Interview

„Vietnam steht an einem Scheideweg“

Wie Ausbildung nach deutschem Vorbild dem asiatischen Land auf das nächste Level der Wirtschaftsentwicklung verhelfen soll. Ein Interview mit dem GIZ-Programmleiter Berufsbildung in Vietnam, Jürgen Hartwig.

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Thomas Imo/photothek.net

Auf dem Bild ist Jürgen Hartwig abgebildet, der Manager des GIZ-Programms für technische und berufliche Bildung und Ausbildung in Vietnam. Der mittelalte Mann ein hellblaues Hemd, seine kurz geschnittenen Haare sind grau meliert, und er trägt eine Brille. Im Hintergrund ist die Umgebung unscharf, was auf einen Innenraum mit technischer Ausrüstung hindeuten könnte.
GIZ-Programmleiter Berufsbildung in Vietnam, Jürgen Hartwig.

Warum ist Vietnam so interessiert an dem Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild?

Das duale Berufsausbildungssystem Deutschlands hat in der ganzen Welt einen ausgezeichneten Ruf. Der betrifft sowohl die hohe Qualität der ausgebildeten Fachkräfte als auch die positiven Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Hierzu zählen etwa die geringe Jugendarbeitslosigkeit und die Beteiligung der Wirtschaft an der Umsetzung und den Kosten der Berufsbildung. Das ist den Verantwortlichen in Vietnam bewusst und daher möchten sie von den Erfolgsfaktoren des dualen Berufsausbildungssystems lernen.

Weshalb gerade jetzt?

Vietnam hat in den letzten Jahren eine sehr dynamische wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen, steht aber jetzt an einem Scheideweg. Noch immer sind die Einkommen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie die Produktivität im internationalen Vergleich sehr gering, das Land droht in der sogenannten Falle der mittleren Einkommen, der  „middle income trap“, zu verharren. Um diesem Risiko zu begegnen, sind Innovationen, Investitionen und qualifizierte Fachkräfte zwingend erforderlich. Bereits heute fragen internationale Investoren und zunehmend auch vietnamesische Unternehmen nach hochqualifizierten Fachkräfte, deren Kompetenzen auch intelligente Fertigungsprozesse und Industrie 4.0 umfassen.

Welche Rolle spielt die demographische Entwicklung?

Vietnam ist ein Land mit einer sehr jungen Bevölkerung, etwa 38 Prozent sind unter 25 Jahre alt. Zudem sind noch immer fast 40 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig. Doch die wird zunehmend mechanisiert und künftig weniger Menschen Jobs bieten. Es besteht daher ein großes Interesse in Politik und Gesellschaft, dass junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als Fachkräfte für eine gewisse Zeit im Ausland arbeiten. Hierfür benötigen sie eine gute Ausbildung. Mit Berufserfahrung und entsprechenden Qualifikationen haben die jungen Leute dann auch auf dem vietnamesischen Arbeitsmarkt Aussicht auf gute Jobs. Das und die große Verbundenheit zu ihren Familien lässt viele nach einiger Zeit nach Vietnam zurückkehren.

Sind auch deutsche Unternehmen in die Ausbildungsreform eingebunden?

Das Vorhaben „Reform der Berufsbildung in Vietnam“ wird von der GIZ im Auftrag des BMZ implementiert. Wir beraten das vietnamesische Arbeitsministerium bei der Reform des Berufsausbildungssystem und der rechtlichen Rahmenbedingungen. Außerdem unterstützen wir auch ausgewählte Berufsschulen bei der Verbesserung ihrer Aus- und Weiterbildungsangebote. Hierbei arbeiten wir eng mit vietnamesischen und internationalen Unternehmen, der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Vietnam (AHK) und Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern zusammen. Deutsche Unternehmen, wie beispielsweise Bosch, Siemens, Mercedes, Schaeffler, Pepperl+Fuchs, MTS oder Festo Didactics kooperieren eng mit den Partnerberufsschulen.  Einige haben Produktionsstätten in Vietnam errichtet und benötigen dringend qualifizierte Fachkräfte. Andere wiederum möchten ihre Produkte im Bereich Berufsschulausstattung, Didaktik oder Hard- und Software  bekannt machen. Letzteres können beispielsweise Modelle industrieller Automatisierungssysteme inklusive Programmierstation sein. Wir setzen daher auch Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft um.

Ist der Ansatz auf Vietnam begrenzt?

Im Vordergrund unseres Auftrags steht die Verbesserung des vietnamesischen Berufsausbildungssystems. Allerdings werden ausgewählte Berufsschulen zu Kompetenzzentren weiterentwickelt. Sie übernehmen wichtige Funktionen nicht nur innerhalb von Vietnam, sondern auch in der Region. Hierzu zählen die Weiterbildung von Berufsbildungspersonal, damit die Zusammenarbeit von Berufsschulen und Betrieben gestärkt wird. Zudem werden betriebliche Ausbilderinnen und Ausbilder nach dem Standard des Verbands Südostasiatischer Nationen, kurz ASEAN, qualifiziert. Dieser Standard wurde mit Unterstützung des regionalen Berufsbildungsvorhaben des BMZ (RECOTVET) erarbeitet, das ebenfalls von der GIZ implementiert wird.

Was steckt hinter dieser regionalen Kooperation?

Unter anderem in Vietnam, Laos, Indonesien und Myanmar fördert es mit seinen Partnern im ASEAN-Sekretariat und der Organisation der südostasiatischen Bildungsminister (SEAMEO) die Qualität und Arbeitsmarktorientierung beruflicher Bildung. Außerdem wird die berufliche Bildung an die Herausforderungen der Digitalisierung und von Industrie 4.0 angepasst. An den vietnamesischen Kompetenzzentren finden „Train-the-Trainer“ Programme für Teilnehmer aus ganz Südostasien statt.

Welche Rolle spielt die verbesserte Berufsausbildung mit Blick auf Arbeitsmigration?

Auf vietnamesischer Seite besteht ein großes Interesse an der Fachkräftemigration. Einige vietnamesische Unternehmen, beispielsweise im Bausektor, bewerben sich auf Aufträge aus den ASEAN Mitgliedsstaaten und möchten dann ihre Arbeitnehmer dort einsetzen. Schon jetzt arbeiten etwa 650.000 Vietnamesinnen und Vietnamesen in über 40 Ländern. Zu den Zielländern zählen insbesondere Japan, Taiwan und Südkorea aber auch einige EU-Staaten. Auch auf Seiten der deutschen Wirtschaft besteht Interesse an Fachkräften aus Vietnam. Es ist aus Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit sehr wichtig, dass die Fachkräftemigration entwicklungsorientiert gestaltet wird. Das bedeutet beispielsweise, dass die Menschen eine hochwertige Ausbildung in ihren Heimatländern oder in Deutschland erhalten, die ihnen überall gute Berufsperspektiven ermöglicht. Dies betrifft auch die Anerkennung von Berufsabschlüssen. Auch sollten die Bedingungen der Arbeitsmigration transparent vermittelt werden.  Nur so kann Arbeitsmigration dem Nutzen aller — der Herkunftsländer, der Zielländer und der migrierenden Fachkräfte — dienen.

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akzente Juli 2020

Mehr im Netz

Programm Reform der Berufsbildung in Vietnam www.tvet-vietnam.org
Regionale Berufsbildungsplattform für Südostasien www.SEA-VET.NET