Perspektiven Libanon

Neuer Anstrich

In Libanons ärmsten Vierteln mangelt es Einheimischen wie Flüchtlingen oft an Fachkompetenz für Jobs. Damit mehr Menschen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen, hat die GIZ mit Partnern kompakte Qualifizierungen angeboten. Mit Erfolg, wie diese vier Stimmen zeigen.

Text und Fotos: 
Olivia Cuthbert

 

„Ich werde diese Ausbildung nutzen, wenn ich nach Syrien zurückgehe und Arbeit suche.“

 

Hala Achrafi (51) ist aus Syrien geflüchtet und hat an der Berufsschule in der libanesischen Stadt Choueifat eine Qualifizierung als Innenraummalerin abgeschlossen.

„In Syrien hatte ich Kunst studiert. Für mich ist jede Art des Malens eine Möglichkeit, kreativ zu werden. Es geht nicht nur darum, Farbe an eine Wand zu streichen. Man braucht ein künstlerisches Händchen ebenso wie das technische Know-how zum Mischen und Abmessen des Materials. Der Kurs hat mir großen Spaß gemacht. Ich wünschte, er würde länger dauern als einen Monat. Dann könnte ich noch mehr lernen. Ich mache auch Schmuck und Blattgolddekorationen auf Möbeln. Das ist sehr feine Arbeit und für mich kein Problem. Ich bin bereit, alles zu lernen, was irgendwie mit Kunst zu tun hat – besonders gern lerne ich ausgefallene Fertigkeiten, die nicht alle anderen können. Das gibt mir Selbstvertrauen und macht mich stolz. Durch die Ausbildung habe ich nützliche Einblicke bekommen und neue Techniken erlernt – etwa wie man die perfekte Konsistenz von Farbe hinbekommt. Das war sehr interessant. Ich war fest entschlossen, meinen Abschluss zu machen, und habe es auch geschafft. Ich werde diese Ausbildung nutzen, wenn ich nach Syrien zurückgehe und Arbeit suche. Ich hoffe, dass sie mir in Zukunft hilft. In der Zwischenzeit streiche ich die Häuser meiner Familie oder von Freunden, die mich darum bitten. Einige Frauen, die ich kenne, haben sich ebenfalls für das Training angemeldet. Eine Frau macht den Kurs zusammen mit ihrem Mann. Ich ermutige sie alle, sich anzumelden, damit wir in Zukunft vielleicht als Gruppe zusammenarbeiten können.“ —

„Die Ausbildung bringt mich meinem Traum näher.“

 

Fayzal Ghazi (23) ist Libanese und hat in der Stadt Tripoli erfolgreich ein Berufstraining absolviert.

„Ich dachte zuerst, ich bekomme Geld, wenn ich mich für den Kurs anmelde. Stattdessen bekam ich Wissen. Das ist viel besser. Früher habe ich Gelegenheitsjobs auf dem Bau gemacht, aber das war eine unregelmäßige Arbeit. Dann hörte ich von Freunden von der Qualifizierung und dachte mir, in Ordnung, ich versuche es einfach. Für mich hat sich das in dreifacher Hinsicht gelohnt. Zunächst bekommt man nach dem Abschluss ein Werkzeugset. Außerdem lernt man das Gewerbe besser kennen und kann durch die praktische Arbeit in einem Betrieb Erfahrungen sammeln. Der Chef meiner Praktikumsfirma erklärte mir, wie man einen Pinsel richtig hält und mit verschiedenen Farben umgeht. Das habe ich vorher falsch gemacht. Weil ich jetzt weiß, wie es richtig geht, habe ich größeres Selbstvertrauen in das Ergebnis meiner Arbeit. Während der Ausbildung und dem anschließenden Praktikum war es für mich eine großartige Erfahrung, mich weiterzuentwickeln und etwas Produktives mit meiner Zeit zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf etwas hinarbeite. Seit der Abschlussprüfung nehme ich mein Zeugnis mit zu Vorstellungsgesprächen. Wenn ich mich früher beworben habe, warfen mich Firmen oft vor die Tür. Aber jetzt hoffe ich auf bessere Arbeit. Ich bin 23 und würde gerne eine Familie gründen und ein Haus mieten, aber dafür muss ich mehr verdienen. Die Ausbildung macht es einfacher und das bringt mich meinem Traum näher. Viele junge Leute in meinem Viertel sind in einer schwierigen Lage. Arbeit zu finden, gibt mir ein gutes Gefühl, und ich kann Abstand zwischen mich und dieses Umfeld bringen. Ich hoffe, ich kann jetzt ein neues Leben beginnen.“ —

„Ich empfinde es als Pflicht, die nächste Generation auszubilden.“

 Mohamad el Dannawi (33) gehört die Baufirma Wazir Contracting in der libanesischen Stadt Tripoli.

Fayzal Ghazi (23) ist Libanese und hat in der Stadt Tripoli erfolgreich ein Berufstraining absolviert.

„Bisher haben drei Projektteilnehmer bei mir in der Firma den praktischen Teil ihrer Ausbildung gemacht. Auch nachdem sie fertig sind, bleibe ich weiter ein Mentor für sie. Viele hatten vorher nicht die Chance, eine gute Schulbildung zu erhalten. Ihnen praktische Fertigkeiten beizubringen, kann daher sehr viel bewirken. Erst während des Praktikums verstehen sie bestimmte Sachen wirklich: wie man Werkzeuge richtig benutzt oder wie man mit verschiedenen Materialien arbeitet. Der praktische Teil der Ausbildung ist sehr wichtig. Vieles lässt sich nicht im Klassenzimmer büffeln. Man braucht die praktische Erfahrung, um wichtige Kniffe zu lernen, etwa wie viel Wasser man einem bestimmten Produkt beimischen muss oder wie man verschiedene Schichten trennt. Ich habe fast 20 Jahre Erfahrung und mache immer noch eine Schulung, wenn ein neues Produkt auf den Markt kommt! Malerarbeit kann man in vier Schritte aufteilen. Der letzte, der Deckanstrich, ist der wichtigste Teil, weil das der Kunde sieht. Man braucht viel Geduld für diese Arbeit – gute Malerarbeit ist Qualitätsarbeit und ich brauche echte Profis, die sich darauf verstehen. Natürlich kann ich einen Schreiner finden, der nebenher auch noch malert. Aber ich brauche wirklich qualifizierte Arbeitskräfte, die die Grundlagen kennen und denen es wichtig ist, wie das Ergebnis aussieht. Ich empfinde es als meine Pflicht, der nächsten Generation handwerkliches Können beizubringen, damit sie professionelle Arbeit finden kann. Wenn alle sich als Mentoren verstehen würden, könnten wir gemeinsam zum Vorankommen der gesamten Gemeinschaft beitragen.“ —

„Unsere Zertifizierung stärkt das Vertrauen in die Standards.“

 

Tayma Awaiss (28) prüft die Absolventen der Berufsqualifizierung im Libanon am Ende des Kurses.

„Den Teilnehmer*innen dieses Programms liegt viel an der Arbeit und sie wollen die Prüfung bestehen. Das ist mir aufgefallen – sie scheinen sehr engagiert zu sein und ernst zu nehmen, was sie tun. Als Erstes schaue ich nach den Sicherheitsbestimmungen: ob sie Overalls tragen und feste Schuhe. Dann überprüfe ich alles, was auf meiner Checkliste steht: Ist der Arbeitsplatz gut vorbereitet, wurden zum Beispiel die Wände geglättet und Nägel entfernt? Wichtig ist auch, dass die Farbe gut gemischt und der Arbeitsbereich nach dem Streichen sauber hinterlassen wird. Im Libanon sind es die Sicherheitsregeln, die am häufigsten ignoriert werden – in unserer Kultur herrscht eher die Vorstellung, dass wir Schutzkleidung vernachlässigen können. Aber die Lage bessert sich. Eine Regierungsverordnung aus dem Jahr 2012 hat dazu beigetragen, die Sicherheitsbestimmungen auf Baustellen zu standardisieren. Das hat generell die Idee gefördert, dass wir höhere Arbeitsstandards brauchen. Wenn Bauunternehmen junge Leute finden, die bereit sind, Qualitätsarbeit zu leisten, werden sie sie einstellen. Deshalb werden diese Absolvent*innen wahrscheinlich zu jenen gehören, die wir in der Zukunft auf den Baustellen sehen werden. Und wir hoffen, einen insgesamt höheren Qualitätsstandard zu erreichen. Arbeitgeber vertrauen dem Namen unseres unabhängigen Prüfdienstes. Das APAVE-Zertifikat soll Menschen helfen, Arbeit zu finden und besser bezahlt zu werden. Es gibt heute mehr Firmen als früher, die bereit sind, ein bisschen mehr Geld für perfekte Arbeit zu bezahlen. Und das Zertifikat stärkt das Vertrauen, dass die damit Ausgezeichneten diesen Standard bieten.“ —

LIBANON

 

Hauptstadt: Beirut / Einwohner: 5,8 Millionen / Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 7.690 US-Dollar (1) / Wirtschaftswachstum: 0,2 Prozent (2) / Rang im Human Development Index: 80 (von 189)

Karte Libanon

 

Berufsbildung, neu gedacht

 

„Qudra“ ist Arabisch für „Leistungsfähigkeit“. Das gleichnamige Programm im Auftrag des BMZ und der EU zielt auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Flüchtlingen und aufnehmenden Gemeinden. Rund 1,5 Millionen Menschen sind aus Syrien in den Libanon geflohen. Das Land hat mit hoher Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen. Um die Jobaussichten für Flüchtlinge und Einheimische zu verbessern, hat die GIZ im Libanon in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium Trainingsmaßnahmen im Bausektor angeboten. Dazu wurden mit dem EU-Projekt ProVTE beispielhafte Pläne für die berufliche Grundausbildung erstellt, die landesweit vorbildlich sind. Obwohl der Bedarf vorhanden ist, waren bisher kürzere Berufsausbildungsmodule im libanesischen System ungewöhnlich. Ein solches Angebot erleichtert die Qualifizierung für Leute, die nicht die Zeit oder das Geld für eine lange Ausbildung haben. Zudem wurde der Zugang für Flüchtlinge ermöglicht. Das neue Curriculum ist modular aufgebaut und wird landesweit angeboten. Damit haben junge Leute bessere Chancen, Arbeit zu finden. Und der Ruf der beruflichen Fachausbildung wird verbessert. — Kontakt: info@qudra-programme.org

 

 

aus akzente 02/19