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GIZ-Akzente-3-15-Deutsch

akzente 3/15 25 Wetterextreme nehmen zu; dadurch verlieren Menschen ihre Lebensgrundlage und werden immer häufiger in die Flucht getrieben. Können Sie abschätzen, mit wie vielen Klimaflüchtlin- gen wir künftig rechnen müssen? Nein, das können wir nicht. Aber wir wissen, es werden mehr. Viel wird davon abhängen, wie gut sich die Länder an die Folgen des Klimawandels anpassen und ob sie zum Bei- spiel besonders gefährdete Bevölkerungs- gruppen rechtzeitig umsiedeln. Auf diese Weise lässt sich die Zahl der Betroffenen deutlich vermindern. Bei Nichtstun müssen wir uns auf große Zahlen einstellen. Bereits heute haben wir im Schnitt 27 Millionen Ent- wurzelte jedes Jahr aufgrund von Naturkata- strophen. Nicht immer gehen die Ursachen auf den Klimawandel zurück, dazu gehören zum Beispiel auch Erdbebenopfer, außerdem gab es natürlich auch früher schon Über- schwemmungen. Trotzdem ist klar: Der Trend klimabedingter Flucht zeigt nach oben – wir sprechen von Millionen. Solche Fluchtbewegungen gibt es also schon? Richtig. Wir sehen sie bereits heute. Meiner Ansicht nach hat die Weltgemeinschaft davon noch viel zu wenig Notiz genommen. Wahr- scheinlich, weil bisher die meisten Menschen innerhalb ihres Landes fliehen und weil vor allem ärmere Länder betroffen sind. Wo ist Klimaflucht am stärksten ausgeprägt? In Afrika, vor allem am Horn von Afrika und in der Sahelzone. Während der Dürre in Soma- lia in den Jahren 2010 und 2011 zum Bei- spiel haben fast 300.000 Menschen ihre Hei- mat verlassen, um vor dem Hungertod zu flie- hen. Auch in Mittelamerika versuchen sich Menschen regelmäßig in Nachbarstaaten zu retten, weil Katastrophen sie zur Flucht zwin- gen. In Asien nehmen die Überschwemmungen zu, Stürme werden zahlreicher und verhee- render. Auch sie treiben Menschen in die Flucht. Aufs Ganze gesehen, bleiben bisher die meisten dieser Menschen in ihrem Land oder ihrer Region, aber das kann sich ändern. Sind das auch die Weltgegenden, in denen wir künftig mit dem stärksten Zuwachs an Kli- maflüchtlingen rechnen müssen? Im Prinzip ja, aber das tatsächliche Ausmaß und die regionale Verteilung hängen sehr stark davon ab, ob die Staatengemeinschaft beim Klimagipfel zu einer Einigung kommt. Ob es ihr gelingt, den Ausstoß klimaschäd- licher Treibhausgase deutlich einzuschrän- ken. Und ob sie genügend Geld bereitstellt, um die Folgen abzumildern. Wenn das ge- lingt, werden die Zahlen kleiner ausfallen, Fluchtbewegungen beherrschbar bleiben. Wenn nicht, müssen wir uns auf ein stark wachsendes Phänomen einstellen. Umso ge- spannter blicken wir nach Paris. Wie könnte, wie müsste den betroffenen Län- dern geholfen werden? Wir müssen in drei Bereiche investieren: Wir müssen erstens alle gefährdeten Gegenden identifizieren und Maßnahmen zur Anpassung ergreifen. Das können der Bau von Deichen oder gezielte Umsiedlungen sein. Das kann aber auch heißen, die bisherige Landwirt- schaft umzustellen und zum Beispiel auf salzresistente Pflanzen zu wechseln. Wir müssen zweitens die legale Auswanderung aus solchen Gebieten erleichtern, temporär und permanent. Drittens müssen wir denjeni- gen, die aus ihrer Heimat fliehen, ausrei- chend Schutz bieten und zugleich die aufneh- menden Gemeinden unterstützen, weil diese sonst schnell überfordert sind. Das alles kostet Geld. Welche Rolle spielt hier der Grüne Klimafonds? Das kostet viele Milliarden. Wie viele genau, kann noch niemand sagen. Aber es ist gut in- vestiertes Geld. Insofern spielt der Grüne Kli- mafonds eine wichtige Rolle, weil er ärmeren Ländern Geld für den Klimaschutz und die Anpassung zur Verfügung stellt. Allerdings ist das Thema Klimaflucht nicht genügend im Mandat des Fonds verankert. Die Nansen-Ini- tiative findet, das sollte sich ändern. Bisher bewegen sich Klimaflüchtlinge in einer rechtlichen Grauzone. Sie sind von der Genfer Flüchtlingskonvention nicht geschützt. Bräuchte es eine internationale Übereinkunft dazu? Eigentlich schon, denn sie sind in der Tat völ- lig rechtlos, aber ich sehe derzeit wenig Chancen dafür. Dafür müsste das Problem in- ternational als solches erkannt werden. Das ist im Moment nicht der Fall. Interview: Friederike Bauer „Wir sprechen von Millionen“ Klimabedingte Flucht ist ein weit unterschätztes Phänomen, sagt der Völkerrechtler Walter Kälin. Als Mitglied der Nansen-Initiative setzt er sich für den Schutz der Betroffenen ein. „Die Weltgemeinschaft nimmt noch zu wenig Notiz.“ foto:PRIVAT(S.25) Zusätzlich in der akzente-App: die komplette Version des Interviews mit Walter Kälin www.giz.de/akzente-app akzente 3/1525

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