Interview

„Sie waren Zielscheibe aller bewaffneten Akteure“

Welche Rolle haben Menschen mit diversen Geschlechteridentitäten oder sexuellen Orientierungen in Kolumbiens Friedensprozess? Darüber spricht Mery Rodríguez, Sozialwissenschafterin und Gutachterin für Erinnerungsarbeit im Programm „ProPaz“, mit akzente.

Text
Katharina Wojczenko
Fotos
Andrés Bo

Frau Rodríguez, warum haben Menschen mit diversen Geschlechteridentitäten oder sexuellen Orientierungen besonders im bewaffneten Konflikt gelitten?
Sie waren Zielscheibe aller bewaffneten Akteure – der Guerilla, der Paramilitärs und der staatlichen Sicherheitskräfte. All diese Gruppen wollten soziale Kontrolle ausüben, indem sie das Verhalten der Menschen bestimmten. Durch Bestrafung jener, die außerhalb des „Heteronormalen“ lebten, wurden gleichzeitig für alle anderen ein Zeichen gesetzt: wie sie denken und fühlen sollen, mit wem sie Bindungen eingehen dürfen, was moralisch ist. Und das vor dem Hintergrund einer ohnehin verbreiteten homophoben Einstellung.

Mery Rodríguez

Sie setzen sich dafür ein, die „población diversa – diverse Bevölkerung“ aktiv in den Friedensprozess einzubinden. Warum?
Die Teilhabe aller Opfer ist ein fundamentaler Teil im Friedensabkommen zwischen Staat und ehemaliger Farc-Guerilla. Ich weiß, wenn man die offiziellen Zahlen betrachtet, erscheint die Bevölkerung mit diversen sexuellen Orientierungen und Geschlechteridentitäten als Minderheit. Aber wir sollten sie nicht so benennen, sonst tendieren wir dazu, die Bedürfnisse und Rechte kleinzureden. Außerdem ist die Dunkelziffer hoch. Und das Maß an Gewalt, das diese Gruppe im bewaffneten Konflikt erlitt, ist im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil riesig.

Bei allen Unterschieden – welche Erfahrung teilen Menschen der diversen Bevölkerung?
Die Ausübung ihrer Rechte ist nicht garantiert. Nicht alle haben sexuelle Gewalt erlebt, aber alle haben wegen ihrer Geschlechteridentität und sexuellen Orientierung Gewalt und/oder Ausgrenzung erfahren. Viele müssen ihr Zuhause verlassen – sei es, weil die Familie sie verstößt oder weil diese sie wegschickt, um sie zu schützen. Viele können die Schule nicht abschließen oder studieren. Und selbst mit Qualifikation haben die Menschen Probleme, gute Stellen zu bekommen, besonders in kleinen Gemeinden und auf dem Land. Sie können ihre wirtschaftliche Situation deshalb nicht verbessern, bekommen sehr schwer eine Wohnung oder einen Bankkredit. Und sie werden weiter weder vom Staat noch von der Gesellschaft unterstützt bei der Durchsetzung ihrer Rechte, weil sie nicht der heterosexuellen Norm entsprechen.

Januar 2022