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Bunte Häuserfront im Schnee mit Personen und Logo „COP15“ picture alliance / ZUMAPRESS.com
Hintergrund

Biodiversität wird wichtiger

Die Vielfalt der Arten erhalten, Lebensräume schützen: Die Einigung beim Gipfel in Montreal vom Dezember 2022 zeigt Wirkung.

Text: Friederike Bauer

Das Thema Biodiversität ist auf der internationalen Bühne angekommen. Lange Zeit spielte es in der Nachhaltigkeitsdebatte eine untergeordnete Rolle: Der Fokus lag in den letzten Jahren sehr stark auf dem Klimaschutz. Das ändert sich langsam, stellt Silke Spohn fest. Sie leitet das Sektorvorhaben „Biodiversität-Umwelt-Meere“ in der GIZ.

Tatsächlich bildete der Naturerhalt auch einen Schwerpunkt bei der diesjährigen Weltklimakonferenz (COP28) in Dubai. Wurden die Themen Klima und Biodiversität früher noch weitgehend getrennt voneinander behandelt, herrscht jetzt weitgehend Einigkeit darüber, dass die beiden eine Doppelkrise darstellen, sich gegenseitig verstärken – positiv wie negativ – und deshalb gemeinsam angegangen werden müssen.

Wechselwirkung Biodiversität und Klima

Der Verlust an Biodiversität kann den Klimawandel beschleunigen. Wenn Wälder oder Moore verloren gehen, wird Kohlendioxid freigesetzt. Bleiben sie intakt, dienen sie als natürliche CO2-Speicher. Deshalb ist der Erhalt von Biodiversität auch ein wichtiges Mittel im Kampf gegen höhere Erdtemperaturen. Umgekehrt kann der Klimawandel den Artenschwund beschleunigen. Ein Beispiel dafür sind die Korallenriffe, von denen die Hälfte bis 2035 sterben könnte, wenn nicht rasch gegengesteuert wird.

Dieser Zusammenhang von Biodiversität und Klimawandel, der lange Zeit nahezu unberücksichtigt blieb, ist mittlerweile Teil der internationalen Debatte. „Das Thema hat eindeutig an Aufmerksamkeit gewonnen, sowohl in der Politik als auch in der breiten Bevölkerung“, sagt Silke Spohn.

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Silke Spohn privat

Silke Spohn leitet das Sektorvorhaben „Biodiversität-Umwelt-Meere“ in der GIZ.

Historische Übereinkunft von Montreal

Einen Grund für die höhere Aufmerksamkeit sieht Silke Spohn im neuen globalen Biodiversitätsrahmen, Global Biodiversity Framework, den die Staatengemeinschaft im Dezember 2022 verabschiedet hat. Dass er zustande kam und 23 vergleichsweise konkrete Handlungsziele enthält, die bis 2030 erreicht werden sollen, galt seinerzeit als großer Erfolg.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke sprach damals von einem „starken Abkommen“, die kanadische Presse gar von einer historischen Vereinbarung. Auch die GIZ erachtete die Einigung als wegweisend. Zu den beiden prominentesten Passagen zählen das Ziel, 30 Prozent der Erde bis 2030 unter Schutz zu stellen (das kommt an Land etwa einer Verdoppelung und im Meer grob einer Vervierfachung der Naturschutzfläche gleich), und das Ziel, 30 Prozent degradierter Ökosysteme wiederherzustellen.

Seither ist ein Jahr vergangen und hinter den Kulissen ist einiges geschehen: Die meisten Länder arbeiten, wie Spohn berichtet, an ihren nationalen Biodiversitätsstrategien, denn die globale Rahmenvereinbarung von Kanada bildet, der Name sagt es, einen Rahmen, dessen Inhalte nun in Strategien und Aktionspläne für die Umsetzung überführt werden müssen. Auch Deutschland ist dabei, seine Biodiversitätsstrategie anzupassen. Sie soll nächstes Jahr verabschiedet werden.

Ziel: biologische Vielfalt gemeinsam bewahren

Außerdem existiert mittlerweile ein „Global Biodiversity Framework Fund“. Die Staatengemeinschaft hat ihn „in Rekordgeschwindigkeit“ aufgesetzt, so Spohn. Daran hat auch Deutschland mit einer bisherigen Anschubfinanzierung von 40 Millionen Euro großen Anteil, denn mit weiteren Beiträgen von Kanada und Großbritannien wurde der Fonds operativ. Er soll bis 2025 mit 20 Milliarden US-Dollar aus öffentlichen und privaten Quellen bestückt werden, um damit Entwicklungsländer beim Naturerhalt zu unterstützen. Denn die reichste Biodiversität und wichtige Ökosysteme liegen zum großen Teil dort, etwa im Kongobecken oder im Amazonas.

Allerdings steht auch noch viel aus: Noch ist zum Beispiel unklar, wie das Erreichen der Ziele überprüft werden soll und welche Indikatoren es dafür braucht. Was zählt als geschützte Fläche? Wie misst man, ob degradierte Ökosysteme wiederhergestellt wurden? Daran arbeitet derzeit ein Expert*innengremium, das bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz im Herbst 2024 hoffentlich schon Ergebnisse vorstellen kann.

Wie die Privatwirtschaft in den Erhalt von Biodiversität stärker einbezogen werden könnte, ist ebenfalls noch unklar, gilt aber als entscheidend. Manche sprechen mittlerweile von „Biodiversity Credits“, die man ähnlich wie CO2-Zertifikate für Investoren ausgeben könnte, doch die Diskussion über die Kriterien, das Zählen und Nachverfolgen, stehe erst am Anfang, meint die Leiterin des Sektorvorhabens.

Natur erhalten: guter Anfang, viel muss noch folgen

Es herrsche eine „starke Dynamik“ in der internationalen Politik rund um das Thema, so Spohn, aber von Antworten und großen, praktikablen Lösungen dieser enormen Herausforderung seien wir noch weit entfernt. Diese einerseits positive Bilanz stehe im krassen Gegensatz zum Zeitdruck, unter dem die Welt stehe. „Wir müssen rasch handeln und uns von gewaltsamen Konflikten wie jenen in der Ukraine oder im Gaza-Streifen nicht von der Arbeit am weltweiten Naturschutz abbringen lassen“, mahnt Silke Spohn.

Vielfalt, genauer betrachtet

Biodiversität oder biologische Vielfalt ist ein Maßstab für die Fülle unterschiedlichen Lebens in einem bestimmen Lebensraum. Dabei unterscheidet man drei Ebenen: Vielfalt der Arten, Vielfalt innerhalb der Arten und Vielfalt der Ökosysteme. Alle drei Kategorien schwinden derzeit drastisch.

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