Tunesien

Bio-Pioniere mit neuem Wissen

In Tunesien suchen Jungunternehmer neue Wege und werden dabei ökologische Vorreiter. 

Langsam schiebt sich am Horizont eine Reihe gebückter Gestalten vorwärts.Sie tragen bunte Tücher oder Strohhüte auf dem Kopf, um sich vor der Sonne zu schützen. Die brennt schon am frühen Morgen auf die Felder nieder. „Die Arbeit hier besteht zu 80 Prozent aus Unkrautjäten“, sagt Leith Tlemcani. „Und das ist Handarbeit, deshalb muss es frühmorgens passieren.“ Im Sommer ist es spätestens um zehn Uhr zu heiß auf den Feldern.

 

Wichtiger Erntehelfer: Gründer Leith Tlemcani mit einem deutschen Oldtimer-Traktor.

Mehr als 150 Hektar bewirtschaftet Tlemcanis Firma Herbiotech in einer Ebene nahe der Stadt Kairouan, rund zwei Autostunden südlich von Tunis. Das Unternehmen setzt auf biologische Landwirtschaft. Und so sind rund zwei Drittel seiner 100 Angestellten auf dem Feld tätig, um das Unkraut zu jäten, das sich zwischen Petersilie, Dill und Minze breitmachen will.

„In der Region betreiben viele Bauern biologische Landwirtschaft, aus finanzieller Not heraus“, erklärt Tlemcani. Düngemittel oder Unkrautvernichter können sich die wenigsten leisten. Auf kleinen Parzellen leben sie oft von der Hand in den Mund. Tlemcanis Vorarbeiter ist ein einfacher Bauer aus der Region. „Er kennt diesen Boden besser als jeder ausländische Experte.“

Die Saison läuft das ganze Jahr über

Doch Biolandwirtschaft im großen Stil – mit deutschen, japanischen und amerikanischen Zertifizierungen, wie sie Herbiotech hat – ist die Ausnahme in Tunesien, wo sich die Firma in kurzer Zeit als größter Produzent von Trockenkräutern etabliert hat. Der tunesische Markt für Bioprodukte ist bislang kaum entwickelt, daher gehen fast alle Waren in den Export. „Wir haben in Tunesien den Vorteil, dass wir das ganze Jahr über produzieren und selbst dann frische Ware liefern können, wenn in Deutschland tiefster Winter ist“, sagt der tunesische Manager. So kommen rund die Hälfte seiner Kräuter in Deutschland auf den Tisch. Das mittelständische Biounternehmen Lebensbaum in Niedersachsen beispielsweise gehört zu Tlemcanis Abnehmern.

Deutsche Kunden, deutsches Biozertifikat und deutsche Maschinen – der Unternehmer Leith Tlemcani hat seine Kontakte nach Deutschland massiv ausgebaut. Bei der Biolandwirtschaft hatte er sich von Anfang an am deutschen Vorbild orientiert. Seit der 36 Jahre alte promovierte Biologe 2015 am Managerfortbildungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie teilgenommen hat, wuchsen seine Geschäftsbeziehungen nach Deutschland stark.

Die GIZ koordiniert das Programm im Auftrag des Ministeriums. Tlemcani ist einer von knapp 100 tunesischen Managern aus ganz unterschiedlichen Branchen, die die GIZ bisher auf Geschäftsanbahnung und Wirtschaftskooperation mit deutschen Unternehmen vorbereitet hat. Weltweit hat das Programm in 19 Ländern bereits mehr als 11.000 Führungskräfte erreicht.

Die Bundesregierung setzt auf vertiefte Zusammenarbeit

Tunesien ist traditionell ein bedeutender Investitionsstandort für deutsche Unternehmen. Derzeit sind etwa 250 deutsche Firmen in dem Land aktiv und beschäftigen rund 55.000 tunesische Mitarbeiter. Deutschland ist der drittgrößte Handelspartner Tunesiens, das bilaterale Handelsvolumen betrug 2016 etwas mehr als drei Milliarden Euro. Die Bundesregierung setzt darauf, die Zusammenarbeit zu vertiefen. Das wurde auch durch den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2017 in Tunesien deutlich. Nachdem das nordafrikanische Land den politischen Übergang von der Diktatur hin zu einer Demokratie mit einer modernen Verfassung geschafft hat, geht es nun darum, dass es auch die wirtschaftlichen Herausforderungen meistert.

Grüne Investition: In Zentraltunesien wird Dill für den Export nach Deutschland angebaut. Eine Mitarbeiterin von Herbiotech bedient die Trockenmaschine, die auch Olivenblätter für die Verwendung in Kräutertees vorbereitet.Auf die Auszeichnungen für seine ökologische Druckerei Nouha Eco Print ist Nizar Jallouli stolz.Bei Farbe und Papier setzt die Ökodruckerei auf die Zertifizierung aus Deutschland. Internationale Kunden schätzen die umweltgerechte Produktion.Vom Lehrling zum Druckfacharbeiter: Der 29-jährige Houssem Forgi ist stolz darauf, bei Nouha Eco Print Verantwortung zu übernehmen. Er bildet inzwischen selbst junge Kollegen aus. Bildergalerie

Leith Tlemcani trägt schon jetzt zum erfolgreichen deutsch-tunesischen Handel bei. Bei der Managerfortbildung in Deutschland habe er mehrere neue Großkunden kennengelernt, berichtet er. Früher sei er durch und durch Wissenschaftler gewesen. „Mit Hilfe des Programms konnte ich mir fehlendes Managementwissen aneignen und eine klare Strategie für meine Firma entwickeln.“ Seitdem hat sich sein Kontakt nach Deutschland intensiviert: Regelmäßig ist Tlemcani auf Fachmessen in Deutschland, auch die Website seines Unternehmens ist inzwischen auf Deutsch verfügbar. Schließlich kommt die Mehrzahl der Kunden aus Deutschland.

Am Anfang fehlte die Erfahrung

Seine Maschinen hat Tlemcani ebenfalls in Deutschland gekauft. „Unsere Erntemaschine sorgt immer wieder für Heiterkeit“, sagt er und muss selbst lachen. Er deutet auf das Gefährt, Baujahr 1961. Der Motor des Traktors ist nach hinten verlagert. So hat der Fahrer freie Sicht auf die Pflanzen, die er erntet. „Da bleiben immer wieder Leute stehen und fragen neugierig, was wir hier eigentlich machen.“ Eine neue Maschine hätte mindes­tens 120.000 Dinar (mehr als 41.000 Euro) gekostet – viel Geld für die noch junge Firma. Der Oldtimertraktor kostete nur ein Drittel davon und auch die anderen gebrauchten Maschinen hat Tlemcani günstig in Deutschland erstanden.

Sobald die Kräuter geerntet sind, werden sie verladen und in die zwei Stunden von den Feldern entfernte Fabrik gebracht. 2013 hat Tlemcani hier in Bouarada, südwestlich von Tunis, sein Unternehmen gegründet. Tlemcani und sein Kompagnon Mehdi Elouaer versuchten sich zunächst an der Produktion von Olivenöl und ätherischen Ölen, bevor sie 2014 entschieden, sich auf Trockenkräuter zu konzentrieren. „Uns fehlten am Anfang Marktdaten und Erfahrung. Wir hatten uns alles leichter vorgestellt“, räumt Tlemcani ein. Das Wissen aus der Managerfortbildung half. Herbiotech baute eine neue Fabrikhalle und investierte in Maschinen, die die Kräuter sieben und verpacken. Seit 2015 läuft die Produktion.

GIZ: Tunesische Öko-Pioniere mit deutschem Know-how.

Auch für Nizar Jallouli kam das Managerprogramm 2015 in einer beruflichen Umbruchphase – und damit zum richtigen Zeitpunkt. Der Informatiker hatte im Jahr 2000 eine Druckerei gegründet, um die Kinderbücher, die sein Vater verlegte, kostengünstiger drucken zu können. „Ich war jung, hatte keine Erfahrung. Die Banken haben mir nicht getraut und die anderen Druckereien haben alles getan, um mir das Leben so schwer wie möglich zu machen“, sagt der 41-Jährige im Rückblick.

Im Jahr 2008 entschied er sich, ins Ausland zu gehen. Als er 2014 zu Besuch in seiner Heimat war, der Hafenstadt Sfax, hing ein „Zu verkaufen“-Schild an seiner alten Druckerei. „Das hat mir fast das Herz gebrochen, also habe ich gepokert.“ Er überzeugte seinen Vater, ihm eine Chance zu geben.

Der Öko-Druck als Nische

Jallouli suchte sich diesmal eine Nische: eine ökologische Druckerei. Vom Papier eines deutschen Geschäftspartners, das mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ zertifiziert ist, über pflanzliche Druckertinte bis zur Müllentsorgung soll alles möglichst umweltgerecht ablaufen. So wurde aus Nouha Print, der beinahe bankrotten Druckerei von einst, Nouha Eco Print – die einzige ökologische Druckerei auf dem afrikanischen Kontinent, erzählt Jallouli stolz.

Zu seinen Kunden gehören zurzeit vor allem Niederlassungen ausländischer Firmen in Tunesien, zum Beispiel die Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer und deutsche Unternehmen, die in Tunesien produzieren. „Für sie ist es einfacher, ihre Prospekte gleich hier vor Ort drucken zu lassen, als sie aus Europa zu verschicken.“ Für seinen ersten Auftrag ging Jallouli ein Risiko ein: Er brauchte 100 Kilogramm Papier, doch die geringste Bestellmenge lag bei 18 Tonnen. Er importierte das Papier trotzdem – und der Kunde der ersten Stunde ist bis heute einer seiner wichtigsten. Doch nicht alle sind begeistert: Tunesische Abnehmer wollten nach wie vor lieber ganz weißes, chlorgebleichtes Papier, bedauert Jallouli. Daher produziert er parallel zur Ökovariante weiterhin auch auf konventionelle Weise. „Das Managerprogramm hat mir geholfen, auch mal um die Ecke zu denken und meine Strategie zu verfeinern“, berichtet der Unternehmer. Seit der Umstellung der Druckerei auf die Ökoproduktion hat sich die Belegschaft verdoppelt. Mehr als 30 junge Leute arbeiten heute hier. Das ist immens wichtig bei einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent. In einigen Regionen Tunesiens ist fast jeder dritte junge Mensch ohne Arbeit. Viele der Betroffenen machen sich mangels Perspektiven auf den Weg nach Europa.

In der großen Halle der Druckerei surrt und piept es. „Wir haben einige erfahrene Kollegen gehalten und sonst nur junges, gut qualifiziertes Personal eingestellt“, berichtet Jallouli. Zum Beispiel Houssem Forgi: Er hat 2007 als Lehrling in der Druckerei angefangen. Heute ist der 29-Jährige für den Druck zuständig. „Ich bin stolz darauf, wie sich hier alles entwickelt hat“, sagt er. „Wir sind viel besser organisiert und effizienter als früher.“ Was der junge Mann gelernt hat, gibt er inzwischen selbst an neue Kollegen weiter. Jallouli hört seinem Mitarbeiter aufmerksam zu und muss lächeln: „Ich habe in Deutschland auch gelernt, Verantwortung abzugeben und zu delegieren.“ Heute bindet der Chef seine Mitarbeiter stärker in die Abläufe ein.

Kaum ein Mitarbeiter ist älter als 20 Jahre

Auch Herbiotech setzt auf junge Mitarbeiter. An den Maschinen ist kaum jemand älter als 20 Jahre. Die meisten der Männer und Frauen kommen aus einem Ort nahe der Fabrik. Herbiotech hat sich in Bouarada angesiedelt, weil es dort Steuererleichterungen für Firmen gibt, die freiwillig in strukturschwache Regionen im Landesinneren gehen.

Hamza Dridi ist einer von drei Ingenieuren, die die Produktion überwachen. „Ich kümmere mich um den ganzen Zyklus: von der Planung, wann was gepflanzt wird, bis zur Freigabe der Produkte für den Export.“ Der Mann im grünen Kittel ist ein ehemaliger Student Tlemcanis und war von Anfang an dabei. Je nach Nachfrage laufen die Maschinen 16 bis 24 Stunden am Tag. Bis zu zwei Tonnen Olivenblätter, die unter anderem in Kräutertees verwendet werden, und 700 Kilo Gewürzkräuter produzieren sie pro Tag. „Wir könnten die Produktion verdoppeln, doch es fehlt uns schlicht und einfach an Kräutern“, sagt Dridi.

Deutsche Kunden reisen zu den Kräuterfeldern

An Nachfrage mangelt es kaum – dafür an Verständnis für das Unternehmen auf tunesischer Seite. „Wir verbringen 60 Prozent unserer Zeit mit Dingen, die nicht unsere Aufgabe sind“, flucht Tlemcani und legt genervt sein Telefon beiseite. Gerade will der Zoll eine Rechnung nicht akzeptieren, weil die Ware in Pfund und nicht in Kilogramm deklariert ist. Auch bei den Banken stößt Herbiotech oft auf taube Ohren. „Sie verstehen nicht, dass Land auch mal brachliegen muss, damit der Boden sich erholt.“

Während viele Kunden eigens aus Deutschland anreisen, um sich das Unternehmen anzuschauen, habe noch kein tunesischer Bankangestellter die zwei Stunden Fahrt aus Tunis auf sich genommen, erzählt Tlemcani schulterzuckend. „Die Kunden sagen uns immer wieder, dass sie noch nie so eine schnelle Entwicklung in diesem Bereich gesehen haben. Das bestätigt uns in unserer Arbeit.“ Seine Priorität ist es nun, möglichst schnell eine zweite Anbaufläche zu finden, am besten im etwas kühleren Norden des Landes. „Dann könnten wir auch Basilikum, Koriander, Melisse und Thymian anbauen, dafür ist es hier zu heiß.“

Auch Nizar Jallouli hat große Pläne für seine Druckerei: Er will die Belegschaft verdoppeln, eine Halle von 700 Quadratmetern mit Solarzellen auf dem Dach bauen und den Umsatz von einer Million Dinar auf fünf Millionen im Jahr 2018 steigern. Und er muss noch die tunesischen Kunden überzeugen, dass graues Papier hochwertig sein kann.

Ansprechpartnerin:
Natalia Astrin > natalia.astrin@giz.de

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TUNESIEN

NETZWERK MIT DEUTSCHLAND

Projekt: Managerfortbildungsprogramm „Fit for Partnership with Germany“
Auftraggeber: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Laufzeit: seit 2014 mit Tunesien, weltweit seit 1998

Die junge Demokratie in Tunesien gilt als „Leuchtturm der Hoffnung“ für die arabische Welt. Nach dem politischen Wandel steht das nordafrikanische Land vor der Aufgabe, seine Wirtschaft zu fördern und die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Damit kleine und mittlere Unternehmen Kontakte zu deutschen Partnern knüpfen und ihr Branchenwissen vertiefen können, bietet die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie das Managerfortbildungsprogramm an. Seit 2014 haben 97 tunesische Manager an dem Training in Deutschland teilgenommen. Dadurch entstanden dauerhafte Kontakte. Viele Unternehmen arbeiten nun effizienter, fanden Geschäftspartner in Deutschland und schufen neue Arbeitsplätze in Tunesien. Seit 1998 haben schon mehr als 11.000 Führungskräfte aus 19 Ländern das Programm absolviert, jedes Jahr kommen 900 weitere Teilnehmer hinzu. Aufseiten der deutschen Wirtschaft sind Tausende Unternehmen an dem Programm beteiligt, vor allem aus dem Mittelstand.