Arbeiten in fragilen Staaten

Immer öfter ist die GIZ gefordert, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten. Wie das geht, erklärt Stefan Opitz.

Stefan Opitz

Stefan Opitz leitet bei der GIZ die Arbeitsgruppe „Arbeiten in fragilen Staaten“.

Die Namen füllen die Nachrichten: Somalia, Südsudan, Guatemala, Liberia,  Afghanistan. Viele weitere könnte ich hinzufügen. Mittlerweile gilt mehr als die Hälfte der Länder, in denen die GIZ arbeitet, als Staaten, die ihre Grundfunktionen nicht mehr erfüllen – sogenannte fragile Staaten. Tendenz steigend. Wenn wir dort tätig werden, geht es zuerst darum, die Situation zu stabilisieren und sichtbare Erfolge zu erzielen: etwa durch den Bau einer kleinen Brücke oder eines Gemeindezentrums. So wird der Staat wieder präsent – es entsteht kein Vakuum, das von extremistischen oder kriminellen Gruppen gefüllt werden könnte. Im zweiten Schritt verschaffen wir den Menschen mittel- und langfristig eine Perspektive.

Man denke zurück an die Staatsgründung Südsudans: Zwei Jahre danach, im Dezember 2013, brachen Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen aus, die sich fast auf das ganze Land ausweiteten. Nach der vorübergehenden Ausreise der GIZ-Experten kehrte rasch ein Team zurück, um das Land zu unterstützen. 1,9 Millionen Menschen waren heimatlos geworden. Als kurzfristige Maßnahme haben wir ihnen – und den Einwohnern der Gemeinden, in denen sie unterkamen – Nahrungsmittel geliefert. Mehr als 6,5 Millionen Menschen litten Hunger. Dann brach auch noch die Cholera aus.

Kooperation mit örtlichen Nichtregierungsorganisationen

Um schnell und großflächig wirken zu können, haben wir mit örtlichen Nichtregierungsorganisationen kooperiert. In den südlichen Landesteilen konnten wir an das bisher Erreichte anknüpfen, zum Beispiel indem wir bereits geschulte Kleinbauern mit Saatgut und Geräten ausgestattet haben, damit sie mehr Nahrungsmittel anbauen konnten. Organisationen wie das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen haben die Nahrungsmittel gekauft und in den Flüchtlingslagern verteilt. In den aufnehmenden Gemeinden und in Flüchtlingslagern wurden Schulen eingerichtet und sanitäre Anlagen gebaut, damit sich keine Seuchen ausbreiten. Trinkwasser haben wir in Tanks und Kanistern herbeigeschafft. Nachdem sich die Sicherheitslage beruhigt hatte, konnten wir die langfristige Arbeit wieder intensivieren.

Unsere Experten sind der Schlüssel für wirkungsvolle Arbeit in Krisenländern. Das beginnt bei der sorgfältigen Auswahl des Personals – auch, wenn es schnell gehen muss. Dies gilt ebenso für die einheimischen Beschäftigten der GIZ. Alle müssen fachlich top sein und mit Druck und größter Arbeitsbelastung umgehen können. Vor der Ausreise bereiten wir unsere Experten individuell vor: etwa mit Landeskunde und Sicherheitstrainings, aber auch mit Entspannungstechniken. Vor Ort lassen wir sie nicht allein. An Standorten wie Afghanistan sind sie in ein engmaschiges Sicherheitsnetz eingebettet. Da unsere Mitarbeiter in Krisenländern kaum Freizeit haben und hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, verlassen sie regelmäßig für einige Tage das Land.

Erfahrung in Projektmanagement und Führung sammeln

Wenn wir aus Sicherheitsgründen niemanden ins Land schicken können, arbeiten wir mit gut ausgebildetem einheimischen Personal, das unsere Experten vom Nachbarland aus anleiten. Wir nennen das die Fernsteuerung eines Projektes. Derzeit betrifft das den Jemen, hier organisieren wir die Arbeit von Deutschland aus. An weitere Standorte dürfen aus Sicherheitsgründen keine Familienmitglieder die GIZ-Mitarbeiter begleiten. Gefährliche Ecken des Landes sind für unsere Kollegen tabu. Trotz der Einschränkungen sind unsere Mitarbeiter in Krisenländern hoch motiviert: Sie haben meist einen größeren Gestaltungsspielraum, Wirkungen zeigen sich schneller. In kurzer Zeit können sie viel Erfahrung in Projektmanagement und Führung sammeln. Das Arbeiten unter schwierigen Bedingungen ist Teil des GIZ-Alltags. Wir nehmen die Herausforderung ernst.

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