Parlamentarisches Patenschafts-Programm

Mit anderen Augen

Wie ein deutsch-amerikanisches Austauschprogramm neue Einblicke in die Mentalität und Kultur des Gastlandes gibt.

 Linda Krafft aus Niedersachsen,  22 Jahre, Kauffrau für Büromanagement

Linda Krafft aus Niedersachsen, 22 Jahre, Kauffrau für Büromanagement

„Ich wollte unbedingt Auslandserfahrung sammeln und mein Englisch verbessern. Nachdem ich in einem Zeitungsbericht vom Parlamentarischen Patenschafts-Programm gelesen hatte, habe ich mich beworben. Jetzt lebe ich in einer kleinen Stadt in Iowa bei sehr netten Gasteltern. Mit ihnen unternehme ich viel, sie haben mich unter anderem zu einem Footballspiel mitgenommen – dem ersten meines Lebens.

„Die jungen Leute hier können kaum glauben, dass ein Studium in Deutschland nicht so viel Geld kostet wie in den USA.“

Bei meinen Gasteltern bekomme ich auch Einblick in die Probleme der Mittelschicht – etwa, wenn jemand krank wird und die Kosten gleich erschreckend hoch sind. Ich arbeite inzwischen am örtlichen College in der Bibliothek, hier komme ich auch mit den Studenten ins Gespräch. Sie sind sehr am deutschen Bildungssystem interessiert und fragen mich aus. Sie können es kaum glauben, dass ein Studium in Deutschland nicht so viel Geld kostet wie in den USA. Nach meiner Rückkehr will ich Englisch studieren und Lehrerin werden. Die Zeit hier hat mich darin bestärkt.“ —

„Man überzeugt in Amerika nicht durch Zeugnisse oder Abschlüsse. Man muss zeigen, was man kann.“

 FABIAN ROCKEL aus Nordrhein-Westfalen,  24 Jahre, Kfz-Mechatroniker

Fabian Rockel aus Nordrhein-Westfalen, 24 Jahre, Kfz-Mechatroniker

„Als ich mich in Cincinnati/Ohio auf die Suche nach einem Job gemacht habe, musste ich in den dortigen Betrieben erst einmal erklären, wie das deutsche Ausbildungsprinzip funktioniert. Das duale System kennt man in den USA so nicht. Man überzeugt in Amerika nicht durch Zeugnisse oder Abschlüsse. Man muss zeigen, was man kann. Aber mit meinem Wissen und Können hatte ich nach dem Sprachkurs und der Zeit auf dem College kein Problem, einen Job zu finden.

Ich arbeite in Cincinnati inzwischen bei einem Autohändler. Die Menschen hier sind sehr offen und freundlich. Die Arbeitszeiten haben mich aber überrascht. 50 bis 60 Wochenstunden sind für viele amerikanische Kollegen ganz normal. Und wer krank ist, bekommt die Fehlzeit vom Lohn abgezogen. Alle reden vom amerikanischen Traum, aber ich habe erlebt, dass dahinter vor allem sehr viel Arbeit steckt. Ich sehe das jetzt mit anderen Augen und kann das Leben in Deutschland viel mehr schätzen als vor meinem Aufenthalt in den USA.“ —

„Deutsche sind vorbildlich bei erneuerbaren Energien und im Umweltbewusstsein.“

 KAIT KINSEY aus Maine,  25 Jahre, Radiologieassistentin

Kait Kinsey aus Maine, 25 Jahre, Radiologieassistentin

„Ich durfte mein Gastland Deutschland sogar schon mal vertreten: bei einem Rollenspiel auf der Konferenz ‚International Model United Nations‘ in Bonn. Wir sollten eine fiktive Nahrungskrise managen, und meine Rolle war nicht einfach. Deutschland ist eines der führenden Länder der westlichen Zivilisation. Deshalb wurde von mir erwartet, neutral zu bleiben und Rücksicht auf andere Nationen zu nehmen. Gleichzeitig musste ich bedenken, was für Deutschland richtig ist. In meiner Zeit hier habe ich schon mitbekommen, wie Deutsche ticken.

Ich weiß zum Beispiel, wie wichtig für sie gute Qualität bei Lebensmitteln ist. Sie schätzen Bioprodukte und wollen wissen, woher alles kommt. Sie sind auch vorbildlich bei erneuerbaren Energien und im Umweltbewusstsein. In diesem Sinne wollte ich beim Rollenspiel eine gute Problemlöserin sein – denn so sehe ich die Deutschen. Mich begeistert auch die deutsche Kultur. Und dazu gehört natürlich das Essen. Das ist hier wichtig. Gerade eben noch habe ich mit meinen Arbeitskollegen im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau darüber gesprochen, wie viele verschiedene Grüße es hier zur Essenszeit gibt: ‚Mahlzeit!‘, ‚Lass es dir schmecken!‘, ‚Guten Appetit!‘ Wir Amerikaner kennen das nicht.“ —

„Mich hat es berührt zu sehen, dass so viele Menschen für ihre Überzeugung auf die Straße gehen.“

 DANIELA VOGEL aus Bayern,  23 Jahre, Industriemechanikerin

Daniela Vogel aus Bayern, 23 Jahre, Industriemechanikerin

„Der Höhepunkt meiner Zeit in den USA? Ich konnte die Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump direkt in Washington, D. C. erleben. Der Kongressabgeordnete, bei dem ich gerade ein Praktikum absolvierte, hatte mir eine Karte für die Zeremonie besorgt. Und als Kontrast dazu war ich am Tag darauf beim ‚Million Women March‘, der großen Protestbewegung gegen Trump. Mich hat es berührt zu sehen, dass so viele Menschen für ihre Überzeugung auf die Straße gehen. Bis dahin war ich noch nie Zeugin eines besonderen politischen Moments geworden. Und dann so ein Erlebnis.

Zuvor hatte ich bereits an der Westküste der USA, im Bundesstaat Washington, den amerikanischen Alltag erlebt. Ich hatte dort bei einem Bauunternehmen in der Nähe von Seattle gearbeitet und bei meiner Gastmutter zusammen mit einer chinesischen Schülerin in einer multikulturellen WG gelebt. Besonders beeindruckt haben mich die zupackende Freundlichkeit der Amerikaner und natürlich die tolle Natur. Ich bin zum ersten Mal auf hohe Berge gestiegen – etwas, was ich früher nie getan hätte. Aber ich weiß jetzt: Wenn ich etwas wirklich will, dann kann ich es auch schaffen.“ —

„Auch wenn die USA einen isolationistischen Kurs eingeschlagen haben – die meisten Amerikaner spüren eine große Nähe zu Deutschland.“

 

Drake Jamali aus Illinois, 23 Jahre, Ausbildung in öffentlicher Verwaltung

„Ich war überrascht, wie international Deutschland ist. Ich lebe in der Nähe von Frankfurt am Main bei einer Gastfamilie mit äthiopischen Wurzeln. Mit mir wohnen dort indische Austauschstudenten. An Weihnachten haben wir alle zusammen gefeiert – eine bunte Truppe. In den USA sieht man Deutschland nicht unbedingt als Einwanderungsland, deshalb ist das eine interessante Erfahrung.

In Radolfzell am Bodensee, wo ich am Anfang meines Aufenthalts einen Sprachkurs machte, lebten bei meiner Gastmutter auch Flüchtlinge. Übrigens hat mir diese Gastmutter alles über Mülltrennung beigebracht – typisch deutsch. Ich weiß jetzt, was in den Kompost kommt und was in die Papiertonne. Während meiner Zeit am Bodensee habe ich den Wahlkampf in Deutschland miterlebt. Bei den Veranstaltungen ging es viel seriöser zu als in den USA. Überhaupt ist Politik oft ein Thema in meinen Gesprächen hier. Es ist nicht immer leicht zu erklären, weshalb die Leute einen bestimmten Politiker oder eine Partei wählen. Auch wenn die USA einen isolationistischen Kurs eingeschlagen haben – die meisten Amerikaner spüren eine große Nähe zu Deutschland.“  —

DAS PARLAMENTARISCHE
PATENSCHAFTS-PROGRAMM

 

Weg von der Oberfläche, hinein in die Lebenswirklichkeit eines anderen Landes: Das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) bietet jungen Menschen aus den USA und Deutschland die Möglichkeit, ein Jahr lang intensiv die Mentalität und Kultur des Gastlandes kennenzulernen. Damit werden die transatlantischen Beziehungen auch über persönlichen Austausch gestärkt. Viele Auszubildende und junge Fachkräfte haben sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht – unterstützt von der GIZ, die das interkulturelle Programm in Deutschland im Auftrag des Bundestages organisiert. Partner in den USA ist die Organisation „Cultural Vistas“, die vom amerikanischen Kongress beauftragt wurde. Das Besondere: Mitglieder beider Parlamente beteiligen sich in Form einer „Patenschaft“ persönlich am Programm und begleiten ihre Stipendiaten individuell, etwa durch Treffen oder Hospitanzen. Eine weitere Besonderheit: Das PPP richtet sich auch an junge Frauen und Männer, die bereits eine Berufsausbildung absolviert haben. Sie bekommen die Chance, mit einem Stipendium ins Ausland zu gehen. Damit wird eine Lücke bei den Austauschprogrammen geschlossen, die sonst vor allem für Schüler und Studierende vorgesehen sind.

 

www.usappp.de
Kontakt: Theo Fuß, theo.fuss@giz.de

DAS PROJEKT IN ZAHLEN

25.000 Teilnehmer
sind schon mit dem PPP ins Ausland gegangen.

 

5.300 junge Berufstätige
arbeiteten für ein Jahr im jeweiligen Gastland.

 

34 Jahre
läuft das Programm bereits.

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