Binnenvertriebene in Afghanistan

Gute Nachbarschaft

Viele Afghanen sind aus ihrem Heimatort in andere Regionen des Landes geflohen. Über einen Neustart.

Text: 
Marian Brehmer
Foto: 
Mustafa Najafizada

Wie hüpfende Farbtupfer heben sich die bunt gekleideten Kinder von den erdfarbenen Hauswänden und dem Braun der faltigen Berge des Hindukusch ab. Kleine Mädchen tragen ihre noch kleineren Geschwister auf dem Arm über die sandige Schotterpiste. An manchen Ecken schauen Verkäufer aus dem Schatten ihrer bescheidenen Läden hervor. Hier, am Rande der nordafghanischen Stadt Mazar-e Sharif, liegt die Siedlung Hamdard. Sie wurde 2012 zur Heimat von mehr als 1.000 Menschen, die aus anderen Regionen des Landes geflohen waren.

 In Sicherheit: zwei Mädchen in der Vertriebenensiedlung Hamdard

In Sicherheit: zwei afghanische Mädchen in der Vertriebenensiedlung Hamdard

Einer, der sich in Hamdard ein neues Leben aufgebaut hat und nun ein Lehmhaus mit eigenem Garten bewohnt, ist Faiz Mohammad. Der 53-jährige Familienvater mit dem zerfurchten Gesicht trägt einen hellgrünen Turban. Seine Haut ist von vielen Jahren harter Arbeit in der Sonne gegerbt. Als die Taliban 2012 in Mohammads Dorf südlich von Mazar-e Sharif einfielen, flüchtete die Familie in die nahe gelegene Provinzhauptstadt. Zunächst lebten die Neuankömmlinge in einem Zelt, das die Bewohner von Hamdard neben einem breiten Erdloch für die Flüchtlinge errichtet hatten. Die Familie stand buchstäblich vor dem Nichts.

Mit Lehmhaus und Training aus der Schutzlosigkeit

Vier Jahre später sitzt Faiz Mohammad auf dem Teppich in seinem Wohnzimmer und erzählt, wie hart das Leben hier für ihn, seine Frau und die neun Kinder anfangs war. Es dauerte eine Weile, bis so etwas wie Normalität einkehrte. „Jetzt gehen vier meiner Kinder bereits in die Schule. Sie lieben den Unterricht.“ Die übrigen fünf haben die Schule beendet oder sind schon berufstätig, unter anderem als Lehmbauer. Auch Mohammad selbst kann lesen und schreiben – keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem rund 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind.

in Projekt zur Integration von Binnenvertriebenen in Afghanistan hat die Flüchtlinge in Hamdard und weiteren Gemeinden mit dem Wichtigsten ausgestattet. Neben Trinkwasserbrunnen, sanitären Einrichtungen und zwei Grundschulen hat die GIZ als Partner des afghanischen Ministeriums für Flüchtlinge und Repatriierung für mehr als 800 afghanische Familien Lehmhäuser errichtet. Wo Flüchtlinge selbst bauen wollten, wurde Baumaterial wie Lehm zur Verfügung gestellt. Insgesamt erreicht das Projekt, das die deutschen Experten im Auftrag des Auswärtigen Amts umsetzen, etwa 40.000 Personen.

Mit Bautraining zu besserem Einkommen 

Faiz Mohammads ganzer Stolz ist der kleine Garten im Innenhof seines Zwei-Zimmer-Hauses aus Lehm. Im Beet gedeihen Kräuterpflanzen neben roten Rosen und wildem Wein, der an Stöcken entlang in die Höhe rankt. Am Rand des Innenhofes stapeln sich gelbe Speiseölkanister, in denen Mohammad Wasser zum Gießen sammelt. 

Hinter dem Beet ziehen die zwei ältesten Söhne der Familie gerade mit bloßen Händen eine Lehmmauer für ein weiteres Zimmer hoch. Wie man das macht, haben sie in einem Kurs gelernt. Während einer der beiden frischen Lehm zuschaufelt, gibt der andere der Mauer Form und überprüft mit einem Maßband, ob die Arbeit das gewünschte Ergebnis bringt. Dank des Bautrainings können die Brüder ihre Dienste auch anderen anbieten und damit Geld verdienen. Während sie früher als ungelernte Tagelöhner nicht mehr als 250 Afghanis am Tag bekamen, sind es nun rund 800 Afghanis, umgerechnet etwa 11,50 Euro. 

Gewaltsame Konflikte, Naturkatastrophen, wirtschaftliche Gründe

„Binnenvertriebene gehören zum schutzbedürftigsten Teil der afghanischen Bevölkerung“, so Projektmitarbeiter Yama Omari. „Oft stammen sie aus ärmlichen Verhältnissen und riskieren, durch ihre Flucht in noch größere Armut zu fallen.“ Infolge von gewaltsamen Konflikten sind seit 2004 mehr als eine Million Afghanen innerhalb ihres Landes vertrieben worden. Hinzu kommen jene, die vor Naturkatastrophen fliehen oder aus wirtschaftlichen Gründen die Heimat verlassen mussten. Die Tendenz ist steigend. „Allein in den letzten Monaten sind infolge der Taliban-Offensive in Kundus 6.000 neue Familien in Mazar-e Sharif eingetroffen“, sagt Abdul Saboor Qaderi, Direktor der zuständigen Provinzbehörde für Flüchtlinge und Repatriierung. Auch aus Pakistan, wo die größte afghanische Auslandsgemeinde lebt, kehren immer mehr Flüchtlinge zurück. Sie werden ausgewiesen, weil Pakistans Regierung meint, dass das Land die 2,5 Millionen Afghanen nicht länger beherbergen könne.

Die Binnenvertriebenen siedeln sich an den Rändern großer Städte an. Ihre Ankunft erhöht den Druck auf den Arbeitsmarkt und die örtliche Infrastruktur, was oft zu Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung führt. 

Frauen und Männer finden Lösungen im Gespräch

Um Konflikte zu verhindern, wurde in Hamdard eine Schura eingerichtet, ein traditionelles Nachbarschaftskomitee, in dem die Ältesten aus den Flüchtlings- und den Gastgebergemeinden zusammenkommen. Bei der Auswahl der Delegierten achteten die Bewohner auf ein ausgewogenes Verhältnis der Stämme: Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und Paschtunen sind vertreten. Faiz Mohammad war von Anfang an Mitglied der Schura: „Immer wenn wir in der Gemeinde einen Mangel feststellen, treten wir zusammen und versuchen eine Lösung zu finden.“

Das Bewusstsein für eine gute Gesprächskultur haben die Bewohner von Hamdard in Trainings zur friedlichen Konfliktlösung entwickelt, die von einer lokalen Nichtregierungsorganisation durchgeführt wurden. Streitigkeiten gibt es jetzt nur noch selten. Im Gegenteil: Die Gastgemeinden haben eingesehen, dass viele der Verbesserungen in ihrer Siedlung dem Zuzug der Binnenvertriebenen zu verdanken sind. 

Unterstützung für Binnenvertriebene in Afghanistan.

Fünf Gehminuten von Faiz Mohammads Haus entfernt nehmen sieben bärtige Männer auf roten Sitzkissen Platz zur Schurasitzung. An der Wand hängt ein Gebetsteppich. Heute geht es um den Bau einer Klinik, die in der Siedlung dringend benötigt wird. Mohammad moderiert das Gespräch, er ist ein guter Redner. Bisher, erklärt er seinen Nachbarn, müssen die Bewohner bei Notfällen immer den Weg in die Stadt auf sich nehmen. Doch auf den holprigen Straßen von Hamdard sei der Krankentransport mühselig. Mit ernster Miene beginnen die Männer zu diskutieren, an welche Stelle sie sich mit ihrem Gesuch wenden sollten. 

Auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt

Die Frauen von Hamdard haben eine eigene Schura, die sie zum Austausch über ihren Alltag und drängende Probleme nutzen. Die Anliegen tragen die Frauen dann an die Männer-Schura heran. Eine der Aufgaben des Frauenkomitees ist es, Frauen in besonders prekären Situationen zu unterstützen, etwa Witwen oder Alleinerziehende. Einzelfälle werden in der Runde besprochen, um dann gemeinsam Hilfe zu organisieren. 

Die Sprecherin der Frauen-Schura ist Zahra Nazari. Die 18-Jährige hat ihr Gesicht mit einem schwarzen Schal verschleiert, scheut aber nicht den Augenkontakt. Nazaris Familie kam vor sechs Jahren nach Hamdard. Dem Vater fehlte das nötige Geld, um seine Töchter in die Schule zu schicken. So zog die Familie auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt. Nun ist die Tochter die Hoffnungsträgerin der Familie. 

Zahra Nazaris Traum: erste Hebamme von Hamdard

Nazari liest von einer Liste die Namen von Frauen ab. Sie alle haben in den vergangenen Jahren Kurse besucht, die über das Projekt angeboten werden. Neben Lesen und Schreiben standen auch Themen wie Haushaltsführung, Kindererziehung und Gesundheit auf dem Programm. Besonders interessant war für Nazari die Hygieneschulung. Nun möchte sie Geburtshelferin werden.

„Viele Familien in meiner Nachbarschaft erlauben es ihren Frauen nicht, männliche Ärzte aufzusuchen“, sagt Nazari. „Das macht mich traurig.“ Weil es in Gesundheitsberufen wenige Frauen gibt, bleibt etwa Schwangeren eine ärztliche Versorgung oft verwehrt. Als erste Hebamme von Hamdard möchte Nazari in Zukunft den Frauen bei Geburten zur Seite stehen. Für ihre Ausbildung fährt sie jeden Tag mit dem Taxi in die Innenstadt von Mazar-e Sharif. Sie ist die erste von sieben Schwestern, die einen Beruf erlernt. Auch handwerkliche Fortbildungen, etwa im Teppichweben oder in der Wollspinnerei, haben das Selbstbewusstsein der Frauen von Hamdard gestärkt. 

Ein besserer Start ins Leben für die nächste Generation

„Die vielen Veränderungen in Hamdard haben uns Hoffnung gegeben“, sagt Faiz Mohammad und stößt die sanft neben ihm schaukelnde Wiege an, in der sein sechs Monate alter Enkel Seyed Mobin liegt. Wohlstand wird in Afghanistan nicht nur finanziell, sondern auch an der Zahl der Nachkommen gemessen. Voller Zuneigung blickt Mohammad auf den schlummernden Säugling. Er hofft, dass Seyed Mobin es in seinem Leben leichter haben wird als er selbst – von Anfang an.

Faiz Mohammad ist in Hamdard angekommen. Seine Familie lebt in einem festen Haus, die Kinder gehen zur Schule oder haben Arbeit.  Zahra Nazari ist die Sprecherin der Frauen-Schura und hat genaue Pläne für ihre Zukunft. In der Männer-Schura besprechen Gastgeber und Vertriebene aktuelle Themen. Auch Faiz Mohammad ist Mitglied.  Die Kinder lernen in der neuen Schule von Hamdard lesen und schreiben.   Bildergalerie: Faiz Mohammad ist in Hamdard angekommen. Seine Familie lebt in einem festen Haus, die Kinder gehen zur Schule oder haben Arbeit.

Ansprechpartner: Helma Zeh-Gasser  > helma.zeh-gasser@giz.de

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Nach der Flucht

Projekt: Integration von Binnenvertriebenen in Afghanistan
Land: Afghanistan
Auftraggeber: Auswärtiges Amt
Politischer Träger: Afghanisches Ministerium für Flüchtlinge und Repatriierung
Laufzeit: 2013 bis 2016

Aufgrund der politischen Konflikte in Afghanistan sind mehr als 750.000 Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. In den Städten und Gemeinden, in denen diese Binnenvertriebenen ankommen, führt das zu erheblichen Konflikten – unter anderem, weil es nicht genügend Wohnraum gibt und die Menschen oft nicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen können. Deshalb unterstützt die GIZ das afghanische Ministerium für Flüchtlinge und Repatriierung in verschiedenen Bereichen. Dazu gehören der Bau temporärer Unterkünfte und eines neuen Schulgebäudes, handwerkliche Trainings und Basiskurse in Lesen und Schreiben ebenso wie in Konfliktlösung und Bürgerkunde. Bisher haben allein 6.000 Menschen an Trainings teilgenommen, die Hilfe zur Selbsthilfe bieten und die Chance auf eine Anstellung erhöhen. Die Trainings werden von afghanischen Nichtregierungsorganisationen unter Leitung der GIZ durchgeführt.
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