Grün ist die Hoffnung

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„La Tigra“ in Costa Rica
Reportage
08/2021

Grün ist die Hoffnung

Ein Ausflug rund um die Ökolodge „La Tigra“ in Costa Rica zeigt, wie beim Naturschutz viele Hand in Hand arbeiten –  auch die Privatwirtschaft: für „Green Recovery“.

Text
: Sandra Weiss
Fotos
: Sandra Weiss und GIZ

Der Lehrpfad hinter dem Haus von José Miguel Herrera ist keine 50 Meter lang. Trotzdem kann man hier, inmitten des tropischen Regenwalds von Costa Rica, leicht mehrere Stunden verbringen. Denn es blüht in den buntesten Farben und Imker Herrera kann ungemein fesselnd über seine Bienen erzählen, während er von Stock zu Stock geht und die Besucherinnen und Besucher direkt daraus naschen lässt. Über 700 verschiedene Bienenarten gibt es in seiner Heimat. Manche sind so klein wie Stecknadelköpfe, andere fast so groß wie einer der Kolibris, mit denen sie sich die Blüten in Herreras Garten teilen. „Viele sind vom Aussterben bedroht“, sagt der 31-Jährige, während die Insekten unentwegt ausschwärmen. Man hört sie allerdings kaum. Die meisten costa-ricanischen Bienen sind leise, friedfertig – und haben keinen Stachel. Ihr Honig, den Herrera verkauft, schmeckt je nach Saison fruchtig bis herb. Lange stand er im Schatten des Importhonigs. Nun wird er bei Gästen und Einheimischen immer beliebter, weiß Herrera: „Honig und Naturheilmittel wie Pollen und Propolis habe ich während der Pandemie gut verkauft, direkt vom Hof und übers Internet.“

Bis vor ein paar Jahren war der Costa-Ricaner aus der Ortschaft Valle Azul noch Kellner. Jetzt hat er ein eigenes Kleinunternehmen namens Euglossin – benannt nach einer Bienenart: mit Logo, Verkaufsstand und Facebook-Auftritt. Seine Firma hat er im Zuge eines Pilotprojekts der GIZ gestartet. Dabei gehen Umweltschutz und nachhaltige Wirtschaftsförderung Hand in Hand.

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Costa Rica gilt international als Vorzeigeland in Sachen Naturschutz und Ökotourismus. Bislang ist dies jedoch vor allem auf staatliche Initiativen zurückzuführen. Noch 2021 will das Land CO2-neutral werden. 25 Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz. Doch für den Staat ist das auch eine finanzielle Bürde. Die Corona-Pandemie war zudem ein herber Rückschlag für das Land, für das der Tourismus wichtigster Devisenbringer ist. Das Haushaltsdefizit wird größer, Costa Rica ist mit rund 30 Milliarden US-Dollar im Ausland verschuldet. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Regierung nun auch die Privatwirtschaft stärker in den Umweltschutz mit einbeziehen will.

„Wir müssen umdenken“, fordert Vizeminister Franklin Paniagua, dessen Umweltministerium Partner der GIZ in dem Projekt ist: „Früher ging es darum, einen Naturpark möglichst unberührt zu lassen.“ Wirtschaftliche Aktivitäten und Umweltschutz standen schnell im Konflikt. „Heute suchen wir Allianzen mit dem Privatsektor und versuchen, die ganze Ökonomie nachhaltig zu gestalten“, sagt Paniagua. „Green Recovery“, grüne Wirtschaftsbelebung, heißt der Regierungsplan für die Nach-Corona-Zeit. Doch wie gelingt ein nachhaltiger, klimaneutraler Umbau in der Landwirtschaft, im Tourismus, im Transportwesen, in Bau- und Forstwirtschaft? „Das geht nur, wenn Staat, Bürger und Privatwirtschaft an einem Strang ziehen“, sagt Paniagua. „Und dafür brauchen wir erfolgreiche Beispiele.“

Ein solches ist die Entwicklungspartnerschaft „Reserva Bosque La Tigra: Biodiversity in Action“ zwischen dem deutschen Reiseveranstalter travel-to-nature und der GIZ, die im Rahmen des develoPPP-Programms des BMZ gefördert wird. Dreh- und Angelpunkt dabei ist „La Tigra“, eine ehemalige Rinderfarm, die zweieinhalb Fahrstunden nördlich der Hauptstadt San José liegt, auf 1.300 Metern Höhe. 2003 kauften dort Rainer Stoll, Inhaber von travel-to-nature, und ein costa-ricanischer Geschäftsmann vier Hektar Land. „Es war Weideland, ohne Wald, ohne Biodiversität, mit ausgelaugten Böden“, erzählt Paul Valenciano, der costa-ricanische Teilhaber. Raubkatzen, die der Farm den Namen gaben, waren längst nicht mehr vorhanden. Es wurde zunehmend einsam in der Gegend, weil die Bäuerinnen und Bauern ihr unproduktives Land verkauften und in die Hauptstadt gingen. Diesen Teufelskreis brachen die beiden umtriebigen Geschäftsleute auf. „Mit Wiederaufforstung und Ökotourismus zeigten wir, dass man von und mit der Natur leben kann, ohne sie zu zerstören“, erzählt Valenciano. 33 Arbeitsplätze entstanden in der Ökolodge.

Länder Wiki
Costa Rica

LAND: Costa Rica

HAUPTSTADT: San José

BEVÖLKERUNG: 5 Millionen

RANG IM HUMAN DEVELOPMENT INDEX: 62 von 189

Quelle: Weltbank, UN

Die Vereinten Nationen haben Costa Rica als erstes Land der Welt für seine Umweltpolitik ausgezeichnet. Die Regierung engagiert sich zudem stark im Bereich Multilateralismus sowie bei Initiativen für Impfgerechtigkeit. Mit Deutschland arbeitet das mittelamerikanische Schwellenland in Klimaprojekten, im Bildungs- und Wissenschaftsbereich eng zusammen.

Forschungsstation soll mehr Wissen liefern

„62 Vogelarten, 17 Amphibien und 18 Reptilien leben hier“, sagt Adolfo Quesada, der Manager der Lodge, bei der abendlichen Froschtour. Stars sind der rotäugige Baumfrosch und der blaurote Pfeilgiftfrosch. Ihr Konzert zum Sonnenuntergang ist ohrenbetäubend und mit Taschenlampen sind sie in den Teichen und Bächen rund um die Lodge leicht zu entdecken. Hausgäste lieben die Froschtour, ebenso wie Schulklassen. Wer möchte, kann außerdem für 30 US-Dollar einen Baumsetzling erwerben und selbst auf dem Gelände pflanzen – Urkunde und GPS-Daten inklusive. Die Gewinne aus der Lodge werden reinvestiert, in den Ankauf benachbarter Grundstücke, die ebenfalls aufgeforstet werden. 46 Hektar sind es bislang, das entspricht etwa 64 Fußballfeldern.

Doch anfangs ging es langsam voran, zu wenig warfen die zehn Zimmer ab, erinnert sich Paul Valenciano. Der Quantensprung kam 2017 mit der Einbindung der GIZ. Das gemeinsame Ziel ist es, die Waldfläche deutlich zu vergrößern und einen Entwicklungspool rund um den Ökotourismus in der Region zu schaffen. Und da kommt Imker Herrera ins Spiel, zu dem es von der Lodge aus 20 Minuten Fahrt sind. Insgesamt 15 angehende Kleinunternehmerinnen und -unternehmer mit nachhaltigen Geschäftsideen im Einzugsgebiet von „La Tigra“ wurden bisher in Kursen ausgebildet, die die GIZ organisiert hat: Marketing, Kostenrechnung, ein Firmenkonzept und Steuertipps umfassten die Lehrmodule. „Bienen waren mein Hobby“, erzählt Herrera. „Der Kurs gab mir den Anstoß, da­raus ein Geschäft zu entwickeln.“ Die Gewinne legt er beiseite, um ein benachbartes Grundstück für seine Bienen zu erwerben und mit einheimischen Blumen und Sträuchern zu bepflanzen.

Wirklicher Fortschritt nimmt alle mit und bringt nicht nur einigen wenigen Investoren Gewinn.

Adolfo Quesada
Manager der „La Tigra“-Lodge

Ein paar hundert Meter von Herrera entfernt hat Maricel Vargas ihr Haus in drei Ferienwohnungen umgewandelt. „2017 hatte ich meinen Job verloren und brauchte ein neues wirtschaftliches Standbein“, erzählt sie. Eine Idee war bald gefunden: Auf ihrem liebevoll gepflegten Anwesen gibt es eine Quelle – und entsprechend viele Frösche. Ihre Kinder waren ausgezogen, das große Haus fast leer, und mit seiner Lage nahe der Hauptstraße war es geradezu ideal als Touristenunterkunft. Vargas ist eine herzliche Gastgeberin. „Ich konnte nur die Hauptschule besuchen“, erzählt die 49-Jährige. „Ohne das Projekt hätte ich mir nie zugetraut, Unternehmerin zu werden.“ Was ihr dabei besonders gefiel, war die Teamarbeit: „Wir schützen jetzt alle gemeinsam die Umwelt, denn sie sichert unseren Lebensunterhalt.“ Den Wald, den ihre Eltern einst für Bananenhaine und Viehweiden fällten, forstet sie nun wieder auf.

„Wirklicher Fortschritt nimmt alle mit und bringt nicht nur einigen wenigen Investoren Gewinn“, sagt Lodge-Manager Quesada. Vor allem die Sensibilisierung der Jugend und eine Allianz mit der Wissenschaft liegen ihm und der GIZ am Herzen. Deshalb wird unweit der Ökoherberge eine biologische Forschungsstation mit angeschlossenem Schulungszentrum gebaut. Denn „La Tigra“ ist auch ein wissenschaftliches Experiment: Inwieweit gelingt es durch Wiederaufforstung, die ursprüngliche Flora und Fauna wiederherzustellen, also den durch den Menschen angerichteten Schaden wieder rückgängig zu machen? Und ist es möglich, einen Korridor herzustellen, der das Tiefland mit dem benachbarten Naturschutzgebiet „Bosque Eterno de los Niños“ verbindet?

Business und Biodiversität

Die Landfläche Zentralamerikas umfasst nur ein Prozent der Erdoberfläche, beherbergt jedoch etwa acht Prozent der weltweiten biologischen Vielfalt. Um diese Kostbarkeiten zu schützen, setzt die GIZ mit dem Programm „Business & Biodiversity in Zentralamerika und der Dominikanischen Republik“ auf eine Allianz von Staat und Privatwirtschaft. Im Auftrag des BMZ und kofinanziert von der EU arbeitet die GIZ hierbei mit der Zentralamerikanischen Kommission für Umwelt und Entwicklung (CCAD) des Zentralamerikanischen Integrationssystems (SICA) zusammen.

Bereits 32 Entwicklungspartnerschaften sind so in Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Guatemala, Honduras und Nicaragua entstanden. Allein durch Unternehmen wurden etwa fünf Millionen Euro in die nachhaltige Nutzung und den Schutz der biologischen Vielfalt investiert. Hinzu kommen Beiträge durch Zivilgesellschaft, Wissenschaft und öffentliche Geber.

Das Pilotprojekt „Reserva Bosque La Tigra: Biodiversity in Action“ in Costa Rica ist ein Beispiel dafür, wie öffentlich-private Investitionen ein Hebel für Umweltschutz und nachhaltigen Ökotourismus sein können. Die Partnerschaft zwischen dem deutschen Reiseveranstalter travel-to-nature und der GIZ wird im Rahmen des develoPPP-Programms des BMZ gefördert. Wobei der private Geldgeber 50 Prozent der Gesamtausgaben von 360.000 Euro übernahm. So können Umweltbildung gefördert, Tropenwald in einem ökologischen Verbund wiederhergestellt und die Menschen der Region durch nachhaltigen Tourismus gestärkt werden.

Kontakt: Svenja Paulino, svenja.paulino@giz.de

„Erste Aufnahmen aus versteckten Kameras sind vielversprechend“, sagt Adolfo Quesada, „Pumas, Pekaris und Ozelote wurden schon wieder gesichtet.“ Affen und Faultiere fehlen dem Manager noch zu seinem Glück. Aber die Hoffnung wächst mit jedem gespendeten Baum. So wie von einem Touristen aus Bad Urach: Gepflanzt werden heute sogar gleich drei Bäume, darunter ein Lecythis ampla, der in Costa Rica bedrohte Affentopfbaum. „Er bildet große, runde Früchte, die die Affen lieben“, erklärt Quesada. Und der deutsche Besucher ist begeistert: „Ich freue mich, so einen Beitrag zum Umweltschutz und zur ganzheitlichen Entwicklung dieser Region zu leisten.“

Ziele für nachhaltige Entwicklung