Gastbeitrag: Saubere Energie

Der Wandel ist kein Selbstläufer

"Wir brauchen eine klare, verlässliche und kluge Politik weltweit", schreibt Fatih Birol, Exekutivdirektor der IEA.

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA).

Die erneuerbaren Energien sind in den vergangenen Jahren zu einer echten, konkurrenzfähigen Alternative geworden. Während Wasserkraft schon lange genutzt wird, sind es jetzt vor allem Windkraft und Photovoltaik, die den Wandel hin zu sauberer Energieversorgung vorantreiben.
Die Kapazität der Wind- und Solaranlagen ist heute zehnmal so groß wie noch vor zehn Jahren. Und es scheint kein Monat ohne einen weiteren Rekord zu vergehen. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Kapazitäten der regenerativen Energien um rund 50 Prozent gestiegen. Zu verdanken ist das vor allem dem technologischen Fortschritt und den niedrigeren Kosten.

Ein großer Teil dieses Wachstums findet in den USA, in Europa, Indien und China statt. Tatsächlich geht man davon aus, dass allein China in den nächsten fünf Jahren für 40 Prozent des weltweiten Anstiegs bei den erneuerbaren Energien verantwortlich sein wird. Überhaupt werden derzeit große Anstrengungen unternommen, die größten Ökonomien der Welt mit Solaranlagen und großen Windparks zu versorgen.

Viel näher an den Menschen

Interessanterweise findet die Revolution der Erneuerbaren in einigen Teilen der Welt nicht auf nationaler Ebene, sondern viel näher an den Menschen statt. In Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es beispielsweise zunehmend Solarzellen auf Dächern. Besonders in Gegenden mit schwachen Stromnetzen oder begrenzter Strominfrastruktur ist das eine interessante Technologie. Wie zum Beispiel im indischen Bundesstaat Gujarat, wo es ein Projekt namens „Rent a Roof“ in Form einer öffentlich-privaten Partnerschaft gibt. Es bietet einem breiten Kundenkreis – auch Menschen mit geringen Einkommen – die Möglichkeit, ein Solardach zu mieten.

Wie in Indien setzen auch die Regierungen in vielen Entwicklungsländern zunehmend auf solche dezentralen Lösungen als effektive Möglichkeit, Zugang zu moderner Energieversorgung zu schaffen. Bis vor kurzem wurde die Stromversorgung, inklusive der passenden Infrastruktur, vor allem als Aufgabe nationaler Energieversorger gesehen. Bessere Stromübertragung und größere Netze sollten das Problem lösen. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Immer mehr Regierungen – wie etwa die von Mali, Kenia und Indonesien – fördern dezentrale „Mini-Netze“. Sie sehen darin einen Weg, langfristig die Stromversorgung auch in ländlichen Gebieten zu gewährleisten. Inselsysteme können nationale Stromnetze sinnvoll ergänzen. 

Mini-Netze in Mali

Ganz besonders Mali hat diesen Weg schon früh eingeschlagen. Mittlerweile verfügt das Land über 160 solcher kleinen Netze, die sehr flexibel zu nutzen sind: Private Investoren haben viele verschiedene Möglichkeiten für deren Betrieb und können die Strompreise eigenverantwortlich festlegen. Dadurch ist ein günstiges Gesamtklima für Investitionen entstanden. 

Insgesamt allerdings bleibt festzuhalten: Trotz vieler erfreulicher Entwicklungen, trotz neuer Rekorde und sinkender Kosten ist das Ganze kein Selbstläufer. Wie der Markt gestaltet ist und wie Stromversorgungssysteme an neue Technologien angepasst werden, ist entscheidend für die Zukunft der erneuerbaren Energien. Im Moment sind die Aussichten glänzend. Doch um den Anteil der Erneuerbaren weiter zu steigern, braucht es eine klare, verlässliche und kluge Politik von Regierungen auf der ganzen Welt. Das ist die entscheidende Voraussetzung, um den globalen Energiewandel zu beschleunigen – mit dem Ziel verlässlicher, bezahlbarer und nachhaltiger Energie für alle.

Fatih Birol ist seit 2015 Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA). Zuvor war der türkische Wirtschaftswissenschaftler Chefökonom bei der IEA; er hat sich sein ganzes Berufsleben lang mit Energiethemen beschäftigt.

aus akzente 3/17

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