Bergbau in Afghanistan

Reichtum unter Tage

Afghanistans Rohstoffe könnten die enormen wirtschaftlichen Probleme des Landes lösen. Doch dafür braucht es Fachkräfte. Ein Institut in Kabul entwickelt sich deswegen zum Vorreiter in Sachen Bergbau.

Text: 
Marian Brehmer
Foto: 
Mustafa Najafizada

Die vielen bunten, ineinandergreifenden Flächen lassen die geologische Karte Afghanistans wie ein abstraktes Gemälde aussehen. Orange, gelb, grün, blau – kaum ein Zentimeter auf der Landkarte, der nicht Orte mit Bodenschätzen markiert. Die Karte hängt nicht in einem Kunstmuseum, sondern in einer Ausstellung von Gesteinsproben im dritten Stock der Polytechnischen Universität Kabul. Entlang eines breiten Korridors befindet sich Afghanistans renommierteste Bergbaueinrichtung, die Fakultät für Tagebau-Ingenieurswesen.

 Dozent Amanullah Zahid in der mit moderner Fachliteratur ausgestatteten Bibliothek seiner Abteilung

Dozent Amanullah Zahid in der mit moderner Fachliteratur ausgestatteten Bibliothek seiner Abteilung.

Als die Universität vor mehr als 50 Jahren von der Sowjetunion gegründet wurde, war wenig über die afghanischen Reichtümer unter Tage bekannt. Erst in den vergangenen Jahren erforschten Geologen das Ausmaß der Rohstoffvorkommen am Hindukusch. Nun ist sicher: Unter der afghanischen Erde befinden sich Metalle und Edelsteine im Wert von rund einer Billion US-Dollar. Dazu gehören auch das in der Elektroindustrie begehrte Lithium und eine Reihe seltener Erden.

Technologien fehlen

„Der Bergbau hat das Potenzial, die wirtschaftlichen Probleme unseres Landes zu lösen und viele neue Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Amanullah Zahid. Er unterrichtet an der Universität die Fächer Minenmaschinerie und Manuelle Bearbeitung. Dabei geht es um die Funktionsweise von Maschinen, die bei der Förderung von Rohstoffen eingesetzt werden, sowie um die Weiterverarbeitung der geförderten Mineralien. Zahid erklärt die Zusammenhänge mit der konzentrierten Präzision eines Technikers.

Vor seinem Büro stehen vier angemalte Styroporkästen, die die gängigsten Minentypen veranschaulichen. Studierende des vierten Bachelorjahres haben die Modelle gefertigt. Noch allerdings gibt es in Afghanistan kaum Minen, in denen industriell abgebaut wird. Zudem fehlt es dem Land an Betrieben, die die notwendige Technologie haben, um Rohstoffe effizient zu verarbeiten.

Neues Labor eingerichtet

Die Förderung von Fachkräften steht deshalb im Zentrum eines Projekts zum Ausbau der Hochschulbildung für den afghanischen Bergbau. Im Auftrag des Auswärtigen Amts entwickelt die GIZ zusammen mit dem afghanischen Ministerium für Hochschulbildung neue Lehrpläne für den Bergbauunterricht. Experten überarbeiten die theorielastigen, teils noch aus der Zeit der Sowjetunion stammenden Lehrpläne. Zudem wird an der Polytechnischen Universität Kabul ein neues Labor eingerichtet.

Weil in den Bürgerkriegsjahren große Teile der Ausstattung geplündert wurden, ist praktischer Unterricht bisher eine Seltenheit. Das wird sich nun ändern. In den frisch sanierten Räumen eines Nebengebäudes sollen Studierende schon bald wertvolle Einblicke in die Bergbaupraxis erhalten. Deutschlands führende Bergbauhochschule, die Technische Universität Bergakademie Freiberg, hat den Raumplan entwickelt. Er zeigt die Abteilungen, die das Labor enthalten wird: eine Gesteinssammlung sowie Experimentierräume für Geologie, Gesteinsmechanik, Hydrogeologie, Geochemie, Öl und Erdgas.

Endlich Praxis erleben

Amanullah Zahid machte sich bei zwei Besuchen in Freiberg selbst ein Bild davon, wie eine moderne Bergbauausbildung aussehen kann. Besonders die Ausflüge in die Tagebaumine der Uni waren für den Ingenieur eine Offenbarung. Sprengen, Bohren, Abtransport – hier erlebte er die Schritte in der Rohstoffförderung hautnah mit, zum ersten Mal.

Sein theoretisches Wissen aus viereinhalb Jahren Bachelorstudium wurde dadurch endlich konkret. „Ich konnte mit eigenen Augen sehen, was ich meinen Studenten an der Tafel in der Theorie eigentlich zeigen möchte“, sagt Zahid. „Dabei fand ich auch heraus, was ich bisher falsch erklärt hatte.“ Die Videos, die er unter Tage drehte, spielt er heute seinen Studenten vor.

Keine Studienausflüge – das Risiko ist zu hoch

Weil die Taliban in vielen Regionen Afghanistans präsent sind, die sich zum Bergbau eignen, sind solche Studienausflüge im eigenen Land unmöglich. Die schlechte Sicherheitslage schreckt zudem ausländische Investoren und Bergbaufirmen ab. Daher wird in den meisten Minen von Hand abgebaut, in der Regel illegal. Auch in Zahids Heimatprovinz Wardak, südwestlich von Kabul, bereichern sich die Taliban erheblich am Rohstoffabbau. Es gibt Schätzungen, wonach rund die Hälfte aller Einnahmen aus dem afghanischen Bergbau in die Taschen von lokalen Warlords fließt.

 

Zohra Hazrati ist eine von wenigen Frauen unter den Studierenden. Später möchte sie im afghanischen Bergbauministerium arbeiten.

Dass Afghanistans Rohstoffreichtum hohe Risiken birgt, weiß auch Zahid. Verteilungskämpfe um die Bodenschätze zwischen lokalen Kriegsfürsten könnten das Land wieder in den Bürgerkrieg führen. Umso wichtiger ist eine verantwortungsvolle Regierungsführung beim Thema Rohstoffe.

Provinzen profitieren zu wenig von ihren Minen

So sieht etwa das im Jahr 2014 verabschiedete afghanische Bergbaugesetz vor, dass fünf Prozent der Einnahmen aus einer Mine direkt zur Entwicklung der jeweiligen Provinz beitragen müssen. Noch fehlt es jedoch an gut ausgebildeten Fachkräften, die solche Prozesse steuern können. Kommunikation zwischen dem Ministerium für Bergbau und Erdöl und den Bergbauexperten der Polytechnischen Universität gibt es kaum. Das soll sich ändern. „Wenn die Absolventen der sechs modernisierten Bachelorstudiengänge im politischen System Afghanistans ihre Expertise einbringen können, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Landes“, sagt Arnim Fischer von der GIZ.

Ein Gespräch mit Zohra Hazrati macht Hoffnung. Die gut gelaunte Bergbaustudentin aus dem achten Semester ist die einzige Frau in einem Kurs von 32 Studenten. Hazrati sitzt an einem alten Pult in der ersten Reihe und verfolgt aufmerksam die PowerPoint-Präsentation, anhand derer Amanullah Zahid Bergbaumaschinen und ihre Funktionsweise erklärt.

 

Arbeiter einer kleinen Kohlemine in der Provinz Samangan.

Als sie sich für das Bergbaustudium entschied, bekam Hazrati reichlich verwunderte Fragen aus dem Freundeskreis. Was sie für den Bergbau begeistert? „Die meisten technischen Felder sind längst abgearbeitet“, sagt sie, „aber im Bergbau gibt es noch viel zu tun!“ Nach ihrem Studium in Kabul möchte sie einen Master in Freiberg machen. Später will sie im Kabuler Bergbauministerium arbeiten und dabei mithelfen, Afghanistans Potenziale bei Rohstoffen auszuschöpfen.

Neben den Reisen nach Deutschland flogen Delegationen der Polytechnischen Universität auch zu Trainings ins Nachbarland Iran, das Afghanistan in Sachen Bergbauwesen weit voraus ist. Afghanische Dozenten nahmen in Teheran an internationalen Fachkonferenzen teil – der Beginn einer regionalen Kooperation zwischen Afghanistan, Iran und China, an der auch deutsche Hochschulen teilnehmen. Studenten absolvieren nun Praktika in iranischen Bergbauunternehmen. Und die Kabuler Hochschule sucht mit einer regelmäßig erscheinenden Bergbauzeitschrift den Anschluss an die internationale akademische Gemeinschaft.

Aktuelle Forschungsliteratur statt vergilbter Zeitschriften

Die mit Unterstützung der GIZ ausgestattete Bergbauabteilung in der Unibibliothek ist ein Anfang. Man sieht dem Büchersaal an, dass er über die Jahrzehnte viel mitgemacht hat. Die Fenster sind verstaubt, die Leuchtstoffröhren flackern. Das Grau von veralteten Zeitschriften, die mit ihrem Gewicht die klapprigen Metallregale verbiegen, dominiert.

Potenziale heben. Fachkräfte für den Bergbau in Afghanistan.

Potenziale heben. Fachkräfte für den Bergbau in Afghanistan.

All dem trotzt ein Bücherregal mit bunten Neuerscheinungen. Stolz zeigt Amanullah Zahid auf die glänzenden Buchrücken der aktuellsten Literatur zu seinem Fach, mit Titeln wie „Grundlagen der Gesteinsmechanik“ oder „Angewandte Geomorphologie“. Zahid und seine Kollegen sind fest entschlossen, den Sprung in eine moderne Bergbauausbildung zu schaffen.

Ansprechpartner: Arnim Fischer > arnim.fischer@giz.de

aus akzente 2/17

AFGHANISTAN

EXPERTEN FÜR MORGEN

Projekt: Ausbau einer Berufsqualifizierenden Hochschulausbildung für den Bergbausektor
Land: Afghanistan

Auftraggeber: Auswärtiges Amt
Politischer Träger: Afghanisches Ministerium für höhere Bildung
Laufzeit: 2014 bis 2017

Der afghanische Rohstoffsektor bietet riesige Chancen – doch es fehlen Fach­kräfte, um die Bodenschätze professionell abzubauen, zu verwerten und zu vermarkten. Zwar gibt es entsprechende Studiengänge, doch sie bieten viel zu wenig Praxis und entsprechen auch sonst nicht dem nötigen Niveau. Die GIZ unterstützt deshalb im Auftrag des Auswärtigen Amts die Ausbildung künftiger Experten in Sachen Bergbau. Mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Technischen Universität Bergakademie Freiberg hat sie dabei Partner an der Seite, die in Bildungs- und Fachfragen wertvolle Unterstützung leisten. Studiengänge wie Geologie und Bergbauwesen werden völlig überarbeitet. Indem es Experten ausbildet, wird Afghanistan unabhängiger von ausländischen Beratern und Unternehmen und kann höhere Einnahmen erzielen. Das trägt auf Dauer auch zur politischen und wirtschaftlichen Stabilität bei.

 

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