Reportage Mali

Die Ernte der Frauen

Im Norden Malis sorgen Kleinbäuerinnen für gute Ernährung. Und dank neuer Gemüsesorten, verbessertem Reisanbau und Ziegenzucht stärken sie mit ihrem Einkommen auch ihr Ansehen in den Gemeinden.

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Katrin Gänsler
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D.T. Romain Georges Arnaud Akéminou

Es ist diese eine Zahl, die für Zainabou Cissé von großer Bedeutung ist: neun Tonnen. So viel Reis pro Hektar hat der 63-Jährigen die letzte Ernte gebracht. Es ist ein Ergebnis, auf das sie stolz ist. Die Mutter von sechs Kindern und Großmutter von drei Enkelkindern wohnt in Alafia, einer Gemeinde im Norden Malis, die rund 4.000 Menschen zählt. Die Stadt Timbuktu mit ihren Lehmmoscheen und Mausoleen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, ist eine gute Stunde entfernt. Alafia selbst hat eine Schule, Moscheen und eine Krankenstation, bietet aber kaum Verdienstmöglichkeiten.

Zainabou Cissé bei der Reisernte
Zainabou Cissé bei der Reisernte

Während die Männer in der Region meist Viehzucht und Landwirtschaft betreiben, leben die Frauen vom sogenannten „petit commerce“: Auf kleinen Holzständen verkaufen sie Waren des täglichen Bedarfs wie Tomaten und Zwiebeln, Seife, Waschpulver, Salz und Zucker. Und sie bauen im kleinen Rahmen Gemüse und Reis an. Landwirtschaft im Sahel zu betreiben, klingt zunächst nach einem Widerspruch. Viele haben trockene Landschaften vor Augen, doch es ist eine komplexe, fragile Zone mit höchst unterschiedlicher Vegetation. Karge Regionen mit ausgelaugten, harten Böden gibt es ebenso wie Flächen mit Bäumen und Sträuchern. Gute Bedingungen bieten die fruchtbaren Uferregionen des Nigers. Dort bewirtschaftet Zainabou Cissé mit 42 weiteren Frauen insgesamt 16 Hektar Land. „Coopérative agropastorale Nafagoumo“ heißt der Zusammenschluss der Kleinbäuerinnen.

Um gute Erträge zu erzielen, haben sie bisher viel Dünger und Saatgut auf die feuchten Felder gebracht. Dennoch stagnierten die Ernten, erinnert sich Zainabou Cissé: „Wir hatten pro Hektar etwa fünf Tonnen.“ Das war zwar durchaus ein guter Ertrag, aber die Wende brachte die Vorstellung einer veränderten Anbaumethode, des sogenannten Systems der Reis-Intensivierung. Wie dieses funktioniert, haben Mitglieder der Kooperative in einer Schulung des Projekts „Ernährungssicherheit und Stärkung der Resilienz in Mali“ (ProSAR) gelernt. Die GIZ setzt es mit Partnern im Auftrag des BMZ um.

Multisektoraler Ansatz

 

Um die Ernährung der Menschen in Mali zu verbessern, arbeitet die GIZ in vielen Bereichen. Der Ansatz verknüpft umfangreiche Maßnahmen, etwa in ernährungssensitiver Bewässerungslandwirtschaft und Viehwirtschaft, Kommunikation zu einer gesunden, diversifizierten Ernährung sowie Trinkwasser-, Sanitärversorgung und Hygiene (Water, Sanitation and Hygiene, WASH). Erfolgreiche Ansätze (best practices) auf lokaler Ebene werden mit den relevanten Gremien und Institutionen geteilt und in den entsprechenden Strukturen verankert.

 

Kontakt: Raymond Mehou, raymond.mehou@giz.de

Ziel der Reisanbaumethode ist es, trotz weniger Dünger und Saatgut die Erträge zu erhöhen. Dazu werden Anzuchtbeete angelegt und die kleinen Setzlinge schon nach acht Tagen in gut umgegrabene Böden gepflanzt, und zwar einzeln, in ordentlichen Reihen und mit Abstand. Das bedeutet zwar mehr Arbeit, aber die Pflänzchen konkurrieren nicht mehr um Nährstoffe, so wie es bisher war, wenn mehrere an eine Stelle gesetzt wurden. Zudem ist der Wasserverbrauch beim SRI geringer als beim konventionellen Reisanbau, da die Pflanzen gezielter bewässert werden. Durch die in Mali neue Methode wurde die Ernte fast verdoppelt, freut sich Zainabou Cissé.

Mehr Sicherheit durch lokalen Anbau

Das bringt nicht nur mehr Geld in die Haushaltskassen, sondern sorgt auch für Sicherheit. Wenn genügend Reis vor Ort produziert wird, reduziert das die riskanten Fahrten zum Einkaufen in Nachbarorte oder gar nach Timbuktu. Gerade auf den Überlandstraßen ist die Gefahr groß, von Banditen überfallen zu werden. Sie errichten Straßensperren, bedrohen Reisende und erpressen Geld. „Jede Fahrt macht Angst“, gibt Zainabou Cissé zu. Unterkriegen lässt sie sich aber nicht, auch wenn Unsicherheit seit Jahren das beherrschende Thema in der Region ist. „Wir dürfen doch nicht aufgeben. Wir müssen uns arrangieren“, sagt sie.

Im Norden Malis rebellierten Anfang 2012 Teile der Tuareg-Bevölkerung gegen den Staat. Es folgten ein Militärputsch und die Besatzung des Nordens durch zwei Terrorgruppen. Trotz internationaler Militärmissionen und des Friedensabkommens von 2015 bleibt die Region instabil. Im August 2020 kam es erneut zum Staatsstreich.

Aissata Mahamane mit Frauen ihrer Kooperative. Seit ihrem Training bauen sie besonders nährstoffreiche Gemüsesorten an.
Aissata Mahamane mit Frauen ihrer Kooperative. Seit ihrem Training bauen sie besonders nährstoffreiche Gemüsesorten an.

Auch Aissata Mahamane, die ebenfalls in Alafia lebt, denkt ungern zurück. „Es waren schwierige Zeiten“, sagt sie knapp über die Krise von 2012 und 2013, „immer wieder wurden Frauen vergewaltigt und wir hatten Angst, auf den Feldern zu arbeiten.“ Das habe sich mittlerweile verbessert, sagt die 60-Jährige. Die Region werde nicht mehr von Terroristen kontrolliert, die ihre „Regeln“ gewaltsam durchsetzen.

Im Rückblick muss Aissata Mahamane immer wieder den Kopf schütteln – auch über ihre Wirtschaftsweise: „Damals haben wir nur Zwiebeln und Tabak angebaut.“ Über eine vollwertige Ernährung machte sie sich ebenso wenig Gedanken wie die übrigen Frauen ihrer Kooperative. Das änderte sich 2019, als sie durch ein Training zu vielfältigem Gemüseanbau mit nährstoffreichen Sorten auf neue Ideen kamen. Mahamane, die fünf erwachsene Kinder hat und zudem ihre sieben Enkelkinder betreut, hat seither ihren Nutzgarten komplett umgestaltet. „Kartoffeln baue ich an und Kohl, Kürbis, Tomaten, Auberginen, Zwiebeln, Salat“, zählt sie auf. Mit einigen Sorten hat sie erst Bekanntschaft gemacht. Neue Rezepte hat die Malierin auch gleich bei der Schulung ausprobiert. Am liebsten bereitet sie Kartoffeln und Kürbisse zu. „Der Kürbis hat wichtige Nährstoffe, weshalb er gut für Kinder mit Mangelernährung ist“, sagt sie über ihr Lieblingsgemüse.

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Das ist jedoch nicht nur für ihre eigene Familie bestimmt. Die Ernte ist inzwischen so gut, dass ein Teil verkauft wird. Die Kunden und Kundinnen kommen direkt zu ihrem Nutzgarten. Außerdem beliefert sie zwei Märkte. Die zusätzlichen Einnahmen kann sie gut gebrauchen, finanziert sie doch die Ausbildung ihrer Enkelkinder. Pro Kind zahlt sie jährlich umgerechnet knapp 23 Euro für Schulbeitrag, Bücher, Stifte, Kleidung und einen Rucksack. In Mali ist das viel Geld. Dort leben knapp 43 Prozent der rund 20 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen unterhalb der Armutsgrenze und haben täglich weniger als 1,90 US-Dollar zur Verfügung. Aissata Mahamane ist stolz darauf, dass sie mit dem Gewinn aus dem Gemüseverkauf ihre Enkel unterstützen kann: „Mein Traum ist es, dass alle eine gute Ausbildung erhalten.“ Das bereite sie auf die Zukunft vor und mache sie anpassungsfähig, ist sich die Großmutter sicher.

MALI

 

Hauptstadt: Bamako / Bevölkerung: 19,66 Millionen / Wirtschaftswachstum: 3 Prozent / Rang im
Human Development Index:
184 von 189

 

Quellen: Weltbank, UN, WFP

Mali

Neben Mali ist das Programm „Ernährungssicherung und Resilienzstärkung“ derzeit in weiteren Ländern Afrikas und Asiens aktiv: Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Indien, Kambodscha, Madagaskar, Malawi, Sambia und Togo.

Auch Fadimata Moulaye sorgt für ihre Enkelkinder. Sie lebt mit ihnen und ihrem Sohn in Goundam, 85 Kilometer südwestlich von Timbuktu. Um die Familie zu ernähren, züchtet die 48-Jährige Ziegen und Schafe. Damit angefangen hat sie 2016, als sie im Rahmen des ProSAR-Projekts vier Ziegen und einen Bock erhielt. Die weißen Tiere mit den hängenden Ohren bildeten den Grundstock für ihren Erfolg. Inzwischen könnte sie einige Tiere aus der Nachzucht verkaufen und das Geld reinvestieren. „14 têtes“, berichtet Fadimata Moulaye stolz über ihre Herdenerweiterung; 14 Köpfe, also 14 Tiere hält sie inzwischen selbst. Das tut den Enkelkindern gut, kann sie ihnen doch täglich Ziegenmilch zum Trinken geben. Pro Tag geben die Tiere drei bis vier Liter. „Einen Teil der Milch erhalten Freunde und Nachbarn. Was übrig bleibt, verkaufe ich.“ Das bringt ihr täglich zusätzliche 1,50 Euro.

Fadimata Moulaye gibt die Milch ihrer Ziegen täglich ihren Enkelkindern zu trinken.
Fadimata Moulaye gibt die Milch ihrer Ziegen täglich ihren Enkelkindern zu trinken.

Die einzige Einnahmequelle ist das aber nicht. Fadimata Moulaye war sofort klar, was sie mit den ersten Gewinnen machen wollte. Sie erfüllte sich einen Traum. „Ich habe mir ein kleines Geschäft aufgebaut und verkaufe heute Tomaten, getrocknete Zwiebeln, Öl und Salz.“ Das höhere Einkommen hat auch die Essgewohnheiten verbessert. Die Familie isst regelmäßiger und häufiger. „Ein Frühstück und ein Abendessen kann ich immer zubereiten“, nickt sie zufrieden. Sorgen, dass sich das wieder ändert, hat sie nicht. Für Zeiten, in denen die Ziegen weniger Milch geben, hat sie sich mit dem kleinen Laden ein zweites Standbein geschaffen.

Und ihre Tiere sind zu ihrer privaten Bank geworden. Sollte jemand aus der Familie krank werden, kann im Notfall eins verkauft werden, um beispielsweise Medizin und Krankenhausrechnungen zu bezahlen. Fadimata Moulaye hält einen Moment inne und sagt dann: „Ich hoffe aber, dass es dazu nie kommt.“

Zu folgenden Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der Vereinten Nationen trägt das Vorhaben bei:

 

 

 

 

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