Ukraine

Hilfe für die Helfer

Mehr Menschenleben retten – moderne Ausrüstung und aktuelles Know-how für Feuerwehr, Katastrophenschutz und das Rote Kreuz in der Ukraine machen das möglich.

Text: 
Philipp Hedemann
Foto: 
Oleksandr Techynskyi

Wenn früher auf der Hauptfeuerwehrwache von Saporischschja die Alarmsirenen schrillten, bekam Valdimir Matrosov es mit der Angst zu tun. Angst um die Menschen, die bei Bränden oder Unfällen in Gefahr geraten waren und Angst um seine eigenen Männer, die ausrückten, um zu helfen. Der stellvertretende Leiter der Feuerwehr der ostukrainischen Großstadt wusste: Seinen Kollegen mangelte es an der richtigen Ausrüstung, um Kinder, Frauen und Männer zu retten und um sich selbst während der gefährlichen Einsätze zu schützen.

Valdimir Matrosov, Vize-Feuerwehrchef in der ostukrainischen Großstadt Saporischschja

Mittlerweile muss sich der 51-Jährige weniger Sorgen machen. Mit Unterstützung der GIZ wurde der Katastrophenschutz in der Ostukraine mit Ausrüstung sowie durch Training und Beratung gestärkt. Das Projekt ist Teil des Infrastrukturprogramms für die Ukraine, von dem insgesamt bereits 6,5 Millionen Menschen profitiert haben.

Blick in die speziell ausgestatteten Wagen für Notfalleinsätze.

Blick in die speziell ausgestatteten Wagen für Notfalleinsätze.
Foto: dpa

Matrosovs großer Stolz ist gerade mal 4,87 Meter lang. Vor den monströsen Feuerwehrwagen in der Fahrzeughalle der Feuerwehr Saporischschja wirkt der kompakte VW-Caddy zunächst recht unscheinbar. Was den kleinen Lieferwagen zum lebensrettenden Allzweckfahrzeug macht, wird erst deutlich, als der Feuerwehrmann die Türen des Allrad-Fahrzeugs öffnet. Der Laderaum ist mit allem ausgestattet, was man braucht, um kleinere Brände zu löschen und Menschen zu retten.

„Dieser Wagen ist so etwas wie das Schweizer Messer der ukrainischen Feuerwehr. Darin haben wir maximal verdichtet, was zum Löschen und für die technische und medizinische Hilfe benötigt wird. Für die Rettungskräfte ist dies ein echter Quantensprung“, sagt Christian Poschmann, bei der GIZ zuständig für die Katastrophenschutz-Komponente. 37 solcher kleinen Alleskönner wurden im Rahmen des Projektes beschafft. Wegen des großen Erfolges wird der ukrainische Staat aus eigenen Mitteln weitere 37 baugleiche Fahrzeuge beisteuern.

Christian Poschmann von der GIZ hat mit ukrainischen Feuerwehrleuten das Konzept für die lebensrettenden Allzweckfahrzeuge entwickelt.

Zusammen mit ukrainischen und deutschen Feuerwehrleuten und Fahrzeugbauern hatte Poschmann das geländegängige Allround-Auto für die Bedürfnisse der ukrainischen Feuerwehr entwickelt. Feuerlöscher, Defibrillator, Erste-Hilfe-Ausrüstung, hydraulische Werkzeuge, um eingeklemmte Menschen zu befreien, Motorsäge, Hochleistungslampen – im Caddy findet alles Platz, was die Feuerwehrmänner bei ihren Einsätzen benötigen. Und trotzdem ist das Fahrzeug schnell und wendig.

Rettungsgasse ist zu klein für große Wagen

„Früher sind wir mit unseren großen und schwerfälligen Lastwagen trotz Blaulicht und Martinshorn oft im Verkehr stecken geblieben. Häufig war die Rettungsgasse einfach zu schmal für unsere breiten Wagen. Mit dem Caddy erreichen wir die Unfallstelle jetzt viel schneller“, sagt Matrosov.

Schnelle Hilfe leistet Feuerwehrmann Ivan Bova mit seinen Kollegen.

Die Rettungskräfte waren überfordert

In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Einsätze der Rettungskräfte im Osten des Landes vervielfacht. Rund 1,5 Millionen Menschen sind von dem gewaltsamen Konflikt zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee geflohen – viele in Nachbarregionen wie Saporischschja. Wie andere öffentliche Institutionen auch waren die Feuerwehren durch den starken Zuzug überfordert. „Die Rettungskräfte konnten den Schutz der rasant wachsenden Bevölkerung einfach nicht mehr gewährleisten“, sagt Christian Poschmann.

Damit Menschen in Not trotz der verschärften Situation schnell und effektiv geholfen werden kann, hat die GIZ seit 2015 im Auftrag des BMZ die Staatlichen Dienste der Ukraine für Notfallsituationen gestärkt. Dazu gehören neben der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz auch das Ukrainische Rote Kreuz. Zunächst wurde ermittelt, woran es mangelt. Dabei kam heraus, dass nicht nur die Fahrzeugflotte, sondern auch viele Gebäude der Feuerwehr veraltet waren. Deshalb wurden Feuerwachen, Leitstellen und Lager modernisiert.

4.000 neue Atemschutzgeräte

„Von meinen Männern ist bislang zum Glück noch niemand im Einsatz gestorben“, sagt Valdimir Matrosov. Damit das so bleiben möge, klopft der Feuerwehrmann mit der Faust auf den Tisch. Doch enorme Hitze, herabstürzende Gebäudeteile und giftige Gase haben in den letzten Jahren schon viele Einsatzkräfte in der Ukraine verletzt. „Viele dieser Verletzungen hätten durch die richtige Schutzausstattung vermieden werden können“, ist der erfahrene Feuerwehrmann überzeugt.

Für den verantwortungsbewussten Vorgesetzten hat die Sicherheit seiner Feuerwehrleute höchste Priorität. „Um andere zu retten, riskieren sie ihr Leben. Deshalb haben sie die bestmögliche Ausrüstung und den bestmöglichen Schutz verdient“, sagt der Feuerwehrmann. Seitdem 2.000 Atemschutzgeräte und Schutzausrüstungen für rund 4.000 Feuerwehrleute in der Ostukraine eingetroffen sind, hat Matrosov ein besseres Gefühl, wenn in Saporischschja die Alarmsirenen schrillen.

DAS PROJEKT IN ZAHLEN

 

150 Einheiten des staatlichen Katastrophenschutzes der Ukraine in 120 Kommunen wurden mit neuer Ausrüstung versorgt. / Um 30 Prozent ist die Zahl der Toten nach Bränden gesunken, seit die Retter besser ausgerüstet sind. / Über 140 Menschenleben konnten 2018 infolge der verbesserten Fähigkeiten zur technischen Hilfe bei Unfällen gerettet werden. / Ansprechpartner: Christian Poschmann, christian.poschmann@giz.de

Akzente Dezember 2019

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