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Zwei Frauen stehen an einer Tiefkühltrauhe, eine hält einen Milchbehälter in der Hand Huda Hassan
Reportage

Vom Wunder der Kühltruhen

Die erstaunliche Geschichte einer erfolgreichen Milchhändlerin, hilfreicher Kälte und einer engagierten Gemeinschaft. Unterwegs in der Region „Somaliland“.

Text: Bettina Rühl Bilder: Huda Hassan

Inmitten brütender Hitze öffnet Ifrah Mohamoud vorsichtig den Deckel einer weißen Truhe. Darin stehen gelbe Kanister dicht beieinander, versiegelt mit blauen Deckeln und beschriftet mit den Namen verschiedener Milchhändlerinnen. Mohamoud ist eine von ihnen. Ein kühler Lufthauch entweicht, während sie den „Cooling Hub“ ihres Dorfes zeigt. Ein Raum mit solarbetriebenen Kühltruhen, von denen Mohamoud sagt: „Sie haben mein Leben verändert.“

Die 50-Jährige lebt in Karasharka in „Somaliland“. Die nach Unabhängigkeit strebende Region gehört offiziell zu Somalia. Sie liegt im Nordwesten des Landes und die Lebensbedingungen dort sind schwierig: Die Sicherheitslage ist fragil, die Versorgungslage hat sich zuletzt aufgrund der gestiegenen Lebensmittelpreise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verschärft. Und der Klimawandel wirkt sich in dieser ohnehin sehr heißen und trockenen Gegend am Horn von Afrika deutlich aus.

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Ifrah Mohamoud Huda Hassan

Ifrah Mohamoud ist eine erfolgreiche Milchhändlerin.

Milch finanziert das Medizinstudium

Lebensmittel sind kostbar und schwer zu lagern. Deshalb sind die Kühltruhen so wichtig für Mohamoud und den Erfolg ihres kleinen Unternehmens. Sie verdient inzwischen mit dem Verkauf von Milch so viel, dass sie ihren acht Kindern die Schulausbildung ermöglicht hat und ihrem ältesten Sohn sogar ein Medizinstudium finanzieren kann.

Die Milchhändlerin selbst hat nie in einem Klassenzimmer gesessen. „In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es keine Schule“, sagt sie. Doch von der fehlenden formellen Bildung hat sie sich nicht aufhalten lassen. „Rechnen und etwas Schreiben in somalischer Sprache habe ich im Alltag gelernt“, erklärt die Kleinunternehmerin. Und der Geschäftssinn ist ihr offenbar angeboren.

Ganz alleine muss sie nicht für das Familieneinkommen aufkommen, ihr Mann arbeitet mit. Von ihren ersten Profiten aus dem Milchverkauf hat Ifrah Mohamoud einen Minibus angeschafft und beschäftigt ihren Mann als Fahrer. Er sammelt mit dem Gefährt jeden Morgen die Milch in den umliegenden Dörfern ein.

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Frau übergibt Milchkanister an Lieferfahrer Huda Hassan

„Früher ist mir von 100 Litern Milch die Hälfte verdorben, jetzt ist es im Schnitt nur noch ein Zehntel.“

Ifrah Mohamoud
Milchhändlerin

40 Prozent weniger Lebensmittelverlust

Früher musste die Händlerin darauf warten, dass die Bäuerinnen und Bauern die Ware selbst zu ihr brachten. Das war nicht planbar und die Milch oft nicht mehr verwertbar. Seit ihr Mann verlässlich und auf schnellem Weg die Milch einsammelt und alles in die Kühltruhen gepackt wird, habe sich ihr Einkommen deutlich gesteigert, sagt Mohamoud stolz. Derzeit erziele sie im Monat 250 US-Dollar Gewinn. Das ist in „Somaliland“ ein gutes Einkommen. Lehrerinnen und Lehrer verdienen 150 US-Dollar im Monat, Polizistinnen und Polizisten 140. „Früher ist mir von 100 Litern Milch die Hälfte verdorben“, sagt sie. „Jetzt ist es im Schnitt nur noch ein Zehntel.“

Dass die Kühltruhen nach Karasharka kamen, verdanken Ifrah und ihre Kolleginnen einem Projekt, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung umsetzt. Die GIZ hat in „Somaliland“ insgesamt vier „Cooling Hubs“ finanziert, also Räume mit solarbetriebenen Kühltruhen. Außerdem hat sie vier „Milchmärkte“ errichten lassen: Hallen auf Märkten, in denen mehrere Frauen Kühlmöglichkeiten und einen Standplatz haben, um dort Milch zu verkaufen. Die GIZ und ihre Partner arbeiten in den drei Regionen Maroodi Jeex, Saaxil und Togdheer daran, die Ernährungssicherheit und Resilienz für rund 68.000 Menschen zu verbessern.

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Porträt einer Milchhändlerin Huda Hassan

Händlerinnen in einem von vier Milchmärkten in „Somaliland“, die mit Unterstützung der GIZ errichtet wurden.

Welche Rolle dabei Kühltruhen spielen können, zeigt Karasharka. Hier profitiert unmittelbar eine Gruppe von 19 Frauen und einem Mann von den „Cooling Hubs“. Aber im Grunde nützen sie allen 250 Haushalten im Dorf. Denn dessen „Entwicklungskomitee“ sammelt von allen Bewohnerinnen und Bewohnern Geld für gemeinschaftliche Projekte. Werden Einzelne wohlhabender, geht es dadurch auch der Gemeinschaft besser. Inzwischen hat das Komitee genug zusammen, um mit dem Bau eines Gesundheitszentrums zu beginnen.

Ohne die Kühltruhen wäre das unmöglich gewesen, meint Ali Hirsi, der das Komitee leitet: „Das meiste Geld dafür haben die Milchhändlerinnen beigetragen.“ Der Rohbau des Gesundheitszentrums steht inzwischen, die GIZ wird die Fertigstellung finanzieren. „Wir finden die Initiative des Dorfes bewundernswert und wollen es unterstützen“, sagt Carola von Morstein. Bis September 2023 war sie die Koordinatorin der Projekte in „Somaliland“ und kennt Karasharka genau. Die Regierung hat bereits zugesagt, die Gehälter für das Gesundheitspersonal zu übernehmen, wenn das Gebäude fertig ist.

Indirekt profitieren noch mehr Menschen: die Käuferinnen und Käufer der Milch. Viele von ihnen sind Durchreisende, Karasharka liegt an einer wichtigen Verbindungsstraße, die vom Landesinneren in die Hafenstadt Berbera führt. Weil Karasharka inzwischen einen Ruf als „Milchdorf“ hat, planen viele hier einen kurzen Stopp ein, um sich zu versorgen. Im Angebot sind Kamel-, Ziegen- und Kuhmilch.

Gerade hält Abdirashid Ali mit seinem Lkw vor dem „Cooling Hub“. Täglich pendelt er mit Waren auf der Transitstrecke und jeden Tag nimmt er in Karasharka 20 Milchkanister mit, jeder enthält 28 Liter. Die verkauft er in der Hafenstadt auf Kommission, für ihn ein netter Zusatzverdienst. Ali selbst mag Kamelmilch am liebsten, „die ist besonders nahrhaft“, lobt er. Und macht sich wieder auf den Weg. Mit der Milch, die hier Leben verändern kann.

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Frauen mit Kanistern Huda Hassan

„Hand in Hand arbeiten“

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Krisen adressieren

Naturkatastrophen, die Folgen der Corona-Pandemie, gesellschaftliche Instabilität: Die Region „Somaliland“ ist von multiplen Krisen betroffen. Das Projekt der strukturbildenden Übergangshilfe „Verbesserung des Katastrophenrisikomanagements und der Ernährungssicherung zur Stärkung der Resilienz in ‚Somaliland‘“ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) adressiert diese Krisen. Und setzt sich zusätzlich dafür ein, dass die wirtschaftliche, politische und soziale Teilhabe von Frauen und jungen Menschen erhöht wird.

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Drei Milchhändlerinnen auf dem Feld Huda Hassan

Ifrah Mohamoud (rechts) mit anderen Milchhändlerinnen vor dem Rohbau des Gesundheitszentrums in Karasharka, den sie mitfinanziert haben.

Zu folgenden Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der Vereinten Nationen trägt das Vorhaben bei:
SDG 1: Keine Armut SDG 2: Kein Hunger SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen SDG 5: Geschlechtergleichheit SDG 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum SDG 12: Nachhaltige/r Konsum und Produktion
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