Interview
„Der Verlust an Biodiversität zerstört die Lebens­grundlage“ 

Die Wissenschaftlerin Katrin Böhning-Gaese über das Artensterben und warum es dringend gestoppt werden muss.  

Interview: Friederike Bauer Fotos: Privat; Peter Kiefer; ZGF; Thomas Müller SGN

Arten und Ökosysteme sterben. In welchem Ausmaß geschieht das derzeit?

Wir übernutzen die Erde auf dramatische Weise. Die natürlichen Ökosysteme sind weltweit schon um die Hälfte zurückgegangen und nur noch zu etwa einem Viertel vom Menschen unberührt. Im Mittel ist jede vierte Art vom Aussterben bedroht. Deshalb sprechen Paläontolog*innen inzwischen vom Beginn des sechsten Massenaussterbens. Wir greifen auf verantwortungslose Weise in die Natur ein. Dieser Zustand muss beendet werden, weil wir sonst unsere Lebensgrundlage zerstören. Leider hat sich das im allgemeinen Bewusstsein noch nicht festgesetzt. Dabei ist die Biodiversitätskrise meiner Ansicht nach noch schlimmer als die Klimakrise. 

Warum brauchen wir Biodiversität? Genügten nicht auch weniger Arten? 

Mit der Natur ist es genau wie mit Aktien: Ein diversifizierter Fonds, klug zusammengesetzt, ist stabiler als ein einzelner Wert. Je größer der verfügbare Pool an Arten, desto größer die Widerstandskraft von Ökosystemen. Monokulturen sind Wetterextremen oder Schädlingen viel stärker ausgeliefert als Mischkulturen. Das kann man an Mischwäldern sehr schön beobachten, wo sich Bäume gegenseitig in ihren Kronen- und Wurzelsystemen ergänzen und auch Trockenperioden vergleichsweise gut überstehen. Dadurch sind sie robuster. Gerade in Zeiten des Klimawandels kommt es deshalb auf jede Art an. Versagt eine, etwa wegen Dürre, kann eine andere übernehmen. Je mehr biologische Vielfalt verfügbar ist, desto besser funktioniert diese natürliche Lebensversicherung. 

Gibt es Arten, die wichtiger sind für das große Ganze als andere?

Es gibt tatsächlich sogenannte Schlüsselarten, etwa Samenausbreiter wie Tukane, weil sie für die Fortpflanzung von Bäumen extrem wichtig sind. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass man scheinbar weniger wichtige Arten erübrigen könnte. Häufig kennen wir nur ihre Rollen einfach nicht oder haben das Wechselspiel mit anderen Arten noch nicht genügend verstanden. Das gilt auch deshalb, weil wir bisher nicht genau wissen, wie viele Arten es auf der Welt überhaupt gibt. Wir schätzen um die acht Millionen, es könnten aber auch zehn oder zwölf Millionen sein. Deshalb wäre es unvernünftig, von wichtigen und weniger wichtigen Arten zu sprechen. 

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Prof. Katrin Böhning-Gaese

Prof. Katrin Böhning-Gaese

Katrin Böhning-Gaese ist Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und Professorin an der Frankfurter Goethe-Universität. Die Vogelkundlerin hat ursprünglich Biologie studiert; heute forscht sie überwiegend auf dem Gebiet der Ökologie. Im Jahr 2021 hat sie für ihre Arbeit zum Thema Biodiversität den renommierten Deutschen Umweltpreis gewonnen.

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Was müssten wir tun, um den aktuellen Prozess aufzuhalten?

Wir können diesen Trend nur umkehren, wenn wir auf vielen Ebenen ansetzen. Es fängt bei der Politik an, die den richtigen Rahmen setzen und zum Beispiel mehr Natur schützen muss. Deshalb hoffe ich sehr, dass sich die Staatengemeinschaft beim bevorstehenden Weltnaturgipfel in Montreal ehrgeizige Ziele setzt und unter anderem beschließt, ein Drittel der Erdoberfläche unter Naturschutz zu stellen. Aber auch jede*r Einzelne kann etwas beitragen: Ein ganz wichtiger Teil davon ist, weniger Essen zu verschwenden, damit nicht noch mehr Boden in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt wird. Ein noch größerer Beitrag wäre, weniger Fleisch zu verzehren. Der Anbau von Futtermitteln beansprucht sehr viel Land, das wir entweder als Schutzgebiete ausweisen oder für die direkte Nahrungsmittelproduktion nutzen könnten. 

Was sind die Haupttreiber für den Verlust von Biodiversität? 

Die gerade schon erwähnte Landwirtschaft hat den größten Anteil daran. Erstens, weil sie immer mehr Flächen beansprucht – das geschieht häufig durch das Abholzen von Wäldern. Und zweitens, weil die industrialisierte Landwirtschaft, die auf maximale Produktivität getrimmt ist, zu viel Pflanzenschutz- und Düngemittel verwendet und zu wenige Brachflächen, Hecken etc. dazwischen zulässt, damit sich Biodiversität entfalten kann. Dazu kommt: Wir entnehmen der Natur mehr, als nachwachsen kann. Das gilt für Fische genauso wie für Wild, für Heilkräuter ebenso wie für Holz. Und drittens spielt der Klimawandel eine immer größere Rolle beim Verlust an Biodiversität. Noch ist er nicht der Hauptfaktor, aber mit steigenden Temperaturen werden weitere Arten vom Aussterben bedroht. Der Erhalt von Natur ist auch ein wichtiger Puffer gegen die Erderwärmung, weil zum Beispiel Wälder und Moore natürliche CO2-Speicher sind. Gehen sie verloren, wird das Klima weiter angeheizt. Hier besteht eine enge Wechselwirkung. Auch deshalb brauchen wir so viel biologische Vielfalt wie möglich. 

Was können wir alle zum Artenerhalt beitragen?

Wie bereits erwähnt, geht der Verlust an Biodiversität nicht nur uns alle etwas an, sondern wir können auch alle dazu beitragen, diese besorgniserregende Entwicklung zu stoppen und umzukehren. Als Erstes brauchen wir ein neues Bewusstsein dafür und müssen erkennen, dass wir ein Teil der Natur sind. Bisher scheint es oft so, als wären wir Menschen hier und die Natur dort. Das ist eine Fehlwahrnehmung, denn wir gehören zusammen. Daraus ergibt sich dann automatisch ein anderer Umgang mit der Natur. Und zweitens sollten wir, vor allem wir in den reichen Ländern des Globalen Nordens, weniger konsumieren und unsere Gewohnheiten auf Nachhaltigkeit umstellen. Denn nahezu alles, was wir verbrauchen, kommt in irgendeiner Form aus der Natur. Vieles von dem, was wir kaufen, brauchen wir nicht einmal. Sich beim Konsum zu mäßigen, wäre ein wirklicher Beitrag für den Erhalt der Biodiversität. 

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