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COP28 in Dubai picture alliance/dpa
Interview

„Ein großer Schritt nach vorn“

Jörg Linke, der Leiter des GIZ-Kompetenzzentrums für Klimawandel, erzählt im akzente-Interview, warum das Ergebnis der COP28 in Dubai besser ausfiel als erwartet. 

Interview: Friederike Bauer

Ein Ölstaat als Gastgeber der Klimakonferenz – so richtig große Hoffnungen konnte man sich im Vorfeld der COP28 nicht machen. Haben sich die Befürchtungen bewahrheitet? 

Die Konferenz fiel letztendlich besser aus, als wir alle gedacht hatten. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die COP sehr professionell organisiert und umsichtig gesteuert. Der Verhandlungsführer Sultan Ahmed Al Jaber spielte eine konstruktive Rolle, hat die Diskussion vorangebracht und trotz des ersten, unzureichenden Entwurfes für das Abschlussdokument auch zu dem bemerkenswerten Ergebnis beigetragen. 

Bevor wir zu den Inhalten kommen: Wie war die Stimmung in Dubai?

Wirklich sehr positiv. Man hat von Anfang an gespürt, dass da ein Wille zu mehr Ambition in der Luft lag. Das galt für die Unterhändler*innen genauso wie für die Vertreter*innen der Privatwirtschaft. Auch dort hat man sich viele Gedanken um den Klimaschutz gemacht und wie das alles anspruchsvoller werden könnte. Denn die wissen inzwischen auch, dass ihre Geschäftsmodelle sich ändern müssen angesichts höherer Erdtemperaturen. 

Was ist für Sie das wichtigste Ergebnis dieser COP?

Die Bestätigung des 1,5-Grad-Ziels und dann ganz klar die Passage zu den fossilen Brennstoffen, die dort zum ersten Mal explizit genannt sind. Im Abschlussdokument heißt es jetzt, dass wir uns von den Fossilen wegbewegen sollen. Die Formulierung lautet wörtlich: „transitioning away from fossil fuels“. Das ist der Anfang vom Ende aller fossilen Brennstoffe und bedeutet gleichzeitig ein klares Bekenntnis dazu, dass wir nicht weitermachen können wie bisher.

Die Formulierung ist vage, trotzdem erachten Sie das als einen Erfolg?

Das ist auf jeden Fall in der Form neu und eindeutig ein Fortschritt. 

Ist das für Sie nun die große Zäsur, gewissermaßen die Zeitenwende in der internationalen Klimapolitik?

Die Abkehr von den fossilen Brennstoffen ist jetzt dokumentiert und im Abschlussdokument der COP28 verankert. Ob sich das zu einer Zeitenwende für die Klimapolitik entwickeln wird, hängt entscheidend davon ab, wie schnell die Länder diese Transformation vollziehen, wie sie das umsetzen. 

Außerdem wurde beschlossen, die Kapazität der erneuerbaren Energien bis 2030 zu verdreifachen und die Energieeffizienz zu verdoppeln. Wie wichtig war das?

Auch diese Passage halte ich für sehr relevant; hat übrigens die EU eingebracht. 

Sind das realistische Ziele?

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur hat es 2023 einen neuen Rekord beim Ausbau der erneuerbaren Energien gegeben, der dieses Jahr noch übertrumpft werden soll. Das heißt, hier tut sich enorm viel, weil die Erneuerbaren mittlerweile wirtschaftlicher und wettbewerbsfähiger sind als Öl, Gas und Kohle. Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Verdreifachung bis 2030 gelingen kann. 

Auch beim Thema „Loss and Damage“ hat sich etwas getan …

Hier gab es einen Durchbruch, und zwar gleich am Anfang der COP. Normalerweise erfolgen solche Zusagen immer erst gegen Ende einer Klimakonferenz. Dieses Mal hat Deutschland zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten sofort ein starkes Zeichen gesetzt, als sie jeweils 100 Millionen US-Dollar für den Fonds „Verluste und Schäden“ zusagten. Er ist dafür gedacht, Entwicklungsländer im Schadensfall finanziell zu unterstützen, etwa bei großen Fluten oder Dürren. Dann kann Geld aus diesem Fonds ausbezahlt werden. „Loss and Damage“ wurde bei der COP27 Ende 2022 ins Leben gerufen, war aber noch nicht weiter ausbuchstabiert. Mit diesen Zusagen ist der Fonds nun operativ. 

Sind andere Staaten diesem Beispiel gefolgt? 

Die Zusage war tatsächlich ein Signal. Inzwischen haben 18 Länder und die Europäische Kommission angekündigt, sich finanziell mit insgesamt rund 700 Millionen US-Dollar zu beteiligen, neben den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland auch Frankreich, Italien, die Niederlande, Großbritannien, Dänemark, Spanien, Irland und die USA.

Ist das schon eine beeindruckende Summe – angesichts der zu erwartenden Schäden gerade in Entwicklungsländern?

Sicherlich reicht das bei weitem nicht, aber ein guter Anfang ist gemacht. 

Gibt es weitere Punkte, die aus Ihrer Sicht Fortschritte darstellen?

Methan ist prominent erwähnt. Seine Emissionen sollen bis 2030 substanziell verringert werden, heißt es im Abschlussdokument. Das ist wichtig, denn Methan ist immer noch eine weithin unterschätzte Gefahr; weil deutlich klimaschädlicher als CO2. Großes Potenzial zur Reduktion von Methan-Emissionen liegt neben der Öl- und Gasgewinnung in der Landwirtschaft und im Abfallbereich. Deutschland hat sich für das Thema inzwischen stark gemacht und vertritt Europa als „Champion“ bei der Umsetzung des „Global Methane Pledge“.

Bei dieser COP scheint das Thema Natur und Biodiversität stärker in den Fokus gerückt zu sein. Ist das auch Ihr Eindruck?

Auf jeden Fall. Da ist nun von einer Doppelkrise die Rede. Wir wissen, dass sich Biodiversität und Klima gegenseitig verstärken – positiv wie negativ. Wälder und Moore zum Beispiel sind natürliche CO2-Senken, die klimaschädliche Gase speichern. Geht Natur verloren, heizt das den Klimawandel an. Umgekehrt beschleunigen höhere Temperaturen den Artenschwund. Dieser Zusammenhang ist jetzt offiziell anerkannt. 

Klingt so, als wäre das eine rundherum erfolgreiche COP gewesen …

Die Konferenz war meines Erachtens eine COP der Zweideutigkeiten. Wir hatten einerseits die schon erwähnten Erfolge, mit denen angesichts der starken Lobby der Ölstaaten vorher nicht unbedingt zu rechnen war. Andererseits reicht das trotz der finanziellen Zusagen angesichts der Dramatik der Lage nicht: Es geht immer noch zu langsam voran und ist noch zu wenig. Dazu kam ein Massenauflauf in Dubai; fast 100.000 Leute waren dort. So große Veranstaltungen sind nicht nötig und auch nicht nachhaltig. 

Was bedeutet die COP für die GIZ?

Wir können uns hier überall einbringen: beim Ausbau der erneuerbaren Energien genauso wie bei mehr Energieeffizienz, bei Methan-Programmen, bei der Anpassung an den Klimawandel und bei Biodiversität. Und wir können uns weiterhin am internationalen Diskurs beteiligen. Das werden wir auch tun. 

Wie geht es weiter? Was muss als Nächstes kommen?

Dieses Jahr richtet Aserbaidschan die Klimakonferenz aus, auch ein Ölstaat, der dabei ist, auf erneuerbare Energien umzuschwenken – gelebte Transformation, wenn Sie so wollen, in der wir alle stecken und die sich noch deutlich beschleunigen muss. Und dann kommt 2025 die COP in Brasilien, im Amazonasgebiet. Das wird sicher schon wegen der Symbolik bedeutend. Außerdem haben die Brasilianer*innen bereits angekündigt, dass sie die COP verkleinern und nachhaltiger gestalten wollen. Auch das wäre ein Schritt nach vorn. 
 

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Jörg Linke wolterfoto.de/Norbert Ittermann

Jörg Linke, Leiter des GIZ-Kompetenzzentrums für Klimawandel

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