Interview menschliche Sicherheit

„Nicht nur falsch, sondern dumm“

Frauen haben mit Sicherheitsthemen immer noch wenig zu tun. Das bleibt nicht folgenlos und wirkt sich zum Beispiel negativ auf Friedensprozesse aus.

Text: 
Friederike Bauer
Foto: 
Privat

  CHANTAL DE   JONGE OUDRAAT

 

  CHANTAL DE JONGE OUDRAAT 
ist seit 2013 Präsidentin von Women In International Security (WIIS). Sie ist spezialisiert auf die Themen Frauen, Frieden und Sicher­heit, Gender, internationale Organisationen, Friedenssicherung und amerikanisch-europäische Beziehungen.

Sicherheit gilt traditionell als männliche Domäne. Ist das noch so?
Ja, Frauen sind hier weiterhin eklatant unterrepräsentiert, und zwar überall auf der Welt. Ihre Sicht bei Herausforderungen im Sicherheitsbereich wird nicht genügend berücksichtigt. Die Genderperspektive hat, wenn überhaupt, nur eine nachrangige Bedeutung. Außerdem bleibt Gewalt gegen Frauen ein erschreckend großes Problem.

Lassen sich hier geografische Unterschiede feststellen?
Die Entwicklung fällt von Land zu Land sehr verschieden aus, erreicht wurde Gleichberechtigung aber bisher nirgendwo. Schaut man sich die Hindernisse an, die diesen Fortschritt bremsen, zeigen sich allerdings erstaunliche Ähnlichkeiten: Die meisten nationalen und internationalen Sicherheitsgremien und -organisationen bestehen zum allergrößten Teil aus Männern und werden von Männern geleitet. Diese sträuben sich, wichtige Posten mit Frauen zu besetzen, insbesondere, wenn sie Männer verdrängen könnten. Nicht zuletzt dadurch ist der Sicherheitssektor sehr traditionell geblieben.

Geht die Entwicklung eher nach vorn oder zurück?
Die Fortschritte sind unterschiedlich und in einigen Ländern gibt es sogar Rückschläge. Besonders beunruhigend finde ich die Welle an Neopatriarchen, die es in den 2000ern und 2010ern an die Macht gespült hat.

Wieso ist es wichtig, Frauen in Sicherheitsfragen einzubeziehen?
Das ist einerseits eine Frage der Rechte und andererseits eine Frage der Notwendigkeit. Die erste hebt auf das Prinzip der Gleichberechtigung ab, die zweite erkennt an, dass es zu schlechteren Ergebnissen führt, wenn 50 Prozent der Bevölkerung nicht berücksichtigt sind. In Afghanistan und im Irak zum Beispiel musste das US-Militär feststellen, dass seine männlich dominierten Einsatzkräfte mit der Hälfte der Bevölkerung nicht umgehen konnten. Die US-Armee reagierte darauf, indem sie das Verbot für Frauen aufhob, in Kampfeinsätzen zu dienen.
 
Gibt es Belange, bei denen Frauen einen wirklichen Unterschied machen können?

Natürlich, aber das können auch Männer! Wir müssen aufhören, über Frauen zu reden, und stattdessen über Gender reden. Die vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolutionen zu dem Thema beziehen sich explizit auf „Frauen“. Das hat meiner Ansicht nach dabei geholfen, die wichtige Rolle hervorzuheben, die sie in Sicherheitsfragen spielen. Aber leider hat es auch der traditionellen Sicherheitscommunity in die Hände gespielt, die diese Übereinkünfte als reine Frauenthemen abqualifizieren und als sekundär oder tertiär behandeln kann. Außerdem werden meist noch „Frauen und Mädchen“, „Frauen und Kinder“ sowie „Frauen und Jugendliche“ in einem Atemzug genannt. Ich finde, das geht in die völlig verkehrte Richtung, weil es Frauen infantilisiert und die Vorstellung bekräftigt, sie seien nicht handlungsfähig. Zudem stützt es das vorherrschende Muster, das Frauen aus Sicherheitsentscheidungen ausschließt.

Welche wichtigen nächsten Schritte sind nötig, um Frauen stärker zu beteiligen?
Politische Entscheidungsträger müssen erkennen, dass es nicht nur falsch, sondern auch dumm ist, diese Ungleichheit fortzusetzen. Studien haben gezeigt, dass die Tendenz zu Konflikten und Instabilität steigt, je schlechter Frauen vertreten sind. Wir wissen zudem, dass Friedensprozesse, die Frauen einbeziehen, eine größere Aussicht auf Erfolg haben und eine 64 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit zu scheitern. Das derzeitige Ungleichgewicht hat ernste negative Folgen für die weltweite Sicherheit. Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sicherheitspolitik zu fördern, ist daher nicht nur der richtige, sondern auch der klügere Weg.

aus akzente 3/19

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