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Illustration von Silhouetten

Moderne Sklaverei überleben

Viele Arbeitsmigrantinnen im Libanon erleben Unterdrückung und Misshandlung. Peer-Beraterinnen, die mit Unterstützung der GIZ ausgebildet wurden, helfen ihnen dabei, dieses psychische Trauma zu überwinden.

Text: Olivia Cuthbert Illustrationen: GIZ / Bettina Riedel

Am Ende schrie Jane Njoki aus dem Fenster und flehte Passant*innen auf der Straße um Hilfe an. Nachdem sie monatelang misshandelt worden war, konnte sie sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen, als weiter mit ihrer Arbeitgeberin in dieser Wohnung zu bleiben. „Sie sagte: ,Wenn du aus dem Fenster rufst, dann stoße ich dich hinaus.‘ ,Gut‘, sagte ich. ,Wenn ich das ganze Jahr hierbleibe, bin ich sowieso tot.‘“

Die inzwischen 51-jährige Nigerianerin kam über eine Vermittlungsagentur in den Libanon. Ihr Vertrag sah eine Anstellung als Reinigungskraft in Hotels oder Bürogebäuden vor, nicht eine Anstellung als Haushaltshilfe. „Ich wollte etwas Besseres“, sagt sie. Zu ihrer Überraschung holte sie am Flughafen Beirut eine Frau mit ihrem neunjährigen Sohn ab. „Du wirst in meinem Haus arbeiten“, sagte die Libanesin. In diesem Augenblick endete Njokis Freiheit.

Innerhalb der ersten Monate verschlechterte sich Njokis Gesundheitszustand rapide. Nachts schlief sie auf einem einfach verglasten Balkon und zitterte in ihrer Kunstfaseruniform. Morgens durfte sie Tee trinken, aber ohne Milch, und bekam trockenes Fladenbrot.

Grundrechte werden entzogen

Bald schon konnte sie keine Nahrung mehr bei sich behalten, denn ihr Magen war von den ständigen Schmerzmitteln entzündet, die sie statt der eigentlich benötigten medizinischen Versorgung erhielt. „Es war wie in einem Horrorfilm“, sagt Njoki. Sie durfte weder die Wohnung verlassen noch telefonieren, um die Agentur zu kontaktieren oder Hilfe zu holen. Nicht einmal mit ihren Kindern zu Hause konnte sie sprechen. „Ich war hilflos, wie alle anderen auch“, sagt sie. Njokis Situation ist traurige Normalität unter den Arbeitsmigrantinnen im Libanon. In dem sogenannten Kafala-System werden ihnen die grundlegendsten Rechte entzogen.

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Illustration von Hand-Silhouetten

Das Kafala-System im Libanon

Im Libanon arbeiten etwa 250.000 Migrantinnen und Migranten als Hausangestellte. Doch für sie gilt das Arbeitsrecht nicht, stattdessen unterliegen sie dem Kafala-System. In diesem System unterscheiden sich die Standards und Regeln für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stark nach ihrer Nationalität. Eine aktuelle Untersuchung der GIZ beschreibt die Kafala als „eine Form privatisierter arbeitsrechtlicher Bestimmungen, wobei Arbeitsmigrant*innen bei der Einreise der Gewalt privater Arbeitgeber*innen unterstellt werden und dann den jeweiligen Bedingungen und Umständen ausgeliefert sind“. In manchen Familien erhalten weibliche Hausangestellte die versprochenen Leistungen wie regelmäßige Pausen, jährlichen Heimaturlaub und Krankenversicherung. Doch die Realität nach der Ankunft im Libanon unterscheidet sich oftmals krass von den Versprechungen der Anwerbenden.

„Die meisten Frauen wissen überhaupt nicht, worauf sie sich einlassen. Sie kommen im Libanon an und ihre Ausweispapiere werden ihnen unter Zwang abgenommen“, sagt Reem Mroueh von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Nur wenige Menschen im Land hinterfragen diese Praxis, denn eine Haushaltskraft wird in der Mittelschicht als notwendige Annehmlichkeit betrachtet.

„Ihre Unterdrückung ist so alltäglich geworden, dass man sie gar nicht mehr als moderne Sklaverei wahrnimmt“, fährt Mroueh fort. Gemäß Amnesty International reichen die Misshandlungen, die Arbeitsmigrantinnen erleiden, von extremen Arbeitszeiten und fehlenden Ruhetagen über schwere Einschränkungen der Kommunikations- und Bewegungsfreiheit bis hin zu Nahrungsentzug, mangelhafter Unterbringung und psychischer oder physischer Gewalt.

Passant*innen hörten Njoki aus dem Fenster rufen und verständigten die Polizei. Sie wurde zu ihrer Agentur zurückgebracht, die sie überredete, eine weitere Stellung anzunehmen, diesmal bei einer Kanadierin. Leider geriet Njoki auch hier in eine missbräuchliche Lage und hatte nun monatelang keinen Lohn erhalten. Schließlich packte sie ihre Taschen und ging, hielt sich fortan mit Gelegenheitsjobs und der Unterstützung von hilfsbereiten Menschen über Wasser. Eine Freundin lud sie schließlich zu einem von der GIZ angebotenen Kurs zu psychischer Gesundheit ein. „Hier wurden uns so viele Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt. Früher fühlten wir uns hilflos, gestresst, gestrandet. Jetzt weiß ich, wo ich um Hilfe bitten kann.“

In den letzten Jahren haben sich die Probleme für Arbeitsmigrantinnen im Libanon durch die Corona-Pandemie und die Wirtschaftskrise verstärkt. Es gibt schockierende Aufnahmen von ausgesetzten Angestellten, die vor ihrer jeweiligen Botschaft abgeladen wurden, weil ihre Arbeitgeberfamilien sie nicht mehr bezahlen konnten.

GIZ-Initiative setzt sich für Hausangestellte ein

Im Gegensatz zu anderen Ländern des Nahen Ostens, wo das Kafala-System greift, setzt sich im Libanon eine aktive Zivilgesellschaft für Veränderungen ein. Das Problem sei, sagt Mroueh, die Betroffenen zu erreichen. „Die meisten von ihnen sind mittellos, kennen ihre Rechte nicht und wissen nicht, wer ihnen helfen könnte“, sagt sie.

Und hier kommt die GIZ ins Spiel. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt sie migrantische Hausangestellte dabei, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, um anschließend andere auf diesem Weg begleiten zu können. Letzten Sommer startete die Initiative mit einer Reihe von Workshops zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung. Die Frauen lernten viel über Selbstfürsorge und kollektive Fürsorge und um was es in der Peer-Beratung – also der Hilfe von Betroffenen für Betroffene – ankommt. Zudem inszenierten die Teilnehmerinnen ein Theaterstück, das sie bei einer Lobbyveranstaltung aufführten, an der die Botschaften ihrer jeweiligen Herkunftsländer teilnahmen, und erarbeiten eigene Projekte, um andere Frauen zu unterstützen. So verbreiten sich das Wissen und die neu gelernten Fähigkeiten nun Schritt für Schritt in der gesamten Gemeinschaft weiter.

Njoki haben die Seminare zur psychischen Gesundheit „ein Gefühl der Hoffnung und einen anderen Blick auf das Leben“ ermöglicht. Inzwischen schult sie selbst andere Frauen darin, wie sie Arbeitsmigrantinnen beraten und unterstützen können. „Wenn man allein in so einer Situation ist, ist man einfach verloren; man denkt, so ist das Leben, das ist normal.“ Heute weiß sie, dass schmerzhafte Erfahrungen mit Hilfe der Gemeinschaft überwunden werden können. „Jetzt habe ich Mut und Zuversicht und weiß, an wen ich mich wenden kann, um Hilfe zu erlangen“, sagt Njoki.

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Illustration eines Schirms