sie sind sehr interessiert am praktischen Teil der Ausbildung. Manchmal müssen wir sie daran erinnern, dass das nicht alles ist. Ohne die Prinzipien dahinter zu verstehen und theoretisches Hintergrundwissen geht es auch wieder nicht.“

„Mit unserem Modell sind wir Pioniere.“

 

Nguyen Khanh Cuong (44), Rektor des Berufsbildungsinstituts Lilama 2

„Wir stecken sehr viel Herzblut in die Berufsausbildung und verbessern unser Lehrangebot fortlaufend. Inzwischen bieten wir die Ausbildung nach deutschem Vorbild an. Das hilft unseren Absolventinnen und Absolventen, eine gute Arbeitsstelle zu finden und so ein Einkommen für sich selbst und ihre Familien zu erzielen. Bei der Aufnahme in das neue Ausbildungsprogramm zählen nicht nur Schulnoten, sondern auch Kommunikationsfähigkeit und Problemlösungskompetenz. Auch gute Englischkenntnisse sind ein Plus. Schon vor dem Start dieses Programms war uns klar, dass für die Berufsausbildung eine Zusammenarbeit mit der Industrie notwendig ist. Aber durch die Unterstützung der GIZ lernten wir mehr über das duale Ausbildungssystem und fachspezifische Ausbildung. Dieses Wissen haben wir in unser Modell aufgenommen. Es verbindet den Schulunterricht und die Arbeit in den Unternehmen. Das ist angesichts unserer jungen Bevölkerung und der schnell wachsenden Industrie wichtig. Es hat einige Arbeit gekostet herauszufinden, was die Unternehmen genau brauchen. Zudem mussten wir ein System für die Bewertung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am deutschen Programm entwickeln. Nun können wir wirklich sehr stolz auf das sein, was wir bereits erreicht haben. Nicht nur unsere Auszubildenden und das Berufsbildungszentrum profitieren davon, sondern auch unsere Kooperationspartner in der Industrie. Wir haben zwei Beratungsgremien, über die wir Feedback von den am Ausbildungsprogramm beteiligten Unternehmen erhalten. Außerdem helfen uns Informationen von Wirtschaftsverbänden, die Ausbildung wirklich auf die Erfordernisse der Industrie zuzuschneiden. Auf unserem Weg in die Zukunft betrachten wir die Industrie 4.0 sowohl als Herausforderung wie auch als Chance. Um uns auf die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion optimal vorzubereiten, brauchen wir die besten Berufsausbildungswege, gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie angemessene Ausstattung. Mit unserem Modell sind wir Pioniere.“

„Mit meiner Ausbildung kann ich genauso gut arbeiten wie die Männer.“

 

Phan Thi Hai Tien (21), Auszubildende im Schwerpunkt Mechatronik

„Vor knapp drei Jahren habe ich am Lilama 2 Berufsbildungszentrum meine Ausbildung begonnen. Schon als Kind wollte ich Mechanikerin werden. Alle anderen Mädchen träumten von einem Arbeitsplatz in Büros mit Klimaanlagen oder von einer Karriere in der Modewelt. Ich nicht. Ich wollte mit Maschinen zu tun haben. Keine Ahnung, woher dieses Interesse kommt. Es war einfach immer vorhanden. Als ich von der Mechatronik-Ausbildung erfuhr, wusste ich sofort, das ist genau das, was ich gesucht hatte! Das Programm ist auf die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zugeschnitten. Das habe ich gleich während meiner Praktika gemerkt, die zur Ausbildung dazugehören. Wir lernen im Ausbildungszentrum direkt an Geräten, wie sie in den Firmen stehen, zum Beispiel an Schaltschränken. Wir arbeiten nicht nur in den Schulwerkstätten. Ausbilderinnen und Ausbilder aus Unternehmen zeigen uns direkt an ihren Maschinen und Systemen, wie man sie bedient. So weiß ich, was bei einer späteren Arbeit auf mich zukommt. Ich bin fast fertig mit der Ausbildung und will bis zum Schluss noch so viel wie möglich lernen. Außer mir ist nur noch eine weitere Frau in unserem Kurs. Aber ich fühle mich überhaupt nicht einsam. Wenn etwas an den Maschinen gemacht werden muss, das sehr viel körperliche Kraft erfordert, unterstützen uns die männlichen Kollegen. Das gilt auch für die Lehrkräfte. Daher habe ich ein gutes Selbstvertrauen entwickelt. Nach dem Abschluss werde ich meinen künftigen Job sicher gut machen. Ich bin bei der Arbeitsplatzsuche durchaus wählerisch und suche ein passendes Unternehmen für meinen Einstieg ins Berufsleben. Ich mag es, Anlagen zu installieren oder zu programmieren und die Programme zu entwickeln. Mit meiner Ausbildung kann ich genauso gut arbeiten wie die Männer.“

„Die Berufe, die hier ausgebildet werden, passen gut zu uns.“

 

Le Thi Thu Uyen (43), stellvertretende Direktorin der vietnamesischen Martech Boiler Group

„Wir sind ein Anbieter für Beratung, Design, Bau und Installation von Industriekesseln. Zudem versuchen wir gerade, im Bereich Windturbinen zu expandieren. Mit dem Berufsbildungszentrum Lilama 2 arbeiten wir seit Ende 2017 zusammen. Die Berufe, die hier ausgebildet werden, passen sehr gut zu uns. Am Anfang unserer Partnerschaft ging alles sehr schnell. Ich erhielt die Nachricht, dass eine Gruppe deutscher Experten unsere Fabrik besuchen wollte, um herauszufinden, ob wir für das Ausbildungsprogramm als Partner in Frage kämen. Sie prüften sehr sorgfältig unsere Ausstattung und unsere Kapazitäten, Auszubildende aufzunehmen. Als dann die ersten zu uns kamen, musste ich alles so strukturieren, dass die praktische Ausbildung wie vorgesehen ablaufen konnte. Junge Menschen sind enthusiastisch, haben Zeit und großen Ehrgeiz, was die Karriere angeht. Das ist toll. Gleichzeitig kennen sich viele selbst noch nicht gut genug. Sie wissen nicht, was sie wirklich wollen. Wenn sie einen Berufsweg einschlagen, treffen sie diese Entscheidung oft, ohne sich wirklich zu informieren. Das ist eine Herausforderung! Bisher hatten wir drei Gruppen zur praktischen Ausbildung hier. Zuerst nahmen wir 23 Konstruktionsmechanik-Auszubildende auf, aber einige zeigten nicht genug Interesse. Sieben mussten wir zurückschicken. Aus solchen Erfahrungen lernt man. Nach unserem Feedback arbeitete das Ausbildungszentrum Lilama 2 mit den jungen Leuten an deren Motivation. Die Verbesserung war bei der zweiten und dritten Gruppe klar zu sehen. In Zukunft müssen die Rollen und Verantwortlichkeiten der an der Ausbildung beteiligten Parteien – Azubis, Unternehmen und Berufsbildungszentrum – noch klarer definiert werden. Es bleibt für uns eine Herausforderung, dass auch von uns gut ausgebildete junge Leute eine Festanstellung in unserem Betrieb ablehnen können. Das ist dann etwas frustrierend. Andererseits akzeptieren wir, dass wir nicht allein zum Vorteil eines Unternehmens arbeiten. So leisten wird einen Beitrag zum Wohl des Landes und der Gesellschaft.“

DAS PROJEKT IN ZAHLEN

21.000 junge Menschen
profitieren bisher jährlich von der deutsch-vietnamesischen Kooperation im Berufsbildungssektor.

 

85 Prozent
finden im Anschluss an die Ausbildung eine Arbeitsstelle.

 

25 Prozent
mehr Lohn als im vietnamesischen Durchschnitt erhalten die Absolventen.

Kontakt: Jürgen Hartwig, juergen.hartwig@giz.de

Mehr auf akzente.giz.de: Interview mit Jürgen Hartwig

akzente Juni 2020