Nachhaltige Landwirtschaft

Malawi setzt auf Vielfalt

Die Bauern in Malawi haben lange am Tabakanbau festgehalten – das führte zu einer gefährlichen Abhängigkeit. Nun steigen sie auf Sonnenblumen, Erdnüsse und Maniok um.

Text: 
Sofia Shabafrouz
Foto: 
Tristan Vostry

In einem dunklen Raum sortieren junge Männer und Frauen Tabakblätter nach Güteklassen. Sie tragen Atemmasken und Gummihandschuhe. Barnet Magombo findet die Schutzkleidung lästig. Er weiß aber, dass die Arbeit ohne sie gefährlich wäre. Die Ausrüstung schützt vor giftigem Nikotin, Pestiziden und Staub. Sie ist keineswegs Standard in Malawi, doch hier am Mwimba College of Agriculture ist das Tragen Pflicht. 

 

Vergangenheit und Zukunft: Landwirtschaftsstudent Barnet Magombo lernt zwar, mit dem Tabak umzugehen. Als Berater will er Bauern später jedoch zeigen, wie sie auch andere Pflanzen erfolgreich anbauen.

Magombo macht an der landwirtschaftlichen Fachschule im zentral gelegenen Dis­trikt Kasungu eine Ausbildung. Wie man den Tabak richtig erntet und trocknet, hat der 18-Jährige schon gelernt. Gerade legt er ein paar fertige Blätter auf fünf getrennte Haufen und macht sie bereit für die Auslieferung. Aus ganz Malawi wird vorsortierter Tabak zu den vier Auktionshallen im Land transportiert. Dort kaufen ihn internationale Tabakkonzerne auf, die drei größten sind Universal Corporation, Alliance One und Japan Tobacco International. Weltweit werden aus malawischem Tabak Zigaretten hergestellt. Doch seit einigen Jahren sinkt die Nachfrage und damit der Wert des Hauptexportprodukts von Magombos Heimat. Auch 2016 startete die Verkaufssaison mit Tiefpreisen. Ein Großteil des angebotenen Tabaks fand trotz guter Qualität keine Käufer. 

8,5 Millionen Malawier sind von Hunger bedroht

Magombo, dessen ältere Schwester Tabak anbaut, verfolgt die Entwicklung mit Sorge: „Die Kleinbauern bleiben immer öfter auf ihrer Ware sitzen.“ Dabei konnten sie mit Tabak bisher mehr einnehmen als mit jedem anderen Produkt. Viele Familien haben daher über Generationen hauptsächlich Tabak angepflanzt und als Einkommensquelle genutzt. Nun deckt ihr Verdienst häufig nicht einmal mehr die Kosten für Arbeit, Saatgut und Pflanzenschutzmittel. 

Hinzu kommt, dass das Land gegen eine Nahrungsmittelkrise kämpft. Schuld daran ist neben dem Klimaphänomen El Niño eine einseitig geförderte Landwirtschaft. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind etwa 8,5 Millionen Malawier wegen Ernteausfällen von Hunger bedroht – das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Ziemlich schlechte Aussichten, findet Magombo. „Die meisten Bauern wissen nicht über die Risiken einer Monokultur Bescheid“, sagt der angehende Landwirt. Er würde ihnen raten, neben Tabak auch verschiedene andere Pflanzen anzubauen, zum Beispiel Erdnüsse. „Das macht sie unabhängiger und notfalls auch satt.“

Wo kein Tabak wächst, ist Platz für Essbares

Die malawische Regierung ist angesichts der Krise alarmiert. Sie hat sich vorgenommen, das Land weniger abhängig vom Tabak zu machen. Wenn die Bauern andere Nutzpflanzen anbauen, erschließen sie sich damit weitere Einkommensquellen. So können sie auch in Jahren mit niedrigen Tabakpreisen ihre Familien ernähren – und zur besseren Lebensmittelversorgung im ganzen Land beitragen. Denn wo kein Tabak wächst, ist Platz für Essbares. Durch einen regelmäßigen Wechsel der angebauten Pflanzen bleiben zudem die Böden fruchtbarer.

Die GIZ berät die malawische Regierung dabei, ihre Strategie erfolgreich umzusetzen und Produktion sowie Ertrag im Land zu stärken. „Ein Netzwerk aus landwirtschaftlichen Beratern, Kleinproduzenten und lokalen Nahrungsmittelherstellern wird dies möglich machen“, sagt Projektleiter Florian Bernhardt über den Ansatz der „Grünen Innovationszentren“. Sie sind Teil der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. 

Der Fokus liegt auf Ölsaaten

Zwei landwirtschaftliche Fachschulen in Malawi, mit denen die deutschen Experten zusammenarbeiten, bilden junge, motivierte Landwirte wie Barnet Magombo zu Multiplikatoren aus. An Magombos Schule, einer Einrichtung der malawischen Stiftung für landwirtschaftliche Forschung und Beratung, haben schon 200 Studenten ihren Abschluss als landwirtschaftliche Berater gemacht. Als solche begleiten sie Kleinbauern im ganzen Land dabei, neben Tabak und Mais auch Sonnenblumen, Erdnüsse, Soja und Maniok anzubauen. Der Fokus liegt auf Ölsaaten, denn die lassen sich im Land gut weiterverarbeiten, zum Beispiel zu Speiseöl, einem Produkt, das weltweit gebraucht wird. 

Sonnenblumen statt Tabak.

Wenn der Agrarökonom John W. Jiyani über den Campus der Fachschule geht, sieht er sehr zufrieden aus. Vieles ist im ersten Jahr der Zusammenarbeit mit den deutschen Experten schon in Gang gekommen. „Die Bibliothek wurde mit Fachbüchern ausgestattet und ein Gebäude konnte saniert werden“, so Jiyani über die Neuerungen. „Ein Labor und zwei Ölpressen stehen nun zur Verfügung und eine solarbetriebene Bewässerungsanlage versorgt den Campus.“ Vor allem aber hat die Schule die einseitig auf Tabak ausgerichteten Lehrpläne angepasst und um Ölsaaten und Maniok ergänzt – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Auf Trainingsfeldern können sich die Studenten umfassend mit jeder Pflanzenart beschäftigen. Pro Jahr absolvieren hier von nun an 120 Fachschüler die erweiterte Ausbildung. 

Wissen über gute Anbaupraktiken weitergeben

Magombo möchte nach der einjährigen Grundausbildung weiterstudieren. In drei Jahren wäre er dann landwirtschaftlicher Berater. Als solcher will er den Tabakbauern sein Wissen über alternative Nutzpflanzen und gute Anbaupraktiken weitergeben. Andererseits möchte Magombo auch von ihnen lernen. Sein Traum ist es, später ein eigenes Stück Land zu kaufen, Arbeitskräfte einzustellen und einen nachhaltigen Landwirtschaftsbetrieb zu führen.

Rosemary und Sabnet Thauzeni sind überzeugt von der Idee, viele verschiedene Gewächse zu pflanzen.Sonnenblumen sind eine gute Alternative zum Tabak – denn das aus den Kernen produzierte Öl ist gefragt. Mais ist in Malawi bereits häufig zu finden.  Bildergalerie:Rosemary und Sabnet Thauzeni sind überzeugt von der Idee, viele verschiedene Gewächse zu pflanzen.

Auch das Natural Resources College (NRC) der Universität Lilongwe in der malawischen Hauptstadt bildet landwirtschafliche Berater aus. In den Lehrplänen dort ist der Tabak zwar noch zu finden, auf den Trainingsflächen allerdings schon nicht mehr. Dagegen gedeihen Sonnenblumen und Maniok prächtig. Im Bewässerungsgarten, der zum Campus gehört, stehen die Pflanzen in ordentlichen Reihen und sind saftig grün. Die Fachschule experimentiert erfolgreich mit Tröpfchenbewässerung. „Mit wenig Wasser erreichen wir eine große Wirkung“, sagt Timothy Gondwe stolz. In seinem dunklen Anzug kommt der Professor in der Mittagshitze ins Schwitzen. Wegen der Folgen des Klimawandels müsse die Fachschule auf wassersparende Lösungen zurückgreifen, erklärt Gondwe und deutet auf die Wassertanks, die mit Solarpumpen betrieben werden. Mit zwei neuen Trocknungsanlagen – einem mit Solarenergie betriebenen Gerät für Obst und Gemüse und einem weiteren Trockner für Getreide – kann die Ernte sicher weiterverarbeitet und vor Schädlingen und Schimmel geschützt werden. Auch ein motorbetriebener Handtraktor, den man wie einen Rasenmäher bedient, ist bei der Feldarbeit regelmäßig im Einsatz.

Möglichst viele Kleinbauern im ganzen Land erreichen

Das NRC sieht sich als Vorreiter und Multiplikator: „Wir führen technische Innovationen ein, testen sie und stellen sie Bauerngruppen vor“, so Gondwe. Auf diese Weise wollen die Experten möglichst viele Kleinbauern im ganzen Land erreichen: Bis 2018 sollen rund 17.000 Familien mit den neuen Methoden vertraut sein.

Das Dorf Khwidzi liegt nur wenige Kilometer von der Schule entfernt. Die dort lebenden Kleinbauern lassen sich von den Fachleuten beraten. Bislang sind die Arbeitsmethoden im Dorf einfach, die Aufgabenverteilung ist klar geregelt: Die Männer bestellen die Felder mit der Hacke, die Frauen pumpen Wasser aus dem Brunnen in Eimer. Von dem Handtraktor der Schule war das ganze Dorf begeistert, weil er das Auflockern der Ackerböden viel leichter macht. Eine Solarpumpe für die im Dorf neu erschlossene Wasserquelle ist bereits in Planung. Die Bauern erhoffen sich von diesen Veränderungen eine bessere Ernte. 

Austausch zwischen Bauern und Studenten

Studenten der Fachschule besuchen das Dorf regelmäßig. Sie sammeln praktische Erfahrungen und machen im Gegenzug die Bauern mit neuen Techniken und Ansätzen vertraut. Sie vermitteln, was sie im Studium gelernt haben – etwa wie mit Hilfe von Kompost teure Düngemittel eingespart werden können. Einen kleinen Komposthaufen hat das Bauernpaar Rosemary und Sabnet Thauzeni schon angesammelt. Sabnet Thauzeni leitet eine Bauerngruppe und kommt gerade von einer Schulung zurück. „Viele Bauern, die mit Tabak nur noch Verluste machten, steigen jetzt auf den weniger aufwendigen und kostengünstigeren Anbau von Ölsaaten um“, berichtet er.

Der Anbau der Thauzenis ist bereits recht vielfältig: Sie pflanzen Erdnüsse, Mais und Soja an. Außerdem halten sie Hühner und Ziegen. Sabnet Thauzeni ist überzeugt: „Die neuen Feldfrüchte und die besseren Techniken helfen wirklich, ein ganzes Dorf voranzubringen.“

Ansprechpartner: Florian Bernhardt  > florian.bernhardt@giz.de

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Malawi Karte

NEUES WISSEN

Projekt: Grüne Innovationszentren in der Agrar- Und Ernährungswirtschaft
Land: Malawi
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Politischer Träger: Malawisches Ministerium für Industrie, Handel und Tourismus
Laufzeit: 2015 bis 2019

Nie wurden so viele Lebensmittel geerntet und produziert wie heute, und doch hungern noch immer viele Menschen weltweit, auch in Malawi. Ein Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt in einer modernen kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Die „Grünen Innovationszentren“ ermöglichen es den Bauern, neue Ansätze kennenzulernen und anzuwenden. Dabei geht es etwa um bessere Kühlketten oder effektiveren Dünger. Zudem nutzen die Bauern neue Formen der Zusammenarbeit, wie Erzeugergemeinschaften oder Interessenvertretungen. Damit sich solche Innovationen schnell verbreiten, vernetzt die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fachliche Partner im Land. „Grüne Innovationszentren“ gibt es neben Malawi auch in Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Ghana, Indien, Kamerun, Kenia, Mali, Nigeria, Sambia, Togo und Tunesien.
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