Tourismus in Jordanien

Loslaufen

Viele denken bei Jordanien ans Tote Meer, die Felsenstadt Petra und Wüstenabenteuer in Wadi Rum. Doch das Königreich hat viel mehr zu bieten: abwechslungsreiche Wandertouren, Naturschätze und wunderbare Begegnungen mit Menschen.

Text: 
Brigitte Spitz
Foto: 
Rajiv Raman

Die Ortsnamen klingen wie Poesie: Am Anfang der Wanderung fällt der Blick auf Höhlen im „Tal des Priesters“, danach geht es weiter zur Quelle „wo die Granatäpfel gedeihen“. So übersetzt es Wanderführer Madhar Al Tayyar. Der Jordanier hat seinen Sohn Alhareth dabei. „Er weiß mindestens genauso viel über die Gegend und die Natur wie ich, vielleicht noch mehr – so viel wie er liest“, sagt der Endvierziger. Alhareth freut sich über das Lob und legt seinem Vater die Hand auf die Schulter. Biologie will er später studieren, erzählt der 12-Jährige.

Wie im Garten Eden

Im Wadi Eish Rumman bei Saham in Norden Jordaniens hält die kleine Gruppe immer wieder an, um Pflanzen zu betrachten. Hier wilde Nana-Minze, dort wilde Mandeln und Pistazien. Auf den rotbraunen Hügeln oberhalb des grünen Tals stehen Taboreichen. Unten im Obstgarten hängen Bäume voller Zitronen und Mispeln, die Granatäpfel blühen. Die fünfzehn Besucher*innen sind von diesem Garten Eden begeistert und erstaunt über die mediterrane Landschaft, die an die Toskana erinnert.

 

Zitronen aufsammeln erlaubt! Kurze Rast bei der Wanderung.

Die meisten verbinden mit Jordanien die karge Weite der Wüste und mittendrin das Weltkulturerbe Petra. Doch das Königreich, kaum größer als Österreich, bietet viel mehr: Auf kleiner Fläche vielfältige Landschaften und Klimazonen mit entsprechender Flora und Fauna. Aber diese Ökosysteme sind bedroht. Die Folgen des Klimawandels und die Überweidung belasten die Natur in einem der wasserärmsten Länder der Welt, das immer mehr Menschen ernähren muss. Das liegt auch daran, dass die Bevölkerung durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Region in kurzer Zeit massiv gewachsen ist. Nach Angaben des UNHCR leben allein 660.000 syrische Flüchtlinge in Jordanien.

 

Mit Stock über Stein: Auch die Jüngsten wandern mit im Wadi Eish Rumman.

Deutschland unterstützt Jordanien seit 60 Jahren dabei, das Königreich nachhaltig zu entwickeln. Dazu gehört umweltverträglicher Tourismus, der von der GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums gefördert wird. Die Wandertouren in Wadi Eish Rumman sind ein Beispiel für diese Art des Reisens. Vater und Sohn Al Tayyar gehören zur „Saham Youth Initiative“. Frauen und Männer der Gemeinde haben sich zusammengetan und Routen erarbeitet, um Gästen die Gegend um Yarmouk zu zeigen. Auf der Terrasse über den Hügeln von Yarmouk werden nun Gerichte der levantinischen Küche serviert. Wie die jordanische Nationalspeise Mansaf: ein Berg Reis mit Hammelfleisch und einer Soße aus fermentierter Ziegenmilch.

 Die Köchinnen der „Suleh Women Cooperative“ bei der Arbeit.

Die Köchinnen der „Shuleh Women Cooperative“ bei der Arbeit.

Köstlichkeiten der Frauen von Shuleh

Gekocht haben die Frauen der „Shuleh Women Cooperative“, die in der Nähe eine Küche und einen kleinen Laden betreiben. In Jordanien ist es üblich, bei Familientreffen oder Ausflügen Essen zu bestellen. Die Kooperative, die ein Dutzend Frauen der Gegend 2016 gegründet haben, hat daraus ein Geschäftsmodell entwickelt.

Die Vorsitzende Khanum Kurdi steht in einem kleinen Raum mit Olivenöl, Honig, eingelegtem Gemüse, Zatar-Gewürzmischungen und anderen Spezialitäten. Geliefert haben es Kleinbäuerinnen aus der Gegend. Gerade Besucher*innen aus der Hauptstadtregion schätzen die selbstgemachten Produkte, die auch nicht teurer sind als im Supermarkt. Wie ihre Kolleginnen war Khanum Kurdi früher Hausfrau. Dass sie jetzt als Unternehmerin arbeite und Geld verdiene, finde ihre Familie gut. „Besonders meine Töchter“, lacht sie.

 ©Umm Qais 21: Zeugnis der Vergangenheit: Säulengang in Umm Qays (Gadara).

Zeugnis der Vergangenheit: Säulengang in Umm Qays (Gadara) © Jordan Tourist Board

Café mit Geschichte in Umm Qays

Gut eine halbe Stunde entfernt liegt Umm Qays: beeindruckende Ruinen mit Blick auf den See Genezareth und den Fluss Yarmouk. Sie zeugen davon, dass dort eines der wichtigsten urbanen Zentren an der östlichen Grenze des römischen Imperiums lag. Gadara, so der griechisch-römische Name, zählte in der Antike zu den zehn wichtigsten Städten der Region, den Dekapolis. Auch in der Bibel wird der Ort erwähnt. Geschichtsinteressierte Reisende kommen hierher, oder die Familien früherer Einwohner*innen. In den 1970er Jahren mussten rund 400 Menschen, die dort lebten, ihre Heimat verlassen. Sie wurden umgesiedelt, um den Ort als historische Stätte kommerziell zu erschließen.

Taleb Al Rosan war einer von ihnen. „Dort, wo heute das Museum untergebracht ist, wurde ich 1951 geboren“, erzählt er.

 

Taleb Al Rosan am Eingang zum heutigen Museum von Umm Qays. Ursprünglich war es sein Elternhaus.

Nach der Umsiedlung hat er dafür gekämpft, dass die früheren Einwohner*innen wieder Zugang zu ihrem Dorf bekommen. Jetzt ist er Vorsitzender der „Gadara Society for the Friends of Culture and Heritage“. Diese lokale Organisation setzte sich für die Rechte und Interessen der Menschen aus der Region ein. Und sie betreibt am Eingang der archäologischen Stätten eine Gaststätte. Das Café „Al Hara Al Fouga“ (altes Dorf) hat sich zu einem Treffpunkt für Tourist*innen und Einheimische entwickelt. Auch Taleb Al Rosan begegnet man hier häufig.

Schauspiel am Himmel über dem Jordantal

Von Umm Qays sind es nur rund 100 Kilometer Luftlinie Richtung Süden bis zum Wadi Gharba, ganz in der Nähe der Stelle am Jordan, an der Jesus getauft worden sein soll. Hier herrscht subtropisches Klima. Trotz der Hitze zeigt Fares Khoury seine Schätze der Natur. Der 51-Jährige ist einer der renommiertesten Ornithologen im Nahen Osten. 2014 hat der Professor zusammen mit anderen Vogelbegeisterten die „Jordan Birdwatch Association“ (JBW) gegründet.

 

Ornithologe Fares Khoury bei einer Tour im Jordantal.

JBW will bei den Jordanier*innen mehr Bewusstsein für Naturschutz schaffen und setzt sich für besondere Schutzgebiete ein, wie in diesem Wadi im Jordantal. Vor allem im Frühling und Herbst bietet der Himmel hier ein besonderes Schauspiel: Dann segeln Millionen Vögel auf ihrer Migrationsroute durch dieses Nadelöhr zwischen Europa, Asien und Afrika. Mehr als 430 Vogelarten wurden hier bisher gesichtet.

Beim Ortstermin am 360 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Wadi Gharba reicht Fares Khoury ein Fernglas herum und zeigt Richtung Totes Meer. Dort schraubt sich eine Gruppe von mehr als 30 Schwarzstörchen in den Himmel – auf der Suche nach der Thermik, die sie weiter Richtung Norden trägt. Die Vögel wehen wie schwarze Seidentücher durch den blauen Himmel. Alle schauen und schweigen – um diesen poetischen Augenblick nicht zu zerreden. Auf einer Reise durch Jordanien jenseits der ausgetretenen Pfade.

Ökosystemleistungen konkret

Die drei Initiativen in der Gegend von Yarmouk im Norden Jordanien gehören zu Fallstudien für nachhaltigen Tourismus, die die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH gemeinsam mit jordanischen Experten begleitet hat. Die lokalen Gruppen erhielten Beratungen durch Fachleute für Geschichte und Biodiversität (Saham Youth Initiative), Unterstützung bei Aspekten der Vermarkung lokaler Produkten (Al Shuleh Women Cooperative), oder bei organisatorischen Fragen (Gadara Society for the Friends of Culture and Heritage). Auch die Jordan Birdwatch Association wurde bei Publikationen und beim Aufbau von Vogelbeobachtungsstationen unterstützt. Alles anschauliche Beispiele dafür, was das Projekt „Nachhaltige Nutzung von Ökosystemleistungen in Jordanien“ konkret bedeutet: der schonende Umgang mit den kostbaren Naturressourcen organisiert von den Menschen der Region.

Ansprechpartner:
Oliver Schlein, oliver.schlein@giz.de

Weitere Kontakte:
Gadara Society for the Friends of Culture and Heritage rousantalib@yahoo.com
Al Shuleh Women Cooperative nashmyyatshuleh@gmail.com
Saham Heritage Trail tayyarmadhar@gmail.com

akzente September 2019

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