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Ghada Krayem
Porträt

Eine Frau setzt auf Solarenergie

Der Ausbau erneuerbarer Energien ist eines der zentralen Themen der Weltklimakonferenz COP27. Solartechnikerin Ghada Krayem aus den Palästinensischen Gebieten zeigt, wie Frauen die Energiewende vorantreiben und dabei gesellschaftliche Grenzen überwinden.

Text
: Olivia Cuthbert

Viele Menschen haben der 22-jährigen Ghada Krayem gesagt, sie könne keine Solartechnikerin werden. Eine Stimme blieb ihr besonders im Gedächtnis. „Während meiner Ausbildung wollte mir ein Kollege den Mund verbieten und sagte: ,Als Frau hast du in diesem Beruf nichts zu suchen, dein Platz ist zu Hause.‘“

Ghada ignorierte ihn, ebenso andere Skeptiker, und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die vor ihr lag: eine Photovoltaikanlage auf einem Hausdach im Gazastreifen zu installieren. Sie war entschlossen, ihre Kritiker eines Besseren zu belehren und andere Frauen zu inspirieren, es ihr gleichzutun: „Ich versuche, Hürden aus dem Weg zu räumen, damit mehr Frauen in diesem Bereich arbeiten können.“

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Ghada gehörte zur ersten Gruppe von 27 Absolventinnen eines Ausbildungsprogramms im Gaza Training Centre in den Palästinensischen Gebieten. Das Programm wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) gefördert. Es ist Teil eines umfassenderen Ansatzes, die Lebensbedingungen der Bevölkerung von Gaza zu verbessern. Dazu gehört auch, Weiterbildungs- und Berufsbildungsangebote zu schaffen.

Etwa 2,1 Millionen Menschen leben in der überbevölkerten Küstenenklave, die eine der weltweit höchsten Armuts- und Arbeitslosenraten aufweist. Mehr als 60 Prozent der jungen Menschen dort finden keine Arbeit. Ghada wollte sich daher unbedingt in einem Bereich spezialisieren, in dem es gute Beschäftigungschancen gibt. Deshalb brach sie 2019 ihr Betriebswirtschaftsstudium ab und bewarb sich für das Programm, das eine Reihe von Projekten mit erneuerbaren Energien vorantreibt.

Dort lernte Ghada gemeinsam mit weiteren jungen Menschen, rund ein Drittel davon Frauen, Photovoltaikanlagen (PV) zu installieren, zu betreiben und zu warten – ein Tätigkeitsfeld, das in Gazas patriarchaler Gesellschaft traditionell Männern vorbehalten war. „Das hat weiblichen Auszubildenden eine Tür zu technischen Berufen geöffnet, was normalerweise in Gaza nicht möglich ist.“

Zu Beginn hatte sie Bedenken, mit Elektrowerkzeugen umzugehen und schwere Solaranlagen zu installieren, doch bald schon merkte sie, dass der praktische Teil des Kurses ihr am liebsten war. „Wir hatten Werkstätten mit der modernsten Ausstattung im gesamten Gazastreifen. Besonders gefallen haben mir die Exkursionen, um schon laufende Anlagen zu überwachen oder neue Standorte für Installationen zu finden“, sagt sie.

Strommangel in Gaza bekämpfen

Die GIZ organisierte dreimonatige Praktika bei Unternehmen in der Region für die Absolventinnen und Absolventen des Kurses. Danach bekam Ghada eine Anstellung als Technikerin bei einem Privatunternehmen. Sie arbeitet außerdem als Beraterin für die GIZ, möchte ihr Fachwissen weiter ausbauen und irgendwann für internationale Organisationen weltweit tätig sein. Im Augenblick allerdings konzentriert sie sich auf Gaza, wo die Menschen manchmal bis zu elfstündige Stromausfälle verkraften müssen, weil nicht ausreichend Energieträger vorhanden sind.

„In Gaza haben wir ein riesiges Problem mit Energieknappheit. Photovoltaikanlagen sind dafür die passendste und günstigste Lösung“, sagt sie mit Verweis auf das sonnige Klima. Und die Region braucht dringend mehr Energiesicherheit. „Wegen der Stromausfälle kann ich viele wichtige Dinge nicht tun. Ich kann zum Beispiel abends nicht Englisch lernen oder meine Geräte für die Arbeit aufladen.“

Häufige Stromausfälle bestimmen das Leben im Gazastreifen, weiß auch Hazem El-Mashharawi, leitender Berater des Projekts. „Dieser akute Energiemangel beeinflusst alle Lebensbereiche für die Einwohnerinnen und Einwohner Gazas, vom Haushalt über Geschäfte bis zur Industrie und auch den Bildungs- und Gesundheitssektor.“

Bisher hat das Vorhaben mehr als ein Megawatt sauberer Solarenergie zur Verfügung gestellt und versorgt damit 37 öffentliche Einrichtungen, darunter Gesundheitszentren, Berufsschulen, Brunnen, Trinkwasser-Entsalzungsanlagen, Straßenkreuzungen und landwirtschaftliche Betriebe.

Langsam kommt die Umstellung auf erneuerbare Energien in Fahrt und Solar- beziehungsweise PV-Module werden ein vertrauter Anblick auf Gazas Dächern. Während der Pandemie wurden sie auf Krankenhäusern installiert, damit Impfstoffe bei den richtigen Temperaturen gelagert werden konnten. In benachteiligten Vierteln wird damit die nächtliche Straßenbeleuchtung betrieben, um vor allem für Frauen eine sicherere Umgebung zu schaffen.

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Frauen für Technikberufe begeistern

Ghadas Mission, andere Frauen zu inspirieren, darunter ihre sechs Schwestern, bekam enormen Auftrieb, als sie 2021 den Green Skills Award der Europäischen Stiftung für Berufsbildung erhielt. Ihre Leidenschaft und ihr Enthusiasmus kommen gut an und ziehen weite Kreise. „Ihre herausragenden Fähigkeiten in der Kommunikation und Interessenvertretung haben Ghada weltweite Aufmerksamkeit als junge Vorkämpferin gegen traditionelle Haltungen verschafft. Sie hat darauf bestanden, eine Berufslaufbahn in Umwelttechnik einzuschlagen“, weiß Nadim Mulhem, leitender GIZ-Mitarbeiter im Projekt.

Ghada versteht sich als Teil einer Bewegung. Im Namen aller Absolventinnen des Programms fügt sie hinzu: „Wir haben unsere Kompetenz unter Beweis gestellt und gezeigt, was wir können. Jetzt schaut die Gesellschaft anders auf uns und wird uns auch in technischen Berufsfeldern akzeptieren.“ Und was wurde aus dem Mann, der ihr damals sagte, sie könne keine Solartechnikerin werden? Ghada konnte nicht widerstehen, ihm die Meldung von ihrem Preis auf Facebook weiterzuleiten. „Er war ziemlich schockiert“, sagt sie lachend.

September 2022