Seuchenschutz

Bis ins letzte Dorf

Einsatz in Madagaskar: unterwegs mit einem Wissenschaftlerteam zur Pestaufklärung im Hochland der Inselrepublik

Foto: 
TSITOHAINA STEVENSON RAKOTOARIVONJY
Text und Fotos: 
BETTINA RÜHL

Bis zum Schaft verschwindet die Klinge des Taschenmessers in der Lehmmauer. „Ein Nistloch von Ratten“, stellt der Mikrobiologe Michael Nagel fest. „In der Wand genau über der Kochstelle.“ Dann sucht er im Lichtschein seiner Stirnlampe weiter. In dem zweistöckigen Lehmbau ist es so dunkel, dass der deutsche Wissenschaftler ohne die Lichtquelle auf seinem Kopf kaum etwas sehen würde. Außerdem beißt die rußgeschwängerte Luft in den Augen. An der Feuerstelle wird er nochmals fündig. Direkt neben dem Nistloch liegen Asche, übriggebliebene Reiskörner, Reste einer Maniokknolle und Rattenkot. Mit der Messerspitze stochert der 37-Jährige vorsichtig in dieser Mischung herum. „Der Kot ist noch frisch“, sagt Nagel zum madagassischen Mikrobiologen Raphaël Rakotozandirandrainy. „Besser kann man nicht zeigen, wie stark Nahrungsreste die Nager anziehen.“ Dann treibt sie der beißende Rauch ins Freie.

 

Raphaël Rakotozandirandrainy bringt die Ergebnisse der Peststudie direkt zu den Menschen. Der Wissenschaftler ist auch Bürgermeister einer Hochland-Kommune.

Dort erwarten sie die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses und des madagassischen Dorfs Ambohitravorano. Es liegt im Hochland, etwa 260 Kilometer südlich der Hauptstadt. Sie kennen Nagel bereits und wundern sich nicht mehr darüber, dass dieser Weiße den weiten und steilen Weg zu ihnen auf sich genommen hat. Aus Antananarivo braucht man mit dem Auto einen Tag bis in die Provinzhauptstadt Ambositra und von dort nach einer Übernachtung nochmals knapp zwei Stunden bis nach Andina. Wenige Kilometer dahinter geht es nur noch zu Fuß weiter, einen Berg hoch. „Sonst kommen Ausländer nur hierher, um nach wertvollen Mineralien zu suchen“, sagt Wissenschaftler Rakotozandirandrainy.

Ein Jahr zuvor, im November 2018, hatte ein interdisziplinäres Wissenschaftlerteam untersucht, warum die Pest in manchen Dörfern der Region regelmäßig ausbricht, während andere Orte ganz in der Nähe verschont bleiben. Die Gemeinde Andina, zu der das Dorf Ambohitravorano gehört, ist einer der „Hotspots“. Jetzt stellen Nagel und sein madagassischer Wissenschaftskollege den Menschen, die in der Region leben, ihre Ergebnisse vor. Deshalb hatte Raphaël Rakotozandirandrainy, der zugleich auch Bürgermeister von Andina ist, am Vortag schon zu einer Versammlung auf dem zentralen Platz gerufen. Mehr als 1.000 Menschen nahmen daran teil.

 

Der Mikrobiologe Michael Nagel untersucht die Umgebung einer Kochstelle auf Rattenspuren.

Doch die Wissenschaftler bringen ihre Ergebnisse auch direkt in die abgelegenen Weiler, in denen oft nur einige Dutzend Menschen leben. Raphaël Rakotozandirandrainy ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität in Antananarivo und zudem in Madagaskar Kooperationspartner der „Schnell einsetzbaren Expertengruppe bei Gesundheitsgefährdungen“ (SEEG). Zu der gehört wiederum Michael Nagel von der GIZ. Diese „Taskforce“ rückt aus, wenn Partnerländer um rasche Hilfe bitten, weil sie eine Epidemie alleine nicht mehr unter Kontrolle bekommen oder auf künftige Ausbrüche besser vorbereitet sein wollen. In akuten Fällen kann die SEEG innerhalb von 72 Stunden vor Ort sein. Dann werden interdisziplinäre Teams aus einem Pool von Expertinnen und Experten aller Fachrichtungen zusammengestellt. Darunter GIZ-Personal, aber auch Fachleute von Universitäten.

 Gemeinsam mit seinem madagassischen  Kollegen Raphaël Rakotozandirandrainy informiert er Dorfbewohner*innen über den besten Schutz gegen die Pest.

Gemeinsam mit seinem madagassischen Kollegen Raphaël Rakotozandirandrainy informiert er Dorfbewohner*innen über den besten Schutz gegen die Pest.

In Madagaskar hat die Regierung wegen der immer wieder auftretenden Pest die SEEG um Unterstützung gebeten. Auch wenn es fordernde Einsätze sind, so ist die Arbeit im Feld doch aus Sicht der Wissenschaftler unerlässlich. „Natürlich kann man Erreger in modernen Laboratorien weltweit problemlos diagnostizieren“, sagt Nagel, „aber ob aus einem Krankheitsfall eine Seuche wird, hängt von vielen Faktoren ab.“ Wer Epidemien verhindern will, muss also besser verstehen, was jeweils zusammenwirkt – und genau darum ging es bei der Studie in Madagaskar. Die Wissenschaftler stellten in Dörfern und Hofstellen Fallen für Ratten und Mäuse auf, befragten die Menschen zu ihren Lebensverhältnissen und ihrem Wissen über Pest. Sie nahmen Informationen zu Geologie, Vegetation und Landnutzung auf und sammelten Proben. Inzwischen liegen die meisten Laborergebnisse vor.

„Wir waren froh, dass das mal jemand untersucht hat“, sagt Mariette Razafimalala. Die 34-jährige Bäuerin lebt mit ihrer siebenköpfigen Familie in dem Haus, das Nagel eben verlassen hat. Fast alle Menschen hier sind barfuß, den Kindern laufen die Nasen. Im Hochland ist es nachts sehr kühl, die Jungen und Mädchen sind deshalb häufig erkältet. Und weil in den Häusern mit den kleinen Fenstern auf offenen Feuerstellen gekocht wird, sind die Atemwege der Menschen stark angegriffen. „Wir haben hier nicht nur die Erreger der Pest gefunden, sondern viele andere gefährliche Krankheitserreger“, erklärt Michael Nagel, und sein Kollege Raphaël Rakotozandirandrainy übersetzt ins Malagassi, die Sprache der Inselrepublik.

 

Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Krankenstation in Ampasina macht sich das Wissenschaftlerteam mit neuen Rattenfallen vertraut.

In den Strohdächern fiepen die Ratten

Aus einem der Strohdächer im Dorf ist das Fiepen der Nager zu hören. In Ambohitravorano sind den Wissenschaftlern besonders viele Ratten in die Fallen gegangen. Bei der anschließenden Untersuchung im Labor wurde deutlich, wie viele tödliche Krankheitserreger sie in sich tragen. Die große Bandbreite hat Nagel überrascht und alarmiert. Denn die Auswertung der Befunde zeigt, dass hier nicht nur der Pesterreger Yersinia pestis verbreitet ist, der vor etwa 120 Jahren aus Europa nach Madagaskar eingeschleppt wurde. Sondern auch das ebenfalls tödliche Hanta-Virus, das in der gefundenen Variante schwere Fieber­erkrankungen auslöst und ähnlich wie Ebola von Blutungen begleitet wird. Oder der Erreger des „Schützengrabenfiebers“, das unter anderem Hirnhautentzündungen hervorruft.

 Kleiner Patient in der Krankenstation von Ampasina, die mit Unterstützung der GIZ aufgebaut wurde

Kleiner Patient in der Krankenstation von Ampasina, die mit Unterstützung der GIZ aufgebaut wurde.

Die Ergebnisse der Studie haben zwei Arbeitshypothesen klar widerlegt: zum einen, dass einige Dörfer frei von Pesterregern wären. „Der Pesterreger ist hier immer und überall verbreitet“, betont Nagel. Auch hat sich nicht bestätigt, dass Menschen in manchen Dörfern aus genetischen Gründen gegen die Krankheit immun wären. In ihrem Dorf seien vor vielen Jahren ebenfalls schon Menschen an der Pest gestorben, erzählen die Frauen und Männer. Zuletzt sei ihr Weiler aber immer verschont geblieben. Sogar 2017, als die Epidemie in Madagaskar besonders schlimm wütete. „Trotzdem müsst ihr euch besser schützen!“, schärft Nagel allen ein. Dann zählt er auf, was sie tun können: „Ihr müsst die Ratten oder Mäuse aus den Häusern verjagen und eure Vorräte fest verschließen“, empfiehlt er. Weder im Haus noch davor dürften Nahrungsreste liegen bleiben. Die Leute hören ihm aufmerksam zu, hin und wieder nicken sie. Dann zeigt Nagel auf ein Loch im Strohdach von Mariette Razafimalalas Haus: „Seht ihr? Ein Nistloch! Die Strohdächer sind für Nagetiere ein idealer Lebensraum. Tauscht sie am besten gegen Wellblechdächer aus.“ Auch die Lehmwände der Gebäude bieten einen idealen Lebensraum für die gefährlichen Mitbewohner. „Verfüllt Löcher in euren Mauern mit Beton, Zement oder Steinen!“, rät Nagel.

„Wir können uns keine Wellblechdächer leisten“, sagt Mariette Razafimalala. Je nach Größe des Hauses kostet so ein Dach umgerechnet 300 Euro, in den Dörfern Madagaskars ein Vermögen. Dasselbe gilt für Zement oder für Vorratskisten, die so fest schließen, dass sich keine Maus und keine Ratte hineinzwängen kann.

 

MADAGASKAR

Hauptstadt: Antananarivo / Bevölkerung: 24 Millionen / Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 510 US-Dollar (1) / Wirtschaftswachstum: 5,8 Prozent / Rang im Human Development Index: 162 (von 189)

 

 

Madagaskar ist der größte Inselstaat Afrikas und die viertgrößte Insel der Welt. Die Republik gehört zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben in extremer Armut, besonders hoch ist der Anteil der Armen in den ländlichen Regionen.

Rettung durch Labor und Krankenstation

Im nächsten Dorf Tsararivotro sind einige Häuser aus gebrannten Ziegeln gemauert, nicht nur aus gestampftem Lehm hochgezogen. „Da haben Nagetiere fast keine Chance“, erklärt Nagel. Eines der Gebäude hält er sogar für „geradezu ideal“: Es ist gemauert und wurde auf einem Felsplateau errichtet, so dass die Nager sich auch nicht durch den Boden ins Haus fressen können. Außerdem ist es mit Wellblech gedeckt. Die Bewohner dachten dabei allerdings nicht an Ratten. „Hier gibt es viele bewaffnete Viehdiebe“, erklärt die 42-jährige Rasoa Zararia, die in dem Haus wohnt. „Sie zünden häufig die Strohdächer an.“ Für das Wellblechdach hat die Familie zwei ihrer Rinder verkauft. Mittlerweile haben Viehdiebe in Tsararivotro rund 60 Rinder geraubt und damit fast den gesamten Viehbestand des Dorfes – auch die beiden letzten Rinder der Familie Zararia waren darunter. In Tsararivotro sind immer wieder Menschen an der Pest erkrankt, 2017 war auch Rasoa Zararias Tochter betroffen. „Ich wusste nicht, was sie hat“, erzählt die Mutter „aber ich habe sie so schnell wie möglich nach Ampasina gebracht.“ In dem Hauptort der Gemeinde hat Bürgermeister und Mikrobiologe Rakotozandirandrainy unter anderem mit Hilfe der GIZ eine Krankenstation aufgebaut. Die SEEG brachte die Ausstattung für das Labor und schulte das medizinische Personal in der mikrobiologischen Diagnostik von Pesterregern. Für Rasoa Zararias Tochter war das die Rettung: Bei ihr wurde die Krankheit rechtzeitig diagnostiziert, die damals 18-Jährige wurde dank der verabreichten Antibiotika gesund.

Bei den Menschen ist seitdem das Vertrauen in Raphaël Rakotozandirandrainy noch größer. Das ist nun ein unschätzbarer Vorteil. Die Dorfbewohner haben mehr Motivation, die Empfehlungen zum Schutz vor der Pest umzusetzen. So weit zumindest, wie es ihre Ersparnisse erlauben. Und während er seinen deutschen Kollegen in die Hauptstadt zurückbegleitet, lässt den madagassischen Bürgermeister und Wissenschaftler die Frage nicht los, wie die Umbauten an den Häusern finanziert werden könnten. Bereits auf einer der nächsten Gemeinderatssitzungen stellt Rakotozandirandrainy einen Vorschlag vor: Um das Baumaterial zu bezuschussen, soll nachhaltiger Kaffee angebaut und genossenschaftlich vermarktet werden. Die Menschen von Andina nehmen den Kampf gegen die Pest selbst auf. Das könnte ein Signal für das gesamte Hochland von Madagaskar geben.


Im Einsatz gegen Epidemien

Die „Schnell einsetzbare Expertengruppe bei Gesundheitsgefährdungen“ (SEEG) wurde vom BMZ in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit als Reaktion auf die Ebola-Krise in Westafrika 2014/15 initiiert. Ein bei der GIZ angesiedeltes Kernteam verfolgt Meldungen zu Krankheitsausbrüchen weltweit. In Abstimmung mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und dem Robert Koch-Institut bewertet es die Lage und schätzt die Seuchengefahr ein. Zudem wurde ein Pool mit Expertinnen und Experten für flexible Einsätze aufgebaut. So unterstützt die SEEG Länder bei der Vorbereitung und Reaktion auf Krankheitsausbrüche und bei der Prophylaxe. Die GIZ koordiniert die Einsätze und bringt ihre Kontakte mit Partnern weltweit mit ein. In Madagaskar war die SEEG wegen der Pest aktiv. Die Seuche tritt dort regelmäßig auf. Das Team um den Mikrobiologen Michael Nagel untersuchte die Ursachen dafür. Ein Geologieprofessor, ein Bakteriologe, ein Feldbiologe, eine Humangenetikerin und ein Tropenmediziner gehörten zur Forschergruppe aus Europa, die mit Professor Rakotozandirandrainy und anderen Experten aus Madagaskar zusammenarbeitete.

Kontakt: Michael Nagel, michael.nagel@giz.de


 

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