Impfgerechtigkeit

„Nicht nur richtig, sondern notwendig“

Aurélia Nguyen ist Geschäftsführende Direktorin von COVAX – das steht für „Covid-19 Vaccines Global Access“. Und genau das ist das Ziel: weltweit Impfungen für möglichst viele Menschen zur Verfügung zu stellen, vor allem in einkommensschwachen Ländern. Im Interview erklärt Aurélia Nguyen, warum gleicher Zugang zu Impfstoffen der Schlüssel zur Überwindung der Pandemie ist.

Text
Friederike Bauer

Aurélia Nguyen ist Geschäftsführende Direktorin von COVAX.
Aurélia Nguyen ist Geschäftsführende Direktorin von COVAX. COVAX ist eine Initiative der Impfallianz Gavi (Global Alliance for Vaccines and Immunisation), der Koalition zur Epidemievorbeugung CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) und der Weltgesundheitsorganisation WHO. © Gavi/2018/Tony Noel

Die Impfkampagne gegen Covid-19 geht voran. Wie beurteilen Sie deren Verlauf bisher?
COVAX ist die größte und komplexeste Impfstoffverteilung, die die Menschheit je gesehen hat. Sie läuft und schützt besonders Risikogruppen vor Covid-19 auf der ganzen Welt. Die COVAX-Organisation hat bereits mehr als 49 Millionen Impfdosen an 121 Länder verteilt, darunter auch an die einkommensschwächsten, die Impfdosen über das sogenannte COVAX Advanced Market Commitment (AMC) erhalten. Aber das kann nur der Anfang sein: Um die akute Phase der Pandemie zu beenden und die Welt vor der Verbreitung neuer Varianten zu schützen, müssen Impfstoffe noch viel schneller verteilt werden.

Wie genau sieht Ihr Beitrag hier aus?
COVAX möchte ärmeren Ländern Zugang zu Milliarden von Impfdosen verschaffen und diese für 92 einkommensschwache Volkswirtschaften auch bezahlen. Aber noch ist das COVAX AMC nicht vollständig finanziert. Dafür brauchen wir die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der Vakzin-Produzenten, um sicherzustellen, dass es einen fairen Zugang zu den Impfdosen gibt.

„Das globale Angebot an Impfstoff darf nicht durch Impfstoff-Nationalismus, Exportkontrollen oder Lieferengpässe eingeschränkt werden.“

Wo sehen Sie im Augenblick die größten Herausforderungen? Sind die eher finanzieller, logistischer oder nationaler Art?
Um das AMC vollständig zu finanzieren, braucht Gavi bis Juni noch mindestens zwei Milliarden Dollar. Die wichtigste Aufgabe ist jedoch, die Hürden zu beseitigen, die einem globalen Angebot an Impfstoffen immer noch entgegenstehen. Dazu gehören Impfstoff-Nationalismus, Exportkontrollen, Impfdiplomatie und Engpässe bei der Produktion und den Lieferketten. All diese Probleme müssen dringend gelöst werden.

© Jatuporn Tansirimas - stock.adobe.com
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Wie können Entwicklungsländer besser in die Kampagne eingebunden werden?
COVAX ist eine multilaterale Initiative und von Beginn an waren aktives Engagement und Zusammenarbeit der entscheidende Antrieb. COVAX ist so organisiert, dass auch einkommensschwache Länder bei strategischen Richtungsentscheidungen des AMC mitsprechen können. Außerdem wird alles getan, um sicherzustellen, dass diese Länder nicht nur Impfdosen erhalten, sondern auch technische Unterstützung. Denn ihre Gesundheitssysteme sollen dann auch in der Lage sein, die Impfungen zu verabreichen, wenn sie zur Verfügung stehen.

Brauchen wir für die am wenigsten entwickelten Länder Sonderprogramme? Was kann COVAX tun, um diesen Prozess zu befördern?
Wir haben COVAX geschaffen, weil sich nicht wiederholen sollte, was während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 passiert ist. Damals haben ein paar reiche Länder den gesamten Impfstoffvorrat gehortet, sodass die große Mehrheit leer ausging. Ohne COVAX hätten die meisten Länder nur wenig Hoffnung, rasch an ausreichend Dosen eines sicheren und wirksamen Corona-Impfstoffs zu kommen.

Welche Rolle sollte der privatwirtschaftliche Sektor dabei spielen?
COVAX setzt darauf, dass die Impfstoffindustrie schnellstmöglich und preiswert so viele Dosen zur Verfügung stellt, wie zur Beendigung dieser akuten Phase der Pandemie nötig sind. Bisher sind zwar schon Millionen Dosen geliefert worden, und in der zweiten Jahreshälfte werden noch mehr Produzenten dazukommen. Aber es ist auch klar, dass wir mehr Zusammenarbeit brauchen, wenn wir Impfgerechtigkeit erreichen wollen. Was die Privatwirtschaft im Allgemeinen angeht, so haben wir am 15. April die „COVAX AMC Investitionschance“ gegründet, eine Kampagne, mit der wir zwei Milliarden Dollar einsammeln wollen. Einiges davon soll, so hoffen wir, von Partnern aus der Privatwirtschaft und von Stiftungen kommen. Wir halten das für eine realistische Forderung, denn die gerechte und gleichmäßige Verteilung der Impfdosen kann die Pandemie am ehesten beenden und die Wirtschaft ankurbeln.

Was können Organisationen wie die GIZ dazu beitragen?
Ein multilaterales Werkzeug wie COVAX basiert auf Partnerschaft – die Unterstützung jedes einzelnen Partners ist entscheidend für den Erfolg. Dazu gehört zweifellos die fortgesetzte Zusammenarbeit mit Regierungen, also auch mit Ministerien wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), mit der GIZ, dem Außenministerium, dem Gesundheitsministerium, dem Finanzministerium, dem Kanzleramt und anderen. Das ist unerlässlich, um die Krise zu überwinden. Deutschland hat Gavi seit 2006 großzügig unterstützt, und COVAX vom ersten Augenblick an. Die deutsche Zusage von fast einer Milliarde Euro für COVAX ist bedeutend. Wir wissen das sehr zu schätzen, dadurch konnten wir Impfstoff vorbestellen und den Nachschub sichern. Deutschland beteiligt sich außerdem als selbstzahlender Partner in einer von der Europäischen Kommission koordinierten kollektiven Anstrengung unter dem Titel „Team Europa“.

©angellodeco - stock.adobe.com
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Wie viel bewirkt das deutsche Engagement?
Mehr als 70 einkommensschwache Länder haben bereits Impfdosen erhalten. Das wäre ohne deutsche Unterstützung nicht möglich gewesen. Wir freuen uns darauf, unsere gemeinsamen Bemühungen fortzusetzen, sodass jeder Mensch eine Schutzimpfung gegen Covid-19 bekommen kann und es danach dauerhafte Einrichtungen und Dienste zur Immunisierung gibt.

„Impfgerechtigkeit ist nicht nur richtig, sondern notwendig, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.“

Was glauben Sie, wann kann die Welt wieder zur Normalität zurückkehren?
Wir können erst wieder über eine Rückkehr zur Normalität nachdenken, wenn das Virus überall unter Kontrolle ist. Wenn es sich irgendwo halten kann, dann werden große Ansteckungsreservoirs bestehen bleiben, das Virus weiter die Runde machen und für Tod, Zerstörung und ökonomische Katastrophen sorgen. Ein weltweit gerechter Zugang zu Impfstoff, vor allem der Schutz der Beschäftigten in Medizin und Pflege sowie der Risikogruppen – egal, wo sie leben, und was sie verdienen –, ist die einzige Möglichkeit, die Auswirkungen von Covid-19 abzumildern. In dieser noch nie dagewesenen Pandemie ist Gerechtigkeit nicht nur das Richtige, sondern auch das Notwendige.

Sie wurden im letzten Oktober zur Direktorin ernannt. Wie würden Sie Ihre Zeit seither beschreiben?
Ich betrachte meine Verantwortung als Riesenprivileg, das ich mir stolz mit einem hervorragenden Team von Expert*innen überall bei Gavi und COVAX teile, die unermüdlich für die Sache der Impfgerechtigkeit arbeiten. Uns allen ist sehr deutlich bewusst, dass wir nur sicher sind, wenn alle sicher sind. Und das ist die größte Motivation, die man sich vorstellen kann.

Mai 2021