Umweltschutz in Afrika

Flusspferde und heilige Wälder

In einem Biosphärenreservat an der Grenze von Togo und Benin übernehmen die Menschen Verantwortung für den Schutz der Natur.

Text und Fotos: 
Katrin Gänsler

Koffi Akodewou hat die Hosenbeine hochgekrempelt. Langsam zieht er das schmale Holzboot ans Ufer. Der 22-Jährige watet durch den feuchten Sand und dreht sich noch einmal kurz zum Afito-See um. In der Ferne ist ein kleiner, schwarzer Punkt zu erkennen. Es ist eines von drei Flusspferden, denen der junge Mann vorhin ganz nahe war.

 

Fischhändlerin Agnonkpon Agomayi ist mit dem Fang zufrieden. Einen Teil bereitet sie für ihre Familie zu, einen Teil verkauft sie.

Mit dem Boot ist er zu ihnen gefahren, während am Ufer zahlreiche Menschen zuschauten – darunter viele Fischhändlerinnen, die darauf warten, dass die Fischer den Fang an Land bringen. Die Flusspferde gehören hier zwar zum Alltag – faszinierend sind die massigen Tiere trotzdem. Akodewou, selbst Fischer, weiß genau, dass er sich ihnen ruhig und vorsichtig nähern muss, damit er sie nicht aufschreckt. Gelassenheit und Vorsicht sind gute Voraussetzungen, um künftig vermehrt Touristen die Flusspferde zu zeigen und über ihre Bedeutung zu informieren.

Fische, Kräuter, Trinkwasser

In Afito freut sich heute jeder über die Tiere. Das Dorf liegt in Togo, an der Grenze zu Benin. Das Gebiet im Mündungsdelta des Mono-Flusses ist seit 2017 von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH hat beide westafrikanischen Staaten auf dem Weg der internationalen Anerkennung unterstützt. Doch das war erst der Anfang.

Im Auftrag des Bundesumweltministeriums setzt sich die GIZ gemeinsam mit lokalen Partnern heute für die erfolgreiche Einbindung der Anwohner in das Naturschutzprojekt ein. Etwa 530.000 Menschen leben auf der Seite Benins und 360.000 auf der Togos, jeweils außerhalb der besonders geschützten Kernzone des Reservats. Die Initiative erreicht vor allem die rund 90.000 Menschen in unmittelbarer Nähe. Bei einer Befragung gab die große Mehrheit von ihnen an, die natürlichen Ressourcen seien zentral für ihr Leben und Überleben: Dazu gehören die Fische aus dem 544 Hektar großen See, die Kräuter für traditionelle Medizin, die im heiligen Wald Godjé-Godjin zu finden sind, und die Trinkwasserquellen.

TOGO

 

Hauptstadt: Lomé / Einwohner: 7,7 Millionen / Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 578 US-Dollar / Wirtschaftswachstum: 5 Prozent / Rang im Human Development Index: 166 (von 188)

 togo

 

Das Mündungsdelta des Mono-Flusses bietet vielen bedrohten Tierarten einen Lebensraum. Doch die biologische Vielfalt ist gefährdet. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums berät die GIZ nationale und regionale Partner zum Naturschutz.
 

www.giz.de/de/weltweit/27427.html
Kontakt: Udo Lange, udo.lange@giz.de

Das Dorf Afito ist ein Beispiel dafür, wie die Einwohner zunehmend erkennen, dass sich Naturschutz für sie lohnt. Seit die Region das UNESCO-Siegel hat, kamen immerhin 200 Besucher nach Afito. Vorher sah man hier überhaupt keine Fremden. Jetzt hoffen viele der 350 Dorfbewohner, dass die Flusspferde weitere Tagestouristen aus Togo und Benin anlocken. Ihr Dorf ist von Togos Hauptstadt Lomé sowie von Cotonou, dem Wirtschaftszentrum Benins, gut zu erreichen.

Der Ertrag hatte sich verschlechtert

Doch die Flusspferde sind nicht nur für naturbegeisterte Menschen attraktiv. Die bis zu 4.000 Kilogramm schweren Säugetiere und ihr nährstoffreicher Dung locken auch Fische an. Im Lebensraum der Dickhäuter wächst die Fischpopulation. Und große Fische sind für die Menschen in Afito und die Einwohner der 63 umliegenden Dörfer immens wichtig, denn sie leben vom Fang.

So wie Agnonkpon Agomayi. Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie vor Jahren, nach Afito zu ziehen. Damals lief der Fischfang dort sehr gut. Die Mutter von sieben Kindern wollte mit den Einnahmen den Schulbesuch finanzieren. Doch zu ihrem Leidwesen hat sich der Ertrag immer mehr verschlechtert.

Überfischung durch Bevölkerungswachstum

Agomayi geht auf ein Plakat zu, das am Seeufer auf dem Boden ausgebreitet ist. Es zeigt Fische in vier Längen. Die kleinsten sind gerade acht Zentimeter lang: viel zu klein, um sie auszunehmen, zu frittieren, den Transport über die Schotterpiste zu bezahlen und zu hoffen, dass jemand im nächsten Dorf sie kauft. Agomayi zeigt darauf und sagt: „In den letzten Jahren haben die Männer uns oft nur noch Fische in dieser Größe geliefert.“ Hintergrund der Überfischung ist vor allem das Bevölkerungswachstum in den beiden aneinandergrenzenden Ländern Togo und Benin. Mehr Menschen brauchen mehr Nahrung. Die natürlichen Ressourcen geraten zunehmend unter Druck.

Damit die Natur besser geschützt ist und die Menschen rund um den See dennoch gut leben können, hat die lokale Partnerorganisation der GIZ, das Centre de Développement des Actions Communautaires, gemeinsam mit den Dorfbewohnern verschiedene Initiativen gestartet. 2017 wurde ein Verein gegründet, dem sich mehr als 150 Menschen angeschlossen haben. Sie organisieren Uferpatrouillen. In der Vergangenheit machten Wilderer immer wieder Jagd auf Flusspferde. Dabei stehen sie als bedrohte Art auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion.

 

Klein, mittel oder groß? Die Fischer gleichen ihren Fang mit den Maßen auf einem Plakat ab.

Der Verein hat weitere Veränderungen auf den Weg gebracht. Früher gingen Kinder oft zum Fischen statt in die Schule. Deshalb wurde entschieden, dass Fischer mindestens 15 Jahre alt sein müssen. Auch das wird bei den Uferpatrouillen, an denen sich Fischhändlerin Agomayi beteiligt, kontrolliert. Ihr Eindruck: „Die Menschen akzeptieren die Regeln.“ Zudem wurden großmaschigere Netze eingeführt, um die kleinen Fische zu schonen, die ohnehin nicht rentabel waren. Jetzt landen diese gar nicht erst im Fang. Bei der Überprüfung hilft das Plakat, das regelmäßig am Ufer ausgebreitet wird. Es ist für die Fischer ein einfaches Mittel, um die Wirkung der Maßnahmen freiwillig zu kontrollieren.

Die Zeit des Hungers ist vorbei

An diesem Tag braucht Agomayi diese Hilfe nicht. Sie ist zufrieden – auch die kleinsten Tiere messen mindestens 16 Zentimeter, das sieht sie sofort. Die Händlerin hebt die schwere Schüssel auf den Kopf und macht sich auf den Weg zu ihrem Haus, wo sie die Fische verarbeitet. Ein Teil ist das Mittagessen der Familie, den Rest wird sie frittiert für umgerechnet knapp 14 Euro verkaufen.

Seit einiger Zeit bringen die Fischer auch wieder größere Speisefische wie den Buntbarsch Tilapia mit. Sie können einzeln verkauft werden und sind eine willkommene Zusatzeinnahme. Agomayi schaut kurz von ihrem Topf auf: „Als die Fische immer weniger und kleiner wurden, da hatten wir manches Mal richtig Hunger“, erinnert sie sich, „aber heute gibt es wieder jeden Tag gutes Essen.“ Dazu gibt es Soßen, die aus Blättern zubereitet werden.

„Als die Fische immer weniger und kleiner wurden, hatten wir oft richtig Hunger. Heute gibt es wieder jeden Tag gutes Essen.“

AGNONKPON AGOMAYI, Fischhändlerin

Eine Autostunde entfernt von Afito liegt der Wald Godjé-Godjin. Viele der Bäume sind Jahrhunderte alt. Sie liegen in der Kernzone des Biosphärenreservats Mono-Delta. In diesen besonders schützenswerten Bereichen dürfen keine Menschen siedeln und es darf keine Landwirtschaft betrieben werden. Wer sich in dem Wald vorsichtig und ruhig bewegt, kann mit etwas Glück eine scheue Rotbauchmeerkatze – eine zierliche Affenart – beobachten. Einfacher lassen sich Eichhörnchen und viele Vogelarten entdecken.

Bewahren von Tradition und Wissen

Koffi Koumedjina geht fast andächtig durch den Wald. Seine Sandalen hat er ausgezogen. Der 46-Jährige ist Priester. Er ist für die Bewahrung von Tradition und Wissen über Heilmittel zuständig. Jeden Tag ist er hier. Er tritt leise und vorsichtig auf und hält immer wieder inne. Vor den alten Bäumen wirkt der hagere, große Mann mit seinem weißen Umhang winzig.

Ein Leben ohne den Wald kann sich Koumedjina nicht vorstellen. Dort findet er nicht nur die Kräuter für seine Medizin. Es gibt auch drei Fetische, die er mit zwei weiteren Priestern betreut. Ein Fetisch kann eine Figur sein, ein Altar, aber auch ein Baum. In diesem Fall sind es drei Quellen mit Trinkwasser. Koumedjina ist für den Fetisch seiner Familie verantwortlich, der den Namen Bagbo trägt – übersetzt heißt das etwa: „Wir werden zurückkehren.“ Die Quelle liegt inmitten einer Lichtung und ist von hohen Bäumen umgeben. Es ist ein heiliger Ort, den auch die Einwohner umliegender Dörfer aufsuchen, wenn ein Verwandter krank ist.

Abholzung gestoppt

Ohne den Wald mit seinen Bäumen und Pflanzen könnte Koumedjina seine Aufgabe, das Wissen über Heilmittel zu bewahren, nicht ausüben. „Für die traditionelle Medizin stehen die Kräuter im Mittelpunkt. Deshalb müssen wir den Wald schützen“, sagt er. Dennoch gab es noch bis vor kurzem wenig Bereitschaft dazu. Viele Bäume wurden gefällt, um Brennholz zu gewinnen. Große und alte Bäume wurden zu Booten verarbeitet. Der besondere Wald von Godjé-Godjin wurde immer kleiner.

Die Einrichtung des Biosphärenreservats, das politisch von den Umweltministerien in Togo und Benin getragen wird, kam gerade rechtzeitig. Ein lokaler Verein, von Anwohnern gegründet, hat zusammen mit den drei Priestern und GIZ-Projektpartnern bereits 30 Hektar im Gebiet von Godjé-Godjin aufgeforstet. Ehrenamtliche Helfer wachen darüber, dass kein Baum geschlagen und dass hier nicht gejagt wird. Die Natur soll ihre Ruhe haben.

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