Kenia

Ernten in Zeiten des Klimawandels

„Grüne Innovationszentren“ unterstützen Landwirte mit Wissen und neuen Technologien. 

Text: 
Timot Szent-Ivanyi
Foto: 
Thomas Imo

Auf dem Feld als Bauer arbeiten? Jeden Tag unter glühender Sonne den Mais pflegen und am Ende doch nicht genug Geld haben? „Ein Leben wie meine Eltern führen, die so arm waren, dass sie mich nicht in die Schule schicken konnten?“ Charles Ogolla schüttelt den Kopf. Das habe er sich überhaupt nicht vorstellen können. Er ging nach Nairobi und arbeitete als Wachmann. Doch es fiel ihm schwer, sich eine Existenz aufzubauen. Er lebte unter ärmlichen Verhältnissen in einem Slum. Nun ist er zurückgekehrt. Der 40-Jährige steht auf seinem eigenen Land in der Nähe der Provinzstadt Kisumu im Westen Kenias und führt sichtlich stolz über den Hof und die Felder. 

 

Charles Ogolla

Ogolla hat gelernt, in Zeiten des Klimawandels eine erfolgreiche Farm aufzubauen. Geholfen haben ihm und anderen Kleinbauern in Kenia Projekte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dabei ging es nicht um viel Geld, sondern um etwas Wertvolleres: um Bildung und den Austausch von Wissen. 

Neustart auf dem Land

In Nairobi hatte Ogolla es nicht mehr ausgehalten: „Schlechte Arbeit, schlechtes Gehalt.“ Doch einfach so zurückgehen in sein Heimatdorf und damit sein Scheitern in der Großstadt eingestehen, das wollte der kräftige Kenianer auch nicht. Es musste eine bessere Lösung geben. Durch Zufall hörte er von den Schulungen für Bauern. „Ich ging ins Landwirtschaftsministerium und die gaben mir die Adresse vom Trainingszentrum in Bukura.“ Der Plan: das Land seiner Eltern übernehmen, dort aber etwas Neues auf die Beine stellen.

 

Unterricht im Trainingszentrum

Im Trainingszentrum lernen die Teilnehmer Grundlegendes: Warum sollte man unterschiedliche Früchte im Wechsel anbauen? Wie düngt man richtig? Wie wird ein Komposthaufen angelegt? Das Wissen ist wichtig, denn viele hier halten unbeirrt an alten Verfahren und dem traditionellen Maisanbau fest, der gerade so die Familie ernähren kann. Auch wie man Heu macht, hören die meisten hier zum ersten Mal. „Es war bisher nicht notwendig, weil die Tiere immer genug zu fressen hatten“, sagt Paul-Mathias Braun von der GIZ. Doch der Klimawandel führt zu immer längeren Trockenperioden.

Weitere Flächen gepachtet

Ogolla, der sechs Kinder versorgen muss, ist kaum zu bremsen. Zu den von den Eltern geerbten Feldern hat er neue Flächen hinzu gepachtet. Zusammen mit seiner Frau Eveline baut er nicht nur Mais an, sondern auch Maniok, Bohnen und Bananen. Er verkauft Heu und Komposterde an seine Nachbarn und hat mit dem Geld eine Kuh erstanden, weil sich Milch gut verkaufen lässt. Klotzen, nicht kleckern, ist seine Devise: „Ich will Farmer sein, kein Kleinbauer.“

 

„Ich will Farmer sein, kein Kleinbauer”, sagt Charles Ogolla.

Sein neuestes Projekt ist der Anbau von Süßkartoffeln, die in Kenia in Vergessenheit geraten sind. Das kenianische Landwirtschaftsministerium wirbt für ihre Rückkehr, denn sie können Trockenheit besser vertragen und wurden durch Züchtung mit Vitaminen angereichert – eine Hilfe im Kampf gegen Mangelernährung. Fast jeder dritte Kenianer lebt in extremer Armut, jeder Fünfte ist unterernährt.

Über Geld wird auch in Kenia ungern gesprochen, aber das Motorrad auf dem Hof und die kleine Solaranlage auf dem Dach des Hauses zeigen, dass Ogolla erfolgreich wirtschaftet. „Der nächste Schritt ist ein Auto“, sagt er und lacht. Lange wird er wohl nicht mehr brauchen, um sich seinen Traum zu erfüllen. Inzwischen arbeitet er im Auftrag des Schulungszentrums auch als Trainer für die Bauern der Umgebung.

SMS informiert über die Regenzeit

Um Wissenstransfer geht es auch ein paar Kilometer weiter. Dort steht Rosemary Atieno auf ihrer kleinen Farm und schaut auf ihr Handy. Eben ist eine SMS angekommen: „Onset Oct week 2, cessation Dec week 3, irregular distribution, most rain Nov “ – Beginn der Regenzeit in der zweiten Oktoberwoche, Ende in der dritten Dezemberwoche, irregulärer Verlauf, der meiste Regen fällt im November. 

 

Wettervorhersage per SMS

„Das ist eine große Hilfe“, sagt Atieno. Aber warum braucht eine erfahrene Bäuerin diese Informationen? „Die Welt hat sich total verändert“, klagt die alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Früher habe die „große Regenzeit“ von Februar bis Ende Mai gedauert, heute komme sie erst im April. Für den genauen Zeitpunkt des Beginns habe ihr Großvater stets den riesigen Mugumobaum beobachtet. „Kurz vor dem Regen hat der Baum seine Blätter abgeworfen“, erinnert sie sich. Doch diesen riesigen Feigenbaum gibt es nur noch sehr selten in der Region. „Alles abgeholzt“, bedauert Atieno.

 

Rosemary Atieno

Die Informationen habe es beim kenianischen Wetterdienst längt gegeben, seien aber den Bauern nicht zur Verfügung gestellt worden, berichtet Gertraud Faltermeier von der GIZ. Sie leitet ein „Grünes Innovationszentrum“, gegründet im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums. Daten werden für die Landwirte in Kenia immer wichtiger. Angesichts der Wetterkapriolen geht es nicht nur um den Zeitpunkt der Aussaat, sondern auch um die Auswahl des richtigen Saatgutes. Werden nur kurze Regenperioden prognostiziert, müssen schnellwachsende Sorten genutzt werden. Erst auf Vermittlung und mit Unterstützung der GIZ wurde der SMS-Versand aufgebaut. 

Mango statt Mais 

Wie groß das Potenzial afrikanischer Staaten ist, wenn Wissen und Erfahrungen zu den Menschen gelangen, zeigt sich auch in Thika, 30 Kilometer nördlich von Nairobi. Dort erzählt Richard Kimani Rugendo, Geschäftsführer des Getränkeherstellers Kevian, eine fast unglaubliche Geschichte: Obwohl Kenia direkt am Äquator liegt und eines der fruchtbarsten Länder Afrikas ist, musste das Unternehmen für seine Fruchtsäfte zunächst Saftkonzentrat importieren. Mangos waren nicht in der für einen Industriebetrieb erforderlichen Menge und Qualität zu haben. Die GIZ brachte alle Beteiligten zusammen und half, Kleinbauern-Kooperativen für den Mango-Anbau zu gründen, die Farmer zu schulen und Sammelstationen einzurichten. 

 

Boniface Mwilu liefert Mangos an einen Safthersteller.

Einer der Bauern, der an Kevian liefert, ist Boniface Mwilu. Der 61-Jährige war 2007 durch einen Freund auf das GIZ-Programm aufmerksam geworden. „Ich habe eine große Chance gesehen, denn mit Mais kann man keine großen Sprünge machen“, sagt er. Mit 44 Mangobäumen fing er an, inzwischen besitzt er 340 Bäume. Er zeigt, was er in den Jahren dazugelernt hat: Die ersten Bäume stehen noch zu dicht und sind falsch beschnitten. Das hat er in späteren Pflanzungen korrigiert. Außerdem setzt er auf besonders ertragreiche Züchtungen. Bis zu 500 Kilogramm erntet er jetzt pro Baum. Das sichert ihm ein überdurchschnittliches Einkommen.

Forschen im Kampf gegen die Fruchtfliege

Mwilu und andere Farmer haben allerdings einen tückischen Feind: die Fruchtfliege, die sich immer weiter verbreitet. Die weiblichen Insekten legen ihre Eier in die Früchte, die dann faulen. Die Schäden in Afrika gehen in die Milliarden. Die Kleinbauern haben aber weder das Wissen noch das Geld, ihre Mangobäume zu schützen. Erhältlich sind lediglich teure Insektizide aus Südafrika. Dabei ist das Know-how in Kenia längst vorhanden. Doch der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis klappte nicht – bisher. 

Das Insekten-Forschungsinstitut icipe (International Centre of Insect Physiology and Ecology) in Nairobi hat bereits vor einiger Zeit einen Proteinköder entwickelt, der die weiblichen Fruchtfliegen anlockt. „Das Ganze lag fertig in der Schublade“, erinnert sich Felix Zeiske, der als Integrierte Fachkraft ans icipe kam. Doch es fehlten die Erfahrung und die Geldgeber, daraus ein marktfähiges Produkt zu entwickeln. 

Zeiske, von Beruf Geograf, machte sich an die Arbeit. Er fand heraus, dass auf Mauritius bereits ein ähnlicher Ansatz verfolgt wurde. Als Grundstoff dient ein Abfallprodukt der Bierproduktion. Zeiske suchte zusammen mit Kollegen eine Firma, die mit finanzieller Unterstützung der GIZ eine Produktionsanlage aufbaute und fädelte eine Kooperation mit einem Bierbrauer ein. Seit einigen Wochen ist das Produkt der Firma Kenya Biologics nun in Kenia erhältlich – zu einem Sechstel des Preises des Importprodukts. 

Ansprechpartner:

Grünes Innovationszentrum: Gertraud Faltermeier > agrarinnovation@giz.de

Insektenforschungsinstitut: Aregash Asfaw > E4D@giz.de
Felix Zeiske > cim@giz.de

Dezember 2017

NEUE IDEEN FÜR KLEINBAUERN

Projekt: Grüne Innovationszentren in der Agrar- und Ernährungswirtschaft
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Partner in Kenia: Ministerium für Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischerei
Laufzeit: 2015 bis 2021

In Kenia ist die Landwirtschaft mit einem Anteil von 30 Prozent am Bruttoinlandsprodukt der wichtigste Wirtschaftssektor. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung lebt vom Pflanzenanbau und der Tierzucht. Allerdings sind die meisten Familien wegen der geringen Produktivität lediglich Selbstversorger. Zudem erschwert der Klimawandel, der zu längeren Trockenperioden führt, den Anbau. Das lässt die Preise für Grundnahrungsmittel steigen. Rund ein Viertel der Bevölkerung gilt als unterernährt. Mit den „Grünen Innovationszentren“ fördert die GIZ neue Verfahren und Technologien, um die Produktivität und das Einkommen von Kleinbauern zu erhöhen. Davon profitieren im Westen Kenias mehr als 10.000 Familien.
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