Psychosoziale Beratung

„Wir rücken enger zusammen“

Interview mit dem Psychologen Franz Kernjak über seine Arbeit in der Beratungsstelle COPE und die Herausforderungen für Mitarbeitende und Führungskräfte in Zeiten der Pandemie.

Psychologe Franz Kernjak
Psychologe Franz Kernjak

Psychologe Franz Kernjak ist einer der zehn Mitarbeitenden von COPE. Nach 15 Jahren psychosozialer Arbeit und drei Jahren als Zivile Friedensfachkraft in Lateinamerika ist er seit Februar 2020 in Eschborn tätig. Mit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie haben die Anfragen stark zugenommen.

Herr Kernjak, welche Sorgen schildern Ihnen die Anrufenden?

Die Arbeit für die GIZ in den Partnerländern ist häufig ohnehin herausfordernd, aber die Pandemie hat viele neue Sorgen und Ängste verursacht. „Habe ich mich angesteckt? Habe ich unwissentlich meine Mutter angesteckt?“ Da kommen Schuldgefühle hoch. In manchen Ländern gab es viele Todesopfer zu beklagen, teils wurden sie in Massengräbern bestattet. Das belastet die Angehörigen schwer. Alleinstehende klagen über Vereinsamung, Eltern hingegen sind einer monatelangen Doppelbelastung durch Homeoffice und Homeschooling ausgesetzt. Und trotz der Pandemie bleibt die Arbeitsbelastung hoch, denn die Vorhaben der GIZ laufen weiter. Viele Anrufenden melden sich jetzt zum ersten Mal bei COPE. Sie sind häufig frustriert und übermüdet. Die Schwelle, Hilfe zu suchen, ist gesunken.

 COPE

COPE ist die psychosoziale Beratungsstelle der GIZ, die allen internationalen und nationalen Mitarbeiter*innen, Führungskräften und ihren (mitausgereisten) Angehörigen Unterstützung anbietet. Das Team besteht aus Psycholog*innen und Fachberater*innen mit diversen Zusatzausbildungen sowie Unternehmens- und Arbeitserfahrungen im In- und Ausland.

Wieso ermüdet die Arbeit im Homeoffice mehr?

Anders als bei einer Sitzung können wir die nonverbalen Signale der Kolleginnen und Kollegen bei einem Online-Meeting nicht vollständig erfassen. Etwa 60 Prozent der nonverbalen Kommunikation geht verloren. Unbewusst suchen wir ständig nach diesen fehlenden Informationen. Besonders belastend ist die Situation für neue Mitarbeitende oder neue Teams, in denen sich vorher niemand persönlich kannte. Das erzeugt Stress.

Was raten Sie den Anrufenden in dieser Situation?

Stress ist auch eine körperliche Reaktion, die man etwa körperlich abreagieren kann. Dazu gehören Sport oder einfache Atemübungen. Wichtig ist, Grenzen zu setzen und dem Tag Struktur zu geben: Ich arbeite von dann bis dann, danach kümmere ich mich um mein Kind, ums Homeschooling. In dieser Zeit bin ich für mein Team nicht erreichbar. Das kann man ganz klar kommunizieren.

Wird das wirklich akzeptiert?

Ja, da habe ich keine Bedenken. Wichtig ist, sich mitzuteilen. Denn nur so erfahre ich, dass es anderen auch so geht. Ich merke, ich bin vielleicht nicht der einzige, der wegen der hohen Belastung schlecht schlafen oder sich weniger konzentrieren kann.

Welche neuen Aufgaben verlangt die Pandemie Führungskräften ab?

Zufällige Treffen in der Kaffeeküche fallen weg. Daher ist es wichtig, alle abzuholen, zum Beispiel durch einen kurzen Online-Jour Fixe am Morgen. Führungskräfte sollten gezielt nachfragen: Wie geht es jedem einzelnen im Team? Wer arbeitet gerade woran? Teamleiter dürfen auch gerne jemanden ansprechen, wenn sie das Gefühl haben, es geht demjenigen nicht gut. Eine weitere Aufgabe: Zuversicht vermitteln. Die Botschaft lautet: Gemeinsam schaffen wir das. In den Partnerländern ist es wichtig auch zu betonen, dass niemand seine Stelle verliert wegen der Pandemie. Das ist ja nicht selbstverständlich-

Gibt es auch positive Effekte der neuen Arbeitssituation?

In meiner Zeit in Lateinamerika habe ich unheimlich viel Zeit in Bussen und im Auto verbracht. Der Wegfall des Arbeitswegs ist für viele Pendler, gerade in den Metropolen, eine große Erleichterung. Das erhöht die Lebensqualität. Auch auf der menschlichen Ebene gibt es Veränderungen: Die Menschen rücken stärker zusammen. Das Teamgefühl wird gestärkt. Das Wissen, füreinander da zu sein, ist sehr wichtig. Dieser Effekt wird hoffentlich das Ende der Pandemie überdauern.

Tipps zur Stressbewältigung

  • Sport treiben
  • Atemübungen machen
  • Mehr Wasser trinken
  • Achtsamkeit praktizieren
  • die Situation annehmen, statt dagegen anzukämpfen
  • bei Bedarf Hilfe suchen: COPE vermittelt auch an externe Coaches und Supervisoren in den Partnerländern weiter, und zwar in vielen Sprachen.

Kontakt: cope@giz.de

akzente Januar 2021