Tschad

Grünes Wunder

Früher reichte die Ernte kaum zum Leben, jetzt ist alles anders. Wie trockenes Land im Tschad fruchtbar wird.

Text und Fotos: 
Katrin Gänsler

Es ist erst kurz nach Sonnenaufgang und Mariam Adam hat schon alle Hände voll zu tun. Die schmale Frau rührt für ihre große Familie einen flüssigen Brei aus Hirse und Reis an. Sheik Saleh, der gerade erst laufen gelernt hat, ist als Erster an der Reihe. Zufrieden sitzt der jüngste Sohn der Familie Abdallah auf einer großen Plane und isst aus einer weißen Plastikschale. Nach und nach hocken sich seine Geschwister zu ihm. Die 25-jährige Mariam Adam gibt jedem Kind sein Frühstück.

„Bei uns gibt es drei Mahlzeiten“, sagt Vater Abdallah Mahamat Nour. Er sitzt abseits auf einer geflochtenen Matte und beobachtet seine sechs Kinder sowie die Nichte, die bei der Familie lebt. Frühstück, Mittag- und Abendessen – das ist im Tschad alles andere als selbstverständlich. Der zentralafrikanische Staat, in dem gut 14 Millionen Menschen leben, ist einer der ärmsten der Welt. Der Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen verzeichnet das Land auf Platz 186 von 188. Fast neun von zehn Einwohnern leben unter der Armutsgrenze. Dennoch hat der Tschad in den vergangenen Jahren rund 400.000 Menschen aus umliegenden Ländern aufgenommen, die unter anderem vor den Terrormilizen der islamistischen Boko Haram geflohen sind.

Die ersten Tomaten der Saison

Ein steiniger und sandiger Weg führt zum Wohnort von Familie Abdallah. Mattes Gelb dominiert die Strecke von Abéché, der größten Stadt im Osten des Tschad. Doch rund um Baïbor und 16 weitere Orte im Tal wird es mit einem Mal grün. Überall wachsen Bäume, Sträucher und Pflanzen. Viele Kleinbauern sind an diesem Tag auf den Feldern und ernten Hirse.

„Der Zugang zu Wasser für den Anbau hat einen positiven Einfluss auf die Versorgungslage ganzer Familien. Wir können sagen, dass die Kinder heute besser ernährt sind.“

Abdallah Mahamat Nour will die ersten Tomaten der Saison von seinen Sträuchern pflücken. Kurz nach sieben Uhr morgens ist dafür die beste Zeit, die Hitze noch erträglich. Der 43-Jährige hat seiner ältesten Tochter Aché einige Holzkörbe in die Hand gegeben. Jetzt hängen sie am Sattel des Esels, der geduldig vor dem Hof wartet. Das Tier trägt Aché und ihre jüngere Schwester bis zum Feld, das knapp zwei Kilometer entfernt liegt. Die Mädchen helfen ihren Eltern, weil sie noch Schulferien haben.

Am Feld liegt der Geruch von Tomaten in der Luft. Abdallah Mahamat Nour bewirtschaftet hier eine Fläche, die etwa so groß ist wie dreieinhalb Fußballfelder. „Mit diesem Land konnte ich früher nichts anfangen, weil es völlig trocken war.“ An den Anbau einer so sensiblen Pflanze wie der Tomate war überhaupt nicht zu denken. Doch er zeigt auf einen grünen Schlauch, der von einem kleinen Brunnen über das Feld führt: Heute ist die Bewässerung kein Problem mehr. Der Bauer geht in die Hocke und pflückt große, saftige Tomaten, die er am nächsten Tag auf dem Markt in einem Nachbardorf verkaufen will.

Der Esel wird mit Wasservorräten beladen. Entlang der Wadis ist das Grundwasser durch die Flussschwellen deutlich angestiegen.

Möglich wurde das grüne Wunder in dieser wüstenartigen Gegend durch Mauern aus gebrannten Ziegeln. In den Regionen Ennedi, Batha und Wadi Fira, wo auch der Ort Baïbor liegt, sieht man sie immer wieder. Manche sind unscheinbar, andere bis zu zwei Kilometer lang. Diese sogenannten Flussschwellen sorgen dafür, dass nach den seltenen, aber heftigen Regenfällen das Wasser aus den Wadis gestaut wird und nicht mehr so schnell über die trockene, harte Erde abfließt. Durch ein Stufensystem bleibt es nun länger in Auffangbecken und versickert langsamer. So bauen sich wichtige Grundwasserreserven wieder auf. Weil die Erde nun mit Pflanzen bedeckt ist, was die Verdunstung verlangsamt, kann der Boden das Wasser länger speichern.

Konflikte ums Wasser vermeiden

Wie wichtig der Zugang zu Wasser ist, betont Kagne Pombe, Vize-Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium. „Aufgrund des Klimawandels gibt es im Tschad zwei Entwicklungen: Entweder regnet es gar nicht oder es regnet zu viel.“ Da große Teile der Bevölkerung in Armut leben und keine Rücklagen haben, seien sie besonders betroffen, wenn der Regen ausbleibt und die Pflanzen vertrocknen.

Aber nicht nur für die Landwirtschaft und die unmittelbare Wasserversorgung der Menschen sind die Flussschwellen wichtig. Die Staumauern sind auch Treffpunkt der Viehhirten mit ihren Kamel-, Rinder- und Ziegenherden. An manchen Tagen werden hier bis zu 10.000 Tiere getränkt. In der Sahelzone ist die Viehzucht häufig die einzige Einnahmequelle. Die Flussschwellen helfen Ackerbauern ebenso wie Viehzüchtern. Das verhindert zudem Spannungen und Konflikte ums Wasser – auch zwischen Einheimischen und Flüchtlingen.

Die Flussschwellen bestehen aus gebrannten Ziegeln. Hier finden zahlreiche Viehherden Wasser.

Seit 2012 engagiert sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in vier östlichen Regionen des Tschad. Mit ihrer Expertise sorgt GIZ International Services dort für die Verbesserung der Landwirtschaft und damit für Nahrungssicherheit. Fast 150 Flussschwellen hat die GIZ von lokalen Unternehmen bauen lassen. So wird in 284 Tälern eine Fläche von 4.022 Hektar bewässert. Familie Abdallah gehört zu den rund 15.000 Haushalten, die davon profitieren. Die Kleinbauern bekamen auch Saatgut und wurden in ihren landwirtschaftlichen Kooperativen geschult. Insgesamt haben sich die Lebensbedingungen von mehr als 110.000 Menschen verbessert.

Familie Abdallah hat nun so viel zu ernten, dass zwei Nachbarinnen helfen müssen. Sie füllen einen Eimer nach dem nächsten, während Mariam Adam unter einem Baum im Schatten sitzt und die Tomaten wäscht. Sie ist mit der Ernte mehr als zufrieden. „Die Menge lässt sich gar nicht mit der vergleichen, die wir früher hatten. Damals hat der Esel die Ernte auf den Markt getragen. Heute müssen wir manches Mal ein Auto leihen.“ Anderen Familien geht es ähnlich: Im Durchschnitt konnten sie ihr Einkommen um rund die Hälfte steigern.

Wanderarbeit belastet Familien

Abdallah Mahamat Nour hat mittlerweile rund um das Tomatenfeld große Grasbüschel geschnitten und polstert damit seine Körbe aus. Er arbeitet schweigend und konzentriert. Ab und zu spricht er kurz mit seiner Frau. Einmal lachen beide. Früher hat der unvorhersehbare Regen sie oft vor große Probleme gestellt. Die Familie besitzt zwar rund fünf Hektar Land, doch das reichte nicht zum Überleben. Wie viele andere Männer aus der Region suchte Abdallah Mahamat Nour immer wieder Arbeit in Abéché und sogar in der Hauptstadt N’Djamena.

Der 43-Jährige spricht das Problem der Wanderarbeiter offen an: „Für unsere Beziehung war es gar nicht gut, dass ich nie hier war. Ich hatte deshalb oft schlaflose Nächte.“ Bis heute ist es für viele Familien Alltag, dass Männer ihre Dörfer auf der Suche nach Jobs verlassen. Die Frauen bleiben zurück und müssen sich neben der Familie um die Arbeit auf den Feldern kümmern.

In den Ferien helfen die Kinder bei der Ernte. Sie finanziert auch ihren Schulbesuch.

Aché verstaut gemeinsam mit ihrem Vater die letzten Tomaten. Sechs volle Körbe hat die Familie an diesem Tag geerntet. Jeder wird mindestens 7.000 CFA (knapp 11 Euro) einbringen. Von dem Ertrag wollen die Eltern unter anderem das Schulgeld für das kommende Jahr bezahlen: pro Kind umgerechnet etwa 15 Euro. Neben Aché gehen bereits zwei weitere Kinder in die Schule.

"Meine Kinder sollen alle in die Schule gehen"

Für Mutter Mariam Adam ist es selbstverständlich, dass alle ihre Kinder den Unterricht besuchen. In vielen Familien im Tschad ist das anders: Die UNESCO schätzt, dass nur eines von vier Kindern die Grundschule abschließt. Bloß im Südsudan sind es noch weniger. „Ich selbst bin nur in die Koranschule gegangen“, sagt die Mutter und klingt ein wenig verlegen. „Damals war es normal, dass wir Mädchen mit 14 oder 15 Jahren einen Verlobten hatten, heirateten, einen Haushalt gründeten und Kinder bekamen.“

Tochter Aché hat eine andere Lebensplanung. Sie freut sich darauf, dass die Schule bald wieder anfängt. So kommt sie ihrem Ziel etwas näher: Sie möchte später Krankenschwester werden.

Ansprechpartner:
Cletus Degboevi > cletus.degboevi@giz.de

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TSCHAD

WASSER IN DER WÜSTE

Projekt: Wasserwirtschaft durch Flussschwellen in der Sahelzone des Tschad
Auftraggeber: Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit
Politische Träger: Ministerium für Planung und Perspektive im Tschad
Laufzeit: 2015 bis 2018

In der Sahelzone des zentralafrikanischen Landes Tschad ist Wasser zur Versorgung von Menschen und Tieren extrem knapp. Der Klimawandel sorgt zusätzlich dafür, dass die Böden schlechter werden. Sogenannte Flussschwellen sind eine gute Möglichkeit, trockene Täler wieder fruchtbar zu machen. Das Wasser der äußerst seltenen Regenfälle wird mit Hilfe der Schwellen gestaut. Es versickert langsamer als sonst, so dass Grundwasserreservoirs entstehen. Fast 150 solcher Flussschwellen hat die GIZ im Osten des Tschad von lokalen Unternehmen bauen lassen. Dadurch wird eine Fläche mit der Größe von mehr als 5.500 Fußballfeldern für den Gemüseanbau bewässert. Die Ernte sorgt für eine stabile Nahrungsversorgung. Zudem können Vieh­hirten ihre Tiere an den Wasserstellen tränken. Insgesamt haben sich die Lebensbedingungen von mehr als 110.000 Menschen in der Region verbessert.