Digitale Kreide für alle

Image
Libanon Digitale Kreide für alle
Reportage
08/2021

Digitale Kreide für alle

Auch in Krisenzeiten sollen im Libanon Kinder und Jugendliche lernen können. Dafür stärkt Deutschland das öffentliche Bildungssystem.

Text
: Olivia Cuthbert
Fotos
: Natheer Halawani

Lama Al Zein wurde schwer ums Herz, als ihre Schule im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie schließen musste. „Ich hatte Angst, vor allem, weil ich in Mathe schwach bin. Ich wusste nicht, wie ich lernen sollte“, erinnert sich die 14-Jährige. Eltern, Kinder, Jugendliche und Pädagoginnen und Pädagogen in ganz Libanon trieben ähnliche Sorgen um. Die libanesischen Bildungseinrichtungen versuchten hastig, den plötzlichen Bedarf an Onlineunterricht zu decken. Manche Schulen richteten komplette E-Learning-Programme ein, andere boten nur sporadischen Onlineunterricht an, wieder andere schlossen ganz. Düstere Bildungsaussichten für eine Generation junger Menschen in einem Land, das zusätzlich zur Pandemie mit einer dramatischen Wirtschaftskrise, einer politisch instabilen Lage, den zahlreichen Flüchtlingen aus Syrien und der Explosionskatastrophe von Beirut klarkommen muss.

Bildergalerie Accordion

Bereits seit 2019 stärkt die GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums das öffentliche Schulsystem und damit die Bildungschancen für alle im Libanon und konnte auf die Vorkommnisse im vergangenen Jahr rasch und flexibel reagieren. Schon vor der Pandemie hatte die GIZ die Nichtregierungsorganisation „Lebanese Alternative Learning“ (LAL) dabei unterstützt, den 25 Jahre alten libanesischen Lehrplan zu aktualisieren und in ein digitales Format zu übersetzen. Als die Schulen im Lockdown geschlossen wurden, beschleunigten und erweiterten LAL und GIZ die Arbeit daran: um E-Learning breiter zugänglich zu machen und die Folgen der Pandemie für die rund eine Million Schülerinnen und Schüler im Libanon abzufedern. 

Ein erschüttertes Land

Das war dringend nötig, denn bereits 2019 und 2020 konnten viele Kinder wegen der anhaltenden Unruhen die Schule nicht oder nur selten besuchen. Die Wirtschaftskrise setzte die öffentlichen Schulen zusätzlich unter Druck, denn Mittelschichtfamilien verarmten und mussten ihre Kinder von den Privatschulen nehmen. Die Gebühren waren plötzlich unbezahlbar. Dann erschütterte im August 2020 eine schwere Explosion den Hafen von Beirut. 200 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Die Regierung trat wegen Vernachlässigung ihrer Pflichten zurück und eine Übergangsregierung führt das Land durch die Corona-Krise. „Auf verschiedenen Ebenen war die Lage 2020 so verzweifelt, dass es zu einer völligen Stagnation im öffentlichen Sektor geführt hat“, sagt Ismael Nouns, GIZ-Projektleiter, „vor allem in den staatlichen Schulen.“

Lernplattform beliebt wie nie

Als ein Ausweg aus dieser schwierigen Situation hat sich „Tabshoura“ angeboten. „Tabshoura“ ist arabisch für Malkreide. Ein mehr als 60-köpfiges Team von LAL und dem Illustratorenkollektiv „Waraq“ – auf Deutsch Papier – entwickelte diese digitale Open-Source-Plattform. Plötzlich war die Nachfrage immens. „Vor Covid hatten wir 8.000 User auf der Plattform, seitdem ist die Frequenz auf 40.000 gestiegen, so viele Zugriffe hatten wir noch nie“, sagt Nayla Zreik Fahed, Geschäftsführerin von LAL. Die 14-jährige Lama ist eine der begeisterten Nutzerinnen. „Jetzt bin ich beruhigt. Wenn wir uns an das Onlinelernprogramm halten, bekommen wir alles Wissen, das wir brauchen“, sagt sie. Die Plattform ist visuell ansprechend und bietet interaktive Aufgaben, um Lernen spannend zu gestalten. Sie ermuntert Kinder und Jugendliche, selbstständig zu arbeiten. Das Programm, inzwischen anerkannt und empfohlen vom libanesischen Bildungsministerium, fördert spielerisches Lernen und kombiniert curriculare und außercurriculare Inhalte. Damit lässt sich „Tabshoura“ auf das Lernniveau der Kinder anpassen und stellt eine ideale Ergänzung zu Präsenzunterricht und anderen E-Learning-Angeboten dar.

Image
Libanon Loreen Obeid, Techniklehrerin im nordlibanesischen Akkar, unterstützt Kinder aus Syrien.

Loreen Obeid, Techniklehrerin im nordlibanesischen Akkar, unterstützt Kinder aus Syrien.

Bildung für Mädchen sichern

Diese Flexibilität ist besonders wertvoll, weiß Loreen Obeid. Sie ist Techniklehrerin am Malaak Centre im nordlibanesischen Akkar, an der Grenze zu Syrien. Hier leben viele der Flüchtlinge aus dem Nachbarland. Das Zentrum bietet außerschulische Bildung für syrische Mädchen und Jungen im Alter zwischen vier und achtzehn Jahren an. Viele der betreuten Kinder leben in Flüchtlingslagern, wo ein Internetzugang nicht selbstverständlich ist. Hier, in einem der ärmsten Landesteile, können sich viele Familien keine eigenen Computer leisten und teilen sich oft mit anderen ein einziges Endgerät. Unzureichende Technik und mangelnde Erfahrung mit Onlineumgebungen sind nicht die einzigen Hürden. „Die Kinder wollen lernen, aber ihre Eltern können ihnen nicht helfen. Das macht es besonders für Jüngere schwierig, denn sie brauchen Unterstützung.“

Und es gibt Befürchtungen, dass die Corona-Krise auch die Probleme älterer Schülerinnen und Schüler verstärken könnte. „Einige Eltern ermuntern ihre Kinder nicht, zu lernen oder zur Schule zu gehen, darum muss das Zentrum viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Obeid. „Das betrifft vor allem die Mädchen, die oft schon mit vierzehn die Schule abbrechen, manchmal zum Heiraten.“ Das Zentrum hat alle 300 Schülerinnen und Schüler mit Tablets ausgestattet, damit sie online lernen konnten. Die GIZ hat bisher 65.000 Endgeräte angeschafft, unter anderem landesweit für alle 9. und 12. Klassen. Außerdem wurden Lehrkräfte geschult.

Länder Wiki
Libanon

LAND: Libanon

HAUPTSTADT: Beirut

BEVÖLKERUNG: 6,9 Millionen

WIRTSCHAFTSWACHSTUM: 0,5 Prozent

RANG IM HUMAN DEVELOPMENT INDEX: 92 von 189

Quelle: Weltbank

Junge Flüchtlinge stärken

Nawras Al Fayad (15) und seine Schwester Masira (13) haben ein Tablet vom Zentrum in Akkar bekommen und nehmen damit vormittags am ergänzenden Onlineunterricht teil. Beide Jugendliche, die mit ihrer Familie vor der Gewalt in Syrien geflüchtet sind, finden „Tabshoura“ effektiver als die WhatsApp-Stunden, die die Schule nachmittags anbietet. „Bei WhatsApp können wir den Chat jederzeit verlassen, bei ,Tabshoura‘ hat man einen Onlineaccount, die Lehrer sehen, was wir machen, und alles ist viel strukturierter“, sagt Nawras. Masira stimmt zu: „Auf ,Tabshoura‘ überprüfen wir die Lösungen, und das ist so, als wäre die Lehrerin da, hilft und korrigiert. Außerdem macht es mehr Spaß.“ 

App für nachhaltiges E-Learning

Die Plattform berücksichtigt schon jetzt alle wichtigen Lerninhalte für die Abschlussprüfungen. Aber die Pläne gehen noch weiter. „Den Lehrplan zu digitalisieren, war ein Riesenprojekt. Aber wir hoffen, dass wir mit der hervorragenden Unterstützung durch die GIZ nicht nur den gesamten Lehrplan überarbeiten, sondern ihn mit Hilfe einer App auch mehr benachteiligten Gruppen und Gemeinschaften zur Verfügung stellen können“, sagt Nayla Zreik Fahed von LAL. Gerade, weil Stromausfälle und schlechter Internetzugang in den ärmeren Teilen des Libanon immer noch ein Problem sind, wäre es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen das Material über die App herunterladen und dann offline nutzen können. Im Augenblick bietet LAL eine Offlinelösung in Form eines kleinen Box-Servers an, der einen Hotspot schafft. Darüber können sich dann 30 Geräte mit der Plattform verbinden. Das war zunächst nützlich, aber für nachhaltiges E-Learning braucht es weitergehende Lösungen. Am liebsten wäre Nayla Zreik Fahed eine Kombination mit Präsenzunterricht: „Ich glaube, am besten ist ein gemischtes Modell, bei dem digitales Lernen mehr Autonomie, selbstbestimmtes Lernen, kritisches Denken ermöglicht sowie die Fähigkeit verbessert, online Informationen zu filtern, denn das sind wichtige Fertigkeiten. Aber ich hoffe sehr, dass die Schülerinnen und Schüler wieder in die Schule gehen können, andere treffen und ein Unterrichtserlebnis haben können, denn das ist wirklich wichtig.“

Das wünscht sich auch die 14-jährige Lama Al Zein. Obschon das Lernen mit „Tabshoura“ ihr gerade in ihrem Angstfach Mathe geholfen hat, ist sie der Ansicht, dass digitaler Unterricht kein Ersatz für Lernen im Klassenzimmer ist. Und mit dieser Meinung befindet sich die junge Libanesin weltweit in guter Gesellschaft.

aus akzente 2/21

Ziele für nachhaltige Entwicklung