Zuversicht auf Rädern

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Reportage
07/2021

Zuversicht auf Rädern

Abgelegen, aber vorne dran: Die Stadt Singra ist ein Beispiel, wie E-Mobilität das Leben verbessert – gerade auch während der Corona-Pandemie.

Text
: Amina Neyamat und Brigitte Spitz
Fotos
: Tapash Paul

Es dauert fast sieben Stunden mit dem Auto, um von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka nach Singra zu reisen. Je näher das Ziel kommt, desto holpriger und staubiger werden die Straßen. Eine Zugverbindung gibt es nicht, ebenso wenig einen Flughafen in der Nähe. Die kleine Stadt im Norden Bangladeschs ist abgelegen und dennoch Vorreiter für E-Mobilität. Sie zeigt, wie der öffentliche Verkehr in ländlichen Regionen Südasiens nachhaltig und sicher ausgebaut werden kann. Eine engagierte Stadtverwaltung hat das in Zusammenarbeit mit der Transformative Urban Mobility Initiative (TUMI) möglich gemacht – unterstützt vom GIZ-Team des Programms für Energiezugang, Energising Development, in Bangladesch.

Bildergalerie Accordion

Einer jener Menschen, die die Idee vom grünen und bürgerfreundlichen Nahverkehr vorangetrieben haben, ist Binayak Chakraborty. Er ist zur Garage gekommen, in der die neuen E-Rikschas untergebracht sind. In Singra werden sie „Cholo“ genannt – übersetzt: „Los geht’s!“ Chakraborty ist der zuständige Projektkoordinator in der Stadtverwaltung und erinnert sich: „Unser Bürgermeister hatte die Idee, durch sichere E-Mobile den Bürgerinnen und Bürgern ein nachhaltiges öffentliches Nahverkehrssystem zu bieten.“ Das war dringend notwendig, denn viele der alten Fahrradrikschas wurden von ihren privaten Betreibern in den vergangenen Jahren mit Motoren ausgestattet, ohne jedoch die Konstruktion an die viel höhere Geschwindigkeit anzupassen. In Singra wie auch anderenorts in Bangladesch gab es viele schwere Unfälle.

Sicherheit und Klimaschutz

2018 hörte das Team von Bürgermeister Zannatul Ferdous vom TUMI-Wettbewerb, der weltweit nach innovativen und umweltfreundlichen Mobilitätsideen suchte. Die GIZ hatte diese Ausschreibung im Zuge der Initiative des Bundesentwicklungsministeriums gestartet. Singra bewarb sich und war schließlich eine von zehn Städten, die als Pilotprojekte ausgewählt wurden. So konnten in der bangladeschischen Provinz knapp ein Jahr später zehn E-Rikschas und zwei E-Krankenwagen angeschafft werden. Und die erste feste Transportlinie der Gegend wurde etabliert. Dazu richtete die Kommune noch eine Elektro-Werkstatt ein und bot für ihre städtischen Fahrer Sicherheitsschulungen an. In der Werkstatt-Garage können sie ihre E-Rikschas problemlos parken und aufladen.

Das Projekt in Zahlen
54.000

Menschen profitieren im Stadtgebiet Singra von besserem Nahverkehr und Rettungsdienst.

12

Elektro-Gefährte gehören zum städtischen Fuhrpark.

70-80

Lebensmittellieferungen pro Tag während des Corona-Lockdowns.

Die Einführung der „Cholo“-Rikschas hat das gesamte Nahverkehrssystem verändert. Auch die meisten der alten Privatrikschas wurden inzwischen ausgemustert. Viele der Transportunternehmen folgen dem städtischen Vorbild und schaffen sich inzwischen ähnliche E-Rikscha-Modelle an. „Alle wollen jetzt Cholos fahren“, weiß Chakraborty. Für den „herausragenden Beitrag zum Klimaschutz durch E-Mobilität“ wurde die Gemeindeverwaltung von Singra bei der Nationalen Jahreskonferenz zur Urbanen Resilienz gegen Klimawandel ausgezeichnet. Bangladesch ist eines der am stärksten von den Auswirkungen des Klimaveränderungen betroffenen Länder der Welt.

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Zannatul Ferdous, Bürgermeister von Singra

Zannatul Ferdous, Bürgermeister von Singra

Kostenlose Notfallrettung

Neben der guten Umweltbilanz findet Bürgermeister Ferdous den Einsatz der E-Krankenwagen auf den Straßen Singras besonders wichtig. Sie sorgen inzwischen rund um die Uhr für kostenlose Notfallrettung innerhalb der Gemeindegrenzen. „Das war ein Segen für unser Gesundheitssystem“, sagt der dynamische Bürgermeister, der erst jüngst wiedergewählt wurde: „Hier sind Kranke oft gestorben, weil sie nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kamen. Auch für Frauen mit Geburtskomplikationen ist schnelle Hilfe wichtig.“

Unermüdlich haben wir auch Covid-19-Erkrankte in die Kliniken gebracht. Wir sahen es als unsere Pflicht an, den Menschen zu helfen und zu dienen.

Mohammed Monir Hossain
Fahrer eines E-Krankenwagens in Singra

Die große Stunde der „Singra Cholos“ schlug in der Corona-Pandemie. Während der Lockdowns mobilisierte die Kommunalregierung alle Ressourcen und nutzte die offenen E-Rikschas und -Krankenwagen, um den Menschen Waren des täglichen Bedarfs nach Hause zu liefern. Medizinisches Personal wurde an ihre Einsatzorte gebracht, Teams für Corona-Tests waren damit unterwegs und aktuelle Information wurden über montierte Lautsprecheranlagen verbreitet. „Unermüdlich haben wir auch Covid-19-Erkrankte in die Kliniken gebracht. 55 Tage lang sind wir nicht nach Hause zurückgekehrt, sondern haben mit den Kommunalbeamten im Gebäude der Gemeindeverwaltung gewohnt. Wir sahen es als unsere Pflicht an, den Menschen zu helfen und zu dienen“, sagt einer der Fahrer der E-Krankenwagen, Mohammed Monir Hossain (32).

Wie sein Kollege Mohammed ist auch bei Kabbir Uddin besonders stolz auf seine Arbeit als Cholo-Fahrer. Für den 22-Jährigen bedeutet die Festanstellung bei dem E-Mobilitätsprojekt nicht nur eine solides Einkommen, mit dem er seine Familie unterstützen kann, sondern auch die soziale Anerkennung der Gemeinschaft. Etwas, was der junge Mann bisher nicht kannte: „Die Leute respektieren mich.“ Was ursprünglich als umweltfreundliche und sichere Innovation für das öffentliche Verkehrswesen gedacht war, hat in Singra auch unerwartete Veränderungen im Gemeinwesen herbeigeführt: Es hat bei allen Beteiligten die Hoffnung geweckt, dass kreative, ökologisch bewusste und menschenfreundliche Ansätze das Leben Einzelner und der Gemeinschaft verbessern können. Für den städtischen Beamten Binayak Chakraborty symbolisieren die Cholos auf den Straßen diesen Wandel und künden von den Potenzialen zukünftiger kollektiver Aktionen und internationaler Zusammenarbeit.

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Cholo-Fahrer Kabbir Uddin mit seinem Sohn

Cholo-Fahrer Kabbir Uddin mit seinem Sohn

Nächste Idee: batteriebetriebene Boote

Und schon entwickelt die rührige Stadtverwaltung die Idee von der Einführung batteriebetriebener Boote. Die Gemeinde ist von drei Flüssen umgeben und während der Regenzeit stehen jedes Jahr bis zu 60 Prozent des Stadtgebiets unter Wasser. Boote sind deshalb ein wichtiges Transportmittel, werden aber bisher meist mit Dieselmotoren betrieben. Singra sucht nach Alternativen. Es könnte sein, dass die abgelegene Stadt in Bangladesch schon bald wieder für Nachrichten sorgt.

Stand: Juli 2021

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