Höhere Qualität

Milch für Marokko

Die GIZ und Danone unterstützen Bauern dabei, die Qualität ihrer Milch zu erhöhen und gleichzeitig ihr Einkommen zu steigern.

Text: 
Marie Tuil
Foto: 
Yana Wernicke

Auf den staubigen Feldern rings um den Hof von Moustapha al Horch flirrt die Hitze des marokkanischen Sommers. Drei Hunde halten mit tränenden Augen vor dem Hof Wache. Al Horchs Jeans steckt in hohen weißen Gummistiefeln, sein Gesicht unter der Baseballmütze ist braungebrannt. Nur knapp überragt er seine beste Kuh, ein Holstein-Rind, das aus Deutschland importiert wurde. Vier Milchkühe besitzt der Kleinbauer, dazu seit kurzem fünf Färsen – junge Kühe, die noch nie gekalbt haben – und drei Kälber. Das, so hofft er, wird reichen, um die Familie zu versorgen. Zwei Mädchen haben seine Frau Nedia al Horch und er schon, das dritte Kind ist auf dem Weg. 

 

Liebt die Landwirtschaft: Moustapha al Horch.

Al Horch ist Mitglied einer Bauernkooperative. Die GIZ und Danone unterstützen die Bauern dabei, die Qualität ihrer Milch zu erhöhen und gleichzeitig ihr Einkommen zu steigern. Der Danone Ökosystem Fonds des gleichnamigen Lebensmittelkonzerns finanziert das Projekt mit knapp einer Million Euro in den ersten beiden Jahren. Die Zentrale von Danone in Marokko zahlt  267.731 Euro, die Milch-Sammelstellen 166.232 Euro. Das Projekt soll insgesamt fünf Jahre laufen. Das Interesse von Danone ist es, mehr Milch in einer gleichbleibend hohen Qualität von einheimischen Bauern zu bekommen, um sie in Marokko weiterverarbeiten zu können. Mitte 2015 lief es in der Region Chaouia rund um Casablanca an. Sieben Agrartechniker sind hier für 33 Milchsammelstellen und damit etwa 1.500 Bauernfamilien zuständig. Zwei weitere Regionen sollen folgen, sodass schließlich 77 Kooperativen mit 10.000 Milchbauern davon profitieren. 

Marokko leidet unter der Landflucht

In Marokko verlassen immer mehr Menschen die ländlichen Regionen, die Städte wachsen ins Unermessliche. Al Horch ist den umgekehrten Weg gegangen: von der Großstadt zurück auf den Hof seiner Großeltern. Aufgewachsen ist er in Casablanca. Die Eltern waren schon vor seiner Geburt in die Millionenmetropole gezogen. Nach der Schule absolvierte der heute 49-Jährige eine Ausbildung zum Informatiker. Doch richtig zufrieden war er damit eigentlich nie. „Erst hier auf dem Land habe ich meine Ruhe gefunden. Ich liebe die Arbeit in der Landwirtschaft. Und inzwischen habe ich den Kniff raus, wie man mit den Kühen umgehen muss.“

Der Großvater seines Vaters war vor mehr als einem Jahrhundert der Erste in der Gegend, der ein festes Haus baute. „Unser ältestes Zimmer stammt aus dem Jahr 1896, die Nachbarn wohnten zu dieser Zeit noch in Zelten.“ Ein Teil der Familie lebte noch im Dorf, als al Horch die Entscheidung traf, Bauer zu werden. Diese Wahl hatten die meisten anderen Bauern seiner Kooperative nicht. Trotzdem: Heute ist al Horch einer von ihnen. 

Wichtig ist die schnelle Kühlung

Es wird Abend – Zeit zum Melken, die Euter der Kühe sind prall gefüllt. Tiefes, lautes Muhen erfüllt den dunklen Stall. Al Horch rollt die fahrbare Melkmaschine heran. Sorgfältig wäscht er die Zitzen der Kühe, trocknet sie und drückt aus jeder einzelnen ein paar Tropfen Milch auf den Boden. Alles ist bereit. Die vier roten Melkbecher saugen sich an das Euter und die Milchschläuche füllen sich. 44 Liter Milch kommen so zusammen. Am Abend ist es immer ein bisschen weniger als am Morgen. Dafür sei der Nährstoffgehalt höher, erklärt al Horch. Kurz danach macht er sich mit seinem Esel auf den Weg zur Milchsammelstelle der Kooperative. Je schneller die frische Milch in den Kühlbehälter kommt, desto besser. 

Es ist eine der neuen Regeln des Projekts, an die sich die Bauern erst einmal gewöhnen mussten: Weil zweimal pro Tag gemolken wird, muss die Milch nun auch zweimal pro Tag bei der Kooperative abgeliefert werden, um möglichst schnell gekühlt zu werden. Und nicht nur das wird streng kontrolliert. Bei der Sammelstelle angekommen, unterläuft die Milch zuerst einmal einen Test auf Fett- und Proteingehalt sowie auf Bakterien. Wer die Qualitätsanforderungen nicht erfüllt, wird seine Milch an dem Tag nicht los.

Solarmodul auf dem Dach der Kooperative 

Seit Beginn des Projekts hat sich in der Kooperative vieles verändert. Die Bauern haben die Milchsammelstelle renoviert, mit Fliesen und modernen Instrumenten für den Qualitätstest ausgestattet, ein Solarmodul für Warmwasser auf dem Dach installiert. Einen Großteil der Kosten hat Danone übernommen, doch grundsätzlich gilt: Auch die Kooperative muss zur Finanzierung beitragen, damit die Mitglieder selbst Verantwortung für die Neuerungen übernehmen. Die Bauern, die von dem Projekt profitieren, verpflichten sich, ihre Milch nicht an die Konkurrenz zu verkaufen, um Nachhaltigkeit zu gewährleisten – im Gegenzug verzichtet die Kooperative auf Abnahmeobergrenzen, die für die Bauern in besonders produktiven Phasen zum Problem werden. Zusätzlich haben Agrartechniker den Bauern die wichtigsten Regeln der nachhaltigen Vieh- und Milchwirtschaft vermittelt. Dabei geht es um Futter, Hygiene, Fortpflanzung und die Gesundheit der Tiere.  

Der Milchbauer al Horch sucht immer nach Möglichkeiten, seinen kleinen Betrieb profitabler zu machen. Anfangs hatte er noch auf andere Einnahmequellen gesetzt und zum Beispiel Kartoffeln angebaut. Doch seit ein paar Jahren konzentriert er sich auf Milchkühe: „Es ist wichtig, seine Sache gut zu machen. Deshalb muss man sich für einen Bereich entscheiden und dann darin Meister werden.“ Er freut sich schon auf die nächsten Trainings. Zu Beginn des Projekts stieg in der Kooperative der Fettgehalt der Milch deutlich an, im Schnitt verdienten die Bauern deshalb acht Prozent mehr. Denn je fetter und proteinreicher die Milch, desto höher der Preis. 

Die Qualität halten

Trotzdem kommt es noch vor, dass einige Bauern ihre Milch nicht loswerden. Moustapha al Horch ist einer davon. „Ende Juni hatte ich Probleme: Der Fett- und Proteingehalt meiner Milch war zu niedrig. Das lag an der Hitze, die den Kühen zu schaffen macht. Es lag aber auch an der schlechten Qualität des Futters. Mein Lieferant hatte es zu lange gelagert. Eine ganze Woche habe ich den Kühen dann nur Stroh gegeben, eine Fastenkur sozusagen. Jetzt ist die Qualität wieder auf altem Niveau.“  39 Gramm Fett pro Liter Milch zeigt das Messgerät in der Sammelstelle heute an – das ist ein Traumwert. Al Horch grinst. 

   Bildergalerie: Hochwertige Milch für Marokko

Doch nicht immer sind es höhere Gewalten wie das Wetter, die Probleme verursachen: „Manche Bauern mischen die Milch mit Wasser, um die Menge zu steigern. Oder sie schöpfen den Rahm ab, um ihn selbst zu nutzen“, erklärt der Projektmanager Mouhcine Bhija. Er nimmt einen Bauern, der die Milch in der Sammelstelle in Empfang nimmt, zur Seite. „Ihr müsst streng sein, wenn die Qualität bei einem Bauern nicht stimmt. Die ganze Kooperative leidet darunter. Ihr müsst euch selbst überlegen, wie ihr Betrug bestrafen wollt: zum Beispiel mit einem dreitägigen Verbot, die Milch abzuliefern.“ 

An diesem Tag gibt es noch ein anderes Thema, das besprochen werden muss. Die Ernte des Frühsommers ist eingefahren. Wer jetzt schon das Futter für die nächsten Monate kauft, spart langfristig: Das Angebot ist im Moment groß, die Preise sind niedrig. Doch den Kleinbauern fehlt meist das Geld für große Mengen. Deshalb gehören auch zinsfreie Kredite, die die Bauern in Form von Milch zurückzahlen können, zu dem Projekt. Die Kosten für Futter können so um mehr als ein Sechstel gesenkt werden.

Alternativen zum Mais als Viehfutter

Doch auch der Eigenanbau wird unterstützt: Zusammen mit den Bauern forschen die Projektmitarbeiter an Alternativen zum Mais. Denn der eignet sich zwar gut als Viehfutter, benötigt aber eine Menge Wasser, um in Marokko überhaupt zu gedeihen.

Moustapha al Horch hat sogar noch einen zusätzlichen Kredit aufgenommen, um den Kauf von vier neuen Färsen zu finanzieren. Innerhalb von 21 Monaten muss er das Darlehen mit seiner Milch zurückgezahlt haben. 5.000 Dirham schießt der Staat für jede Färse hinzu. Dann belaufen sich al Horchs Schulden für die neuen Tiere immer noch auf 88.000 Dirham – etwas mehr als 8.000 Euro. Eine ganz schöne Summe für einen Milchbauern wie ihn. Aber er ist zuversichtlich, dass es eine gute Investition in die Zukunft ist. 

Ansprechpartnerin: Natalia Duguy  > nathalie.duguy@giz.de

 

LANGFRISTIGE VISION

Hlib Bladi zielt darauf ab, die Qualität und die Menge der Milchproduktion marokkanischer Kleinbauern zu steigern und damit ihr Einkommen, ihre berufliche Qualifikation und ihre Existenzgrundlage zu verbessern. Breiter gesehen hat das Projekt den Ehrgeiz, landesweit neue Standards zu entwickeln und zu setzen. Andere Interessensvertreter sollen ins Boot geholt werden, um die Standards in ganz Marokko zu normieren. Das Projekt setzt auf zwei Ebenen an: bei den Milchsammelstellen (Milk Collecting Centres, MCC) und den Bauern. Die Sammelstellen werden dabei unterstützt, ihre Anlagen und Ausrüstung zu verbessern, ihre Mitarbeiter auszubilden und ein auf Qualität basierendes, effizientes und transparentes Management einzuführen. Gleichzeitig werden die Bauern ausgebildet und gecoacht, um ihre Praktiken zu verändern und nachhaltige Ansätze zu entwickeln. Hlib Bladi verfolgt durch soziale, ökonomische und ökologische Veränderungen langfristig die Vision einer dauerhaften Liefersicherheit und sozialen Verbesserungen über mehrere Generationen hinweg. Hierfür soll die derzeit stark vereinzelte Wertschöpfungskette durch die Einrichtung eines Netzes ständiger und integrativer Milchzentren strukturiert werden. Hlib Bladi ist ein Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Privatsektor. Durch ihre fachliche Expertise kann die GIZ technische und organisatorische Unterstützung bieten. Sie setzt zugleich auf Danones Erfahrung in dem Bereich. Energieeffizienz, Wassermanagement, eine nachhaltige Sanitärversorgung, die Mobilisierung von Gemeinden, Governance und die Inklusion von Frauen - das sind einige der Ansätze, um marokkanische Bauern dabei zu begleiten, eine nachhaltige Milchwirtschaft aufzubauen.
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