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Jede Dosis zählt
Reportage
01/2022

Jede Dosis zählt

Impfstoffe müssen kühl bleiben, damit sie wirken. Wie das mit digitalen Werkzeugen und Solarenergie auch in abgelegenen afrikanischen Dörfern funktionieren kann, zeigt ein Pilotprojekt in Malawi.

Text
: Ruth Evans
Fotos
: GIZ/Falco Seliger

Im Schatten eines Mangobaums beugt sich Wellington Chafulumira über ein unruhiges Baby, das die Mutter zu besänftigen versucht. Gleich wird er der Kleinen eine Spritze in den Oberschenkel verabreichen. Die monatliche Impfsprechstunde im Dorf Kalungama gehört zu den typischen Aufgaben des Gesundheitsassistenten. Die Jungen und Mädchen erhalten ihre Grundimpfungen, etwa gegen Masern, Mumps und Röteln. Es ist eine schweißtreibende Arbeit in der glühenden Hitze am südlichen Ufer des Malawisees. Mütter sitzen mit ihren Kindern im Schatten auf dem ausgedörrten Boden und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind.

In abgelegenen Dörfern wie Kalungama, wo es keine verlässliche Stromversorgung oder Kühlmöglichkeiten gibt, ist es eine enorme Herausforderung, auch die letzte Strecke der Kühlkette aufrechtzuerhalten. Impfstoffe müssen über den gesamten Weg – von der Produktion bis zur Verabreichung – kühl gelagert werden, damit sie wirksam bleiben und nicht weggeworfen werden müssen. Kalungama liegt 13 Kilometer entfernt vom Gesundheitszentrum in Bilira. Der dortige Leiter der Seuchenkontrolle, Samuel Mtalimanja, ist früh aufgebrochen, um Wellington Chafulumira die Impfdosen zu bringen. Nach 23 Jahren im Beruf ist Mtalimanja daran gewöhnt, im Morgengrauen loszufahren. Auch wenn es jetzt nicht mehr so sehr darauf ankommt. Denn in jüngster Zeit ist seine Arbeit einfacher geworden, seit ihm fünf Impftransportboxen zur Verfügung stehen, in denen die Impfdosen kühl bleiben.

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Diese Kühlboxen sind Teil des „emmunize“-Projekts, das unter anderem von der Merck Family Foundation unterstützt und von der GIZ als Pilotprojekt in Bilira koordiniert wird. Die Gesundheitsstation liegt in der Zentralregion von Malawi, einer der ärmsten Gegenden in einem der ärmsten Länder der Welt.

Die Idee von „emmunize“ ist, eine effizientere Immunisierung in ländlichen Gegenden sicherzustellen, indem verlässliche und umweltfreundliche Kühlmittel mit nutzerfreundlichen digitalen Hilfsmitteln kombiniert werden. Angestoßen wurde das Projekt von Preisträgerinnen und -trägern des GIZ Innovation Fund. Ein globales Team von Gesundheitsexpert*innen, Ärzt*innen, Umwelttechniker*innen und Politikwissenschaftler*innen entwickelte unter anderem netzferne Kühllösungen, die Klima und Umwelt schützen.

Rund um Bilira werden diese Innovationen jetzt eingesetzt: Sensoren in den Kühlboxen überwachen die Innentemperatur der Transporteinheit während des mobilen Einsatzes und senden Daten live an eine App. „Das hilft uns sehr, weil wir so sichergehen können, dass die Impfdosen immer bei korrekter Temperatur aufbewahrt werden“, sagt Samuel Mtalimanja.

Länder Wiki
Malawi

LAND: Malawi

HAUPTSTADT: Lilongwe

BEVÖLKERUNG: 18,6 Millionen

WIRTSCHAFTSWACHSTUM: 0,8 Prozent (Schätzung für 2020)

RANG IM HUMAN DEVELOPMENT INDEX: 174 von 189

Quelle: Weltbank

Gleichzeitig ist die „emmunize“-App mit einem neuen elektronischen Patientenregister Malawis verbunden, das ebenfalls in der Region Bilira getestet wird. Während Wellington Chafulumira die Kinder impft, sitzt seine Kollegin Olipah Chabwera mit einem Tablet daneben, ruft die Gesundheitsdaten des jeweiligen Kindes im digitalen Register auf und vervollständigt sie durch Eingabe der Impfung, die es gerade erhalten hat.

Früher wurden Daten handschriftlich protokolliert und für das Gesundheitspersonal war es oft schwierig, die Aufzeichnungen einzusehen oder sie auf dem neuesten Stand zu halten. Die alten Kladden waren unhandlich und nicht immer vor Ort. Jetzt jedoch speichert und aktualisiert die App von „emmunize“ alle wichtigen Informationen zum Impfstatus der Jungen und Mädchen und macht es einfacher, noch ausstehende Immunisierungen im Blick zu behalten. Außerdem kann das Team des Gesundheitsdienstes die Impfeinsätze besser planen, weil die App genaue Teilnahmelisten erstellt und die benötigte Menge und Art der Impfungen für die jeweiligen Impftermine in den Gemeinden berechnet.

Bessere Diagnosen durch neue Tools

In Bilira ist das medizinische Team stolz auf die digitalen Neuerungen. „Wir wurden für das Pilotprojekt ausgewählt, weil wir ein typisches ländliches Gesundheitszentrum sind – mit einfachen Einrichtungen und schlechter Stromversorgung“, erklärt Emmanuel Gawanika, Leitender Assistent für Gesundheitsüberwachung in Bilira. „Jetzt soll es ein Exzellenzzentrum für Dienstleistungen und Datenerhebung werden – und damit ein Beispiel für andere.“

Das elektronische Patientenregister, das für eine mögliche landesweite Einführung getestet wird, wird derzeit bereits in Biliras Kinderklinik, in der prä- und postnatalen Versorgung sowie im Kreißsaal verwendet. Das Personal ist mit Tablets ausgestattet worden. Das integrierte System führt nicht bloß Krankenakten, sondern liefert auch einfache, auf WHO-Standards basierende Informationen, die zeitnahe und zutreffende Diagnosen und Behandlungen ermöglichen.

Neue Technologien: Tablets mit „emmunize“-App und Verbindung zum E-Patientenregister

Neue Technologien: Tablets mit „emmunize“-App und Verbindung zum E-Patientenregister

Mehrwert für Gesundheit

Die GIZ unterstützt in Malawi das Gesundheitsministerium des südostafrikanischen Landes dabei, ein wegweisendes elektronisches Patientenregister einzurichten. Das vom BMZ beauftragte Vorhaben wird von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung finanziell unterstützt. Zusammengearbeitet wird dabei mit Jembi, einer südafrikanischen Nichtregierungsorganisation, die Programme zur Digitalisierung des Gesundheitswesens entwickelt, und dem IT-Unternehmen Ona, das Open-Source-Lösungen erarbeitet, um das System an die bestehenden digitalen Strukturen Malawis anzupassen. Beteiligt ist auch HISP Malawi, das Entwicklungsprogramm für Gesundheitsinformatik, das für die Einführung des Gesundheitsinformationssystems (DHIS2) zuständig ist. Die Integration des elektronischen Patientenregisters in ebendieses nationale Gesundheitsinformationssystem ist von enormem Wert, weil dadurch schnell exaktere Daten zur Verfügung stehen, die sowohl für landesweite Statistiken als auch für die Arbeit der Fachkräfte auf lokaler Ebene genutzt werden können.

Kontakt: Kai Straehler-Pohl, kai.straehler-pohl@giz.de

Am Gesundheitszentrum von Bilira wurde außerdem eine spezielle Anlaufstelle für die Impfung von Kindern unter fünf Jahren errichtet und mit einem umweltfreundlichen, solargetriebenen Kühlschrank (SolarChill) ausgestattet, der ohne Batterien funktioniert. Darin können Impfdosen aufbewahrt werden, bevor sie in den Kühlboxen in die Dörfer transportiert werden. Die Gesundheitsfachkräfte werden in die Wartung der Ausrüstung eingewiesen, damit alles langfristig genutzt werden kann. Mit der Installation von Sonnenkollektoren können Stromausfälle vermieden werden.

50 Prozent weniger unbrauchbare Impfdosen

Die Veränderungen in Bilira zeigen für Samuel Mtalimanja bereits deutliche Auswirkungen. Die Zahl der Impfdosen, die durch Mängel bei Kühlung und Lagerung unbrauchbar wurden, hat sich halbiert. So stehen mehr Impfdosen zur Verfügung, was dazu beiträgt, dass Babys und Kleinkinder besser geschützt werden können. „Früher sind uns am Ende des Monats regelmäßig die Impfdosen ausgegangen. Doch durch das E-Register können wir jetzt viel besser planen und genau die Menge bestellen, die wir brauchen, um Engpässe zu vermeiden“, erklärt der Leiter der Seuchenkontrolle. Bisher werden das E-Patientenregister und das „emmunize“-Programm in der Region Bilira getestet. Stephen Macheso, Leiter des Gesundheits- und Sozialamts im zuständigen Bezirk Ntcheu, ist davon überzeugt, dass Patientinnen und Patienten wie Beschäftigte in der Gesundheitsversorgung enorm davon profitiert haben. „So müsste es im ganzen Land funktionieren. Wir müssen schnell in dieser Richtung weitermachen, damit das ganze Gesundheitssystem effizienter und effektiver werden kann.“

Die überwachten Kühlboxen werden helfen, Covid-19-Impfstoffe zu kühlen und in entlegene Gemeinden zu bringen.

Samuel Mtalimanja
Leiter der Seuchenkontrolle im Gesundheitszentrum Bilira in Malawi

Während die Sonne untergeht, packen Samuel Mtalimanja und sein Team in Kalungama nach einem langen Impftag zusammen. Dank der Veränderungen durch die „emmunize“-App und das Kühlsystem sind die Impfstoffe effektiv eingesetzt worden. Die Mütter tragen ihre schläfrigen Babys auf dem Rücken zu ihren Hütten und freuen sich, dass sie Teil eines neuen Weges zur Verbesserung der Gesundheit von Babys, Kleinkindern und Müttern in Malawi sind.