Arabischer Frühling | Digitalisierung

„Plötzlich gab es das Gefühl, frei sprechen zu können“

Vor zehn Jahren stürzte der tunesische Präsident Ben Ali – ein wichtiger Erfolg des „Arabischen Frühlings“. Heute sind allerdings viele Tunesier enttäuscht, auch angesichts der schwierigen Wirtschaftslage. Doch Amel Saidane, Vorsitzende des tunesischen Startup-Verbands und Vorstandsmitglied in der UN-Wirtschaftskommission für Afrika, sieht Chancen durch die digitale Transformation.

Text
Gemma Pörzgen

Sie haben den Arabischen Frühling in Tunesien hautnah miterlebt. Wie ist Ihre persönliche Erinnerung an diese Zeit?
Ich verbinde diese Umbruchzeit mit sehr intensiven Gefühlen. Es gab eine große Euphorie und Hoffnung, aber auch Angst – sogar um unser Leben. Früher haben wir zuhause, wenn über Politik geredet wurde, richtig leise gesprochen. Weil man nie wusste, wer mithört. Plötzlich gab es das Gefühl, endlich frei sprechen zu können. Wir spürten alle, dass es eine einzigartige Möglichkeit war, unser Land aufzubauen – das neue Tunesien. Viele Landsleute kamen aus dem Ausland zurück. Diese Stimmung trug uns über die ersten Jahre.

Welche Rolle spielten die sozialen Medien in diesem Umbruch?
Auf einmal waren alle in den sozialen Medien unterwegs. Ich weiß noch, wie ich meinen Facebook-Account im Dezember 2010 eingerichtet habe, damit ich alles mitbekomme und mich selbst äußern kann. Wenn ich zurückdenke, waren wir alle noch relativ unerfahren, aber es war ein cooles Gefühl. Die sozialen Medien waren Träger der Information, denn in den offiziellen Medien wurde alles totgeschwiegen. Online-Medien wurden immer intensiver genutzt, die Leute haben gebloggt, waren auf YouTube und wurden Influencer.

Amel Saidane

Amel Saidane (41) ist die Vorsitzende des tunesischen Startup-Verbands und Vorstandsmitglied in der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. Die Elektroingenieurin studierte in Deutschland und in den USA, arbeitete bis 2013 in Tunesien für multinationale Unternehmen wie Microsoft, Siemens und Nokia, bevor sie selber zur Gründerin von Startups wurde. Zuletzt entwickelte sie das Beratungsunternehmen „Betacube“, das andere Startups beim Gründungsprozess und in ihrer Entwicklung begleitet.

Welche Veränderungen hat diese digitale Revolution bewirkt?
Man konnte sich leicht vernetzen. Facebook wurde zum öffentlichen Raum, auch für Kreativität und Kunst. Wir haben Tunesisch wiederentdeckt, denn ursprünglich waren Arabisch und Französisch die offizielle Sprache. Auf einmal wurden Blogs auf Tunesisch geschrieben. Es wurde plötzlich viel debattiert, auch über Themen, die vorher nie in Frage kamen.

War das eine Entwicklung, die Sie vor allem in der Hauptstadt Tunis in einer bestimmten Gesellschaftsschicht erlebt haben oder eine landesweite Veränderung?
Das war überall im Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, etwa 6,4 Millionen Menschen, hatte einen Internetzugang. Und wer im Internet war, war auch auf Facebook. Das zeigt, wie offen die Tunesier für die Digitalisierung sind. Ein Vorteil vieler Länder in Afrika ist, dass manches leichter geht als in Europa. Anders als in Deutschland haben wir überall Antennen und überall Internet.

„Die Digitalisierung ermöglicht für alle Inklusion und Teilhabe.
Das sollte man noch viel besser nutzen.“

Gilt das für alle Bevölkerungsschichten?
Die Leute sind alle im Netz und offen für digitale Dienstleistungen. Das hängt nicht von der Bildung ab. Ich kenne eine Putzfrau, die hat sich ein Smartphone gekauft, obwohl sie nicht lesen und schreiben kann. Sie ist auf Facebook, nutzt Voice-Messages und bestellt alles im Internet. Klappt prima. Die Digitalisierung ermöglicht für alle Inklusion und Teilhabe. Das sollte man noch viel besser nutzen.

Sie selbst haben sich 2013 entschieden, bei Microsoft auszusteigen, selbst zu gründen und sich der Startup-Szene zu widmen. Wieso?
Es entsprach der Stimmung dieser Zeit, etwas Anderes anzufangen. Ohne die Revolution wäre die Startup-Szene so nicht entstanden. Das war der wirtschaftliche Raum, in dem sich viele Tunesier unternehmerisch entfalten konnten. Viele von uns wussten allerdings noch nicht, wie das alles funktioniert. Die Weltbank bestätigt, dass ein tunesischer Unternehmer etwa 35 Prozent seiner Zeit mit Bürokratie verbringt. Auch Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten sind in Tunesien schwierig. Deshalb haben wir uns als eine Gruppe junger Unternehmen entschieden, 2016 einen Startup-Verband zu gründen. Wir vertreten darin unsere Interessen und die Regierung hat einen festen Ansprechpartner. So haben wir an dem neuen Startup-Gesetz mitgewirkt, das die Gründung neuer Unternehmen vereinfacht. Heute sind 400 Startups im Verband organisiert, die das Gütesiegel „StartupAct label“ erhalten haben und dadurch bestimmte Vorteile genießen. Ein Viertel dieser Firmen wurde von Frauen gegründet.

Welches Potential bietet die Digitalisierung für eine Entwicklung Tunesiens in der Zukunft?
Die Startup-Szene und die digitale Transformation sind eine der wenigen Chancen für Tunesien, in der globalen Wirtschaft einen Platz zu finden. Viele traditionelle Industrien haben keine Zukunft mehr. Deshalb ist die Startup-Szene so wichtig. Aber es fehlt der Regierung eine Vision für die Zukunft. Es wird viel darüber geredet bei irgendwelchen Konferenzen, aber zu wenig umgesetzt. Es fehlt auch ein Narrativ. Wenn man an Tunesien denkt, sollte man an Leute denken, die innovativ und smart sind, digital auf der Höhe der Zeit. Und nicht mehr nur an Kamele und Sonne.

„Die Startup-Szene und die digitale Transformation sind eine der wenigen Chancen für Tunesien, in der globalen Wirtschaft einen Platz zu finden.“

Wenn sie zurückdenken an die Aufbruchsstimmung des Arabischen Frühlings, würden Sie heute sagen, dass sich viele Hoffnung erfüllt haben oder sind sie enttäuscht?
Natürlich bin ich sehr enttäuscht, denn die Startup-Szene bleibt eine Blase, wenn sie mit dem Rest der Wirtschaft nicht stärker verbunden wird. Leider ist die wirtschaftliche Entwicklung in Tunesien ein Desaster im Vergleich zu den Möglichkeiten, die das Land hätte. Viele in meiner Umgebung haben die Hoffnung schon verloren und fragen sich, ob sie weggehen. Dabei sind die Tunesier ihrer Heimat eigentlich sehr verbunden und würden bleiben, wenn es hier bessere Perspektiven gäbe. Tunesien hat sehr viel Lebensqualität und man könnte von hier aus digital gut mit Unternehmen im Ausland zusammenarbeiten. Aber das kann sich alles immer noch zum besseren wenden. Dafür ist politischer Mut ebenso nötig wie Geschick in der Umsetzung sowie Vertrauen in eine neue Generation von Innovatoren.

Januar 2021