Interview Corona

„Gerechte Verteilung ist lebenswichtig“

Tedros Adhanom Ghebreyesus wurde über Nacht zu einem gefragten Mann. Er ist der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in den letzten Monaten unermüdlich gegen Covid-19 gekämpft hat. Im Interview nimmt er Stellung zum Stand der Pandemie.

Text
Interview: Friederike Bauer

Die Pandemie hat die ganze Welt im Griff. Bisweilen entsteht der Eindruck, Industrie­länder seien stärker betroffen als Entwicklungsländer. Stimmt das?
Unabhängig von Einkommen und Finanzkraft haben wir erlebt, dass einige Länder die Krise gut gemanagt haben und andere nicht. Manchen gelang das auch, weil sie auf frühere Erfahrungen zurückgreifen konnten. So ist es kein Zufall, dass zum Beispiel die Staaten des Mekong-Deltas, die südlichen Nachbarn Chinas, gut und energisch auf Covid-19 reagiert haben, weil sie nach Ausbrüchen wie dem SARS-Virus ihre Lektionen gelernt und Schutzsysteme entwickelt hatten.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, der äthiopische Biologe ist seit 2017 Generaldirektor der WHO. Zuvor war er Gesundheitsminister und Außenminis- ter seines Heimatlandes.  Er erlangte internationale An­erkennung, weil er während  seiner Amtszeit das Gesundheitssystem massiv ausbaute.
Tedros Adhanom Ghebreyesus, der äthiopische Biologe ist seit 2017 Generaldirektor der WHO. Zuvor war er Gesundheitsminister und Außenminister seines Heimatlandes. Er erlangte internationale An­erkennung, weil er während seiner Amtszeit das Gesundheitssystem massiv ausbaute.

Was ist mit Afrika? Wie steht der Kontinent im Umgang mit der Pandemie da?
Seit Juli sind die Fallzahlen in einigen afrikanischen Ländern zurückgegangen. Das sind vielversprechende, aber auch fragile Fortschritte. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Afrika aus 55 Ländern besteht und man mit unterschiedlichen Entwicklungen über den Kontinent hinweg rechnen muss. Aufs Ganze gesehen aber haben viele Länder früh Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen und dabei von Erfahrungen mit anderen Krankheitserregern wie Polio-Wildviren, Cholera oder Ebola profitiert. Die Herausforderung liegt jetzt darin, nicht nachzulassen. Wir befinden uns immer noch mitten in der Pandemie.

 

„Um Gesellschaften vor künftigen Erschütterungen zu bewahren, müssen wir mehr in unsere Gesundheitssysteme und Notfallvorsorge investieren.“

Wegen der Lockdowns konkurriert der Kampf gegen den Hunger oder die Armut plötzlich mit Gesundheitsthemen. Wie kann man mit diesem Konflikt am besten umgehen?
Ich betrachte das nicht als Konflikt: Wir müssen nicht zwischen Gesundheit, Hunger oder Armut wählen, sondern wir sollten vielmehr auf all diesen Gebieten gleichzeitig arbeiten. Wir fordern die Staaten auf, sich dabei auf vier Prioritäten zu konzentrieren: Zunächst sollten sie große Events wie Sportveranstaltungen oder religiöse Zusammenkünfte verhindern. Zweitens gilt es in allen Ländern, die Risikogruppen zu schützen, also ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen und alle im Gesundheitswesen Beschäftigten. Drittens müssen die Kommunen mit allen verfügbaren Mitteln dazu befähigt werden, Menschen zu schützen. Und viertens müssen ein paar Grundregeln eingehalten werden: Infizierte ausmachen und isolieren, testen und Positivfälle versorgen, dann ihre Kontakte verfolgen und unter Quarantäne stellen. Diese Maßnahmen funktionieren.

Was belastet die Entwicklungsländer stärker – die medizinischen, sozialen oder wirtschaftlichen Folgen?
Covid-19 hat uns gezeigt, wie sehr eine Gesundheitskrise alle Lebensbereiche beeinträchtigt und wie wichtig die öffentliche Gesundheit für Frieden und Entwicklung ist. Um Gesellschaften vor künftigen Erschütterungen zu bewahren, müssen wir mehr in unsere Gesundheitssysteme und Notfallvorsorge investieren.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, seit 2017 Generaldirektor der WHO.
Tedros Adhanom Ghebreyesus

Welche langfristigen Folgen erwarten Sie für Entwicklungsländer?
Allen Nationen drohen langfristige Folgen. Aber die Auswirkungen könnten in Entwicklungsländern größer sein. Es gibt erschreckende Prognosen, nach denen in Afrika eine halbe Million mehr Menschen an den Folgen einer HIV-Infektion sterben könnte als sonst. Zudem könnten jeden Monat 10.000 Kinder und andere Gefährdete sterben. Auch prognostiziert der Internationale Währungsfonds, dass die globale Wirtschaft in diesem Jahr um 4,9 Prozent schrumpft. Doch solche schlimmen Folgen lassen sich durch internationale Solidarität und nationale Einigkeit verhindern.

Stichwort Impfstoff gegen Covid-19: Wenn einmal verfügbar, wie lange wird es ihrer Meinung nach dauern, bis alle Menschen auf der ganzen Welt Zugang haben und geimpft werden können?
Es wird rund um den Globus daran gearbeitet, wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Die WHO kooperiert sowohl mit Unternehmen und Sponsoren als auch mit Impf-Allianzen wie Gavi oder CEPI, um diesen Prozess zu beschleunigen. Außerdem versuchen wir sicherzustellen, dass Impfstoffe dann auch im großen Maßstab hergestellt werden können. Es gibt dabei allerdings noch viele Unbekannte. Wenn bis zum Ende des Jahres ein erfolgreicher Impfstoff vorliegt, besteht die Hoffnung, dass bis Ende 2021 genug Dosen für alle Länder zur Verfügung stehen.

Wie sollte die Impfung über den Globus verteilt werden?
Oberste Priorität muss die Impfung der am meisten gefährdeten Risikogruppen haben, also älterer Menschen, Personen mit Vorerkrankungen und aller im Gesundheitswesen Beschäftigten in allen Ländern – und nicht etwa aller Menschen in nur einigen Ländern. Globale Gerechtigkeit ist unerlässlich bei der Verteilung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs.

Welche Rolle könnte die WHO dabei spielen?
Die WHO arbeitet mit verschiedenen Partnern zusammen, um die Entwicklung und Herstellung eines Impfstoffs zu beschleunigen. Im Dialog mit den Mitgliedsstaaten entwickeln wir außerdem ein globales Zuteilungssystem, das auf dem Prinzip eines fairen und gerechten Zugangs basiert. Der Vorschlag lautet, die Impfstoff-Dosen proportional zur Bevölkerungsgröße an alle teilnehmenden Länder gleichzeitig zu verteilen – eine Menge, die für 20 Prozent der Bevölkerung ausreicht. Wir erwarten, dass sich dadurch das Gesamtrisiko verringert und die am meisten gefährdeten Gruppen überall gleichzeitig vor dem Virus geschützt werden.

Können Sie der Öffentlichkeit zusagen, dass ein Impfstoff „sicher“ sein wird?
Wir nehmen Impfsicherheit sehr ernst. Dass wir den Zeitrahmen für die Entwicklung der Impfung verkürzen, heißt keineswegs, dass wir die Sicherheit aufs Spiel setzen. Wir sind mit den Impfstoff-Entwicklern und anderen ständig im Gespräch, um sicherzustellen, dass wir standardisierte Mechanismen der Datenerhebung haben, um die Wirksamkeit und die Sicherheit der Impfstoffkandidaten regelmäßig überprüfen zu können.

„Oberste Priorität muss die Impfung der am meisten gefährdeten Risikogruppen haben.“

Die WHO sieht sich der Kritik ausgesetzt, sie habe zum Beginn der Pandemie nicht schnell genug reagiert. Was antworten Sie darauf?
Ich halte diese Kritik für nicht gerechtfertigt: Wir haben sehr schnell auf die ersten Berichte von Fällen einer „Lungenentzündung mit noch unbekannter Ursache“ am 31. Dezember 2019 in Wuhan reagiert. Am 1. Januar 2020 haben wir unser Team für das dreistufige Notfall-Management aktiviert. Am 5. Januar haben wir eine ­detaillierte Lagebeurteilung veröffentlicht. Vom 10. Januar an haben wir ein umfassendes Richtlinienpaket herausgebracht, in dem alle Schlüsselthemen zum Ausbruch einer neuen ansteckenden Krankheit behandelt wurden. Mitte Januar haben wir die Öffentlichkeit und die Medien unterrichtet. Außerdem haben wir am 22. und 23. Januar ein Notfallkomitee einberufen und am 30. Januar habe ich mit meinem Leitungsteam China besucht. Am 30. Januar haben wir dann auch den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen, unsere höchste Alarmstufe, als es noch weniger als 100 bekannte Infek­tionen und keine Todesfälle außerhalb Chinas gab.

Wie groß war die Belastungsprobe Ihrer Organisation durch die Pandemie?
Die Reaktion auf Corona ist eine ungeheure Anstrengung, an der alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WHO teilhaben. Ich bin sehr stolz auf die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen. Nachdem ich im Jahr 2017 zum Generaldirektor berufen worden war, haben wir das Notfallprogramm der Organisation grundlegend umgebaut. Dadurch waren wir in der Lage, der Herausforderung Covid-19 vom 31. Dezember 2019 an rasch und entschieden zu begegnen.

Wie sieht Ihre Arbeitswoche als Generaldirektor momentan aus?
Die höheren Anforderungen durch Covid-19 haben jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter der WHO belastet. Gleichzeitig haben sie uns einander aber auch nähergebracht. Ein Kollege wurde kürzlich von Freunden gefragt: „Wie geht es dir?“ Er antwortete: „Wir arbeiten alle vertrauensvoll zusammen und verlassen uns aufeinander, und dieses Vertrauen wurde nun unter sehr schwierigen Umständen auf die Probe gestellt.“ Es ist diese Entschlossenheit  meiner Kolleginnen und Kollegen, die mich inspiriert und motiviert, Tag für Tag mein Bestes zu geben.

aus akzente 3/20

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