Umweltschutz in Vietnam

Der Wald kehrt zurück

Vietnam ist vom Klimawandel besonders stark betroffen. Die GIZ hilft Bewohnern des Mekongdeltas, sich zu wappnen. Mangroven spielen dabei eine wichtige Rolle.

Text und Fotos: 
Daniel Becker

Der Steg aus Bambus ist nur einen halben Meter breit. Bei jedem Schritt quietscht und schwankt er ein wenig. Thach Soal geht den hölzernen Weg entlang und zeigt auf den Boden. „Bis 1992 standen hier Häuser“, so der 66-jährige Bauer, „doch sie sind bei einem schweren Sturm zerstört worden.“ Nichts deutet mehr darauf hin, dass es an dieser Stelle einmal Gebäude gab. Stattdessen wächst ein dichter Mangrovenwald, mit bis zu zwei Meter hohen Pflanzen. Ihre fächerartigen Wurzeln haben sich tief in den Boden gegraben. Der etwa kniehohe Steg soll verhindern, dass Dorfbewohner auf dem Weg zum Meer die Wurzeln beschädigen.

Ein fairer Deal: Thach Soal (l.) und Duong Mienh sind Hüter der Mangroven und profitieren von ihnen.

Ein fairer Deal: Die Landwirte Thach Soal (l.) und Duong Mienh sind Hüter der Mangroven und profitieren von ihnen.

Das Dorf Au Tho B in Vietnams Mekongdelta ist Schauplatz eines Feldversuchs. Dabei sollen Mangroven das Voranschreiten des Meeres stoppen und das dahinterliegende Land schützen. Nationale und lokale Behörden sowie die Anwohner der betroffenen Küstendörfer sind daran beteiligt.

Häufige Wetterextreme

Die Region ist vom Klimawandel besonders stark bedroht. Der Weltklimarat hat Vietnam sogar als eines der am stärksten betroffenen Länder identifiziert. Weite Teile des Mekongdeltas liegen weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel. Sein Ansteigen und die immer häufiger auftretenden Wetterextreme gefährden die Region zunehmend. Wenn bei hohen Fluten oder Stürmen Meerwasser auf die Felder spült, werden diese auf Jahre hin unbrauchbar – und das in der drittgrößten Wirtschaftsregion Vietnams, einem wichtigen Anbaugebiet für Reis. Auch die Bevölkerungsdichte ist hoch: Rund ein Fünftel der Einwohner des Landes lebt hier, etwa 17 Millionen Menschen.

Vietnams Behörden sind sich des Problems seit langem bewusst. Bereits in den 1990er Jahren begannen sie, zerstörte Mangrovenwälder entlang der Küste wiederaufzuforsten. In Au Tho B war von dem natürlichen Wald, der sich in diesem Teil Vietnams einmal nahezu entlang der gesamten Küste erstreckte, seinerzeit nichts mehr übrig. Doch die neu angepflanzten Mangroven hatten es schwer. „Die Leute haben damals keine Rücksicht genommen“, sagt Thach Soal. Viele von ihnen hätten, obwohl es verboten war, die Mangroven gefällt und als Brennholz genutzt oder auf dem Markt verkauft. Die Folge: Der Mangrovenwald blieb dünn und konnte dem immer weiter voranschreitenden Meer kaum etwas entgegensetzen.

Bewohner der Küstendörfer an der Wiederaufforstung beteiligt

Die Behörden haben schon viel erreicht, sagt Christian Henckes von der GIZ in Hanoi, „aber einige Dinge laufen nicht optimal“. So seien die falschen Mangrovensorten gepflanzt worden. Auch gebe es zu wenig Geld, um flächendeckend alle offenen Stellen mit Mangroven zu bestücken. Schließlich sei den Menschen vor Ort oft nicht bewusst gewesen, wie wichtig die Mangrovenwälder für ihren Lebensraum seien. Das habe das Problem weiter verschlimmert.

Die GIZ verfolgt daher seit 2011 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und mit Hilfe einer zusätzlichen Finanzierung durch die australische Regierung einen anderen Ansatz: Die lokale Bevölkerung wird in die Bewirtschaftung der Mangroven direkt eingebunden. „Die Leute haben ein Interesse daran, dass der Wald erhalten bleibt“, sagt Henckes, „denn sie profitieren von ihm.“ Die Bewohner der Küstendörfer, die an der Wiederaufforstung beteiligt sind, erhalten privilegierten Zugang zu dem Mangrovenwald. Nur sie dürfen in ihm totes Holz sammeln und Krabben, Fische und andere Meerestiere fangen. Gleichzeitig ist es die kostengünstigste Art, den Wald zu bewirtschaften.

Nur bei Fluten oder Stürmen reicht das Meer bis zum Mangrovenwald

In Au Tho B hat dieser Ansatz offensichtlich funktioniert. Der insgesamt 450 Meter lange Bambussteg reicht etwa 50 Meter weit über den Mangrovenwald hinaus in das flache Schwemmland hinein. Auch hier stehen vereinzelte Mangrovenbäume, die auf natürliche Weise entstanden sind. Früher reichte das Meer bis an den Steg. Jetzt ist rund 200 Meter weiter vorne eine Sandbank zu sehen. Nur noch bei starken Fluten oder bei Stürmen dringt das Meer bis zum Mangrovenwald vor. „Uns ist jetzt klar, dass wir davon profitieren, wenn wir den Wald gemeinsam schützen, daher machen wir das von uns aus“, sagt Thach Soal, der wie viele Bauern der Region auf seinem Land unter anderem Zwiebeln und Chilischoten anbaut. Er ist Sprecher einer Gruppe, die sich mit Unterstützung der GIZ gegründet hat, um die Bewirtschaftung der Mangrovenwälder zu organisieren.

Die Gruppe ist offen für alle Dorfbewohner. Um Mitglied zu werden, müssen Interessierte sich allerdings verpflichten, an den regelmäßigen Treffen teilzunehmen und die Regeln für den Mangrovenschutz einzuhalten. Zu diesen Vorgaben gehört es etwa, nur bei Ebbe in die Mangroven zu gehen, wenn das Wasser etwas klarer ist. Das verringert das Risiko, Setzlinge oder kleine Tiere zu zertreten. Rund ein Drittel der 3.500 Einwohner des Dorfes hat sich inzwischen in der Gruppe organisiert. Falls Mitglieder jemanden dabei erwischen, wie er im Mangrovenwald Holz schlägt, erzählt Thach Soal, machen sie ihm klar, dass er falsch handelt. Bei größeren Eingriffen schalten sie zudem die Behörden ein. Er selbst habe gemeinsam mit einigen anderen Dorfbewohnern aus eigenen Mitteln Setzlinge gekauft und pflanze nun an kahlen Stellen im Wald Mangroven an. „Denn wenn hier einmal kein Wald mehr ist, dann wird das Dorf sterben.“

Zusammenarbeit mit lokalen Behörden

Man sieht die Ergebnisse des Engagements: Der heute kniehohe Bambussteg sei zu Beginn gut 20 Zentimeter höher gewesen, sagt Thach Soal. „Der Schlamm, den das Meer anschwemmt, bleibt liegen. Die Wurzeln halten die Erde fest. Dadurch hebt sich der Boden.“ In zwei bis drei Jahren wolle er den Steg um mehrere hundert Meter verlängern, damit er bis an das zurückgedrängte Meer reiche. Bis dahin, hofft er, dürfte sich der Mangrovenwald weiter ausgebreitet haben.

Auf den Feldern, die auf der anderen Seite an den Wald grenzen, herrscht an diesem Tag Hochbetrieb. Die Zwiebelernte steht kurz bevor. Dieselgeneratoren rattern. Überall stehen Bauern auf ihren Feldern und wässern die Pflanzen, die sie in ordentlich gezogenen, engen Reihen angebaut haben. Auch vor dem Haus von Duong Mienh sieht es so aus.

Duong Mienh ist ein weiteres Mitglied der Gruppe der Mangrovenschützer. Er hat seine Veranda zu einer Art Versammlungsort ausgebaut. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder der Gruppe hier, um Erfahrungen auszutauschen und ihre weiteren Pläne zu besprechen. Die GIZ unterstützt die Dorfbewohner bei der Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden, wenn es um die Bewirtschaftung der Wälder geht. Rechtsgrundlage dieser Zusammenarbeit ist eine Vereinbarung, die die Gruppe aus Au Tho B mit der Lokalverwaltung getroffen hat.

Einkommen um 60 Prozent erhöht

Duong Mienh hat zusätzlich noch eine kleine Mauer an einer Seite seiner Veranda hochgezogen. Am Ende des Vordachs hängen Transparente mit Zeichnungen, die einige der Kernbotschaften der Idee des Mangrovenanbaus verdeutlichen sollen. Darauf steht etwa „Wir brauchen eure Ideen für unseren Plan zur Bewahrung des Waldes!“ und „Lasst uns zerstörerische Praktiken stoppen, um unsere natürlichen Ressourcen zu schützen!“. Auf der letzten Zeichnung in der Reihe sind einige Dorfbewohner zu sehen, die örtlichen Behördenvertretern von ihren gemeinsamen Aktivitäten berichten.

„Seit dem Beginn des Projekts hat sich unser Einkommen um etwa 60 Prozent erhöht“, sagt Thach Soal. Der Erlös aus dem Verkauf der Fische und Krabben und des gesammelten Holzes sei deutlich gestiegen. Außerdem gebe es heute mehr Tiere, die man dort fangen könne. Dass es nicht zu Konflikten über diese Naturgüter kommt, liegt auch daran, dass die Besserverdienenden im Dorf – etwa die Lehrer oder Reisbauern – gar nicht von den Mangroven leben wollen. Sie dürfen jedoch weiterhin den Steg nutzen, um zum Meer zu gelangen.

Erkenntnisse fließen in die Gesetzgebung ein

Die Provinz Soc Trang, in der das Dorf Au Tho B liegt, ist eine von mehreren Mekongprovinzen, in denen der Ansatz zum Ausbau der Mangroven erprobt wird. Die GIZ teilt ihre Erfahrungen mit der Regierung in Hanoi. Diese wiederum ist bereits damit beschäftigt, die aus der Mangrovenbewirtschaftung gewonnenen Erkenntnisse in die laufende Gesetzgebung einfließen zu lassen. „Das ist ein wesentlicher Erfolg“, sagt Christian Henckes von der GIZ.

Ein Erfolg, der für die Zukunft etwas mehr Sicherheit verspricht. Denn an den Herausforderungen durch den Klimawandel wird sich so schnell nichts ändern. Zwar habe es in der Region schon seit 1997 keinen schweren Sturm mehr gegeben, erzählt Thach Soal. Starke Fluten kämen aber immer wieder vor. Die Sorge der Bauern, dass dabei Salzwasser auf die Felder drängt und den Boden schwer beschädigt, ist nun deutlich kleiner. „Wir hören nachts manchmal, wie die Wellen gegen die Mangroven schlagen – das ist richtig laut. Angst vor dem Wasser haben wir aber nicht mehr.“

Ansprechpartner: GIZ Vietnam giz-vietnam@giz.de

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DIE KÜSTEN STÄRKEN

Projekt: Integrierter Küsten- und Mangrovenwaldschutz in Mekongprovinzen zur Anpassung an den Klimawandel
Land: Vietnam
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Nationaler Partner: Vietnamesisches Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung
Laufzeit: 2011 bis 2017

In fünf Mekongprovinzen half die GIZ, auf insgesamt fast elf Kilometern Uferlinie umweltfreundliche, kostengünstige Strukturen zum Küstenschutz zu errichten. Rund zehn Hektar Überflutungsgebiete konnten so gerettet und Erosionen von bis zu 15 Metern pro Jahr gestoppt werden. Rund 320 Hektar Mangrovenwald wurden wiederhergestellt. Die Existenzgrundlagen zahlreicher Bewohner der Provinzen sind nun nachhaltig gesichert, etwa 60 Prozent der Begünstigten sind Frauen. Auch die Biodiversität in dem Gebiet hat sich innerhalb von vier Jahren um 70 Prozent erhöht. Im Nationalpark U Minh Thuong leben heute 30 Prozent mehr Vögel. Das Projekt wird von der australischen Regierung mitfinanziert.