Pandemievorsorge in Afrika

Eine Frage der Zeit

Die Coronavirus-Pandemie ist weltweit ein Weckruf für eine bessere Koordination bei der Seuchenprävention. Wie das geht, zeigt die Zusammenarbeit mit der ECOWAS-Region.

Peter Iko weiß, worauf es bei der Seuchenkontrolle ankommt: Korrekte Informationen müssen möglichst schnell zu den richtigen Stellen gelangen. Iko ist Gesundheitsberater und Ansprechpartner für Epidemieprävention im Dei-Dei-Gesundheitszentrum in der Bwari Region im Norden der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Regelmäßig besucht er Dörfer der Gegend und genießt dort das Vertrauen der Menschen. Sie kommen zu ihm und berichten, wenn sie gesundheitliche Probleme haben. Und Peter Iko hört genau hin. Er achtet vor allem auf Hinweise, dass Menschen an einer Infektionskrankheit erkrankt sein könnten – und das nicht erst seit der Coronavirus-Pandemie. COVID-19 beherrscht zwar die Schlagzeilen, doch in Westafrika grassieren immer wieder auch andere schwere Epidemien wie Ebola und Lassa-Fieber.

 Gesundheitsbeamter Peter Iko ©GIZ/Brooks Photography

Gesundheitsbeamter Peter Iko (rechts) ©GIZ/Brooks Photography

In der Vergangenheit musste Peter Iko Seuchenverdachtsfälle akribisch auf Papier notieren und erst über das Gesundheitszentrum an die zuständigen Behörden schicken. „Dabei ist kostbare Zeit vergangen“, sagt er. Jetzt greift er zu einem Tablet: Welche Symptome zeigt die erkrankte Person? Hat sie Fieber? Gibt es besondere Risikofaktoren, ist ein Krankenhausaufenthalt nötig und wurden bereits Blutproben genommen? Iko arbeitet sich sorgfältig durch eine vordefinierte Liste und gibt alle persönlichen und epidemiologischen Informationen seines Gegenübers in die sogenannte SORMAS-App ein.

Besserer Gesundheitsschutz für mehr als 130 Millionen Menschen

Seit 2018 arbeitet der Beamte Iko mit dieser besonderen App-Software, die einen Quantensprung in der Pandemievorsorge und der Kontrolle von Infektionskrankheiten in den westafrikanischen Staaten gleichkommt. SORMAS steht für: Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System, also ein digitales Managementsystem, das Überwachung und Bekämpfung von Seuchen und die Verarbeitung von Erkenntnissen enorm verbessert hat. Die Anwendung wurde am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern als Reaktion auf den Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika entwickelt. Die GIZ unterstützte die Weiterentwicklung als Open Source Software. So erreichte SORMAS im Jahr 2019 den Status eines „digitalen öffentlichen Gutes“. Diese quelloffenen digitalen Lösungen gelten als besonders relevant auf dem Weg, die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 zu erreichen.

 

Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am HZI, (Bildmitte) hat die SORMAS-App federführend entwickelt. ©sormasorg.helmholtz-hzi.de

Mittlerweile wird SORMAS erfolgreich in 25 nigerianischen Bundesstaaten sowie in 16 Regionen Ghanas eingesetzt – mit einer Bevölkerung von insgesamt mehr als 130 Millionen Menschen. Über 20 Infektionskrankheiten können so derzeit überwacht und bekämpft werden.

App funktioniert auch in entlegenen Dörfern

Selbst in entlegenen Orten ohne Mobilfunkanbindung funktioniert das System. Sobald eine Netzanbindung gelingt, werden die Daten synchronisiert. Sind die Daten über Smartphones, Tablets oder Computeranwendungen hochgeladen, können alle, die an der Bekämpfung von Epidemien beteiligt sind – Klinikpersonal, Laborteams, Epidemie-Fachleute –, die Daten sehen, beurteilen, sich miteinander vernetzen sowie Schritte der Seuchenkontrolle koordinieren. Die Informationen über Infektionserkrankungen sind voll digitalisiert und können daher auch sofort nationalen und regionalen Behörden für Infektionsschutz bereitgestellt werden, sowie der Weltgesundheitsorganisation.

In Nigeria steht der Server bei dem etwa die Informationen von Peter Iko ankommen in Abuja, in Nigerias Institut für Seuchenkontrolle (Nigeria Center for Disease Control, NCDC), das zum Bundesministerium für Gesundheit des Landes gehört. Dort wird der Rechner von einem speziellen SORMAS-Team betreut, das auch den Datenschutz sichert.

 

Elsie Ilori, Leiterin der Überwachung und Epidemiologie an Nigerias Institut für Seuchenkontrolle (NCDC), präsentiert Daten über Krankheitsausbrüche auf der SORMAS-Übersicht. ©GIZ/Brooks Photography

EU stärkt Gesundheitsinitiativen von Westafrikas Staaten

Das digitale Seuchenmanagement-Tool ist ein Beispiel, wie Pandemievorsorge erhöht und Infektionskrankheiten besser kontrolliert werden können. SORMAS ist Teil eines Projekts, das von der Europäischen Union ko-finanziert und von der GIZ durchgeführt wird. Integriert ist es in das von der deutschen Regierung (BMZ) finanzierte Regionale Programm zur Unterstützung der Pandemievorsorge in der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Economic Community Of West African States, ECOWAS).

Die Seuchenprävention war bereits vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie ein Kernelement dieser Initiative. Im Rahmen einer EU-Initiative stärkt die GIZ unter anderem die Arbeit des Regionalen Zentrums für Überwachung und Seuchenbekämpfung mit Sitz in Abuja. Diese regionale Koordinationsstelle wurde 2015 von Mitgliedern der ECOWAS gegründet und soll diesen Teil von Subsahara-Afrika unter der Führung der westafrikanischen Gesundheitsorganisation (West Africa Health Organization, WAHO) besser auf Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit vorbereiten. In den 15 ECOWAS-Mitgliedstaaten leben rund 300 Millionen Menschen. Die Länder sind sehr heterogen, etwa was die Größe betrifft. Nigeria stellt mehr als die Hälfte der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft der Gemeinschaft.

„COVID-19 hat nicht geändert, was wir tun. Im Gegenteil: Es beweist allen Beteiligten nur, wie relevant unsere gemeinsame Arbeit ist“, betont Projektleiterin Sabine Ablefoni: „Und wir müssen regional agieren, denn die Krankheiten, die wir bekämpfen, scheren sich nicht um Grenzen.“

 

GIZ- Projektleiterin Sabine Ablefoni ©GIZ/Brooks Photography

Das vom BMZ und der EU-kofinanzierte Programm arbeitet eng mit anderen internationalen Akteuren in der Region und mit bilateralen Gesundheitsprogramme der Entwicklungszusammenarbeit zusammen. Alle Maßnahmen sind auf den sogenannten One-Health-Ansatz zugeschnitten, der die Zusammenhänge zwischen der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt anerkennt.

Epidemieexperte Peter Iko in Nigeria fühlt sich durch die neuen digitalen Werkzeuge bei seiner Arbeit besonders motiviert. „Ich kann schnell die Ergebnisse einer Laborprobe sehen, so schnell Erkrankten helfen und hoffentlich die Verbreitung von Krankheiten verhindern“, sagt der engagierte Nigerianer: „Denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Kontakt: Sabine Ablefoni, sabine.ablefoni@giz.de

Stand: August 2020