Kolumbien

Verschwunden, nicht vergessen

Mehr als 80.000 Menschen gelten in Kolumbien als vermisst. Die Familien wünschen sich Gewissheit über das Schicksal ihrer Lieben. Die Wahrheit soll ein friedliches Zusammenleben fördern.

Text: 
Karen Naundorf
Foto: 
Thomas Wagner

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt Socorro Durán: „Eine Mutter muss doch wissen, was mit ihren Söhnen passiert ist, und sie begraben können.“ Die 75-Jährige hält zwei Fotos hoch, darauf sind zwei junge Männer zu sehen: Ihr Sohn Reinaldo, verschwunden am 15. Dezember 2001. Bis heute fehlt von seinem Körper jede Spur. Und Florentino, verschwunden am 23. April 2003.

 

Socorro Durán auf dem Zentralfriedhof der nordkolumbianischen Stadt Cúcuta, an der Grenze zu Venezuela

„Es war schön auf der Finca, wir hatten Kühe und Hühner“, erinnert sich Durán an das Leben auf dem kleinen Hof im Norden Kolumbiens bei der Stadt Cúcuta, nahe der Grenze zu Venezuela. „Bis die Paramilitärs kamen. Sie wollten meinen Mann töten, weil sie dachten, er sei ein Verbindungsmann der Guerilla.“ Als sie ihn nicht fanden, drohten sie wieder zu kommen – und einen ihrer Söhne zu ermorden.

Als Durán wenig später auf eigenen Faust recherchierte und aus verschiedenen Quellen hörte, dass Reinaldo in der Hand von Paramilitärs war, ging sie zum Fluss und hielt Ausschau. „Unsere Finca lag ein ganzes Stück flussaufwärts. Vom Boot aus sahen wir regelmäßig Leichen und Leichenteile auf dem Wasser schwimmen“, erzählt die Mutter, die einmal vier Söhne hatte. „Ich war auf das Schlimmste vorbereitet. Aber nicht darauf, ihn nicht einmal begraben zu können.“

Mehr 80.000 „desaparecidos“ (Verschwundene) zählt das Nationale Zentrum für Historische Wahrheit in Kolumbien. Eine der Folgen des bewaffneten Konflikts der vergangenen 50 Jahren. Staatliche Einrichtungen, aber auch nichtstaatliche Organisationen und Menschenrechtsaktivisten arbeiten überall im Land an der Aufklärung der Fälle, oft in detektivischer Feinarbeit.

 

Eine Forensikerin des Gerichtsmedizinischen Institutes von Kolumbien untersucht ein menschliches Skelett. Das Institut identifiziert Verschwundene.

Die GIZ unterstützt staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure dabei im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums und der EU. Etwa „PoderPaz“ in Cúcuta. Judith Maldonado leitet die nichtstaatliche Organisation, die den Angehörigen beisteht. „Wir müssen die Wahrheit herausfinden. Wie ist sonst ein friedliches Zusammenleben möglich?“, sagt die Anwältin. „Damit es voran geht, müssen wir Druck machen. Denn in vielen Fällen forscht die Staatsanwaltschaft gar nicht wirklich nach.“

 

Judith Maldonado von „PoderPaz“ in Cúcuta unterstützt die Familien der Vermissten.

Ob aus Angst, oder weil sie nicht an einer Aufklärung interessiert ist, lässt Maldonado offen. Sie selbst hat schon mehrfach Morddrohungen erhalten und ein Sprengstoffattentat überlebt. Das Land ist auch nach dem Friedensvertrag, der Ende 2016 nach langen Verhandlungen zwischen der Regierung Kolumbiens und der größten Guerillagruppe FARC in Kraft trat, nicht zur Ruhe gekommen.

Eine Million Menschen erwarten Aufklärung

„Die Suche nach den Verschwundenen ist eine Mammutaufgabe“, sagt auch Luz María Monzón. Die Direktorin der staatlichen Sucheinheit Unidad de Búsqueda de Personas Desaparecidas rechnet vor: „Hinter jedem Opfer steht eine Familie. Das heißt, wir sprechen von bis zu einer Million Menschen, die Aufklärung erwarten und hoffen, ihre Liebsten doch noch wieder zu sehen – oder zumindest begraben zu können.“

 

Die Kolumbianerin Luz Marina Monzón leitet die neu gegründete Behörde für die Suche nach verschwunden erklärten Personen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sucheinheit forschen nach als „N.N.“ (nomen nescio — Name unbekannt) Begrabenen auf Friedhöfen überall im Land. Sie suchen nach versteckten Massengräbern und sie arbeiten daran, alle Daten der verschiedenen Behörden miteinander zu verknüpfen. Eine Gendatenbank ist im Aufbau. Doch fehle es an politischem Willen, die Suche nach den Vermissten zu unterstützen, sagt Monzón und beklagt die Unterfinanzierung. Umso wichtiger sei die Unterstützung aus dem Ausland, wie jene durch die GIZ mit dem Programm zur Unterstützung der Friedensentwicklung in Kolumbien (ProPAZ).

Socorro Durán hat in den langen Jahren ihrer Suche viel erreicht. Im Rahmen der Sondergerichtsbarkeit für die Aufarbeitung der Verbrechen (Justicia Especial Para la Paz) hatte ein  Paramilitär zugegeben, an der Ermordung Reinaldos beteiligt gewesen zu sein. „Ich weiß, dass ich Glück habe, überhaupt etwas erfahren zu haben“, sagt Durán. „Aber, so lange der Körper von Reinaldo nicht gefunden wurde, werde ich weiter suchen.“

 

Socorro Durán betet am Grab ihres Sohnes Florentino Méndez auf dem Zentralfriedhof von Cúcuta.

Im Fall von Sohn Florentino konnten die Überreste geborgen werden. Er wurde vom Militär erschossen und als Guerillakämpfer ausgegeben. Tausende junger Männer wurden in den 2000er-Jahren Opfer solcher Militäraktionen, die die Statistik der damaligen Regierung im Kampf gegen die Guerilla verbessern sollten. Identifiziert werden konnte Florentino anhand der Knochen: „Vom linken kleinen Finger fehlte das oberste Glied und er hatte eine Platinfüllung in einem Zahn“, sagt seine Mutter. „Trotzdem habe ich auf einen DNA-Test bestanden, ich wollte mir ganz sicher sein. Nun weiß ich, wo er ist, und kann sein Grab besuchen. Ich danke Gott dafür – und allen, die mir bei der Suche geholfen haben.“

Sisattanak Short Version English

Kontakt: Anja Heuft, anja.heuft@giz.de

November 2019