Reportage Stadt

Gemeinsam gegen die Fluten

Die indische Stadt Bhubaneswar kämpft gegen Überschwemmungen und verstopfte Abwasserkanäle. Mit einer Smartphone-App helfen Bürgerinnen und Bürger spielerisch mit, das Problem zu lösen. 

Text: 
Mathias Peer

In den Hauptverkehrsadern steht das Wasser, stundenlang kommt der Berufsverkehr kaum voran. Normalerweise ist es zu Jahresbeginn in der ostindischen Großstadt Bhubaneswar vergleichsweise trocken. Doch in Zeiten des Klimawandels kann man sich darauf nicht mehr verlassen: 78 Millimeter Niederschlag binnen 24 Stunden melden die lokalen Meteorologen an einem Mittwochmorgen Ende Februar 2020 – der höchste Wert zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

 Die Studentin Aishwarya Nandita  ist eine der Alltagsheldinnen von  Bhubaneswar. Sie macht als Freiwillige die neue App gegen Überschwemmungen bekannt.

Die Studentin Aishwarya Nandita ist eine der Alltagsheldinnen von Bhubaneswar. Sie macht als Freiwillige die neue App gegen Überschwemmungen bekannt.

Bhubaneswar, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Odisha, gilt als aufstrebender Knotenpunkt für digitale Technologien in Indien. Rund eine Million Menschen leben dort. Die Stadt ist schnell gewachsen, nicht in allen Vierteln geplant. Das und extreme Wetterphänomene zeigen ihre Folgen. Die Kanäle sind den Fluten nicht gewachsen. Schlamm und Abfälle blockieren das Abwassersystem. Reinigungstrupps müssen anrücken, damit der Regen abfließen kann. Das Problem beschäftigt die Behörden in Bhubaneswar schon lange: Zwar verfügt die Stadt über zahlreiche Wasserwege, die den Niederschlag von den Straßen auffangen und ableiten sollen. Doch vielerorts sind sie verstopft – durch illegale Bauten an den Ufern oder tonnenweise Haushaltsabfall.

Wo stockt das Wasser gerade?

Bhubaneswar wetterfest zu machen, ist für die Stadtverwaltung eine enorme Herausforderung – auch weil es ihr an aktuellen Informationen fehlte: Laufend mit eigenem Personal zu überwachen, an welchen Stellen das Wasser gerade stockt, übersteigt die Ressourcen der Behörden. Andere technische Möglichkeiten gab es bisher nicht. Mit einer neuen App will Bhubaneswar das Problem lösen. Entwickelt wurde sie von Verantwortlichen verschiedener Fachbereiche der Stadtverwaltung sowie von Bürgervereinigungen und Universitäten gemeinsam mit der GIZ. Ein Beispiel dafür, wie die GIZ Kommunen im Auftrag des Bundesumweltministeriums dabei unterstützt, sich an den Klimawandel anzupassen.

Bhubaneswar setzt dabei auf die spielerische Mithilfe der Bevölkerung. Wie die App funktioniert, möchte Aishwarya Nandita den Menschen der Millionenmetropole heute näherbringen. Mit einer Freiwilligengruppe fährt die 24-jährige Studentin zu einem Marktplatz im Stadtteil Nayapalli, der oft überschwemmt ist. Sie fragt die Leute nach ihren Erfahrungen mit dem Hochwasser. Eine Krankenschwester erzählt ihr, dass sie auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig durch überflutete Straßen waten müsse. Ihre Arbeitskleidung werde dabei jedes Mal durchnässt.

Lösungen teilen

 

Ob Starkregen oder Hitzewellen – gegen die Auswirkungen des Klimawandels können sich Städte mit verschiedenen Strategien schützen. „Mu City Savior“ ist ein Beispiel, wie das globale Projekt „IKT-basierte Anpassung an den Klimawandel in Städten“ bürger­zentrierte Innovationsprozesse für eine transformative Anpassung an den Klimawandel aufsetzt. Zu diesem globalen Programm gehören ausgewählte Städte in Indien, Peru und Mexiko. Die GIZ berät sie im Auftrag des Bundesumweltministeriums in Kooperation mit dem Bundesinnenminis­terium bei der Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung von bürgernahen digitalen Lösungen. Die Erkenntnisse aus den drei Pilotstädten Bhubaneswar, Trujillo und Guadalajara werden weltweit geteilt. Mehr noch: Durch den Einsatz von Open-Source-Software, die frei zugänglich ist und jeweils angepasst werden darf, können andere Städte profitieren. Die GIZ hat zum Vernetzen die Plattform www.climate-digital-cities.com entwickelt. Hier gibt es Informationen über das „Internet der Bäume“ aus Mexiko und die digitale Hilfe aus Peru bei der Suche von Angehörigen nach Überschwemmungen.

 

Kontakt: Teresa Kerber, teresa.kerber@giz.de

 

Nach Regenfällen sind die Straßen der indischen Stadt regelmäßig überflutet.

Nandita holt ihr Smartphone hervor und zeigt die App. Sie heißt „Mu City Savior“ – eine Mischung aus Englisch und der Lokalsprache Odia. Übersetzt bedeutet der Name: „Ich bin der Retter der Stadt“. Doch wie werden die Menschen zu digitalen Alltagsheldinnen und -helden? Ganz einfach: Aufgebaut ist die App wie ein Computerspiel. Zum Start erscheint auf dem Bildschirm eine Stadtkarte mit den wichtigsten Knotenpunkten der Abwasserkanäle. Wer ins nächste Level will, muss raus ins Freie. Die Nutzerinnen und Nutzer bekommen per Navigationssystem die nächstgelegene Stelle angezeigt, von der aus sie einen guten Blick auf den Kanal haben. Sobald sie dort angekommen sind, stellt die App drei kurze Fragen: Wie viel Müll befindet sich in dem Kanal? Wie hoch steht das Wasser? Wie gut fließt es gerade ab? Es gibt jeweils drei Antwortmöglichkeiten – und als Belohnung 50 Punkte für die Highscore-Liste, in der sich die „Retter der Stadt“ miteinander messen.

Die gesammelten Daten laufen bei Seshadev Panda zusammen. Panda war früher Staffelkommandant bei der indischen Luftwaffe. Nun ist er technischer Leiter der Smart-City-Agentur von Bhubaneswar. Zusammen mit lokalen GIZ-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern hat er die Entwicklung der App vorangetrieben. Das Projekt startete Mitte 2018 mit der Frage, wie digitale Lösungen der Stadt im Umgang mit dem Klimawandel helfen können. In Gesprächen stellten sich die Überschwemmungen als drängendstes Problem heraus. „Ich erinnere mich noch gut: Wir hatten an einem Tag nur knapp zwei Stunden Regen, trotzdem waren die Straßen der Stadt überflutet“, sagt Panda. „Da wurde uns klar, dass sich endlich etwas ändern muss.“

 

Weltweites Netzwerk: Das Mobil von „Mu City Savior“ zeigt die anderen Orte im Verbund der „Climate Digital Cities“.

90 Prozent der Überschwemmungen in der Metropole sind auf blockierte Abflüsse zurückzuführen. Meistens wird das Wasser aufgehalten durch achtlos weggeworfene Verpackungen, abgebrochene Äste oder unerlaubt abgeladenen Bauschutt. „Wir sind auf die Mithilfe der Bürger angewiesen, um dagegen etwas zu unternehmen“, sagt Panda. Aus dieser Erkenntnis enstand die Grundidee der App. Externe Programmierer halfen bei der Umsetzung. Nach rund einem Jahr stand die erste Version der Anwendung, die nach dem Open-Source-Prinzip künftig auch anderen Kommunen frei zur Verfügung stehen soll. Die Vorgehensweise beschreibt Panda als Herausforderung für die Verwaltung: „Für uns war das ein komplett neuer Ansatz, mit Bürgern und anderen Partnern gemeinsam an der Lösung eines Problems zu arbeiten, anstatt die Richtung von Anfang an selbst vorzugeben“, sagt Panda. „Daran mussten wir uns erst gewöhnen.“

Das Experiment hat sich aus seiner Sicht gelohnt: Die „Mu City Savior“-Daten füttern einen Algorithmus, der damit eine laufend aktualisierte Prioritätenliste für Kanalisationsarbeiten erstellt. Ab Oktober 2020 geht es noch einen Schritt weiter. Dann sollen die Informationen auch in einem neuen Kontrollraum der Stadt zusammenlaufen, in dem die Ressourcen der Metropole in Echtzeit gesteuert werden sollen. „Wir könnten die Kanäle auch mit Kameras und Sensoren überwachen“, sagt Panda. „Aber solche Technik wäre viel teurer und extrem wartungsintensiv.“

INDIEN

 

Hauptstadt: New Delhi / Bevölkerung: 1,3 Milliarden / Wirtschaftswachstum: 6,8 Prozent / Rang im Human Development Index: 129 von 189

Quelle: Weltbank 2018

 Karte Indien

 

Indien gehört zu den zehn am stärks­ten vom Klimawandel betroffenen Ländern der Welt. Wetterextreme nehmen auf dem Subkontinent zu.

Stattdessen auf Bürgerbeteiligung zu setzen, hat noch einen anderen wichtigen Vorteil, meint Shabaz Khan, der als technischer Berater der GIZ in Indien an Stadt-Projekten im Kampf gegen den Klimawandel arbeitet und das Projekt unterstützt hat: „Wenn die Anwohnerinnen und Anwohner selbst einen Beitrag für ein funktionierendes Abwassersystem leis­ten, fühlen sie sich stärker dafür verantwortlich, dass der Müll künftig ordentlich entsorgt wird und nicht in den Kanälen landet.“

An das Verantwortungsgefühl der Menschen appelliert auch die freiwillige Helferin Aishwarya Nandita. Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern hat sie ein kurzes Theaterstück einstudiert, das sie auf der ­Straße aufführt. Es handelt von Studierenden in einem Wohnheim, die wegen einer Überschwemmung ihre Bücher und Dokumente verlieren. „Wir wollten zeigen, dass es jeden treffen kann, wenn wir das Problem nicht gemeinsam lösen“, sagt Nandita. Der Auftritt war ein voller Erfolg: „Viele haben die App direkt installiert.“ Rund 600 Downloads gab es bereits nach den ersten Informationsveranstaltungen. Zusätzliche Anlässe sollen die App in den kommenden Wochen noch bekannter machen.

Bereits jetzt erregt die Idee auch außerhalb der Stadtgrenzen Aufmerksamkeit. „Mu City Savior“ ist von der indischen Regierung als bestes „Climate Smart Cities“-Projekt 2020 ausgezeichnet worden. Das Beispiel für eine digitale und bürgernahe Antwort auf den Klimawandel zieht Kreise. Die rund 2.000 Kilometer entfernte südindische Stadt Kochi inmitten eines Ballungsraums von zwei Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern erlebt auch regelmäßig Überschwemmungen. Die Kommune an der Malabarküste hat bereits Interesse bekundet, die App ebenfalls einzuführen. Das freut Shabaz Khan: „Jede Stadt, die mit der App arbeiten möchte, ist herzlich willkommen.

aus akzente 2/20

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