'Cash for Work' im Nordirak

Für den Traum vom Glück

Nach Terror und Flucht gibt Nada Yussuf Kada nicht auf. Im Nordirak engagiert sich die Jesidin für Frauenrechte.

Text: 
Gabriele Rzepka
Foto: 
Fabian Schwan-Brandt

Saddam Husseins Polizisten verhafteten ihren Mann, ihr jüngster Sohn verlor durch eine Bombe einen Arm, Terroristen vom „Islamischen Staat“ (IS) ermordeten ihre Schwägerin – und doch gibt Nada Yussuf Kada nicht auf. Seit 2014 ist die 47-jährige Jesidin auf der Flucht, wieder einmal.

 

Trotz aller Widrigkeiten: Kada will, dass sie und ihre Familie es im Camp gut haben.

Schon Mitte der 1970er Jahre vertrieben die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein ihre Familie aus dem Sindschar-Gebirge, Kada suchte Schutz im kurdischen Sulaymaniyah. Dort heiratete sie ihren Cousin, kehrte 1982 mit ihm in ihr Dorf zurück und gründete eine Familie. Fünf Kinder hat sie. Doch 1995 kam ihr Mann ins Gefängnis, weil er sich weigerte, in der irakischen Armee zu kämpfen. Wie sollte sie ganz allein ihre Kinder durchbringen? „Wir sind 1996 zu meiner Mutter nach Mossul gezogen, denn ich brauchte dringend Arbeit“, sagt Kada. „In Sindschar wurde es nicht gern gesehen, wenn eine Frau arbeitete.“

Zerstörte Existenz

Kada fand einen Job in einer Nähfabrik in Mossul. Doch die Polizei stand ständig vor der Tür und quälte sie mit Fragen zu ihrem Mann. Nach ein paar Jahren ließ sie sich offiziell von ihm scheiden – sie wollte die Kinder nicht gefährden. Daraufhin fand die Familie für einige Jahre Frieden. Zu ihrem Mann hat Kada heute keinen Kontakt mehr.

 Entschlossen: Nada Yussuf Kada will nicht untätig sein. Die Arbeitsgelegenheiten im Camp kamen ihr gerade recht – schnell wurde sie zur Vorarbeiterin.

Entschlossen: Nada Yussuf Kada will nicht untätig sein. Die Arbeitsgelegenheiten im Camp kamen ihr gerade recht – schnell wurde sie zur Vorarbeiterin.“

Die Jesidin sparte auf eine eigene kleine Schneiderei. Doch mit diesen Plänen war es Mitte 2014 vorbei. Als der IS Mossul in seine Gewalt brachte, bedrängten Terroristen ihren Bruder – als ausgebildeter Elektriker sollte er für sie einen Generator bauen. „Das kam für ihn überhaupt nicht infrage, deshalb hat er sich versteckt.“ Doch viele Einwohner Mossuls unterstützten den IS. „Wir wissen nicht, wer von den Nachbarn den Namen und die Adresse seiner Frau verraten hat. Eines Tages kamen sie und haben meine Schwägerin getötet“, sagt Kada mit Tränen in den Augen. Ihr Bruder flüchtete vor den Schergen zu Verwandten in den kurdischen Nordirak.

Zwei Zelte als neue Heimat

Auch Kada, ihre Mutter und die Kinder machten sich aus dem vom IS beherrschten Mossul auf den Weg in die nordirakische Provinz Dohuk. Nun leben sie im Camp Kabarto. Hier reiht sich Zelt an Zelt entlang der vielen staubigen Sandstraßen. Zwei Zelte stehen Kada, ihren Kindern, Enkeln und ihrer Mutter zur Verfügung. Dazwischen liegen eine kleine gemauerte Küche und das Bad. Inzwischen hat es sich die Familie ein wenig gemütlich gemacht: Den Platz zwischen den beiden Zelten, Küche und Bad haben Kadas Kinder mit einer Plane überdacht. Teppiche liegen in den Zelten, Spielsachen der Enkel sind auf dem Boden verstreut. Wird es Nacht, wandeln sich die Wohn- und Spielzelte zu Schlafzimmern. Die Matratzen, die tagsüber als Sitzgelegenheit dienen, werden zu Betten.

Kada besucht im Gemeindezentrum des Camps Englisch- und Nähkurse. Sie engagiert sich auch selbst und gibt Kurse für Frauen. Ihr Thema: Frauenrechte. Ihre Motivation: „Ich will allen Frauen klarmachen, dass wir etwas wert sind, dass wir Rechte haben, etwas lernen und eine eigene Meinung haben dürfen. Die Terroristen wollen Frauen versklaven. Doch ich will allen zeigen, dass wir uns nicht vom IS brechen lassen, sondern dass wir ihn brechen werden!“ Die kurdische Nichtregierungsorganisation Harikar betreibt das Gemeindezentrum, das Kada besucht. Die GIZ unterstützt Harikar im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

 

Im Flüchtlingslager Kabarto fanden Menschen aus Syrien und dem Irak Schutz vor dem „Islamischen Staat“.

Als Kada vom Programm „Cash for Work“ hörte, meldete sie sich gleich. Es gab Arbeit auf einer Baustelle, die tageweise bezahlt wurde. Obwohl Bauarbeiten klassische  „Männerjobs“ sind, bewarb sie sich und bekam eine Stelle für 40 Tage. Die Bewohner des Camps bauen eine Freizeitanlage, die sie später selbst nutzen werden. Gemeinsam mit der kurdischen Behörde für Unterstützung und humanitäre Angelegenheiten hat die GIZ das gesamte Projekt geplant. Es entstehen Fußball-, Basketball- und Volleyballfelder, Tischtennisplatten, drei Spielplätze, Versammlungsorte und Grünanlagen. Die Holzarbeiten übernimmt die Schreinerwerkstatt aus dem Flüchtlingslager Khanke. Hier bildet die US-amerikanische kirchliche Hilfsorganisation Samaritan’s Purse Schreiner aus. Die GIZ beschafft das Holz, mit dem sie ihren ersten großen Auftrag realisieren.

Schnell war sie Vorarbeiterin

Kada erinnert sich an den Anblick der rund einen Kilometer langen und bis zu 150 Meter breiten Fläche vor Beginn der Bauarbeiten: „Hier war alles matschig. Ein Abwasserbach, der nicht richtig abfließen konnte, sorgte für Pfützen und Schlamm. Es hat gestunken. Diese Gegend war kein schöner Anblick.“ Der Bach ist inzwischen kanalisiert und verläuft unterhalb des künftigen Freizeitgeländes. An dessen Ende steht eine Anlage zur Wasseraufbereitung. Mit dem gesäuberten Wasser werden künftig die Bäume und Grünanlagen des Freizeitbereichs versorgt. Mittlerweile sieht man, was aus der einstigen Brachfläche wird.

Aktivitäten im Bereich der Übergangshilfe in der autonomen Region Kurdistan im Irak.

Kada hat darauf Erde verteilt und Mauern gezogen. Zuverlässig stand sie jeden Morgen bereit und arbeitete acht Stunden lang. Die Ingenieure bemerkten schnell ihren besonderen Einsatz. Nach wenigen Tagen übernahm sie die Rolle der Vorarbeiterin ihres Bautrupps: „Ich habe kontrolliert, ob alle pünktlich da waren, und habe die Frauen in meinem Trupp motiviert, sich anzustrengen. Wenn jemand sich vor der Arbeit drückte, habe ich das dem Aufseher gemeldet. Gleichzeitig habe ich natürlich die ganze Zeit selbst mitgearbeitet.“

Eigenes Geld verdienen

Kada verdiente während der 40 Tage des Programms eine Million Irakische Dinar, umgerechnet rund 800 Euro. Das Geld kann sie gut gebrauchen, denn ihr Hab und Gut ließ sie in Mossul. Die alleinstehende Mutter hat sich gut überlegt, was sie mit ihren 800 Euro anschafft: „Als Erstes habe ich einen Wasserfilter gekauft, denn die Wasserqualität ist nicht sehr gut. Jetzt müssen wir das Trinkwasser nicht mehr abkochen.“ Für ihre kranke Mutter konnte Kada die Behandlung bei einem Facharzt und die Medikamente bezahlen. Ein bisschen Luxus hat sie sich und ihrer Familie ebenfalls gegönnt: „Wir haben einen Kleiderschrank und einen Fernseher gekauft, denn wir werden sicher noch lange Zeit im Camp bleiben. Es ist wichtig, das eigene Heim schön zu gestalten, um sich unter den schwierigen Bedingungen halbwegs wohlzufühlen.“

Zwei ihrer Söhne haben sich den Peschmerga angeschlossen und kämpfen in der kurdischen Armee dafür, die Region gegen den IS zu verteidigen. Ihre zwei Töchter, die inzwischen selbst Kinder haben, leben mit ihr im Camp. Ebenso ihr jüngster Sohn, der seinen Arm verloren hat. Für Kada ist klar, dass ihr Weg noch lange nicht zu Ende ist. „Ich wünsche mir so sehr, dass alles wieder gut wird und wir wieder nach Mossul können. Sobald der IS von dort vertrieben ist, möchte ich zurückkehren und unser Haus aufbauen.“ Der Traum vom Glück steht Kada glasklar vor Augen: „Der IS muss weg, die Sicherheitslage muss stabil sein und ich brauche die Aussicht, wieder Arbeit zu finden.“ Sobald es so weit ist, wird sie ihre Sachen packen und sich eine neue Zukunft aufbauen – wieder einmal.

Ansprechpartner: Marc Levesque > marc.levesque@giz.de

aus akzente 2/17

Irak

EIN STÜCK UNABHÄNGIGKEIT

Projekt: Temporäre Stabilisierung von bedürftigen Haushalten von Flüchtlingen, Binnenvertriebenen und der Bevölkerung in aufnehmenden Gemeinden
Land: Irak
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Politischer Träger: irakisches Ministerium für Planung
Laufzeit: 2016 bis 2017

Rund drei Millionen Menschen aus dem Irak haben Zuflucht innerhalb des eigenen Landes gesucht, die meisten in der Autonomen Region Kurdistan. Hinzu kommen etwa 250.000 Flüchtlinge aus Syrien. In einigen Orten im Nordirak leben mehr Flüchtlinge als ursprüngliche Einwohner. Die kurdische Regionalregierung stößt bei der Versorgung an Grenzen, es fehlen vor allem Arbeitsplätze. Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums bietet die GIZ Flüchtlingen und Bedürftigen in den aufnehmenden Gemeinden Jobs für bis zu 40 Tage. Sie bauen Straßen und Spielplätze, entsorgen Abfall oder helfen in der Landwirtschaft oder im sozialen Bereich. Familien, in denen niemand arbeiten kann, erhalten eine einmalige Unterstützung. 30.000 Haushalte haben so ein vorübergehendes Einkommen.

 

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