Mali

Für den Frieden

Deutschland unterstützt die malische Bevölkerung auf dem Weg zu Versöhnung und Stabilität. Es geht um Sicherheit, Demokratie und die Aufklärung von Menschenrechts­verletzungen in dem fragilen westafrikanischen Staat.

E s ist das Schicksal einer Mutter, das die Ärztin Yaya Diarra nicht vergessen kann. Die Frau wohnte in einem Dorf in Malis nordöstlicher Region Gao, als 2012 erst separatistische Rebellen und dann islamistische Terrorgruppen das Gebiet einnahmen. Als Amtsträger der Regierung wurde ihr Mann sofort bedroht. Die Familie entschloss sich zur Flucht. Dabei wurde sie von Angreifern mit Waffen eingeholt und beraubt. Dann schrien die Milizionäre: „Lauft den Hügel herunter!“ Die Eltern rannten mit ihren Kindern los. Als die Frau schon hoffte, sie seien alle mit dem Leben davongekommen, schossen die Männer von hinten auf die fliehende Familie. Der Vater und einer ihrer Zwillinge wurden getroffen. Sie starben noch in der Nacht. Auch die Frau wurde angeschossen, sie schleppte sich mit letzter Kraft ins nächste Dorf. Heute lebt sie in Malis Hauptstadt Bamako. Hier hat die Mutter bei Yaya Diarra psychologische Hilfe bekommen, nachdem sie sich an die Wahrheitskommission gewandt hatte, um von ihren schrecklichen Erlebnissen zu berichten.

 

Der junge Patient und seine Mutter gehören zu den 100.000 Menschen in der Region Gao, für die das örtliche Krankenhaus die einzige medizinische Anlaufstelle ist.

Die Kommission soll in dem Vielvölkerstaat die gesellschaftliche Versöhnung fördern und demokratische Strukturen stärken. Viele der 18 Millionen Einwohner Malis sind durch die anhaltende Gewalt und schwere Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs traumatisiert. „Es geht darum, Vertrauen zu diesen Bevölkerungsgruppen aufzubauen, indem die Wahrheitskommission aktiv auf sie zugeht und den Kontakt sucht“, sagt Ag Attaher, der in der Oasenstadt Timbuktu Gespräche mit Opfern von Gräueltaten führt. „Die Herausforderung ist groß, weil viele Menschen mehrfach Opfer von Rebellion und gewaltsamer Unterdrückung wurden. Sie haben jahrelang gelitten, der Staat blieb untätig. Nun glauben sie nicht mehr an Hilfe durch öffentliche Einrichtungen.“ Attaher wurde wie Diarra von der GIZ in der äußerst schwierigen Arbeit mit traumatisierten Menschen geschult. Beide arbeiten nun für die staatliche Wahrheitskommission. Mehr als 100 Mitarbeiter der Kommission profitierten von der Ausbildung in Interviewtechniken und Opferbegleitung. Sie haben bislang etwa 6.000 Zeugenaussagen über schwere Menschenrechtsverletzungen aufgenommen.

Diese Aufarbeitung von Malis jüngster Vergangenheit sowie Informationskampagnen über den Friedensvertrag sind – neben weiteren stabilisierenden Maßnahmen – Herzstück des GIZ-Engagements in Mali im Auftrag des Auswärtigen Amts. Die Unterstützung der friedlichen und demokratischen Entwicklung ist Teil des langfristig angelegten Engagements Deutschlands in dem westafrikanischen Land. Gleichzeitig setzt die Bundesrepublik auf unmittelbare Unterstützung der Menschen, zum Beispiel durch die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierte Verbesserung der Wasser- und Sanitärversorgung in ländlichen Gebieten.

Arbeit in allen Regionen mit allen Teilen der Bevölkerung

Die GIZ-Experten arbeiten in allen Regionen mit allen Teilen der Bevölkerung, oft mit Unterstützung von lokalen Partnern. Dabei haben sie bisher mehrere Millionen Malier erreicht. Deutschland setzt bei der Arbeit in dem fragilen Staat auf eine enge Vernetzung von Umwelt-, Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik. Deshalb engagiert sich die Bundesrepublik nicht nur mit zivilen Mitteln in Mali: Die Bundeswehr entsendet Kontingente in die Missionen von EU und Vereinten Nationen (MINUSMA).

Doch das Land ist seit Beginn der schweren Krise 2012 noch weit entfernt von sicheren Lebensverhältnissen. Auf staubigen Straßen patrouillieren Regierungssoldaten und UN-Truppen, gepanzerte Fahrzeuge prägen das Bild, die Nachrichten melden immer wieder Terroranschläge. Das Friedensabkommen zwischen der 2013 gewählten Regierung und einigen bewaffneten Gruppen wird bisher nur schleppend umgesetzt. Die schwierige Sicherheitslage behindert die Entwicklung des Landes, das ohnehin zu den ärmsten der Welt gehört (s. Infokasten). Zudem erkennen große Teile der Bevölkerung den Staat nicht an, der in einigen Regionen nicht präsent ist und in anderen Gegenden nur begrenzt die Versorgung der Menschen gewährleistet.

Regelmäßiger Austausch mit der Bundeswehr

„Konkrete Verbesserungen der Lebensverhältnisse helfen dabei, das Vertrauen in staatliche Strukturen nach und nach zurückzugewinnen“, betont GIZ-Projektleiterin Anne-Katrin Niemeier. Sie tauscht sich regelmäßig mit Vertretern der in Gao stationierten Bundeswehr darüber aus, wo praktische Hilfe nötig ist.

Ein Beispiel ist die Sanierung des einzigen Krankenhauses in der Region. Heute können die Toiletten und Waschräume wieder benutzt werden, der Innenhof und andere Gebäudeteile des Krankenhauses in Gao stehen in der Regenzeit nicht mehr unter Wasser. Rund 100.000 Menschen profitieren von den Verbesserungen. Zwei von ihnen sind Rachida Maïga und ihr Mann. „Schon vor einem Jahr habe ich meinen Mann hier ins Krankenhaus begleitet. Die Toiletten und Duschen waren in einem ekelerregenden Zustand, es war furchtbar“, erinnert sich die Malierin. „Aber jetzt ist alles saniert.“

Das deutsche Engagement soll vor allem das Vertrauen zwischen verfeindeten Bevölkerungsgruppen im Norden des Landes wiederherstellen. In dem von der GIZ begleiteten Bürgerdialog einigten sich die Beteiligten auf gemeinsame Projekte, die der Versöhnung und dem sozialen Zusammenhalt dienen. In der besonders krisenhaften Region Gao wurde bis Ende 2017 in jeder der 19 Kommunen mindestens eines dieser Projekte umgesetzt. Mehr als 150.000 Menschen profitieren davon.

 

Auf staubigen Straßen außerhalb der nordöstlichen Wüstenstadt Gao patrouilliert ein gepanzertes Fahrzeug der UN-Einheiten.

Das Orchester von Ménaka belebt die reiche Musikkultur

Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Kreisorchester des nach der Krise neu zusammengesetzten Kreises Ménaka. Das Orches­ter wurde mit Gitarren, Trommeln, Klavier, Tuba und anderen Instrumenten ausgestattet. Die Musiker können jetzt wieder bei Hochzeiten und Wettbewerben spielen. Weshalb das in einem krisengeschüttelten Land wie Mali so sinnvoll ist? „Musik ist ein wichtiger Bestandteil unserer Identität, sie ist für den Stolz der Region ganz wichtig“, erklärt Mahamadou Assalia Maïga, Musikdirektor von Ménaka.

Mali war in der Vergangenheit durch das „Festival au Désert“ für seine reiche Musikkultur weltweit bekannt gewesen. Die islamistischen Terrorbanden hatten 2012 in ihrem Einflussbereich Tanz und Unterhaltungsmusik verboten. Die Instrumente für Ménaka sollen die Menschen wieder zusammenbringen. „Sie gehören der gesamten Region und jeder darf sie nutzen“, betont Monsieur Maïga.

Der Friedenspakt als Theaterstück

Zum breiten Ansatz der GIZ in Mali gehört auch die Information über den Friedensvertrag, der 2015 in Bamako geschlossen wurde. Viele Malier erwarten nichts von dem Vertrag – ganz einfach, weil sie ihn nicht kennen. Deshalb hat die GIZ mit dem malischen Versöhnungsministerium eine Informationskampagne gestartet. Auf kleinen Bühnen übersetzt eine Theatergruppe den Friedenspakt in Szenen und führt sie in den lokalen Sprachen auf. So erfahren auch Analphabeten davon. Bei rund 55 Theateraufführungen mit jeweils bis zu 1.000 Zuschauern setzten sich schon Zehntausende Malier mit dem Friedensvertrag auseinander.

Viele Zuschauer erfahren bei diesen Theateraufführungen auch erst von der Arbeit der Wahrheitskommission, die eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des Friedensvertrags spielt: „Trotz oder gerade wegen der andauernden Krisensituation im Land sind Wahrheitsfindung und Aufarbeitung für alle Malierinnen und Malier ein zentrales Thema“, sagt Ouleymatou Sow Dembele, Kommissarin für Opferbegleitung. „Ein lokales Sprichwort sagt: ‚Eine eiternde Wunde kann nicht heilen.‘ Für uns bedeutet das, dass es ohne Wahrheitsfindung keinen dauerhaften Frieden geben kann und ohne Wiedergutmachung keine Versöhnung.“ Doch sie weiß auch, wie viel Mut dazugehört, gegen die Täter auszusagen.

Die Mutter, deren Geschichte Yaya Diarra nie vergessen hat, erkannte den Anführer der Mörder ihres Kindes und ihres Mannes. Der ehemalige Nachbar lebt bis heute unbehelligt in ihrem Dorf. Jetzt will die Frau auch öffentlich bei einer Anhörung der Menschenrechtskommission aussagen: Damit die Wahrheit bekannt wird.

Ansprechpartnerin:
Anne-Katrin Niemeier > anne-katrin.niemeier@giz.de

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MALI

NETZWERK FÜR VERSÖHNUNG

Projekt: Unterstützung der Stabilisierung und des Friedens in Mali, Wasser- und Sanitärversorgung für ländliche und kleinstädtische Gebiete
Auftraggeber: Auswärtiges Amt, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Politische Träger: Malische Ministerien für nationale Versöhnung, Energie und Wasser, Umwelt
Laufzeit: 2016 bis 2019 bzw. 2015 bis 2019

Die GIZ unterstützt Mali im Auftrag des Auswärtigen Amts dabei, den 2012 ausgebrochenen Konflikt zwischen Tuareg, islamistischen Rebellen und Regierung einzudämmen. Der Inhalt des Friedenspaktes wird in Theaterstücken und Broschüren in 13 Sprachen des Landes verbreitet. So wurden Hunderttausende erreicht. Die GIZ schult zudem die Mitarbeiter der Wahrheitskommission. Sie haben schon mehr als 6.000 Zeugenaussagen über Menschenrechtsverletzungen gesammelt. Zum Wiederaufbau staatlicher Dienste trägt das von KfW und GIZ umgesetzte Wasserprojekt bei, finanziert vom Bundesentwicklungsministerium. Seit 2015 bekamen rund 900.000 Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen.