Essay - Agenda 2030

Kompass auch in Krisenzeiten

Die Agenda 2030 soll Menschen weltweit ein Leben in Würde, Freiheit und intakter Umwelt ermöglichen. Dieser „Weltzukunfts­vertrag“ verlangt allen Staaten gemeinsam Verantwortung für unseren Planeten ab, jedem nach seinen Möglichkeiten. Doch taugt die Agenda auch in schwierigen Zeiten?

Text: 
Dagmar Dehmer

Eigentlich ist Marcell Shewaro Zahnärztin. Doch in ihrer Heimatstadt Aleppo hat die Oppositionsaktivistin sieben Schulen gegründet. Es sind „Untergrundschulen“ in den von Rebellen gehaltenen Vierteln der Stadt, von der Regierung verboten. Die offiziellen Schulen sind zerbombt, die Lehrer auf und davon. Die Untergrundschulen, „Kesh Malek“ (Schachmatt) genannt, unterrichten im Schutz von Kellern rund 3.000 Kinder. Für die Schüler ist es ein Stück Normalität mitten im Irrsinn des Krieges. Denn selbst wenn Menschen in Todesgefahr sind, muss ihr Leben irgendwie weitergehen. Dabei half Marcell Shewaro, 2011 hat sie damit begonnen. Sie arbeitet für ein besseres, demokratischeres Syrien. Zwei Mal ist sie dafür schon verhaftet worden, einmal von der Regierung, das zweite Mal von Islamisten. 2014 floh sie in die Türkei, doch ihre Organisation arbeitete weiter. Im September 2016 mussten die Kellerschulen dann doch bis auf weiteres schließen. Der Mitgründer der Organisation, Basel Aljunaidy, schrieb dem Middle East Institute: „Die russischen Luftangriffe machen unsere Arbeit in Aleppo unmöglich. Sie zielen auf Zivilisten und töten unsere Hoffnung.“

Schule inmitten gewalttätiger Konflikte: Für viele Kinder, wie diesen Jungen in Cizre an der türkisch-syrischen Grenze, ist das trauriger Alltag. (Foto: Eugenio Grosso/reduxredux/laif)

Dennoch sind die Geschichte von Marcell Shewaro und Basel Aljunaidy, ihr Mut und ihre Entschlossenheit ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, auch in Krisenzeiten an den 17 globalen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals) festzuhalten. Hochwertige Bildung steht in dem Zielkatalog an vierter Stelle, direkt nach dem Kampf gegen Armut, Hunger und für eine bessere Gesundheitsversorgung. Die Arbeit der syrischen Untergrundaktivisten zeigt, dass die Ziele auch in schlechten Zeiten nicht obsolet werden – im Gegenteil. Gerade dann ist es für die Menschen wichtig, an ihnen festzuhalten, damit sich ihre Lebenssituation nicht noch weiter verschlechtert. Es handelt sich also nicht bloß um „Schönwetterziele“, um die sich die 193 Unterzeichnerländer dann kümmern können, wenn gerade nichts anderes los ist. Sondern sie sind ein Kompass auch in Krisen, etwas pathetisch gesprochen: ein Bauplan für eine bessere Welt.  

Auf 15 Jahre angelegt

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat die Nachhaltigkeitsziele im September 2015 beschlossen. Die Agenda 2030 ist auf 15 Jahre angelegt und folgt den Millenniumszielen aus dem Jahr 2000, die bis 2015 galten. Sie waren der erste weltweite Konsens, gemeinsam an den Themen Frieden und Sicherheit, Armutsbekämpfung, Bildung, Gleichberechtigung, Umweltschutz sowie Demokratie und gute Regierungsführung zu arbeiten. Der neue Zielkatalog ist noch stärker ausbalanciert: Zum Beispiel bekennt sich Saudi-Arabien zusammen mit allen anderen Unterzeichnern zur Gleichberechtigung der Frauen. Deutschland stimmt wie alle anderen Staaten einer geordneten Migrationspolitik zu. China akzeptiert, dass die Überfischung der Ozeane beendet werden muss. Und Simbabwe, wo Robert Mugabe seit 1987 regiert, stimmt dem Ziel einer demokratischen Staatsform zu. Allerdings entscheidet jedes Land selbst, auf welchem Weg es die Ziele erreicht, die für alle gleichermaßen gelten.

Kritiker wenden ein, dass bei 17 Zielen und 169 Unterzielen kein einziges Ziel mehr klar erkennbar sei. Die Überwindung der Armut, argumentieren sie, rücke in den Hintergrund. Doch das stimmt nicht: Sie ist immer noch Ziel Nummer eins. Armut zu überwinden, ohne das Überleben auf der Erde zu riskieren, bleibt das wichtigste Anliegen. Doch größerer Wohlstand soll nicht mehr durch zerstörerisches Wirtschaftswachstum erreicht werden. Denn an den Küsten, auf den pazifischen Inseln und in den Savannen Afrikas machen sich die Folgen des ungebremsten Wachstums in Gestalt des Klimawandels bereits deutlich bemerkbar. 

Die Armut ist gesunken – oft auf Kosten der Umwelt

Zwar ist bei der Armutsbekämpfung in den vergangenen 15 Jahren schon viel erreicht worden – aber oft geschah das auf Kosten der Umwelt. Aus einer Statistik der Weltbank geht hervor, dass 1981 noch mehr als 1,9 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze lebten. Heute ist es nur noch knapp eine Milliarde. Fortschritte sind vor allem in Ostasien festzustellen, wo es zuletzt ein rasantes Wirtschaftswachstum gab. Doch auch in Lateinamerika, Nordafrika und dem Mittleren Osten leben heute deutlich weniger arme Menschen als früher. Und die Prognosen der Weltbank sehen für die Zukunft einen weiteren Rückgang vor. Demnach käme die internationale Gemeinschaft dem Ziel nahe, die extreme Armut weltweit bis zum Jahr 2030 zu beenden. 

Durch die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie sollen die 17 Nachhaltigkeitsziele nun die Grundlage für ein Wachstum schaffen, das die Ressourcen des Planeten schützt. Sie sollen ein friedliches und faires Zusammenleben der Völker ermöglichen – so die Theorie. Doch Krisen und Konflikte erschweren das Erreichen der Ziele in einem bisher ungekannten Maß.  

„Wir können und müssen die erste Generation sein, die extreme Armut beendet.“

Jim Yong Kim, Präsident der Weltbank

Nach dem Ende des Kalten Krieges sah es zunächst so aus, als würde die Welt friedlicher. Doch die Zahlen laut Uppsala Conflict Data Program der schwedischen Universität zeigen für das Jahr 2015 einen Höchststand bewaffneter Konflikte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs: Die Zahl der Konflikte mit staatlicher Beteiligung ist auf 50 gestiegen, derjenigen mit überwiegend nicht-staatlichen Akteuren sogar auf 70. Im Jahr 2014 waren es noch 41 beziehungsweise 61. Angesichts solcher Fakten mag man sich fragen: Wozu überhaupt ein „Weltzukunftsvertrag“ wie die Agenda 2030? Was kann sie in einer Welt, die zunehmend „aus den Fugen zu geraten scheint“, wie Frank-Walter Steinmeier als deutscher Außenminister sagte, eigentlich erreichen? Doch gerade jetzt ist die Agenda 2030 wichtig, weil sie ein Programm des internationalen Zusammenhalts bietet, Leitlinien einer vorausschauenden und nachhaltigen globalen Friedensförderung. Steinmeier nennt sie ein „ambitioniertes globales Transformationsprogramm“. Denn sie eröffnet, wenn ernsthaft verfolgt, Chancen für Fortschritt und Entwicklung – und zwar überall auf der Welt. 

Verzichtete die Weltgemeinschaft auf diesen Kompass, drohten ganze Länder zurückzufallen – etwa durch den Ausbruch von Seuchen wie zuletzt in Westafrika, die Unterbeschäftigung von Millionen Jugendlichen wie im Nahen Osten oder durch den Anpassungsdruck, den der Klimawandel bereits heute in Teilen Afrikas mit sich bringt. All das wiederum schafft Ungleichheit und erhöht das Risiko für neue Konflikte.

193 Mitgliedsstaaten haben die Vereinten Nationen. Anders als bisher, gelten die neuen Nachhaltigkeitsziele nicht nur für Entwicklungsländer, sondern für alle Länder gleichermaßen.

Derzeit sind etwa 65 Millionen Menschen auf der Flucht – mehr als jemals seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Innenpolitik und Außenpolitik, Entwicklungs- und Umweltpolitik verschmelzen mehr und mehr. Globale Entwicklungen haben massive Auswirkungen auf die Innenpolitik – nicht nur in Deutschland. Umgekehrt kann Innerstaatliches auch auf die Welt abstrahlen, wie die Krise in Griechenland, die Haltung zu Flucht und Migration in Ungarn oder die Wahlen in den USA zeigen. Während viele nationale Regierungen, nicht zuletzt in der Europäischen Union, seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008, gefolgt von der Eurokrise und schließlich der Flüchtlingskrise, in einem hektischen Krisenbewältigungsmodus arbeiten, bietet die Agenda 2030 eine langfristige Richtschnur für zukunftsorientiertes Handeln, das Sicherheit, Wohlfahrt und Frieden fördert. 

Die Digitalisierung bietet viele Chancen für Entwicklung – Computer sind deshalb alles andere als Luxus. (Foto: AFP/Getty Images/TONY KARUMBA)

Notzeiten bringen das Schlimmste, aber auch das Beste im Menschen zum Vorschein – und sie setzen Krea­tivität frei. Somalia ist ein gutes Beispiel dafür. Dort haben findige Unternehmen im größten Chaos ein modernes, stabiles Mobilfunknetz aufgebaut – und das ohne ein funktionierendes Staatswesen. 1993 gründeten zwei somalische Emigranten in den USA gemeinsam mit zwei Amerikanern die bis 2013 operierende Somali Telecom Group. Gleichzeitig entstand in der somalischen Region Puntland als Tochterunternehmen der Netco-Konzern, der vor allem im Nordosten Somalias aktiv war. Im Jahr 2002 kamen mit Hormuud Telecom und Golis Telecom Somalia zwei weitere große Anbieter dazu. Hormuud gehört rund 4.000 somalischen Geschäftsleuten. 

Zusammenhalten gegen die Milizen im Ostkongo

Auch im Ostkongo waren es Geschäftsleute, die – zumindest an manchen Orten – den sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt förderten. Butembo in der Provinz Nord-Kivu ist ein herausragendes Beispiel dafür. Der Krieg hat die Stadt nie direkt erreicht, weil findige Händler es geschafft haben, ihre Kommune über Jahrzehnte hinweg freizukaufen. Die Milizen haben Butembo deshalb nie eingenommen. Diese Beispiele zeigen: Überall auf der Welt schaffen unkonventionelle Lösungen und digitale Technologien neue Entwicklungschancen, auch für die Armen. 

Doch deren Zahl ist immer noch viel zu hoch. Deshalb hat sich die Staatengemeinschaft vorgenommen, extreme Armut und Hunger bis zum Jahr 2030 komplett zu beseitigen – und zwar ohne Raubbau an der Natur zu betreiben. Sie setzt dabei auf die Erfahrungen aus den Millenniumsentwicklungszielen, die nicht so umfassend, aber durchaus erfolgreich waren: So besuchen in den meisten Ländern inzwischen rund 90 Prozent aller Kinder zumindest eine Grundschule. Nun geht es um die letzten zehn Prozent. 

Der beste Weg in Richtung Fortschritt ist der Weg der Freiheit.
John F. Kennedy, früherer US-Präsident

Große Erfolge gibt es auch in der Gesundheitsversorgung: Fast überall haben HIV-positive Menschen Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Zum Beispiel die Kenianerin Maurine Murenga. Als sie 2002 ihre Diagnose bekam, war sie überzeugt, dass sie bald sterben würde. Sie war schwanger und hatte sich auf das HI-Virus testen lassen. „Ich bekam die Diagnose in aller Öffentlichkeit“, erzählt sie. In der Klinik wurden die Infizierten von den Schwestern einfach ausgerufen. Zunächst sah es für Maurine Murenga tatsächlich nicht gut aus. Sie verlor ihren Job. Ohne Einkommen konnte sie sich keine Behandlung leisten. Sie infizierte ungewollt ihren neugeborenen Sohn, obwohl es schon damals Medikamente gab, die das hätten verhindern können. „Ich schrieb einen Brief an mein Kind – und schloss mit dem Leben ab.“ In den Kliniken lagen abgemagerte Menschen auf den Fluren. Ärzte und Pfleger verzweifelten, weil sie ihren Patienten und sich selbst nicht mehr zu helfen wussten. Sie konnten den Kranken nur beim Sterben zusehen. 

Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria

Das änderte sich 2002 mit der Gründung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Er ist ein Ergebnis der Millenniumsziele. Eine Gruppe finanzstarker Philanthropen, allen voran der Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Stiftung, überzeugte zahlungskräftige Regierungen, diesen neuen Fonds für die Bekämpfung dreier Krankheiten zu schaffen. Aids, Tuberkulose und Malaria forderten damals vor allem in Afrika die meisten Menschenleben. Mit Hilfe des Fonds sind in vielen Ländern der Welt lebensrettende Medikamente auch für die Armen erschwinglich geworden. Rund 9,2 Millionen von 36 Millionen Infizierten weltweit erhalten dadurch antiretrovirale Medikamente. Bis zum Jahr 2030 sollen Krankheiten wie Aids sogar ausgerottet sein. Vielerorts haben die Regierungen  schon entsprechende Programme aufgelegt. Maurine Murenga beschreibt den aus ihrer Sicht größten Unterschied zu damals so: „Ich kann ein Darlehen für ein Haus aufnehmen, und ich kann damit rechnen, dass ich lange genug lebe, um es zurückzuzahlen.“ 

Mit der Impfallianz Gavi, einem Zusammenschluss öffentlicher und privater Akteure, wurde auch durch massive Impfkampagnen einiges erreicht: Polio ist fast ausgerottet, Millionen von Kindern sind seit dem Jahr 2000 zusätzlich geimpft worden. Bis 2020 sollen noch einmal 300 Millionen dazukommen – um damit weitere geschätzte fünf bis sechs Millionen Leben zu retten.

Friedensnobelpreis ehrt Kraft der Zivilgesellschaft

Schwieriger wird die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele, wo Staaten nicht mehr handlungsfähig sind, weil  sie keine funktionierenden Strukturen haben oder Konflikte sie destabilisieren. Unmöglich wird sie aber nicht, wie das Beispiel von Victor Ochen in Norduganda zeigt. Der 34-Jährige wurde in einem Flüchtlingslager geboren und verbrachte dort 20 Jahre seines Lebens. Norduganda wurde lange von der christlichen Miliz Lord’s Resistance Army terrorisiert. Im Jahr 2005 gründete Ochen das African Youth Initiative Network. Die Organisation setzt sich für den Friedensprozess in Norduganda ein und ermöglicht Operationen für Menschen, die im Krieg verstümmelt wurden. So können die einstigen Opfer wieder ohne Angst in den Spiegel sehen. Im Jahr 2015 war Ochen für den Friedensnobelpreis nominiert. 

Wie die Zivilgesellschaft um Zusammenhalt kämpfen kann, haben auch die vier Friedensnobelpreisträger des Jahres 2015 bewiesen, die Tunesiens Demokratie mit einem intensiven Dialogprozess gerettet haben, als sie es am nötigsten hatte. Der Gewerkschafter Houcine Abassi, die Arbeitgeberpräsidentin Ouided Bouchamaoui, der Chef der Menschenrechtsliga LTDH, Abdessattar Ben Moussa, und der Vorsitzende der Anwaltskammer, Mohamed Fadhel Mahfoudh, haben die widerstreitenden politischen Strömungen in Tunesien zu einem Kompromiss getrieben, der dem Land eine demokratische Entwicklung ermöglicht. 

Die Nachhaltigkeitsziele sollen den Kampf gegen Hunger und Armut mit nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung verknüpfen. Das geht zum Beispiel durch den Einsatz erneuerbarer Energien. Deshalb hat mit Ziel Nummer 7 zum ersten Mal auch Energie einen Platz im Zielkatalog erhalten. Eine gigantische Lösung strebt Marokko an: Nahe Ouarzazate im Süden des Landes entsteht das größte Solarkraftwerk der Welt. Der erste Bauabschnitt hat eine Leistung von 150 Megawatt. Am Ende werden 1,3 Millionen Menschen umweltfreundlichen Strom erhalten. Ouarzazate ist Teil einer umfassenden Strategie des Landes zum Ausbau der erneuerbaren Energien, die schon im Jahr 2020 fast die Hälfte des Stroms liefern sollen. Diesem ersten großen Solarkraftwerk werden weitere folgen, und auch Windanlagen fördert das Königreich in großem Stil. Mehr als 170 Staaten haben sich inzwischen nationale Ziele für erneuerbare Energien gesetzt, noch vor zehn Jahren waren es nur 55. Zu ihnen gehören Länder wie China und Brasilien, aber auch Saudi-Arabien, Ghana, Costa Rica oder Mexiko. Das lateinamerikanische Erdölförderland hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2025 rund 35 Prozent seines Stroms aus regenerativen Quellen zu beziehen, und setzt dabei wie Marokko auf Sonne und Wind, von denen es mehr als genug hat.

Ein Solarpaneel für Licht, Kühlschrank und Handyakku

Auch viele Firmen und Privatleute investieren in erneuerbare Energien: die Berliner Firma Mobisol etwa, die in Ghana, Tansania und weiteren afrikanischen Ländern Solarpaneele vertreibt. Die Firma bildet Techniker aus, die die Module verkaufen, installieren und warten – und schafft so Arbeitsplätze. Die Nutzer zahlen die Paneele in Raten ab, die meisten besitzen sie nach zwei Jahren ganz. Dann ist nur noch eine Wartungsgebühr fällig. Bezahlt wird digital. Ein Paneel reicht, um eine Batterie zu betreiben, die Licht, das Aufladen von Mobiltelefonen und den Betrieb eines Fernsehers oder Kühlschranks erlaubt.

Strom in großem Stil aus Solarenergie zu gewinnen, wie hier in Quarzazate in Marokko, ist ein wichtiger Apsekt der Agenda 2030. (Foto: Francesco Zizola/NOOR/laif)

Strom in großem Stil aus Solarenergie zu gewinnen, wie hier in Quarzazate in Marokko, ist ein wichtiger Aspekt der Agenda 2030. (Foto: Francesco Zizola/NOOR/laif)

Es sind eben auch kleine Vorhaben, die die Verhältnisse verbessern können. Studien haben gezeigt, dass etwa 60 Prozent der Ziele nur mittels lokaler Akteure zu erreichen sind. Im November 2016 entschied das Bundesumweltministerium, drei kommunale Projekte zu fördern, mit denen bei der Wasseraufbereitung in Jordanien Energie gespart wird. Denn: „Die größte Gefahr der Energie- und Wasserkrisen in der Region besteht darin, dass sie soziale Ungleichheit verschärfen und die politische Lage weiter destabilisieren“, so Forscher des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Bei den Projekten in Jordanien geht es beispielsweise darum, den Ener­gieverbrauch einer Kläranlage deutlich zu senken, indem aus den dort entstehenden Faulgasen wieder Energie für den Betrieb der Anlage gewonnen wird. 

Eine andere Form der Energienutzung hat in Afrika und anderswo gravierende Folgen: Die Verwendung von Holz zum Kochen schadet nicht nur der Gesundheit. In  Ostafrika sind ganze Wälder der Holzkohleproduktion zum Opfer gefallen. Um dem entgegenzuwirken, erhalten Hunderttausende Familien – auch mit deutscher Unterstützung – effiziente Kochherde, die nur ein Drittel bis die Hälfte des bisherigen Brennmaterials brauchen und weniger Rauch produzieren. Solche Beispiele zeigen: Sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Fortschritt lassen sich in Einklang bringen. Um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, ist es wichtig, Entwicklung auch in kleinen Schritten voranzutreiben – selbst wenn rundherum die Welt in Stücke zu brechen scheint. Und es ist wichtig, auch dann Felder zu bestellen, Kinder zu unterrichten, Berufsbildung in Flüchtlingscamps anzubieten, Betriebe zu fördern, Wasserquellen zu schützen, die Digitalisierung zu nutzen und die Demokratie zu stärken.

Konflikte werden sich auf Dauer nur entspannen lassen, wenn Menschen wirtschaftliche Alternativen für sich sehen, wenn sie durch den Frieden mehr gewinnen, als sie im Streit verlieren. Die Nachhaltigkeitsziele schaffen eine gemeinsame Perspektive für die ganze Welt. Optimismus gehört freilich dazu, wenn ein solcher Vertrag ins Werk gesetzt werden soll. Schließlich ist die Agenda 2030 der ehrgeizigste Plan für eine nachhaltige Zukunft, den sich die Menschheit jemals verordnet hat.

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Aus der Arbeit der GIZ

Die Agenda 2030 leitet auch die GIZ

Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und dem Pariser Klimaabkommen hat die internationale Staatengemeinschaft sich einen politischen Rahmen für die kommenden Jahre gegeben. Die Agenda wird auch die Arbeit der GIZ prägen. Die Vorstandssprecherin der GIZ, Tanja Gönner, formuliert es so: „Die Ziele für nachhaltige Entwicklung leiten uns in allen Projekten, in denen wir weltweit arbeiten.“

Wenn die GIZ etwa in Brasilien zum Erhalt des Küstenwalds Mata Atlântica beiträgt, bringt sie damit mehrere Vorhaben der Agenda voran: den Klimawandel bekämpfen (Ziel Nr. 13), Landökosysteme schützen (Ziel Nr. 15) und den Zugang zu Wasser garantieren (Ziel Nr. 6). In der Mata Atlântica liegen Städte wie São Paulo und Rio de Janeiro, 70 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes werden dort erbracht. In den vergangenen Jahrzehnten wurden große Waldgebiete abgeholzt. Das ist fatal, denn der Wald sichert die Trinkwasserversorgung vieler Menschen und bindet große Mengen Kohlendioxid. Im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit arbeitet die GIZ zusammen mit dem brasilianischen Umweltministerium am Schutz des Waldes. Denn die Folgen der Abholzung sind schon spürbar: Die Trockenzeiten sind länger, in manchen Gegenden hat sich die Durchschnittstemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit um über ein Grad erhöht, Unwetter treten häufiger auf. Die GIZ entwickelt mit den Gemeinden Raumordnungspläne, plant Schutzmaßnahmen, fördert Initiativen für die Wiederaufforstung mit einheimischen Arten und bildet Multiplikatoren zur Anpassung an den Klimawandel fort. Davon profitieren die 120 Millionen Brasilianer, die in der Mata Atlântica leben.

Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt die GIZ Partnerländer dabei, so schnell wie möglich mit der Umsetzung der Agenda 2030 zu beginnen. Dabei geht es zum Beispiel darum, zuverlässig Steuern einzunehmen, damit im Staatshaushalt überhaupt eigene Mittel für Bildung und Gesundheit zur Verfügung stehen. Ein weiteres Ziel ist es, in den Partnerländern private Geldgeber zu gewinnen, zum Beispiel durch „Green Bonds“. Das sind Anleihen zur Finanzierung von Umwelt- und Klimaschutzprogrammen. Auch Kleinanleger können sie zeichnen. Außerdem sollen die Partnerländer darin gestärkt werden, selbst zu überprüfen, in welcher Weise sie die Ziele erreicht haben, zum Beispiel durch den Ausbau nationaler Statistikämter.

 

INVESTITION IN DIE ZUKUNFT

30.000.000 Euro fließen in ein Initiativprogramm zu den nachhaltigen Entwicklungszielen, das die GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums in 14 Ländern umsetzt.

 

BERATUNG IN MEXIKO

Mexiko hat beim Staatspräsidenten einen Beraterstab zur Umsetzung der Agenda 2030 eingerichtet. Die GIZ unterstützt die Regierung im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums dabei.

 

WASSERVERSORGUNG IN ABU DHABI

90 Tage: So lange reichen die Wasservorräte für die Einwohner von Abu Dhabi, seit das Versorgungssystem modernisiert wurde. Früher wäre der Vorrat der Metropole schon nach drei Tagen erschöpft gewesen. Die GIZ plante und überwachte die Arbeiten im Auftrag der örtlichen Wasser- und Elektrizitätsbehörde.

 

TRANSPARENZ IM ROHSTOFFSEKTOR

Die Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) fördert Transparenz im Rohstoffsektor, seit 2014 auch in Deutschland (D-EITI). Vertreter von Wirtschaft, Regierung und Zivilgesellschaft gestalten die Initiative. Die GIZ leitet im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ihr Sekretariat.
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