Arbeitsmarkt in Ägypten

Neue Jobs für die Jugend

Jeder vierte Ägypter unter 24 Jahren hat keinen Job. Ein deutsch-ägyptisches Beschäftigungsbündnis gibt ihnen Hoffnung auf einen Arbeitsplatz.

Text: 
Jürgen Stryjak
Foto: 
Axel Krause

Vier Arme sind in die Höhe gestreckt, in jeder Hand ein anderes Werkzeug – Bohrmaschine, Hammer, Zollstock und Zange. Das Poster bedeckt fast die gesamte Wand hinter dem Empfangstisch. Die Botschaft ist klar: Hier, in den Räumen des Nationalen Beschäftigungspakts, werden Arbeitsplätze vermittelt.

Es ist zehn Uhr morgens. Der Empfangsbereich des Jobcenters ist voller junger Ägypter, die eine Arbeit suchen. Ibrahim Sabri ist zum ersten Mal hier. Der 28-Jährige hat gerade geheiratet und wird demnächst Vater. Er betreibt eine kleine Schneiderei, aber die Einkünfte reichen nicht zum Leben. Menschen wie ihm will das Bündnis bei der Arbeitssuche helfen. Für Hochschulabsolventen gibt es private Vermittlungsagenturen und Internetportale, aber einfache Arbeiter finden Jobs nur, wenn sie zufällig etwas hören oder von Firma zu Firma laufen. Ein staatliches Arbeitsamt gibt es nicht.

Drei Jobcenter im Großraum Kairo

Ein Helfer verteilt Infozettel zu den Jobcentern an junge Menschen in den Straßen Kairos

Ein Helfer verteilt Infozettel zu den Jobcentern des National Employment Pact an junge Menschen in den Straßen Kairos.

Das Jobcenter liegt in der siebten Etage eines Bürohauses im Stadtteil Dokki. Es ist eines von drei im Großraum Kairo. Nach der Revolution 2011 stellten sich Unternehmensvertreter die Frage, was Ägypten in der Umbruchphase besonders dringend braucht. Ihre Antwort: Arbeitsplätze. Das war die Geburtsstunde des Beschäftigungspakts. Zwölf deutsche und ägyptische Unternehmen sind in seinem Leitungskomitee vertreten, darunter Siemens, BASF und die Hassan Allam Holding. Die GIZ unterstützt den Pakt seit 2011 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Auswärtigen Amts. Seit 2015 ist das Projekt Teil der vom BMZ ins Leben gerufenen Sonderinitiative zur Stabilisierung und Entwicklung in Nordafrika und Nahost. Die GIZ entwickelt Bewerbungstrainings, aber auch Lehrpläne für zertifizierte Arbeitsvermittler. Bislang wurden 55 Ägypter ausgebildet, die nun in den Jobcentern als Vermittler zum Einsatz kommen.

Offiziell beträgt die Arbeitslosenrate in Ägypten rund 13 Prozent. Allerdings arbeitet jeder zweite Beschäftigte in der Schattenwirtschaft, ohne Sozial- und Krankenversicherung und ohne Arbeitnehmerrechte. Besonders schwer haben es junge Leute. Das Angebot des Bündnisses richtet sich deshalb gezielt an Bewerber bis 35 Jahre: Ihnen vermittelt es seriöse Jobs mit sozialer Absicherung.

Jobs im Fokus

Mit der Sonderinitiative zur Stabilisierung und Entwicklung in Nordafrika und Nahost schafft das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Perspektiven. Seit 2014 hat das Ministerium mehr als 200 Millionen Euro für Projekte unter anderem zur Jugendbeschäftigung, wirtschaftlichen Stabilisierung und Demokratisierung bereitgestellt.

Ibrahim Sabri gehört zu dieser Zielgruppe. Er möchte als Fahrer arbeiten und beantwortet im Jobcenter Fragen nach seinen Fähigkeiten, Interessen und Wünschen. Er erfährt, dass er ein zweitägiges Vorbereitungstraining absolvieren muss, das die Bewerber fit für den Arbeitsmarkt machen soll. Hinter der gläsernen Wand des Seminarraums hat gerade eines begonnen, mit einem Musikvideo des populären Künstlers Ahmed Mekky. „Versuch nie, jemand anders zu sein als du selbst“, heißt es darin, „vertrau dir!“

Training für das Bewerbungsgespräch

Die 24 Teilnehmer lernen ihre Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer kennen. Sie erfahren, wie sie bei Bewerbungsgesprächen auftreten sollten, und vor allem, was die Unternehmen von ihnen erwarten. Eine der Teilnehmerinnen ist Fatma Maged. „Ich hatte vorher schon viel von dem Jobcenter gehört“, erzählt die 22-Jährige, „ich habe Leute getroffen, die davon geschwärmt haben.“ An dem Training gefällt ihr besonders, dass die Referenten zu mehr Selbstbewusstsein und Entschlossenheit ermuntern.

Der Beweis dafür, dass dies die Bewerber für Arbeitgeber tatsächlich attraktiv macht, liegt zwölf Kilometer Luftlinie weiter, in dem Unternehmen Samaya Electronics Egypt im Kairoer Stadtteil Nasr City. Die Personalkoordinatorin Basma Abbas erklärt, warum sie so gern Bewerber nimmt, die das Beschäftigungsbündnis ihr schickt. „Als ich vor einem Jahr hier begann, empfahl mir meine Chefin sofort, mit dem Nationalen Beschäftigungspakt zu kooperieren“, erinnert sich die junge, resolute Frau, die für die Einstellung von Produktionsarbeitern zuständig ist. „Arbeiter, die von dort kommen, sind engagierter und arbeiten besser.“

Ständiger Bedarf an neuen Arbeitskräften

Die Firma produziert Radios, Zentralverriegelungen und andere Elektronikbauteile für Autohersteller, unter ihnen Mitsubishi, Alfa Romeo und Renault. Sie hat mehr als 500 Beschäftigte, stellt aber derzeit pro Monat rund 50 weitere ein. Es besteht ein ständiger Bedarf an neuen Arbeitskräften. Rund ein Drittel von ihnen kam im vergangenen Jahr über den Beschäftigungspakt.

Die Produktionshallen wirken aufgeräumt. Überall im Haus wird gerade geputzt, im gesamten Gebäude riecht es nach Desinfektionsmitteln. Die Mitarbeiter tragen Polohemden in verschieden Farben – die der Teamleiter sind rot, die der Qualitätskontrolleure grün. Offenbar wird bei Samaya wenig dem Zufall überlassen.

Soziale Sicherheit und eine Perspektive

So scheint es logisch, dass Basma Abbas gern mit dem Bündnis kooperiert, denn dessen Arbeitsvermittler treffen eine Vorauswahl. Das vergrößert die Chancen der Bewerber und nutzt den Unternehmen. Dass die Personalkoordinatorin studierte Psychologin ist, hilft ihr, im Gespräch mit Arbeitssuchenden zu beurteilen, wie ernst sie ihre Bewerbung meinen. Jeder dritte neue Arbeiter kündigt innerhalb kurzer Zeit wieder, zum Beispiel weil der Arbeitsweg zu lang ist.

Ihre Firma biete soziale Sicherheit und eine Perspektive, sagt Basma Abbas. „Aber die Mentalität der Produktionsarbeiter unterscheidet sich von jener der Fach- und Hochschulabsolventen. Sie haben keine Karrierepläne, obwohl wir ihnen Chancen eröffnen.“ Zu Arbeitern, die kündigen, bevor sie eine neue Stelle haben, sagt sie: „Warum willst du zu Hause rumsitzen? Bewirb dich doch wenigstens aus der festen Anstellung heraus.“

Auf einer Jobmesse erfuhr er vom Beschäftigungspakt

Mahmoud Sobhy hat gerade die Nachtschicht hinter sich, es ist acht Uhr früh. Draußen auf der Straße bringen Firmenbusse im Sekundentakt Arbeiter auf das Gelände der „Nasr City Free Zone“, einer Freihandelszone, in der neben Samaya noch etliche andere Unternehmen angesiedelt sind. Sobhy trägt ein Polohemd in der blauen Farbe der sogenannten Produktionsassistenten. Seit September 2014 arbeitet der 22-Jährige hier. Zuvor jobbte er in einer Druckerei, in einer Molkerei sowie in einem Bekleidungsladen. Auf einer Jobmesse, die der Beschäftigungspakt in seinem Viertel veranstaltete, erfuhr er von dem Arbeitsvermittlungsprojekt.

Wie bewirbt man sich? Was erwarten die Unternehmen? Im Jobcenter gibt es Antworten. Die Firma Samaya Electronics Egypt stellt gern Arbeiter ein, die vom Bündnis kommen. Gewissenhaft: Mahmoud Sobhy kontrolliert Elektronikteile. Ein Helfer verteilt Infozettel zu den Jobcentern an junge Menschen in den Straßen Kairos.  Bildergalerie: Der Nationale Beschäftigungspakt schafft neue Jobchancen in Ägypten.

Im Stadtteil Warraq, wo Sobhy wohnt, sind viele junge Menschen arbeitslos. Sie sitzen zu Hause oder in den Kaffeehäusern und wissen nicht, wie sie einen Job finden sollen. Genau solche Leute will das deutsch-ägyptische Beschäftigungsbündnis erreichen. Es verteilt Infoblätter, veranstaltet Messen und ermuntert Arbeitssuchende, in eines seiner Jobcenter zu kommen – so wie es auch Mahmoud Sobhy getan hat. Dort hat ihm besonders das Vorbereitungstraining gefallen: „Man ist uns mit Respekt begegnet. Der erste Tag war noch gar nicht vorbei, da habe ich mich schon auf den zweiten gefreut.“

Sozialversicherung und 21 Tage Urlaub

Danach ging alles sehr schnell. Das Jobcenter organisierte ein Vorstellungsgespräch für ihn bei der Autozulieferfirma, er wurde eingestellt und kontrolliert seitdem die Produkte am Ende eines Montagebandes. Er genießt es, Teil eines funktionierenden Systems zu sein. „Ich habe das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun, weil ich Geräte herstelle, die für bekannte Automarken sind.“

Mahmoud Sobhy ist nun sozialversichert und hat 21 Tage Urlaub im Jahr. Das Kantinenessen und die Fahrt mit dem Firmenbus sind kostenlos, Überstunden werden bezahlt. Eine Krankenversicherung gibt es nicht, aber wenn Mitarbeiter erkranken, werden sie bei Vertragsärzten und in Vertragskliniken auf Firmenkosten behandelt. Nur der Arbeitsweg ist Sobhy zu lang. Für die 30 Kilometer von Warraq bis zum Werkstor in Nasr City braucht er zwei Stunden, weil er erst am Hauptbahnhof in den Firmenbus umsteigen kann.

Deshalb spielt er mit dem Gedanken, sich eine neue Stelle zu suchen. Vielleicht bekommt er dort auch mehr Geld. Sein Monatsgehalt bei Samaya beträgt umgerechnet knapp 120 Euro, ein marktübliches Gehalt. „Natürlich nehme ich was Besseres, wenn ich was Besseres finde.“ Noch weiß er nicht, wann er mit der Suche beginnen wird. Sicher ist nur, betont er, dass er dafür auf jeden Fall wieder zu einem Jobcenter des Beschäftigungspakts gehen wird.

Ansprechpartner: Khaled Karara > khaled.karara@giz.de

aus akzente 4/15

 

Ägypten Karte

FÜR GUTE, SICHERE ARBEIT

Projekt: Teilhabe durch Beschäftigung – Den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern
Land: Ägypten
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Nationale Partner: Nationaler Beschäftigungspakt, Dachverband für wirtschaftliche Entwicklung
Laufzeit: 2014 bis 2017

Die Arbeitslosigkeit in Ägypten ist hoch, insbesondere unter jungen Menschen. Zugleich finden viele Unternehmen keine geeigneten Mitarbeiter. Die GIZ unterstützt den Nationalen Beschäftigungspakt dabei, bessere Vorbereitungs- und Vermittlungsangebote zu entwickeln. Zugleich berät sie den Dachverband für wirtschaftliche Entwicklung, wie sich die Qualität der Jobs in der verarbeitenden Industrie erhöhen lässt. Die GIZ unterstützt das Projekt seit 2011 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und des Auswärtigen Amts. Inzwischen haben die Partner mehr als 4.000 Ägypter und Ägypterinnen in einen Job vermittelt. Jeden Monat kommen 130 weitere hinzu. Rund 500 Unternehmen nutzen die Dienstleistungen des Pakts.
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