Stadtentwicklung in Ägypten

Über den Dächern von Kairo

Gemüseanbau auf Hochhäusern ist nur ein Beispiel dafür, wie arme Bewohner der Megastadt ihre Lebensbedingungen verbessern.

Text: 
Jürgen Stryjak

Als Maryam Abdel Latif vor gut zwei Jahren von dem Projekt „Rooftop Farming“ – Landwirtschaft auf dem Dach – hört, ahnt sie noch nicht, dass es ihr Leben von Grund auf verändern wird. Abdel Latif lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Ezbet al-Nasr, einem Armenviertel im Süden von Kairo. Damals arbeitet die Mittdreißigerin in einem Kindergarten, für einen Monatslohn von umgerechnet zehn Euro. Das Projekt inspiriert Bewohner von Vierteln wie Ezbet al-Nasr dazu, auf ihren Dächern Gemüse anzubauen. Dadurch können sie ihre Familien besser mit Lebensmitteln versorgen und die Überschüsse verkaufen.

Abdel Latif ist sofort neugierig und schließt sich dem Projekt an, immerhin haben ihr Vater und ihr Bruder Landwirtschaft an der Universität von Kairo studiert. Sie besucht die angebotenen Kurse, lernt, wie man Mutterboden reinigt und Schädlinge bekämpft, und schließlich legt sie auf dem Dach ihres Hauses eigene Gemüsebeete an.

Eindrücke aus der informellen Siedlung Ezbet al-Nasr in Kairo

Auf die Folgen des Klimawandels einstellen

Mit 90 Minuten täglicher Dachgartenarbeit verdient sie bald mehr als im Kindergarten. Sie kündigt und widmet sich ganz ihren Pflanzen. „Jetzt kann ich es morgens kaum erwarten aufzustehen, weil ich sehen will, wie es den Pflanzen geht.“ Sie gibt das Wissen an ihre Kinder weiter und erzählt ihnen, dass Pflanzenbeete auf dem Dach dafür sorgen, dass es in den Wohnungen darunter während der Sommerhitze kühler ist.

„Rooftop Farming“ ist eines von mehreren Projekten in Kairo, für deren Durchführung die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sorgt. Die Projekte gehören zu dem beteiligungsorientierten Entwicklungsprogramm in städtischen Armutsgebieten. „Rooftop Farming“ erfüllt gleich mehrere Ziele des Programms: Es verhilft Frauen zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit und es verbessert die Einkommen von Menschen in Armenvierteln. Außerdem unterstützt es sie dabei, sich mit einfachen, aber nachhaltigen Mitteln auf die Folgen des Klimawandels einzustellen.

Auf vielen Dächern sind inzwischen Gärten angelegt worden.

Ezbet al-Nasr ist eine sogenannte informelle Siedlung. Die Ägypter nennen diese Viertel Ashwa’iyya, abgeleitet von dem arabischen Wort für „blind, planlos, vernunftlos“. Rund 60 Prozent aller Menschen in Kairo, geschätzte 12 Millionen, leben in solchen Siedlungen, erklärt Bauingenieur und Stadtplaner Günther Wehenpohl, der das Programm leitet.  

Anders als zum Beispiel die Favelas in Brasilien bestehen Armenviertel in Kairo oft aus Hochhäusern mit mehr als zehn Stockwerken. Sie sind so eng aneinander gebaut, dass kaum eine zweispurige Straße dazwischen passt. Meistens wurden die Häuser illegal errichtet, weshalb sich Behörden nur selten für die Infrastruktur verantwortlich fühlen. „Die Viertel sind geprägt davon, dass sie kaum ausreichend mit Wasser oder Strom versorgt werden“, sagt Wehenpohl. Oft fehlen Schulen, Kliniken und Kindergärten. Die Arbeitslosenrate ist hoch, ebenso die Geburtenrate.

Die Siedlung Ezbet al-Nasr in Kairo: beengte Bauweise - mit viel Platz auf den Flachdächern.

Seit 2004 arbeitet die GIZ deshalb daran, die Lebensbedingungen zu verbessern. Der Schlüssel liegt in dem Wort „beteiligungsorientiert“: Die Bewohner werden bei der Planung und Umsetzung von Projekten mit einbezogen, zuvor werden ihre Bedürfnisse ermittelt. Nur so, sagt Wehenpohl, würden sie sich am Ende mit dem Ergebnis identifizieren und die Projekte allein weiter betreiben.

Am Programm beteiligen sich auch das ägyptische Ministerium für Wohnungswesen sowie lokale Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Firmen. Finanziert wird es zu rund 15 Prozent aus Mitteln des deutschen Bundeshaushaltes. In der laufenden Phase kommen rund 40 Millionen Euro von der Europäischen Union und etwa sieben Millionen Euro von ägyptischen Behörden und Nichtregierungsorganisationen hinzu.

Sensibilisieren für Themen wie Abfall und Umwelt

Die Fachleute der GIZ erarbeiten die konkreten Entwicklungskonzepte, sie schulen Vertreter lokaler Behörden und Nichtregierungsorganisationen, und sie gestalten die Zusammenarbeit der Bewohner von informellen Siedlungen, indem sie zum Beispiel Einwohnerversammlungen organisieren. In neun ausgewählten Gebieten im Großraum Kairo führt das Programm Projekte durch, zum Beispiel wurden in zwei Armenvierteln in Qalyubeya zusammen mit den Kommunen Abfallentsorgungssysteme für rund 600.000 Einwohner aufgebaut. Müllsammler der Viertel, die bislang auf eigene Faust Abfall einsammelten, wurden in das System integriert, wodurch sich auch ihre Einkommen verbesserten. Ferner wurde das Bewusstsein der Bewohner für Themen wie Abfall und Umwelt gefördert und ihre Zufriedenheit über die Müllbeseitigung als öffentliche Dienstleistung gesteigert.

Auch Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche sind Teil des Programms.

Seit der Machtübernahme durch das Militär unter dem jetzigen Präsidenten Abdelfattah al-Sisi 2013 stößt beteiligungsorientierte Stadtteilentwicklung auf neue Widerstände. Die Regierung misstraut der Zivilgesellschaft, öffentliche Versammlungen werden kaum noch genehmigt. Trotzdem werden viele Projekte weiterhin beteiligungsorientiert durchgeführt, wie zum Beispiel das von Deena Ossama. Die 29-Jährige leitet im Viertel Ezbet al-Nasr ein Bildungsprojekt der Nichtregierungsorganisation Alwan wa Awtar (Farben und Saiten).

Allein von November 2015 bis Juli 2016 wurden so rund 250 Kinder im Alter zwischen sieben und 15 Jahren kostenlos außerschulisch unterrichtet. „Es macht mich außerordentlich glücklich, dass die Kinder bei uns nicht nur lesen und schreiben lernen“, schwärmt Ossama, „sondern dass einige von ihnen plötzlich sogar neugierig auf Bücher sind. Ich denke, gesellschaftliche Veränderung wird von den Kindern kommen.“

Ansprechpartner: Günther Wehenpohl guenther.wehenpohl@giz.de

September 2016