Beschäftigung

Der Stoff, aus dem die Zukunft ist

Die Textilindustrie in Äthiopien boomt. Mehr Menschen sollen von den neuen Jobs profitieren.

Text: 
Uta Rasche
Foto: 
Michael Tsegaye

Äthiopiens Regierung hat ehrgeizige Ziele: 350.000 Jobs in der Textilindustrie sollen bis 2022 entstehen. Dafür lässt sie Industrieparks bauen – mit eigener Kläranlage und zuverlässiger Stromversorgung. Investoren können die riesigen Hallen mieten. In Hawassa, einer 300.000-Einwohner-Stadt rund 270 Kilometer südlich der Hauptstadt Addis Abeba, ist der Plan bereits aufgegangen. 18 internationale Textilunternehmen haben sich dort niedergelassen, 20.000 Arbeitsplätze sind entstanden. Zwölf solcher Industriegebiete sind in Äthiopien geplant, zwei bereits in Betrieb.

  „Das hat mich selbstbewusster gemacht“, sagt der 26-Jährige.

Jemal Shiferan ist für ein großes Lager voller Stoffe, Garne und Knöpfe zuständig. Der junge Ingenieur hat im GIZ-Training vieles gelernt, was für die Arbeit in der Textilfabrik wichtig ist.

Doch warum gerade die Textilindustrie? International hat sie immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt, etwa beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch vor fünf Jahren, im April 2013. Bei dieser Katastrophe starben mehr als 1.100 Menschen, mehr als 2.400 wurden verletzt. Das vom Fabrikbetreiber verschuldete Unglück hat ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in Teilen der Textilindustrie geworfen. Niedrige Löhne sowie schlechte Sozial-, Sicherheits- und Umweltstandards prägen das Image.

10.000 Führungskräfte und Arbeiter geschult

In Bangladesch hat sich inzwischen viel getan: So trägt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH dazu dabei, die Sozial- und Umweltstandards in der Textilindustrie zu verbessern. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und unter finanzieller Beteiligung der Europäischen Union hat sie dort bisher 10.000 Führungskräfte und Arbeiter zu fairer Bezahlung, Feuerschutz und sicherem Umgang mit Chemikalien geschult. Dadurch konnten mehr als 800 Betriebe ihre Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. 200.000 Näherinnen wurden über ihre Rechte aufgeklärt.

Die Näherinnen arbeiten acht Stunden am Tag und haben eine Stunde Mittagspause.

Die äthiopische Regierung hat sich die Entwicklung in Bangladesch genau angesehen und von Beginn an mit deutschen Experten zusammengearbeitet. Die Arbeitszeit ist in Äthiopien bereits gesetzlich geregelt: Erlaubt sind 46 Stunden pro Woche, maximal zehn Überstunden dürfen angeordnet werden. Die Regierung hält beim Bau der Industrieparks hohe ökologische Standards ein. Denn sie und die produzierenden Firmen wissen: Die Einkäufer großer Modemarken sowie die Konsumenten legen immer mehr Wert auf nachhaltige Produktionsbedingungen. Entsprechende Zertifizierungen gelten als Eintrittskarte in internationale Märkte. Geprüft werden etwa Abwasseraufbereitung, Fluchtwege, Unfallvermeidung und Feuerschutz.

Der Stoff, aus dem die Zukunft ist. Äthiopiens boomende Textilindustrie

Video: GIZ: Der Stoff, aus dem die Zukunft ist. Äthiopiens boomende Textilindustrie. 2018

Denn richtig ist auch: Die Textilindustrie ist ein Jobmotor. Äthiopien, das 100 Millionen Einwohner hat und weiter wächst, braucht Arbeitsplätze. Mulugeta Mergia (25) und Jemal Shiferan (26) gehören zu denen, die schon von dem Boom profitieren: Die Textil­ingenieure kommen direkt von der Hochschule. Seit zehn Monaten stellen sie im Industriepark Hawassa Herrenhemden für eine US-amerikanische Firma her. Mergia steht in einer hohen, hellen Halle. Eine computergesteuerte Maschine teilt dort karierten Stoff in etwa einen Meter lange Stücke. Zehn Frauen schneiden daraus Ärmel, Kragen, Taschen, Vorder- und Rückseiten der Hemden. Der Ingenieur leitet die Arbeiterinnen an.

Das Training ist fast schon eine Jobgarantie

Damit die Qualifikationen von Arbeitskräften wie Mergia und Shiferan zu den Anforderungen der Unternehmen passen, engagiert sich die GIZ in Äthiopien in der Aus- und Fortbildung: Mergia hat an einem sechswöchigen Training im staatlichen Textilindus­trie-Institut in Addis Abeba teilgenommen. Rund 400 Hochschulabsolventen wurden hier kurz vor Eröffnung des Industriegebiets Hawassa an neuen Maschinen geschult. Alle fanden danach einen Arbeitsplatz. Seither haben 5.000 weitere Textilingenieure das Ausbildungs­zentrum genutzt.

In dieser Fabrik nähen 2.000 Angestellte Hemden und Jeans für eine US-amerikanische Modefirma.

Die zusätzliche Qualifikation ist wichtig, weil die Hochschulen mangels technischer Ausstattung eine eher theoretische Ausbildung bieten. Mergia und Shiferan lernten erst im Training, computergestützte Maschinen zu bedienen, den Fertigungsprozess zu planen und die Qualität der Produkte zu kontrollieren. „Das Training war für mich wie eine Brücke zwischen Ausbildung und Arbeit. Es hat mich selbstbewusster gemacht“, sagt Shiferan.

An Praxis fehlt es auch den etwa 350.000 Berufsschülern in Äthiopien. Hier setzt die GIZ im Auftrag des BMZ ebenfalls an: Am nationalen Berufsschullehrerinstitut in Addis Abeba, das die Lehrer für alle 900 Berufsschulen im Land ausbildet, wurden die Curricula überarbeitet und die Unterrichtsqualität verbessert – auch für die Gewerke Holz, Metall und Elektro.

Mit der Produktion könnten auch die Löhne steigen

Nur wenige Unternehmer, die in Äthiopien Kleidung herstellen, sind Einheimische. Die meisten kommen aus Indien, Bangladesch, China, der Türkei. Sie bringen erfahrene Manager mit. Viele Arbeiter indes haben noch nie eine Fabrik von innen gesehen. Die Anlernzeit in der Fabrik ist für viele schwer. Unternehmen wollen nun sowohl in Hawassa als auch am Standort Mekelle im Norden des Landes Ausbildungszentren gründen. Die GIZ unterstützt sie dabei. In Hawassa ist die Investorenvereinigung Partner der GIZ. Im Industriegebiet in Mekelle sind es H&M und DBL, eine Textilfirma aus Bangladesch. „Wir wollen die Effizienz verbessern, das Training ist dabei sehr wichtig“, sagt Pierre Börjesson, Afrika-Repräsentant von H&M. Beide Zentren sollen in den kommenden Jahren bis zu 20.000 Vorarbeiter, Mechaniker und Qualitätskontrolleure fortbilden. „Eine höhere Produktivität gibt den Zulieferern auch mehr Möglichkeiten, die Löhne der Arbeiter zu verbessern.“ Ein Lohn, von dem man leben kann, ist in Äthiopien nicht selbstverständlich. Einen Mindestlohn gibt es nicht. Fast jeder Dritte hier gilt als extrem arm.

Etsegenet Mitiku gehört nicht mehr dazu. Die 24-Jährige arbeitet seit sieben Jahren in einer Textilfabrik am Rande von Addis Abeba. Ein türkisches Unternehmen produziert hier T-Shirts, Blusen und Baby­kleidung für den deutschen Markt. Die Firma beschäftigt 7.000 Menschen. Mitiku hat als ungelernte Kraft mit einem Monatslohn von 400 Birr (rund 12 Euro) angefangen, jetzt leitet sie 16 Näherinnen an und verdient 117 Euro. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Äthiopien liegt bei 28 Euro. Mitiku und ihr Mann, der ebenfalls arbeitet, können eine Wohnung mieten, Lebensmittel kaufen und eine Verwandte bezahlen, die sich um Haushalt und Kind kümmert.

Eine Straße in Addis Abeba. Durch die neuen Jobs in der Textilbranche haben viele Frauen erstmals ein geregeltes Einkommen.

Mitiku kontrolliert, ob die Nähte gerade und die Knöpfe fest sind. Dann trägt sie für jede Frau auf einer Karte ein, wie viele Teile sie am Tag geschafft hat. Ziel sind 30 Kinderschlafanzüge. Die Produktivität der Arbeiter sei niedriger als in Asien, sagt der Geschäftsführer. Die Löhne spiegeln das wider. Doch der Anfangsbetrag steigt, sobald ein Mitarbeiter alle Nähmaschinentypen bedienen kann. Aberash Mitike (22) arbeitet seit sechs Jahren als Näherin. Sie verdient heute etwa 70 Euro im Monat. Der Lohn einer einfachen Näherin reicht nicht, um ein eigenes Zimmer zu mieten. Solange die Frauen unverheiratet sind, teilen sich zwei bis drei von ihnen eines; ihr Lebensstandard ist sehr einfach. Fleisch kommt nicht auf den Tisch, etwas Gemüse und Reis müssen reichen.

Die Näherinnen arbeiten von 8 bis 12 Uhr ohne Unterbrechung. Während der einstündigen Mittagspause essen sie in der Kantine. Das Essen bietet die Firma kostenlos an. Dann geht es weiter, bis 17 Uhr. Es gibt bezahlten Urlaub, zunächst 14 Tage pro Jahr. Mit jedem Jahr Betriebszugehörigkeit kommt ein Tag hinzu. Mitiku, die bis zur zehnten Klasse die Schule besucht hat, würde gern weiterlernen. „Buchführung wäre toll“, sagt sie. Die Vorarbeiterin will in der Fabrik Karriere machen: „Hier gibt es einige äthiopische Manager, sie sind meine Vorbilder.“

Schon jetzt hohe Sozial- und Umweltstandards

Einkäufer internationaler Firmen kommen jedes Jahr zur Textilmesse nach Addis Abeba. Sie fand 2017 zum dritten Mal statt – erstmals in Kooperation mit der Messe Frankfurt. Es ist ein Ergebnis der Arbeit der GIZ, dass sich die Messe etablieren konnte und der Brückenschlag nach Frankfurt gelang.

Pierre Börjesson von H&M sieht in Äthiopien riesiges Potenzial für die Textilindustrie: „Noch werden die Rohmaterialien importiert, etwa Baumwolle aus Indien. Aber es ist möglich, hier Biobaumwolle anzubauen, die Bedingungen sind fantastisch. So könnten wir die ganze Liefer- und Produktionskette in Äthiopien haben: vom Anbau der Wolle bis zur fertigen Mode.“ Zudem sind die Energiekosten niedrig und die Wege nach Europa kurz. Das macht die Produktion in Äthiopien heute schon wettbewerbsfähig.
So könnte der Plan der äthiopischen Regierung aufgehen: dass die Textilindustrie den Weg bereitet – für den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Ansprechpartner
Bildungsprojekt: Nicola Demme > nicola.demme@giz.de
Nachhaltige Textilproduktion: Ulrich Plein > ulrich.plein@giz.de

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Karte von Äthiopien

JOBMOTOR TEXTILINDUSTRIE

Projekt: Qualifizierte Arbeitskräfte für die äthiopische Wirtschaft, Kapazitätsaufbau im Bildungswesen
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Politische Träger: Äthiopisches Bildungsministerium
Laufzeit: 2015 bis 2018

Äthiopien hat ein starkes Wirtschaftswachstum und eine junge Bevölkerung, aber eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Regierung möchte deshalb Jobs im Textilsektor schaffen. Mit ihrem Programm zur Qualifizierung sorgt die GIZ dafür, dass die Ausbildung der 350.000 Berufsschüler und mehr als 750.000 Studierenden den Anforderungen des Arbeitsmarktes entspricht. So konnten schon mehr als 6.100 Berufsschullehrer qualifiziert werden, die später an den rund 900 Berufsschulen des Landes unterrichten. Außerdem berät die GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums Unternehmen zur Einhaltung internationaler Sozial- und Umweltstandards. Das Programm „Nachhaltige Produktion von Textil und Bekleidung“ hat zum Ziel, gemeinsam mit Firmen Wohnungen für deren Mitarbeiter zu bauen. Mit Äthiopiens Regierung entwirft die GIZ zudem eine Verordnung für Klärschlamm, damit Reststoffe aus Abwässern der Fabriken nachhaltig verwertet werden.