Perspektiven Äthiopien

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Äthiopien geht neue Wege bei der beruflichen Qualifikation von Flüchtlingen und Äthiopier*innen. Sie lernen gemeinsam und setzen ihr Wissen in der Praxis um. Vier Stimmen zeigen, wie die Ausbildungsreform mit Unterstützung der GIZ Früchte trägt.

Text und Fotos
Simon Marks

„Das Einzigartige an dieser Ausbildung ist, dass die Klassen gemischt sind.“

 Melesse Yigzaw (45), Schulleiter an der Nefas-Silk-Berufsschule in Addis Abeba

Durch berufliche Qualifikationen sorgen wir dafür, dass Flüchtlinge Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Äthiopien bekommen. Das Einzigartige an unserer Ausbildung ist, dass es keinen separaten Lehrplan für Flüchtlinge gibt, sondern die Klassen gemischt sind. Wir ermutigen Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichem Hintergrund, sich gegenseitig zu helfen. Einige der Flüchtlinge haben einschneidende Erfahrungen in ihrem Leben gemacht. Damit unsere Lehrkräfte sie umfassend betreuen können, vermitteln wir ihnen auch Fähigkeiten in psychosozialer Unterstützung und Konfliktmanagement. Wir arbeiten mit privaten Unternehmen zusammen, so dass unsere Auszubildenden bestmöglich auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Diejenigen, die nicht in ein Unternehmen gehen, bereiten wir auf die Selbstständigkeit vor. Jedes Jahr organisieren wir einen Wettbewerb, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Businessplan erstellen. Wer gewinnt, erhält Unterstützung für die Firmengründung durch unsere Berufsschule und die GIZ. Wir waren bisher sehr erfolgreich bei der Integration von Flüchtlingen und haben insgesamt mehr als 200 Menschen qualifiziert. Die gemeinsame Ausbildung bereichert auch unsere Lehrmethoden. Die Leute kommen mit sehr unterschiedlicher Lebenserfahrung und sozialem Hintergrund hierher. Zu sehen, wie Menschen sich helfen, die zum Teil nicht einmal dieselbe Sprache sprechen, ist einzigartig an unserer Schule. Wir überwinden Sprachbarrieren, indem mehrsprachige Schülerinnen und Schüler die anderen als Sprachcoach unterstützen. Ich freue mich wirklich über unseren Erfolg und unsere Partnerschaft mit der GIZ, die uns bei dieser Ausbildungsmission unterstützt. Wir bieten inzwischen Trainings und Fachwissen in vielen verschiedenen Bereichen an – von der Lebensmittelzubereitung bis zum Fahrzeugbau. Während der ersten Monate der Corona-Pandemie musste der Unterricht zwar pausieren, aber es ist uns gelungen, trotz dieser Krise unsere Absolventinnen und Absolventen in Beschäftigung zu vermitteln. Das ist ein großer Erfolg.“


 

„Ohne meine Arbeit wäre ich während der Pandemie verloren gewesen.“

Yonas Hailemariam (33), eritreischer Flüchtling,  Absolvent der Nefas-Silk-Berufsschule und Mitarbeiter bei „Tom E-Bike“, einem Unternehmen für Elektrofahrzeuge

„Lange Zeit habe ich in einem Flüchtlingslager im Norden Äthiopiens gelebt, nachdem ich Eritrea verlassen hatte. Letztes Jahr trat ich in das integrierte Ausbildungsprogramm der Nefas-Silk-Berufsschule in Addis Abeba ein und spezialisierte mich auf das Schweißen. Dadurch, dass ich mit Menschen aus verschiedenen Ländern und Äthiopiern ausgebildet wurde und jetzt zusammenarbeite, fühle ich mich nicht mehr fremd und als Außenseiter. Ich bin inzwischen mit meinen Kolleginnen und Kollegen befreundet. Wir essen zusammen und lernen zusammen. Damit man als Flüchtling eine Beschäftigung findet, ist es unerlässlich, eine positive Einstellung zur Umgebung aufzubauen. Ich habe in der Vergangenheit extrem herausfordernde Situationen durchlebt und habe bereits Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen erhalten. Aber die Erfahrung in dieser Ausbildung ist völlig anders, weil ich dank dem Abschluss eine Anstellung gefunden habe. Während der Corona-Pandemie wurde es insgesamt noch schwieriger für uns Flüchtlinge. Deshalb weiß ich es umso mehr zu schätzen, dass ich in dieser Zeit weiterarbeiten konnte. Ohne meine Arbeit wäre ich verloren gewesen. Ich bin mit der Ausbildung sehr zufrieden, da sie an der Praxis ausgerichtet war. Die Arbeit bei Tom E-Bike gibt mir die Möglichkeit, zur grünen Wirtschaft des Landes beizutragen. Die Arbeit mit Elektromotoren ist in Äthiopien neu, die Nachfrage wächst. Das bietet uns eine gute Arbeitsperspektive.“


 

„Ich will meine eigene Firma gründen und andere Frauen ermutigen.“

Emamey Wenduante (20), Äthiopierin, Absolventin der Nefas-Silk-Berufsschule und Mitarbeiterin bei „Tom E-Bike“

„Nach meinem Schulabschluss bin ich auf die Nefas-Silk-Berufsschule gegangen, um eine dreijährige Ausbildung zur Mechatronikerin zu absolvieren. Seit meinem Abschluss im Januar 2020 arbeite ich bei Tom E-Bike. Während der Ausbildung erhielt ich viel theoretisches Wissen. Bei Tom E-Bike kann ich das Gelernte in die Praxis umsetzen. Ich baue jetzt Elektrofahrzeuge zusammen. Ich kenne den gesamten Prozess, vom Motor über die Elektrik bis hin zur Karosserie. Es ist schon etwas Besonderes, dass ich nach meinem Abschluss an der Berufsschule eine Arbeitsstelle gefunden habe. Viele junge Leute in Äthiopien gehen zur Schule oder Universität, haben dann aber Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Mir ist es gelungen, diese Hürde zu überwinden, weil es eine direkte Verbindung zwischen der Ausbildungsstätte und Unternehmen gab. Das ist ein enormer Vorteil. Mein Ziel für die Zukunft ist es, meine eigene Firma zu gründen und als selbstständige Unternehmerin zu arbeiten. Ich bin stolz darauf, zu den wenigen Frauen zu gehören, die im Bereich Automechanik tätig sind. Ich möchte andere Frauen ermutigen, in meine Fußstapfen zu treten. Zuerst dachte ich, es wäre sehr schwierig, in diesem Bereich und in diesem Umfeld zu arbeiten. Aber jetzt stelle ich fest, dass es nicht so herausfordernd ist. Jede Frau kann das tun.“


 

„Ich weiß, wie es ist, Flüchtling zu sein.“

Thomas Meskel (50), Geschäftsführer von „Tom E-Bike“ in Addis Abeba

„Ich war selbst ein Flüchtling und habe als Wanderarbeiter in elf afrikanischen Ländern gearbeitet, bevor ich in die USA emigrierte. Schließlich habe ich mich für die Rückkehr in meine Heimat entschieden. Ich will in Äthiopien etwas gegen die Armut tun. Zu arbeiten und Flüchtlingen zu helfen, ist etwas, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte. Noch kann ich nur wenige Flüchtlinge einstellen, aber in Zukunft will ich mehr von ihnen einen Arbeitsplatz geben. Weil ich weiß, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Mit der Montage von Elektrofahrzeugen kommen wir sehr gut voran. Wir sind zwar ein kleines Unternehmen und haben in unserer Werkstatt nicht viel Platz, dennoch arbeiten wir mit der Nefas-Silk-Berufsschule und der GIZ zusammen. Und auf diese Weise gelingt es mir, Flüchtlinge auszubilden und einzustellen. Von 55 Angestellten sind 15 Flüchtlinge. Ich bin der Beweis, dass das funktionieren kann. Wir respektieren uns gegenseitig. Es ist gleich, woher jemand kommt. Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren waren Äthiopier und Eritreer Feinde. Aber heute sind wir in meiner Werkstatt ein Team und wir sprechen die Sprache des anderen. Manchmal kommen wir zusammen und feiern miteinander. Für mein Unternehmen bin ich optimistisch. Elektrofahrzeuge werden in der Zukunft einen sehr großen Markt haben. Meine Beschäftigten haben also gute Aussichten. Ich muss sagen, dass die Flüchtlinge sehr gut lernen und ambitioniert sind. Als ich dieses Geschäft vor fünf Jahren begann, wurde mir klar, dass ich dazu beitragen muss, das Niveau der Arbeitskräfte in Äthiopien zu erhöhen. Bisher gibt es hier zwar viele Arbeitskräfte, aber auf berufliche Qualifikation wurde nicht ausreichend Wert gelegt. Aber das ändert sich. In Zukunft möchte ich expandieren und die Team­arbeit voranbringen. Die Zusammenarbeit mit der Nefas-Silk-­Berufsschule ist eine großartige Möglichkeit, dies zu erreichen. Die Schülerinnen und Schüler dort sind aktiv und jung – und ihre Ausbildung orientiert sich direkt am Arbeitsmarkt.“

„Wir haben bisher in unserem Projekt 1.200 Menschen erreicht, 6.500 sollen es bis Mitte 2023 werden.“

 

EIN MUSTER FÜR INTEGRATION
Äthiopien, das etwa 800.000 Flüchtlinge beherbergt, ist eines der größten Aufnahmeländer Afrikas. Es steht vor großen Herausforderungen, wenn es darum geht, Arbeitsplätze und Chancen für Flüchtlinge zu finden. Gleichzeitig suchen jedes Jahr Tausende junger Äthiopier*innen eine Beschäftigung. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt die GIZ die äthiopischen Bemühungen, Flüchtlinge in die Berufsbildung zu integrieren und gemeinsam mit Äthiopier*innen für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Das Vorhaben wird durch die Norwegische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (Norad) kofinanziert und trägt zur Sonderinitiative des BMZ „Fluchtursachen mindern – Flüchtlinge reintegrieren“ bei. In Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Ministerium für Wissenschaft und Höhere Bildung wurden Lehrpläne überarbeitet und Unternehmen stärker beteiligt. Die Nefas-Silk-Berufsschule in Addis Abeba ist eine Vorreiterin. Dort konnten bereits mehr als 200 Flüchtlinge und Äthiopier*innen das reformierte Ausbildungsprogramm absolvieren. Ähnliche Programme laufen in vier weiteren Regionen Äthiopiens an und kommen mittelfristig 6.500 Menschen zugute.

 

Tobias Erbert, GIZ-Projektleiter. Das vollständige Interview finden Sie exklusiv hier
Kontakt: tobias.erbert@giz.de

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