Bangladesch

Auf Gesundheit programmiert

Bangladeschs Gesundheitssystem erlebt eine kleine Revolution: Die Digitalisierung erleichtert Ärzten die Arbeit und spart Geld. 

Text: 
Frederic Spohr
Foto: 
Tapash Paul

Es ist noch frühmorgens, aber die Schlange vor dem Sarkari-Karmachari-Krankenhaus bereits lang: Mütter mit hustenden Kindern, Alte auf Krücken und junge Männer mit dicken Verbänden warten ungeduldig. Wenige Meter von ihnen entfernt donnert der Verkehr der Millionenstadt Dhaka vorbei. Doktor Mohammed Ali Chowdhury lässt sich von der Hektik nicht anstecken. Der Hautarzt bittet einen Patienten nach dem anderen in sein kleines Behandlungszimmer im ersten Stock. Trotz der Zeitnot will er jedem Patienten gerecht werden. „Es gibt zu wenige Ärzte für zu viele Kranke“, sagt der 57-Jährige mit ruhiger Stimme. „Aber mittlerweile kommen wir damit deutlich besser zurecht.“ Der Mediziner zeigt auf das Gerät, das zu einem seiner wichtigsten Instrumente geworden ist: den Computer.

 

Doktor Mohammed Ali Chowdhury

Der anstrengende Arbeitsalltag von Chowdhury ist heute besser organisiert, weil sich in Bangladeschs Krankenhäusern eine kleine Revolution ereignet: Das staatliche Gesundheitssystem wird systematisch digitalisiert, die GIZ hat das Land dabei begleitet. „Die Digitalisierung macht die Versorgung der Patienten schneller, preiswerter und besser“, sagt Kelvin Hui. Der GIZ-Experte war für die Einführung der digitalen Verbesserungen im Gesundheitswesen zuständig. Von 2012 bis 2016 unterstützte die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Gesundheitsministerium Bangladeschs bei der Reform. Mittlerweile haben die Behörden des südasiatischen Landes den Prozess übernommen und treiben ihn eigenständig voran. Und die GIZ-Experten sind nach Nepal weitergezogen: Dort bauen sie derzeit eine ähnliche landesweite Gesundheits-Informationsplattform auf.  

Der Nächste, bitte

Was sich verbessert hat, begreift man schnell, wenn man Doktor Chowdhury eine Weile bei der Arbeit zusieht. Als nächster Patient kommt Ali Hossain an die Reihe: Der 56-Jährige erscheint in Uniform, zur Begrüßung schlägt er die Hacken zusammen. Auch wenn er noch gut in Form scheint, ist der Elitepolizist im Moment nicht ganz einsatzfähig: Er klagt über ein Jucken am ganzen Körper.

„Früher hätte ich mich über Vorerkrankungen des Patienten umständlich informieren müssen. Heute brauche ich dafür nur einen Klick.“

Doktor Mohammed Ali Chowdhury

GIZ: Revolution im Krankenhaus– Digitalisierung des Gesundheitssystems in Bangladesch

Hossain hat einen provisorischen Patientenausweis mitgebracht, den er bei früheren Besuchen in der Klinik bekommen hatte. Von dem kleinen Papier scannt Chowdhury einen Barcode ein und kann so die digitale Patienten­akte öffnen. Darin erkennt er schnell, dass er als Hautarzt nicht der richtige Spezialist für Hossain ist, denn der Patient hat Diabetes. „Früher hätte ich so eine Information umständlich erfragen müssen“, sagt Chowdhury. „Heute brauche ich dafür nur einen Klick.“

Als erfahrener Mediziner weiß er, dass der Diabetes vermutlich die Ursache der Beschwerden ist. Also schickt er Hossain ein paar Zimmer weiter zu einem Spezialisten. Schon kann der Nächste ins Sprechzimmer kommen. „Pro Tag versorge ich bis zu 30 Patienten“, sagt Chowdhury. „Da zählt jede Minute, die ich gewinne.“ Auch die Patienten sind zufrieden, wenn sie nicht endlos warten müssen: „Heute war ich schon nach 20 Minuten an der Reihe“, sagt Ali Hossain, „früher hat das oft deutlich länger gedauert.“

Die richtigen Medikamente verordnen

Auch im Nebenzimmer zeigt sich, wie hilfreich die digitale Patientenakte ist. Die Ärztin Jesmin Akhter behandelt gerade einen jungen Mann, der an einem Hautausschlag leidet und sich ständig am Kopf kratzen muss. In der Datenbank kann sie schnell nachvollziehen, welche Medikamente ihm schon verschrieben wurden. Weil diese offensichtlich nicht wirken, versucht sie es nun mit einem anderen. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass ein Patient nicht das gleiche Medikament mehrmals von unterschiedlichen Ärzten verordnet bekommt.

 

Hautarzt Mohammed Ali Chowdhury stellt schnell fest, dass Polizist Ali Hossain zu einem anderen Experten muss: Die Datenbank sagt ihm, dass der Mann Diabetes hat – vermutlich die Ursache seiner Beschwerden.

Bangladesch gehört weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt. Zwar ist die Lebenserwartung mit durchschnittlich gut 72 Jahren mittlerweile deutlich gestiegen. Kinder- und Müttersterblichkeit sind zurückgegangen. Dennoch ist die Gesundheitsversorgung weiterhin auf niedrigem Niveau. Laut Weltbank werden in dem Land jedes Jahr nur rund 30 US-Dollar pro Bürger für Gesundheit ausgegeben. In Deutschland sind es mehr als 5.000 US-Dollar. 

Bereits 15.000 Krankenhäuser vernetzt

Die Digitalisierung hilft, die knappen Ressourcen besser zu verteilen. Mittlerweile sind 15.000 Krankenhäuser und kleinere Behandlungsstationen des Landes mit dem Gesundheitsministerium vernetzt. Sie übermitteln Daten, etwa Diagnosen und Bettenbelegung in den Kliniken. Früher wurden diese Informationen mit Stift und Papier gesammelt. Erst Wochen später erreichten sie das Gesundheitsministerium, oft waren die Datensätze zudem lückenhaft oder voller Fehler.

Dank des neuen Systems haben die Beamten Informationen schneller zur Hand. Das hilft auch, wenn Epidemien drohen. Immer wieder kommt es in Bangladesch zu Wellen von Denguefieber. Es ist die sich am schnellsten ausbreitende virale, von Stechmücken übertragene Krankheit. Erst seit 2015 gibt es einen Impfstoff. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit jedes Jahr rund 20.000 Menschen an Denguefieber. Die Ärzte erkennen jetzt schnell, in welchen Regionen besonders viele Menschen infiziert sind. So können sie kurzfristig gegensteuern. Das gesamte öffentliche Gesundheitssystem mit seinen 105 Millionen Patienten profitiert also.

 

Keine Ärzte, sondern Systemdoktoren. Die IT-Abteilung des Krankenhauses spielt jetzt eine zentrale Rolle.

Die Kosten für die Technologie sind relativ gering. Die GIZ regte die Nutzung einer Open-Source-Software an. Das sind Programme, die in der Regel kostenlos zur Verfügung stehen. Die Quellcodes sind öffentlich, so dass die Software von Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Freiwilligen kontinuierlich weiterentwickelt wird. Für ein Krankenhaus sei die Einrichtung eines IT-Systems so um zwei Drittel billiger, schätzt Muhammad Abdul Hannan Khan, der früher für die GIZ an dem Projekt arbeitete und es heute als Teamleiter der Nichtregierungsorganisation HISP Bangladesh weiterbetreut.

20.000 Ärzte und Schwestern geschult

Für die digitalen Patientenakten nutzen immer mehr Krankenhäuser nun also die Plattform OpenMRS (Open Medical Record System), die von der Universität Indiana und der US-amerikanischen Hilfsorganisation Partners In Health betreut wird. Bei der Vernetzung der Krankenhäuser mit dem Ministerium greift man auf DHIS 2 (District Health Information System) zurück, dessen Weiterentwicklung die Universität Oslo organisiert. In mehr als 30 Ländern wird die Software mittlerweile verwendet, unter anderem in Indien. In Nepal arbeitet die GIZ zusammen mit ihren Partnern daran, den digitalen Erfolg aus Bangladesch zu wiederholen. 

Dabei genügt es nicht, einfach die Software herunterzuladen und zu installieren: Die Experten der GIZ und ihrer Partner müssen die Programme zunächst an die jeweiligen Krankenhäuser und Gesundheitssysteme anpassen. In Bangladesch kommt es beispielsweise vor, dass Betten aus Kapazitätsmangel doppelt belegt werden. Solche Besonderheiten müssen Programmierer erst in das Basisprogramm einarbeiten. Anschließend werden Tausende Mitarbeiter an den Programmen geschult. In Bangladesch können mittlerweile mehr als 20.000 Ärzte und Krankenschwestern mit dem System umgehen.

„Langfristig wollen wir eine landesweite Datenbank mit Patienten­informationen schaffen.“

IT-Experte Abdul Hannan Khan

Angesichts der Erfolge treibt Bangladesch die Digitalisierung weiter voran. Die Krankenhäuser sollen untereinander besser kommunizieren. „Langfristig wollen wir eine landesweite Datenbank mit Patienteninformationen schaffen“, sagt IT-Experte Khan. „Das wird allerdings noch Jahre dauern. Wir sind erst am Anfang.“

Eine Karte mit Wirkung

Es ist nur eine kleine Karte aus Plastik – und doch viel mehr: In zahlreichen Ländern weltweit können die Menschen heute Mitglied einer Krankenversicherung werden. Krankheit ist dann kein Armutsrisiko mehr. In Nepal etwa hat die GIZ die Regierung über Jahre beim Aufbau einer Versicherung beraten. Auch in Indien, Indonesien, Ruanda und Kenia hat sie dazu beigetragen, solche Systeme aufzubauen. Weltweit bekamen durch die Arbeit der GIZ und ihrer Partner zwischen 2010 und 2015 mehr als 302 Millionen Menschen einen besseren Versicherungsschutz.
Was die Arbeit der GIZ bewirkt – mehr Zahlen und Fakten: www.giz.de/projektdaten

Im Sarkari-Karmachari-Krankenhaus sieht man sich dabei als Vorreiter. Doktor Chowdhury kramt einen scheckkartengroßen Patientenausweis hervor: Noch ist es nur ein Prototyp, doch schon bald soll jeder Patient einen solchen Ausweis bekommen. Über den darauf verzeichneten Barcode sollen dann auch andere Krankenhäuser auf die Daten des Patienten zugreifen können. Das wäre hilfreich, wenn jemand zu Spezialisten in anderen Kliniken überwiesen wird.

Außerdem sollen weitere Bereiche der Klinik digitalisiert und mit Computern ausgestattet werden. Die Krankenschwestern des Sarkari-Karmachari-Krankenhauses arbeiten bisher noch nicht mit den digitalen Krankenakten. Das werde sich bald ändern, kündigt Chowdhury an. Immerhin müssen viele von ihnen gar nicht mehr eigens ausgebildet werden: Die Computerprogramme sind bereits Teil der staatlichen Lehrpläne für die Schwes­ternausbildung in Bangladesch.

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